Muss ich jetzt wirklich WhatsApp empfehlen?

WhatsApp verschlüsselt jetzt Ende-zu-Ende - also ist jetzt alles toll? Ein paar Gedanken zum Thema Messenger.

Immer wieder war es ein Thema: Welche Alternativen zu WhatsApp gibt es? Sei es aufgrund der damals nicht vorhandenen Verschlüsselung oder nach dem Kauf des Messenger-Anbieters durch Facebook. Und jetzt verschlüsselt WhatsApp jegliche Kommunikation seiner Nutzer Ende-zu-Ende – einen aktuellen Client auf allen Seiten vorausgesetzt – in einer Art, die es sogar dem Unternehmen selbst unmöglich macht mitzulesen. Und jetzt ist alles gut?

Die immer wieder aufkommende Suche vieler Menschen nach WhatsApp-Alternativen konnten wir hier sehr gut an den Zugriffszahlen beobachten. Aber trotz allem ist WhatsApp der meist genutzte Messenger weltweit. Eine Tatsache, an der man nicht vorbei kommt, wenn man mehr als drei (grob geschätzt) Kontakte hat. Natürlich habe auch ich lange in meinem Bekanntenkreis Überzeugungsarbeit geleistet und war damit in einigen Fällen auch erfolgreich, aber eben nicht bei jedem. Denn das Ergebnis sieht dann doch recht traurig aus, nicht nur bei mir. Auch wenn das Folgende nur eine subjektive Sicht von mir auf das Thema ist, dann würde ich trotzdem wetten, dass es vielen ähnlich geht. Ich schaue einfach mal, wie viele Menschen mit mir in den letzten vier Wochen über welchen Messenger kommuniziert haben.

Threema

Wurde oft und ausführlich gelobt für die Verschlüsselung und war immer wieder unter den Top-Apps in den Verkaufscharts, aber in der täglichen Nutzung spielt der Messenger bei mir kaum noch eine Rolle. Gerade mal drei Kontakte sind übrig, mit denen ich regelmäßig über Threema kommuniziere. Nicht unbedingt viele. Hauptursache dürfte hier die Bindung an das Smartphone und das Fehlen von Clients für andere Plattformen und das Web sein.

Telegram

Trotz der Kritik an Telegram, bekannt gewordener Schwachstellen und des großen Fragezeichens an der Stelle, an der bei anderen Anbietern ein Geschäftsmodell zu finden ist, hat es der Messenger tatsächlich auf eine beachtliche Verbreitung unter meinen Kontakten geschafft. Immerhin 19 Kontakte kommunizieren mit mir regelmäßig auf dem Weg. Interessanterweise auch einige Apple-User, die ja eigentlich mit Apples Nachrichten-Dienst eine prima Alternative direkt im System haben.

Apple Nachrichten

Hier ist der Kreis der potentiellen Kontakte sowieso schon eingeschränkt, trotzdem immerhin 11 Kontakte, mit denen ich auf diesem Weg kommuniziert habe in den letzten Wochen.

Facebook Messenger

Unangefochten die Nummer 1 der Kommunikationswege bei mir – auch wenn es nicht meine erste Wahl ist: 39 Personen haben in den letzten Wochen auf dem Weg mit mir kommuniziert, davon aber 11 Personen, mit denen ich davor keinen Kontakt hatte, die müsste man zwecks der Vergleichbarkeit wohl abziehen, es bleiben dann aber trotzdem noch 28 Kontakte übrig.

Skype

Skype nutze ich nur noch für gelegentliche Redaktionskonferenzen dieses Magazins hier – und um SPAM-Absender zu blockieren ;)

WhatsApp

Nachdem ich WhatsApp zeitweise komplett vom iPhone geschmissen hatte, hatte ich es dann doch wieder installiert, um den Web-Client zu testen. Und wo es dann da war… Aber trotzdem: Gerade mal drei Kontakte waren es in den letzten Wochen. Es wären aber wahrscheinlich deutlich mehr, wenn ich nicht zwischendurch komplett raus gewesen wäre.

Ich habe jetzt mal Slack und HipChat raus gelassen, obwohl hier relativ viel Kommunikation abläuft, aber diese ist normalerweise an bestimmte Projekte oder Kunden gebunden, also eher nicht mit den anderen Diensten vergleichbar. Und andere Messenger spielen praktisch keine Rolle mehr bei mir. Alle paar Wochen mal eine Nachricht per Snapchat von jüngeren Mitgliedern der Familie, das war es dann auch schon.

Und jetzt erklärt uns Jürgen Schmidt, Chefredakteur von heise security, dass wir WhatsApp nutzen sollen, wenn uns unsere Privatsphäre wichtig ist – also mal eben genau das Gegenteil von allem, was bislang galt. Und das Argument ist genau das, welches bislang das Argument war, WhatsApp nicht zu nutzen: Die Ende-zu-Ende-Verschlüsslung. Und man ist ja versucht, ihm hier zuzustimmen. Zumindest, wenn man nicht davon ausgeht, dass das Unternehmen seine Nutzer hier über den Tisch zieht. Entsprechende Mutmaßungen über heimlich übertragene private Schlüssel und ähnliches gab es ja durchaus schon zu lesen.

WhatsApp Spionage KommunikationUntersuchung: WhatsApp erstellt detaillierte Kommunikations-Protokolle

Aber gehen wir mal davon aus, dass WhatsApp genau das getan hat, was sie versprechen: Eine sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die einfach funktioniert und nicht konfiguriert werden muss, so simpel zu nutzen wie Apples Nachrichten, nur im Gegensatz zur Apple-Insellösung eben auf allen relevanten Plattformen verfügbar. Komfortabel und sicher – was will man mehr? Nicht viel. Vielleicht etwas mehr Transparenz? Ein paar Informationen, was mit den Metadaten der Kommunikation angestellt wird und passiert – denn die Inhalte sind zwar verschlüsselt, aber wer wann mit wem kommuniziert weiß WhatsApp immer noch. Und wären solche Informationen wertlos, dann wären Strafverfolger nicht so wild drauf, solche Metadaten auf Vorrat zu speichern. Man muss keinen Aluhut tragen, um sich so seine Gedanken zu machen. Irgendwie will Facebook schließlich mit WhatsApp Geld verdienen, ob direkt oder indirekt – aus reiner Menschenfreundlichkeit betreiben sie diesen Dienst nicht.