Kommentar
n-tv und WELT: Ihr tut es schon wieder!

Ich weiß, es ist ein dummer Reflex, aber ich möchte mich aufregen. Aufregen über die aktuelle Berichterstattung im TV.

Unser SEO-Mensch schlägt vermutlich gerade die Hände über dem Kopf zusammen: Knapp 90 Minuten, nachdem die Polizei in Münster erstmals via Twitter auf einen Großeinsatz in der Innenstadt von Münster hingewiesen hat, schreibe ich einen Artikel, der mit diesen Ereignissen zu tun hat und mache scheinbar alles falsch, was man als Blogger falsch machen kann: Weder in der Headline noch in der Einleitung erwähne ich die entscheidenden Vokabeln wie „Terror“, „Anschlag“, „Kleinlaster“ oder „Menschenmenge“, nicht mal ein „Viele Tote oder Verletzte“ schafft es in die Überschrift.

Zudem gibt es auch kein Artikelbild mit einem Einsatzfahrzeug der Polizei oder wenigstens einem Blaulicht, erst recht kein aktuelles Bild vom Ort des Geschehens. Der Grund dafür ist mein derzeitiges Dilemma: Ich möchte mir hier was von der Seele schreiben, was unmittelbar mit den Geschehnissen in Münster zusammenhängt, will aber nicht in die „Clickbait, Du Sau – ihr seid auch nicht besser“-Falle tappen.

In der Tat möchte ich auch nicht über Beweggründe für die Tat oder über die Zahl der Toten spekulieren. All das, was ihr wissen müsst, findet ihr, wenn ihr der Polizei NRW MS auf Twitter folgt — oder ihr alternativ eure üblichen Nachrichtenquellen checkt. Vielmehr möchte ich hier kurz meinem Unmut Ausdruck verleihen. Eigentlich möchte ich das gar nicht so zurückhaltend formulieren, „ich könnte im Strahl kotzen“ trifft es besser.

Der Grund dafür hängt wieder einmal mit der Art der Berichterstattung zusammen. Zwei deutschsprachige Nachrichtenkanäle sind mir dabei wieder mal aufgefallen: Zum einen WELT (vormals N24) und n-tv. Vermutlich war ich selbst Schuld, weil mein erster Reflex nach einer knappen Info online der war, direkt mal zu schauen, ob ich dort weiterreichende Informationen erhalte.

Bei WELT platzte ich gerade in ein Interview zum Vorfall in Münster. Bewegte Bilder gab es nicht, also zeigt man die ganze Zeit ein Foto, welches man sich auf Twitter geangelt hat, während man per Telefon mit einer Augenzeugin spricht. Ich glaube, ich verfolge das Gespräch etwa zwei Minuten und die reichten aus um zu erkennen, dass hier keine Fakten besprochen werden. Da war auf der einen Seite ein Mensch, der stets beteuerte, dass man derzeit noch nicht viel wüsste und nicht spekulieren möchte. Auf der anderen Seite im WELT-Studio hingegen war die engagierte Sprecherin eifrig bei der Sache, um diese fast nicht vorhandenen Fakten auf Live-Sendung-Länge aufzublasen.

„Seit wann ist von Terror die Rede“ fragt sie investigativ und bekommt postwendend die absolut richtige Antwort: „Bislang sprechen nur sie von Terror“. Mir reicht es, ich schalte um auf n-tv — vielleicht gibt es da ja mehr zu erfahren und nicht so ein Spekulations-Geschwurbel. Ihr könnt es euch denken: Ich platze in ein Interview. Das läuft vermutlich schon ein paar Minuten, denn die Antworten der Augenzeugin lassen darauf schließen, dass sie das bereits Gesagte nur noch mal in Variationen wiederholt.

Sie lässt uns wissen, dass sie die Tat selbst nicht beobachtet habe, was aber den n-tv-Menschen natürlich nicht davon abhält, nochmal nachzuhaken, ob die Augenzeugin „etwas zu den Toten und Verletzten“ sagen könne. Was genau erwartet man in diesem Augenblick für eine Antwort? „Ja, die Polizei tappt noch im Dunkeln, aber ich hab hier mal die Namen der Toten“ oder eher ein „Jau, hier sieht’s aus — alles voller Scherben und Blut und dahinten liegt ein Arm.“ Ich raff es nicht, ernsthaft.

Danach wird es eigentlich noch absurder.  Die Dame im Studio stellt fest, dass die Augenzeugin sehr gelassen klingt und thematisiert genau das. Sie fragt sicherheitshalber dennoch nach, ob es der Frau am anderen Ende der Leitung gut gehe. Ja, geht es ihr. Dennoch ist das Thema noch nicht abgehakt, denn es wird die Frage „Haben sie einen Schock“ nachgelegt.

