Kommentar
Nach der Apple iPhone X-Vorstellung: Ist die Zeit für solche Events vorbei?

"One more thing" zeigte uns Apple gestern und ließ Tim Cook ein iPhone X präsentieren, welches jeder bereits kannte. Überraschungen gestern? Fehlanzeige! Ist die Zeit für derlei Veranstaltungen vielleicht schon vorbei? Kein Apple-Rant!
von Carsten Drees am 13. September 2017

Es war eine besondere Veranstaltung: Zehn Jahre, nachdem Apple das allererste iPhone präsentierte, kam nicht nur das übliche Update in Form des Apple iPhone 8 und dessen großem Bruder, sondern auch noch ein Jubiläums-iPhone namens Apple iPhone X. Das präsentierte man stilecht auf dem neuen Apple-Gelände in der Event-Location, die man nach dem verstorbenen Apple-Gründer „Steve Jobs Theater“ getauft hat.

Um direkt von Anfang an zu signalisieren, was Phase ist, begann die Veranstaltung auch mit einem überlebensgroßen Bild von Steve Jobs und einem Audio-Statement des Apple-Masterminds. Tim Cook würdigte Steve Jobs zu Beginn seines Vortrags und während der ganzen Veranstaltung hatte ich das Gefühl, dass Apple tatsächlich bemüht ist, der ganzen Nummer ein besonderes Flair zu verleihen.

Einziger Haken: Es funktionierte nicht! Zumindest nicht für mich. Mag sein, dass sich viele andere Zuschauer vor den gestreamten Bildern begeistert auf die Schenkel schlugen. Mich hielt hier lediglich das nebenher anstehende Verbloggen der Veranstaltung davon ab, dass mich gepflegte Langeweile komplett einlullt.

Nein, kein Apple-Rant!

Ach, jetzt ist der ewige Android-Fanboy Pallenberg weg und der behämmerte Drees muss sich nun hinsetzen und die Apple-Events schlecht reden? Nein, nein, Freunde — keine Bange! Niemand mag hier Apple schlecht machen, das mit dem iPhone X meiner Meinung nach ja endlich mal wieder richtig abgeliefert hat. Auch an der neuen Apple Watch Series 3 oder dem Apple TV mit 4K-Unterstützung will ich nicht herummäkeln, nicht einmal an den dieses Jahr komplett in den Hintergrund gerückten Modell-Updates iPhone 8 und iPhone 8 Plus.

Vielmehr stelle ich mir die Frage, ob es ein Problem meiner Filterblase ist, oder ob tatsächlich der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Veranstaltungen wie gestern obsolet erscheinen. Der Aufbau der etwa zweistündigen Präsentation hätte viel vorhersehbarer nicht sein können: Eine kleine Emo-Nummer zum Beginn, ein paar Zahlen und Fakten mit der üblichen Selbstbeweihräucherung und dann die vermeintlich weniger wichtige Hardware — die Apple Watch und der Apple TV 4K.

Danach kamen dann die iPhones, dieses mal bekanntlich als Trio unterwegs und natürlich wusste jeder im Saal, dass die Vorstellung von iPhone 8 und iPhone 8 Plus noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Als danach das ikonische „One more thing“ auf der Leinwand hinter Tim Cook zu lesen war, wusste auch jeder: Jetzt kommt das iPhone X.

Wenn ich an dieser Stelle etwas wirklich bemängeln möchte, dann das Verwenden exakt dieses Satzes, der Steve Jobs so auf den Leib geschneidert war. Vermutlich war das auch nochmal als eine Verbeugung vor Jobs gedacht — wenn dem so war, dann wäre ich der Meinung, dass man diesen Satz nie wieder verwendet. Oder ihn frühestens in 15 Jahren wieder ausgräbt, wenn das iPhone XXV anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Ur-iPhone präsentiert wird.

Davon abgesehen hat Apple für mein Empfinden nichts verkehrt gemacht. Angesichts der Fülle an neuen Geräten war das Event nicht zu lang, alle wichtigen Neuerungen wurden vorgestellt, ohne dass man sich an einzelnen Punkten zu lange aufhielt und abgesehen von einer kleinen Panne bei der Vorführung von Face ID lief auch alles glatt für Apple.

Wieso dennoch so gelangweilt?

Eben weil wir wussten, was uns erwartet. Alle Gerätschaften waren vorab mehr oder minder ausführlich geleakt, zum Schluss machte die Golden Master von iOS 11 im Netz die Runde und verriet uns — quasi aus erster Hand — nochmal jede Menge über die Software als auch über die Hardware selbst.

