Musicmap: Musik finden mit dem Stammbaum der Musikstile

Musicmap ist, was der Name verspricht: Sowas wie eine Landkarte für Musik, in der sich alle wichtigen Musikstile finden. Die Musik wird zeitlich einsortiert und in Relation zu artverwandten Stilen gesetzt, es gibt Erklärungen zu jeder Musikrichtung und Playlists mit Hörbeispielen - ein reines Wunderland für Musikfans.

“This is a Journey into Sound” – als ich mir Gedanken zu diesem Artikel gemacht habe, den ich gerade schreibe, hatte ich immer wieder dieses Sample im Ohr, von dem ich glaube, dass es die meisten Leute schon mal irgendwo gehört haben – zum Beispiel bei Eric B. and Rakim, bei Bomb the Bass oder bei M/A/R/R/S. In Wirklichkeit stammt das Sample aber nicht aus den späten Achtzigern, sondern von einer Platte namens “A Journey Into Stereo Sound” aus dem Jahr 1958:

Wie kam ich drauf? Ach ja – Musik! Ich hatte dieses legendäre Sample direkt im Ohr, weil Musicmap ein Service ist, auf den dieser Satz wie die berühmte Faust aufs Auge passt. Via Electronic Beats bin ich über diese Seite gestolpert, vor der ich jeden Musikfan eindringlich warnen muss: Wer sich für Musikgeschichte interessiert, zudem Bock drauf hat, mal in neue, ihm nicht bekannte Stilrichtungen hineinzuschnuppern und über die diversen Musikarten auch noch etwas erfahren möchte, der kann sich stundenlang in der Musicmap verlieren.

(Anmerkung Redaktion: Casi hat für diesen Artikel 5 Stunden gebraucht. Eine geschrieben und vier auf Musicmap herumgezoomt und Musik gehört. Beim Korrekturlesen haben wir sicher auch zig Fehler übersehen, weil wir grad in Konzertlautstärke die PSYCHEDELIC ROCK / ACID ROCK & PSYCHEDELIA-Playlist hören. Wir haben euch gewarnt.)

Was ist Musicmap?

Musicmap ist ein Werk, welches über acht Jahre entstanden ist und am ehesten als Genealogie der Musikrichtungen zu beschreiben ist. Stellt es euch also vor wie einen gewaltigen Stammbaum, bei dem ihr aber nicht eure Onkels und Schwippschwager vorfindet, sondern eben Musikstile. Diese sind auf der Karte nach zwei Kriterien angeordnet: Zum einen wurden sie zeitlich verortet, also wann sich ein Stil entwickelt hat, zum anderen sind die Musikstile aber auch nach ihrem Verwandtschaftsgrad angeordnet, so dass sich beispielsweise New Wave in der Nähe von Post-Punk und Synthpop verorten lässt, Synthpop und New Romantics wiederum in der Nähe von HI-NRG und Eurodisco.

Der Macher hinter diesem Projekt – der Belgier Kwinten Crauwels – hat insgesamt acht Jahre damit zugebracht, die unzähligen Informationen zusammenzutragen und sie in Relation zueinander in seiner Karte anzuordnen. Er nennt auf der Seite über 200 Quellen, die er auch allesamt auflistet. Zumeist handelt es sich um Literatur, aber auch Dokumentationen und Webseiten, letztere sind natürlich auch verlinkt.

Wichtig war ihm dabei, dass er auf seiner Karte das richtige Gleichgewicht zwischen Verständlichkeit, Genauigkeit und Zugänglichkeit herstellt. Die Map würde eben nicht viel bringen, wenn sie zu umständlich zu bedienen oder zu ungenau wäre.

Its aim is to focus on the delicate balance between comprehensibility, accuracy and accessibility. In other words: the ideal genealogy is not only complete and correct, but also easy to understand despite its complexity.  Kwinten Crauwels

This is a Journey…

…into Sound – erwähnte ich ja bereits eingangs. Das bedeutet, dass sich hier jemand wirklich wissenschaftlich an die Arbeit gemacht hat, um uns die ganze Musikwelt aufzubröseln. Von A wie Acid House bis U wie Urban Country reicht die Palette aus über 200 Genres. Crauwels erklärt in seiner Einleitung, dass es deutlich mehr als die von ihm aufgelisteten 234 Genres, Main-Genres und Super-Genres gibt (er schätzt zwischen 600 und 1000 insgesamt), er sich aber der Übersichtlichkeit wegen auf diese Menge beschränkt.

Ihr seht anfangs erst die großen Super-Genres, also die Überbegriffe und Haupt-Genres, könnt dann aber nach Lust und Laune in die Karte rein- und rausscrollen und in die jeweiligen Stile reinklicken.

