Modedesign trifft Sourcecode-Debuggen: Interview mit Anouk Wipprecht

Es gibt einfach zu wenige Mode-Designer mit Programmierkenntnissen und auch umgekehrt kaum Soft- und Hardware-Ingenieure mit Design-KnowHow. Dann las ich von Anouk Wipprecht  als ersten Namen, auf der Suche nach Mode-Designern im Bereich „Wearable Technologie“. Die Dame ist eine der führenden Personen im Grenzgebiet – um nicht von Neuland zu sprechen ;) – zwischen Mode und Technologie.

Für die Autofahrer unter Euch: Vielleicht erinnert sich noch jemand an die IAA 2013 mit der Modenschau von VW, bei der echt interessante FashionTech vorgestellt wurde? Anouk Wipprecht stellte drei Tech- und fünf Light-Outfits vor, darunter eines für die IAA-Themenwelt eMobiltät.

Diese Zeilen bildet den Auftakt meiner Interview-Reihe „FashionTech“ zum Thema Wearables für den neuen Hub bei MobileGeeks. Und so sieht Anouk Wipprecht aus…

Anouk_Wipprecht_We_Wear_Smart_Wear

Zum Einstieg: Sind Sie Designerin oder 
Handwerkerin?

Hmmm, eine Künstlerin? Das beinhaltet beide 
Aspekte ;-)

Kunst oder eher Mode?

Eine Kombination aus beidem.

Ihre Mode ist sehr technisch. Worin liegt für Sie der Reiz technikbezogener Designs?

Technik beeinflusst uns in enorm: Wir formen sie und sie formt uns. Technik definiert, wer wir als Personen sind. Dasselbe tut Mode auch. Indem wir Technik an unserem Körper tragen, können wir uns in gewisser Weise selbst erweitern. Ich denke, in diesem Sinne haben Mode und Technik eine ähnliche Aufgabe: Sie können Aussage oder Ausdruck sein, Grund zur Kommunikation oder Schutz – sie fügen sich gegenseitig Wert zu. Das mag ich daran. Ich komme ursprünglich aus dem Bereich Fashion Design (2000-2010) und habe das dann während einer dreijährigen Ausbildung mit Interaction Design kombiniert. 
Außerdem habe ich mir selbst Entwickeln beigebracht, um meine Designs als interaktive Modelle mit sensorischem Verhalten animieren zu können.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Ich suche mir oft Motive aus der Natur, der Biologie oder der Wissenschaft und mische das mit meinem Faible für Robotik und Mechanik. Es ist mir wichtig meine Inspiration dann in eine Geschichte zu transportieren, die sich mit Themen wie privatem Freiraum, der Rolle des Körpers 
innerhalb des Designs, oder der Interaktion zwischen Mode und Betrachter beschäftigt. Dabei stelle ich Fragen oder provoziere, damit die Geschichte vorangetrieben wird und die Leute sich damit auseinandersetzen.

Sind von Ihren Produkten Plagiate im Umlauf und wenn ja, wie gehen Sie mit solchen Situationen um?

Nein. Ich nutze Open Source Hard- und Software und habe auch Beziehungen zu Hackerräumen überall auf der Welt. Es wäre also merkwürdig, wenn ich meine Arbeit so schützen würde. Wenn Leute Designs oder Systeme kopieren möchten, sollen sie das tun. Ich unterrichte auch und unterstütze Künstler dabei, Technik, Mode und Design zu etwas Neuem zu kombinieren. Ich habe viele Projekte und als Künstlerin glaube ich: mit Hingabe und Leidenschaft ist kreatives Schaffen unbegrenzt. Deshalb empfinde ich Nachahmer nicht als Bedrohung.

Ihre Kleidung ist – vorsichtig gesagt – 
meist sehr sexy. Wer kann sowas überhaupt tragen?

Ich möchte mit meinen Projekten hauptsächlich inspirieren, sie sollen künstlerischer Ausdruck sein. Ich bin weniger daran interessiert meine Kleidung zu verkaufen. Vielmehr will ich erforschen und entdecken, was wir im Bezug auf die Interaktion zwischen Kleidung und Träger oder der Kommunikation zwischen Träger und Betrachter erreichen können.

