Müssen Streaming- und Tech-Unternehmen die News retten?

Auch im Jahr 2018 tun sich viele Unternehmen - in diesem Fall die Medien-Branche - immer noch schwer, ein perfektes Modell zu finden, um das eigene Produkt adäquat ins Netz zu bringen. Müssen es Tech-Unternehmen wie Facebook, Apple und Netflix in Zeiten von Hatespeech, Fake-News und Clickbait nun richten? 

Ein mächtiger Netflix-Deal geht gerade durch die Medien: Michelle und Ex-US-Präsident Barack Obama werden für den Streaming-Dienst künftig hinter der Kamera aktiv werden. In einer umfangreichen Kooperation sollen die Obamas sowohl Serien und Filme als auch Dokumentationen auf den Weg bringen.

Viel mehr ist noch nicht dazu bekannt — weder darüber, wie viel Geld die beiden dafür bekommen, noch wie die neuen Formate generell ausgerichtet sein sollen. Eins ließ der Trump-Vorgänger aber bereits durchblicken: Es soll nicht darum gehen, weltweit gegen Donald Trump mobil zu machen. Stattdessen wird es wohl eher so sein, dass die Obamas ihre typischen Felder wie die Gesundheits-, Umwelt- oder Einwanderungs-Politik beackern werden. Also im Grunde all das, wo Trump derzeit probiert, die Zeit wieder zurückzudrehen.

Die ersten Gerüchte zu dieser Zusammenarbeit gab es bereits im März dieses Jahres und ebenfalls im März gab es ein paar andere interessante Meldungen, die auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Obama-Deal zu tun haben: So hat sich beispielsweise Apple im März Texture eingesackt — ein Service, den man am ehesten als „Netflix für Magazine“ beschreiben könnte. Ihr bezahlt dort einmal im Monat 10 Dollar und könnt dafür dann Magazine wie Forbes, People, Time, Sports Illustrated, Wired, Rolling Stone usw lesen. Insgesamt über 200 Magazine sind verfügbar, allerdings exklusiv in den USA. 

Auf den ersten Blick haben beide Nachrichten nichts miteinander zu tun, vermutlich ebenso wie die nächste News, ebenfalls bereits aus dem März 2018: Die ebenso wie Texture US-exklusive Video-Plattform Facebook Watch soll künftig auch eine News-Sektion erhalten. Auch bei den Instant Articles und Facebook Live hat Facebook schon verschiedenste News-Outlets mit ins Boot geholt und das ist nun auch der Plan mit Watch: Mit 10 verschiedenen Publishern würde derzeit experimentiert und am Ende soll dann möglichst ab Sommer der Betrieb aufgenommen werden. Je nach Feedback sollen diese News-Sendungen auf das Publikum zugeschnitten werden. Wie es heißt, spricht Facebook zu diesem Zweck sowohl mit typischen Online-Medien als auch klassischen Medien.

News und unsere Probleme mit ihnen

Im Frühjahr gab es bei Netflix nicht nur das jetzt bestätigte Obama-Gerücht, sondern es wurde auch spekuliert, dass Netflix an einem News-Magazin arbeitet. Dabei sollte es sich nicht um eine reine Nachrichten-Sendung handeln, sondern eher um ein Magazin-Format, in welchem ein Top-Thema ausführlich aufgearbeitet wird.

Nimmt man das alles zusammen, bekommen wir zumindest ansatzweise einen Eindruck davon, dass die großen US-Unternehmen derzeit sehr daran interessiert sind, sich ein möglichst großes Stück vom News-Kuchen zu sichern. Dabei geht es um Marktanteile, was man Wirtschaftsunternehmen sicher nicht anlasten darf. Dabei geht es aber auch darum, welche News wir denn als Endverbraucher überhaupt zu sehen bekommen.

Die Probleme, auf die wir dabei stoßen, sind euch ja auch allesamt bekannt: Zunächst mal müssen wir verifizieren können, ob es sich um tatsächliche News oder um Fake-News handelt, wenn wir bei Twitter oder Facebook einen Link vorfinden. Das ist je nach Thematik mal einfacher und mal schwieriger. Wenn ich mir anschaue, dass immer wieder unerhört viele Menschen auf irreführende Headlines einsteigen und dann anscheinend nicht einmal die Artikel dazu lesen, kann einem da schon Angst und Bange werden, was das Verifizieren angeht.

