Taipeh: Anwohner werfen Beutel in Müllwagen

Taiwanreporter
Musik-Müllwagen statt Müllkippen – Das taiwanische Recycling-Wunder

Taipeh muss mal ein richtiges Drecksloch gewesen sein. Verschmutzt, verstopft, verpestet. Umweltschutz war in Taiwan, der Hardwareschmiede der IT-Welt, lange kein Thema. Was hat sich geändert? Gucken wir uns doch mal die Müllabfuhr an.

Wenn ich meine Nachbarn kennen lernen möchte, muss ich nur den Müll wegbringen. Pünktlich um zwanzig vor neun abends, fünf Tage pro Woche, versammelt sich eine Menschentraube auf dem Bürgersteig vor meinem Haus. Hausfrauen, junge Leute, Rentner und der eine oder anderen Teenager – interessant zu sehen, wer in unserem Block wohnt.

Mit blauen Plastikbeuteln und Bündeln von Altpapier unter dem Arm warten wir auf die Müllabfuhr. Denn in Taipeh werden keine Tonnen geleert, hier entsorgt jeder seinen Müll direkt.

Taipeh: Anwohner werfen Beutel in Müllwagen

Das klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber ein gewaltiger Fortschritt. Noch Mitte der neunziger Jahre sammelte sich der Abfall an Straßenecken. Bis er abgeholt war, hatten streunende Hunde und Ungeziefer sich darüber hergemacht, und auch der Gestank war in dem subtropischen Klima ein Problem.

Heute fällt in Taipeh nur noch ein Drittel soviel Restmüll an wie im Jahr 2000

Dann verbot die Stadtverwaltung das öffentliche Zwischenlagern von Müll. Große Mülltonnen aufzustellen, hätte das Problem auch nicht gelöst.

Also sorgte man dafür, dass die Müllabfuhr fast jeden Tag vorbeikommt.

Klassische Musik kündigt den Müllwagen an

Damit keiner den Zeitpunkt verpasst, kündigen die gelben Müllwagen sich oft musikalisch an. Per Lautsprecher-Endlosschleife in jede Wohnung getrötet, geben Beethovens „Für Elise“ oder Tekla Bądarzewskas „Gebet einer Jungfrau“ das Signal zum Aufbruch.

Wieso gerade diese Melodie? Das erklärt dieser Radiobeitrag (MP3) ganz wunderbar.

In neueren Wohnanlagen mit Pförtner (so wie der, wo Sascha wohnt) gibt es übrigens Sammelstellen, und die Bewohner werden von der Entsorgungspflicht entlastet. Praktisch, aber mir macht es nichts aus. Im Gegenteil, ich beobachte bei der Gelegenheit gern die Leute.

Für viele Hausmädchen und Altenpflegerinnen aus Indonesien oder von den Philippinen ist der allabendliche Nachbarschaftstreff die einzige Gelegenheit, sich einmal am Tag in ihrer Landessprache zu unterhalten. Und natürlich mustert man interessiert mich, den Westler, der sich unter die Asiaten verirrt hat.

Wenn die Wagen kommen, geht alles ganz schnell. Die blauen Tüten fliegen in die Müllpresse – und auch nur die. Denn Restmüll darf nur in besonderen Plastikbeuteln mit amtlichem Siegel entsorgt werden, die im Laden ca. 20 Cent kosten.

Müllbeutel mit dem amtlichen Siegel in Taipeh

Wer mehr Abfall produziert, zahlt mehr – nach dem gleichen Prinzip kosten ja auch in Deutschland größere Mülltonnen mehr als kleine.

Taipeh hat seine Mülldeponien geschlossen

Der Erfolg: Heute fällt in Taipeh nur noch ein Drittel soviel Restmüll an wie im Jahr 2000. Müllkippen werden nicht mehr gebraucht und zu Parks umgestaltet, moderne Verbrennungsanlagen übernehmen den Rest.

Gleichzeitig gewöhnten Taiwaner sich ans Recycling. Dem Restmüll-Wagen folgen einer mit Biomüll-Tonnen und einer für Wertstoffe.

Müll wird in verschiedene Tonnen getrennt

Einige ältere Frauen in meiner Nachbarschaft verdienen sich ein kleines Zubrot, indem sie uns Wartenden Altpapier und Plastikflaschen an Ort und Stelle abnehmen, bündeln und auf eigene Rechnung an Wertstoffhöfe verkaufen.

Sogar in den U-Bahn-Stationen gibt es nun getrennte Abfalleimer.

Wertstofftonnen in der U-Bahn von Taipeh

Ein Nachteil dieser Entwicklung: Damit möglichst niemand seinen Hausmüll „wild“ entsorgt, sind in Taipeh öffentliche Papierkörbe an Bushaltestellen oder Parkbänken Mangelware. Oft muss ich lange laufen, bis ich eine leergetrunkene Flasche loswerde.

Trotzdem liegt kaum Abfall auf den Straßen. Taipeh macht nach westlichen Maßstäben vielleicht einen chaotischen Eindruck, aber mit dem Klischee einer „schmutzigen“ asiatischen Metropole hat es nichts mehr zu tun.

Und wo bleibt der Tech-Bezug?

Stichwort Elektroschrott: Davon fällt in einem gadgetverrückten Land wie Taiwan natürlich eine Menge an. Nicht überall werden ausgemusterte Kabel, Batterien, CDs etc. so säuberlich sortiert wie hier im Untergeschoss des Wolkenkratzers Taipei 101:

Behälter für getrennte Wertstoffe

Auch die Bahn hat mit herrenloser Hardware zu kämpfen. Gerade wird gemeldet: 400 zwischen den Jahren 2010 und 2012 von Fahrgäste vergessene Mobiltelefone haben sich allein im Hauptbahnhof von Taipeh angesammelt. Was tun? Versteigern, spenden? Geht nicht, aus Datenschutz-Gründen. Also werden sie in Stücke geschlagen.

Hoffentlich denkt da auch jemand ans Recycling.

Neugierig auf Taiwan?

Über solche Themen aus dem ganzen normalen Leben hier habe ich ein kleines Buch geschieben: Tschüß Deutschland, ni hao Taiwan!

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Buchcover: Tschüß Deutschland, ni hao Taiwan!

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Musikalische Müllwagen – wäre das nicht auch etwas für Deutschland? Mit welcher Melodie?