Musicmap Screenshot

Das Ganze ist in der Tat sehr logisch und nachvollziehbar aufgebaut, wobei ihr euch auch stets an den horizontalen Linien orientieren könnt, die die Zeitachse darstellen. Zeitlich geht es oben los im Jahr 1870 und je weiter ihr nach unten gelangt, desto neuer ist auch die Musikrichtung.

Musicmap 02

Auch Haupt- und Nebeneinflüsse werden ersichtlich durch unterschiedliche Linien zwischen den Stilrichtungen, wie ihr im Beispielbild seht:

Musicmap Details

Wer nicht einfach nur wild durch die Karte scrollen will, kann sich in der Menüleiste links auch eine Suchmaske aufrufen, in der ihr nach Genres, Songs oder Künstlern suchen könnt. Alternativ sind die einzelnen Stile auch alphabetisch aufgelistet. Ebenfalls in diesem Menü findet ihr ein umfangreiches Glossary,  eine ebenso ausführliche Einleitung und Erklärungen zur Methodik und die Auflistung der Quellen. Ebenfalls in der linken Menüleiste könnt ihr die Legende zur Karte aufrufen, in der ihr erfreulicherweise auch verschiedene Punkte wie die Super-Genres der Übersichtlichkeit ausblenden könnt.

Jetzt würde der ganze Spaß zwar schon beeindruckend wirken, wenn man sich sämtliche Musikstile auf diese Weise mal anschaut und die Beziehungen untereinander betrachtet. Wirklich rund wird die ganze Nummer aber erst, wenn ihr auch jeweils Informationen über die verschiedenen Sounds bekommt. Auch daran wurde gedacht. Ihr könnt zu jedem Musikstil per Mausklick weitere Informationen aufrufen.

Dort bekommt ihr dann einen ausführlichen Text geliefert. Das Genre wird zeitlich einsortiert, ihr bekommt die Wurzeln genannt, aus denen das Genre gewachsen ist und es wird auf die Charakteristika der Musik eingegangen.

Musicmap Synthpop und New Romantics Erklärung

Unten könnt ihr eine Playlist aufrufen, in der sich jeweils 9-12 Songs aus der jeweiligen Musikrichtung befinden. Aktuell sind das alles YouTube-Playlists, die ihr hier auch unabhängig von der Musicmap erreichen könnt. Der Haken an YouTube für uns Deutsche: Manche dieser Songs sind hierzulande nicht zu erreichen. Da kann man sich nun entweder mit Tools wie ZenMate behelfen, alternativ könnt ihr das Problem als Spotify-Nutzer aber auch aussitzen, denn als nächstes ist unter anderem auch eine Spotify-Integration angedacht.

Musicmap 13

Ich kann die Kommentare schon fast wieder riechen nach dem Motto: “Der Song ‘X’ gehört aber gar nicht ins Genre ‘Y’!” oder “Wie kann man eine Top Ten zu diesem Musikstil ohne die Band ‘Z’ veröffentlichen?”, aber bei den Stilrichtungen, die ich mir angeschaut habe, hab ich durchaus vernünftige Playlists vorgefunden, soweit ich das beurteilen kann. Hier findet ihr beispielsweise die Playlist für Synthpop und New Romantics:

Ihr könnt euch ja mal durch eure bevorzugten Stilrichtungen wühlen und uns in den Comments wissen lassen, ob das passt oder ob ihr was zu beanstanden habt. Ich persönlich jedenfalls habe riesig Spaß an dieser Übersicht, was ich auch daran ablesen kann, dass ich circa drei Mal so lange für den Artikel gebraucht habe, wie bei der Länge normalerweise üblich wäre: Zu oft bin ich wieder mal in irgendeiner Top Ten eines Musikstils hängengeblieben oder hab mich weiter durch die Karte gehangelt.

Wenn ihr also wirklich Bock habt auf Musik, etwas über die Ursprünge eines Genres lernen wollt oder einfach mal links und rechts über den musikalischen Tellerrand blicken wollt: Stürzt euch drauf! Scrollt euch in die Karte rein, seht euch an, wie ein Musikstil beeinflusst wurde und hört euch durch die Playlists. Ich hab es jedenfalls jetzt schon ein paar Stunden getan und ziehe meinen Hut vor diesem Kerl (und seinen Mithelfern), weil in der ganzen Nummer unfassbar viel Arbeit und nicht zuletzt natürlich auch Liebe zur Musik steckt.

Hier und da kann man technisch oder vom Design vielleicht noch nachbessern und jenseits der Populär-Musik sind die Quellen noch etwas dünn gesät, aber das mag ich diesem kleinen Team jetzt wahrlich nicht vorwerfen. Wie gesagt sind Verbesserungen bereits in Planung, beispielsweise Hyperlinks oder die erwähnte Spotify-Integration, so dass die Seite nochmals interessanter sein wird als sowieso schon.