Dazu kommt dann noch, dass wir es uns alle in unseren selbst-gezimmerten Filterblasen gemütlich machen. Bezogen auf News bedeutet das, dass wir verstärkt auf die Artikel treffen, die unsere Meinung stützen und bestätigen, zudem bewegen wir uns zumeist in einem Bekanntenkreis, in welchem die eigene Meinung dann auch die vorherrschende ist. Das ist schön harmonisch, birgt aber selbstverständlich auch die Gefahr, dass wir uns verrennen, weil wir nicht mehr in ausreichendem Maße über andere Positionen und Gegenargumente nachdenken.

Ein zusätzliches Problem sind die Populisten, die sich gar nicht mehr zwingend an Fakten halten (müssen). Trump macht es ja perfekt vor, indem er tagtäglich Politiker aus dem anderen Lager der Lüge bezichtigt, selbst aber mit großem Vorsprung derjenige ist, der am häufigsten in der US-Politik die Unwahrheit spricht. Wir müssen also damit rechnen, dass solche Inhalte viel stärker verbreitet werden — nehmt, um beim Beispiel Trump zu bleiben, einfach mal die Fox-News, die sehr tendenziös berichten oder Angebote wie RT Deutsch.

Wer sachlich argumentiert, wird dummerweise weniger leicht gehört als die Lautsprecher, die die Links, Phrasen und oft eben auch Unwahrheiten der Populisten im Netz verteilen. Unabhängig vom Problem der Fake-News stehen wir hier vor dem Problem, dass gut organisierte Anhänger der Populisten sehr viel zahlreicher aufzutreten scheinen. So wird dann der Eindruck erweckt, dass ein bestimmtes Thema eine deutlich wichtigere Rolle spielt, als es tatsächlich der Fall ist.

Spiegel, Süddeutsche, Focus und Co

Es gibt also ein paar Unternehmen, die sich auf den News-Markt stürzen möchten und auf der anderen Seite gibt es uns Leser, also diejenigen, die gerade versuchen, in einem News-Dschungel die echten und relevanten herauszufiltern.

Es gibt aber zudem noch diejenigen, die sich seit Jahren abrackern und die vor dem Internet bereits dafür gesorgt haben, dass wir mit Nachrichten versorgt werden — die klassischen Medien. Wie schon bei Filmen und bei der Musik muss die Industrie auch bei den News feststellen, dass sich die Welt komplett gewandelt hat binnen relativ weniger Jahre.

Qualitäts-Content wird immer noch gewünscht, aber online oft anders honoriert. Alteingesessene, seriöse Medien wie die Süddeutsche, die FAZ oder der Spiegel müssen sich überlegen, woher die Kohle kommt. Früher in Print-only-Zeiten war es einfach, weil der Leser sein Exemplar entweder am Kiosk oder im Abo bezahlt hat.

Leider hält man sich zu oft an diesen alten Zeiten fest und versäumt es dadurch, sich auf neue Märkte, neue Modelle und auch auf neue Chancen einzustellen. Es werden verschiedene Ansätze verfolgt: Der eine probiert es einfach mit mehr oder aufdringlicherer Werbung, andere führen eine Bezahlschranke ein und bieten bestimmte Inhalte nur gegen Geld an, wieder andere verraten alle journalistischen Grundsätze und spielen verstärkt die Clickbait-Karte und versuchen, mit möglichst reißerischen Überschriften die Leser bei der Stange zu halten.