Am Beispiel des iPhone X sieht man es besonders deutlich, denn Apple hatte hier mächtig aufgefahren:

  • neuer Prozessor
  • komplett neues Design
  • randloses Display, erstmals mit OLED-Technologie
  • kein Home-Button
  • Face ID als Ablösung für TouchID
  • erstmals kabelloses Aufladen
  • erstmals Quick Charge
  • spannendes neues Porträtlicht-Feature

Der einzige, aber eben fette Haken: Die Liste der neuen Features und die Liste der vorab geleakten Infos waren absolut identisch. Mir klappt nicht die Kinnlade runter, wenn ich ein neues Design sehe, welches aber als Leak schon seit Monaten bekannt ist und ich springe auch nicht begeistert auf, wenn das mit Gesichtserkennung erwartete Mobiltelefon tatsächlich mit Gesichtserkennung vorgestellt wird.

Ende der Fahnenstange?

Wo genau ist jetzt der Mehrwert für ein Unternehmen wie Apple, so eine Veranstaltung durchzuziehen? Klar, alle Medien — wir inklusive — erzeugen mächtig Buzz und rühren so mit die Werbetrommel für Apple. Daher mag es sich für Apple schon noch rentieren, nicht einfach nur die Apple-Seite mit der neuen Hardware zu aktualisieren, sondern die Presse an einem solchen Tag ins Haus zu holen.

Andererseits ist gerade bei diesen Veranstaltungen das Gemecker auch immer groß, wenn die ganz spannenden neuen Features ausbleiben, was man Apples neuen iPhones in den letzten Jahren ja durchaus auch mal vorwarf. Möglich also, dass zwar massig Aufmerksamkeit erzeugt wird, die jedoch nicht immer wirklich dazu dient, das Geschäft anzukurbeln.

Sei es drum: Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren verändert und durch die zahlreichen, ausführlichen und oft eben auch zutreffenden Leaks wird die Konzentration nicht mehr auf einen speziellen Tag gerichtet. Viel besser sogar für Apple: Dank der medialen Gerüchteküchen (und ja, natürlich packen wir uns da auch an die eigene Nase) bleibt das Unternehmen und sein ikonisches Smartphone nun das ganze Jahr im Gespräch.

Unterm Strich hat die ganze Leakerei vermutlich also sogar einen ordentlichen Mehrwert für Apple (und auch für alle anderen Unternehmen, denen das widerfährt). Die Events verkommen aber zeitgleich zu einem Hort der Langeweile, bei dem wir weder von Samsung oder Apple noch von anderen Herstellern in letzter Zeit wirklich die riesige Überraschung präsentiert bekamen.

Das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen: Sobald auch nur die kleinste Neuerung zu einem kommenden iPhone durchsickert, wird auch darüber berichtet. Mir persönlich nimmt es den Spaß an den Veranstaltungen und ich könnte mir denken, dass es auch Apple mehr Freude bereitet, wenn man zumindest die ein oder andere Praline aus dem Hut zaubern kann, die niemand vorher auf dem Schirm hatte.

Kann aber sein, dass ihr das komplett anders seht und ihr euch — anders als ich — gestern bestens unterhalten gefühlt habt. In dem Fall muss ich wohl damit leben, dass mir das Leben in meiner Tech-Filterblase diese Events verhagelt, aber ehrlich gesagt glaube ich, dass sich diese Präsentationsveranstaltungen tatsächlich ein wenig abgenutzt haben.

Sagt es uns in den Kommentaren: Fehlen euch ebenfalls die großen Überraschungen und langweilen euch diese Veranstaltungen wie das Apple-Event gestern? Oder seht ihr es komplett anders und zelebriert nach wie vor jede neue iPhone- (oder ähnliche) Präsentation?

PS: Kleiner Gedanke noch am Schluss: Liegt es vielleicht gar nicht an den bereits bekannten Produkten, sondern an denen, die sie präsentieren? Die asiatischen Hersteller schicken regelmäßig ihre radebrechenden Chefs auf die Bühne, die der englischen Sprache noch weniger mächtig sind als ich. Na ja und ein Tim Cook, der bei seinen Vorträgen ähnlich viel Witz versprüht wie eine Steuererklärung, läuft eben auch keine Gefahr, den goldenen Frankenfeld-Orden für Entertainer verliehen zu bekommen…