Bewegtbild gab es bis dahin noch nicht, Fotos von Einsatzfahrzeugen müssen erst mal ausreichen. Gebetsmühlenartig wiederholt man auf beiden Kanälen, dass man derzeit noch wenig Fakten habe und lediglich spekulieren könne bzw. dass man nicht spekulieren möchte. Zwischen diesen Beteuerungen spekuliert man aber selbstverständlich in einer Tour, spricht von Augenzeugen, die bezeugen können, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, das ganze Programm halt.

Derweil wiederholt die Polizei in Münster wieder und wieder, dass sich die Bevölkerung mit Spekulationen und dem Posten von Bildern des Tatorts zurückhalten soll. Zeitgleich auf den Nachrichtenkanälen: Bilder vom Tatort und Spekulationen, ist klar.

Bei früheren Anschlägen gab es diese Bitten der Einsatzkräfte auch. Logisch: Fotografierende oder filmende Zivilisten bringen sich selbst und auch die Polizisten möglicherweise in Gefahr. Außerdem könnten schlimmstenfalls auch mögliche Täter diese Informationen im Netz für sich nutzen.

Ich konnte mir das Elend nicht mehr weiter anschauen. Damit ich hier nichts falsches schreibe, hab ich gerade extra nochmal gecheckt: Ja, natürlich sind beide noch live auf Sendung. Während bei WELT ein Experte mittlerweile einen Experten am Start hat, mit dem die Pro- und Contra-Argumente in Sachen „Islamistischer Terror“ besprochen werden (beim gleichzeitigem wiederholten Zeigen der immer gleichen Einsatzfahrzeuge), wiederholt man bei n-tv nochmal das oben erwähnte „Haben sie einen Schock“-Interview von vorhin.

Tut mir leid, aber ich verstehe diese Berichterstattung nicht, die meiner Meinung nach nicht mal eine tatsächliche Berichterstattung ist. Wieso gibt es nicht ein News-Spezial, in welchem man in zwei Minuten all das runterrasselt, was es derzeit zu vermelden gibt? Ergänzend informiert man die Zuschauer doch sowieso im Ticker unten im Bild, alternativ bleibt zudem immer noch das Netz für weitere Infos, sobald es denn weitere Infos gibt.

Beim Tippen kann ich förmlich spüren, wie euch die Frage unter den Nägeln brennt, wieso ich den Scheiß dann überhaupt einschalte. Ja, gute Frage. Der erste Impuls ist eben die Suche nach Informationen, also muss ich mir an die eigene Nase packen — solange genügend Menschen diese Berichterstattung verfolgen, werden die Sender auch genau so weiter machen.

Mir ist auch klar, dass es natürlich ein News-Thema ist, welches sehr viele Menschen interessiert und somit nachvollziehbar ist, dass die Sender informieren möchten. Ich stoße mich im Wesentlichen an der Art und Weise dieser Berichterstattung. Drei Minuten reichen völlig, damit man feststellen kann, dass hier nur auf Zeit gespielt wird. Die Reporter und Moderatoren drehen sich im Kreis, fragen im Minutentakt den selben Quatsch ab, während der Zuschauer auf Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge starrt.

Vielleicht fragt ihr euch, wieso ich mich hier so ausführlich über etwas aufrege, was ich durchs Einschalten zum Teil mit verschuldet habe und was sich ganz sicher auch durch wütende Kommentare nicht ändern wird. Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Vermutlich, weil mir irgendwann der Arsch platzen würde, wenn ich meinen Ärger nicht irgendwo rauslassen könnte.

Da die Frage sicher kommen wird, gebe ich sie einfach mal prophylaktisch an euch weiter: Wie sieht aus eurem Blickwinkel die richtige Berichterstattung aus? Und das jetzt mal unabhängig davon, ob es sich um einen Terroranschlag, einen Unfall oder vielleicht auch eine Naturkatastrophe handelt. Und ja — selbstverständlich könnt ihr es mich auch wissen lassen, wenn ihr glaubt, dass ich mich unnötig aufrege und genau diese Berichterstattung eurer Meinung nach die angebrachte ist.

Ach so, das wollte ich auch noch erwähnen: Vermutlich wird man mir wieder irgendwelche links-grün-versiffte Tendenzen unterstellen, weil ich mich dagegen wehre, dass direkt von Terror oder einem islamistischen Anschlag geredet wird. Aber dem ist natürlich nicht so. Sollte sich herausstellen, dass wir es hier tatsächlich mit einem religiös motivierten Anschlag zu tun haben, dann ändert das an der katastrophalen Berichterstattung nämlich circa überhaupt nichts, egal wie sehr sich die AfD-Pfeifen auch wieder echauffieren und sich zum Löffel machen.