Wenn dafür ein nackter Körper nötig ist, um eine zweite Haut oder betörendes Design auszudrücken, dann ist das nunmal so. Deshalb nehme ich wohl eher die Rolle eines Mode-Technik-Visionärs als die eines Verkäufers ein. Meine Entwürfe sind größtenteils Einzelstücke unter dem Namen „Electronic Couture“ – alles tragbar, angepasst auf ganz bestimmte Situationen.

Könnten Sie sich solche Mode auch für Männer vorstellen? Ich würde sie tragen … zur rechten Zeit.

Für mich sind Mädchen Ausstellungsstücke, ihre Körper dienen schon lange Zeit als Ausstellungsfläche für Mode. Außerdem kenne ich mich mit weiblicher Couture aus. Und ich bin noch lange nicht fertig damit, die Weiblichkeit zu erkunden. Der Körper ist eine großartige Plattform. Für mich eignen sich weibliche Formen besser, um eine symbiotische Vision mit allem möglichen Fremdweltlichen zu erschaffen. Männliche Kleidung 
dagegen kombiniert meist eher Abstraktes mit Bequemlichkeit und Stil – Männermode ist weniger aussagekräftig. Allerdings beginne ich gerade auch Mechanisches mit abstrakten Formen zu entwerfen, wie zum Beispiel das Spider Dress. Das ist ein mechanisches Kleid, das ich zusammen mit dem österreichischen Hacker und Softwareentwickler Daniel Schatzmayr entwickle – ein dunklerer Stil, mit Schulterteilen, die Spinnenbeinen nachempfunden sind. Diese reagieren je nach Zustand und Stimmung mit verschiedenen Animationen, um den Betrachter anzusprechen. Sie haben viel Aufmerksamkeit von meinem männlichen Publikum bekommen.

Wie arbeiten Sie? Können Sie mir Ihr Atelier beschreiben?

Ich arbeite von überall, wo ich eine Steckdose und einen Tisch zum arbeiten finde – häufig von Hackerbuden aus, irgendwo auf dem Globus; 
aber wenn ich an einem Projekt beteiligt bin, 
miete oder bekomme ich ein Studio gestellt. Mein Equipment besteht aus meiner superstarken Nähmaschine, mit der ich Designs kreiere, einer Schneiderpuppe und meinem geliebten Macbook zum skizzieren und programmieren. 
Außerdem habe ich einen Dremel zum konstruieren und einen Lötkolben, mit dem ich meine Systeme baue und vernetze. Ich nutze Mircrocontroller Boards wie etwa Arduino und Teensy um meine Prototypen zu bauen. Für das Enddesign verwende ich dann auf meine Wünsche angepasste Leiterplatten, die auf die Hardware und die Systeme zugeschnitten sind, die ich benötige. Ich arbeite an verschiedenen Orten der Welt wie Los Angeles, Montreal, Paris und Amsterdam – da komme ich her. Im Moment lebe und arbeite ich in Wien.

Werden Sie sich in Zukunft auch mit anderen Modeaspekten beschäftigen?

Ich entwerfe meine erste Modenschau für eine berühmte Automarke (Anmerkung: VW auf der IAA 2013)): … ich werde unter anderem acht tragbare Technikdesigns präsentieren. Das ist beängstigend und gleichzeitig sehr aufregend. Außerdem arbeite ich an einigen Systemen, die alle drahtlos verbunden und kontrolliert sind. Ich werde also viel testen und debuggen müssen – und stundenlang gestalten :-)

Wie lange arbeiten Sie normalerweise an 
einem Stück?

Das kommt ganz darauf an. Ein Kleid schaffe ich in einem Monat, eine ganze Kollektion braucht mehrere Monate. Ich weiß vorher nie genau, wie lange es dauern wird. Meistens arbeite ich Tag und Nacht.

Danke für das Interview Anouk!