Wenn wir jetzt also darüber reden, wie in der modernen Welt Nachrichten konsumiert werden, haben wir eine Unzahl an Möglichkeiten, aber ebenso auch eine große Zahl an Problemen, die es zu bewältigen gilt. Früher reichte uns um 20:15 Uhr eine Viertelstunde Tagesschau um zu wissen, was Phase ist. So leicht ist es nicht mehr und wird es auch nicht mehr werden. Und das gilt für alle in diesem Beitrag erwähnten Seiten: Die klassischen Medien, wir als Nutzer und eben auch die „neuen“ Medien wie Netflix oder Facebook. Zu letzteren dürfen wir wohl zweifellos auch Google nennen, die sich ja mehr als einmal mit der deutschen Presse angelegt haben und die kürzlich mit dem neuen Google News erst präsentiert haben, wie wir in der Vision der Kalifornier künftig News konsumieren.

Werden es Netflix, Facebook, Apple und Co richten – oder vermasseln?

Jede Menge Probleme liegen vor den Software-Unternehmen, den Publishern, den Journalisten und den Konsumenten:

  • Wie findet man relevante News
  • Wie verifiziert man News
  • Wie verdient man mit journalistischen Angeboten
  • Wie bietet man Lesern/Zuschauern einen möglichst großen Mehrwert zwecks Kundenbindung

Vermutlich gibt es noch etliche Punkte, die man hier als Frage hätte ergänzen können. Fakt dürfte sein, dass weder die „alten“ Medien, noch die sozialen Medien und schon gar nicht wir Verbraucher wirklich ständig die Hoheit darüber haben, wann wir richtige, wichtige und lesenswerte Nachrichten serviert bekommen.

Facebook musste zum Beispiel lernen, dass es nicht nur darum geht, den eigenen Service immer mehr Menschen anzubieten. Mittlerweile kämpft man gegen Hassrede, gegen Fake-News und muss der Filterblasen-Problematik entgegenwirken. Bemüht man sich also um neue Formate, muss auch das alles berücksichtigt werden und nicht nur, dass man möglichst viele und möglichst wichtige News Outlets an Bord holt, bevor es die Konkurrenz macht.

Netflix wird sich mit seinen Obama-Projekten dagegen wehren müssen, nicht neutral zu sein. Schon jetzt melden sich viele Trump-Anhänger, die Netflix boykottieren wollen. Alle US-Unternehmen müssen zudem den Fokus darauf legen, dass sämtliche Angebote nicht nur US-only sind. Ihr seht, es gibt noch einige Hürden, die es zu nehmen gilt, aber dennoch glaube ich, dass mit neuen Formaten, neuen, frischen Ideen und Plattformen auch viele Chancen entstehen.

Egal, ob mit künstlicher Intelligenz, großen Namen wie Barack Obama oder den berühmten Magazinen, die Apple/Texture im Portfolio hat, oder mit welchem Ansatz auch immer: Die neuen Unternehmen (oder auch gern die klassischen Medien Hand in Hand mit den neuen Unternehmen) haben heute alle Möglichkeiten, uns besser, schneller und umfassender zu informieren, als das jemals der Fall gewesen ist in der Geschichte der Menschheit. Hoffen wir mal, dass sich da jeder dieser Möglichkeiten bewusst ist und wir auf eine News-Welt zusteuern, in der wir dann auch tatsächlich besser informiert werden denn je.

Eigentlich wollte ich zum Ende eine Umfrage anhängen, nach dem Motto: „Vermasseln es Netflix, Facebook und Co“ mit Ja/Nein-Option. Aber ich glaube, das wäre zu kurz gesprungen, weil es bei dem Thema — wie so oft — keine ganz einfachen Lösungen gibt. Daher frage ich euch lieber so, was ihr glaubt, verbunden mit der Bitte, euch in den sozialen Medien oder hier unterm Artikel zu äußern: Was denkt ihr persönlich, wohin wir uns aktuell entwickeln? Werden wir einen Zustand erreichen, indem wir die wichtigen News in einem Meer von Fake-News, Klatsch und Tratsch gar nicht mehr entdecken? Werden wir vielleicht aber auch künftig einfach alle viel informierter sein mit der Gewissheit, verifizierte News gelesen/gesehen zu haben? Oder werden sich stetig mehr Teile der Gemeinschaft gar nicht mehr um die tatsächlichen Nachrichten kümmern? Ich glaube, es gibt viele Ansätze, viele Hürden, viele Chancen und viele Optionen — sagt uns, was ihr glaubt.