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Nach der Corona-Krise: Brief an meinen Sohn

Mitten in der Corona-Pandemie stellen sich immer mehr Menschen die Frage, wie wir aus der Krise kommen werden und wie sich die Welt durch das alles verändert. Ich frage mich das auch -- ein etwas anderer Mobile-Geeks-Artikel.

von Carsten Drees am 16. April 2020

Es ist die Woche nach den Osterfeiertagen und wir alle haben wohl zweifellos ein Osterfest erlebt, welches sich von jedem vorherigen deutlich unterscheidet. Das ist dem neuartigen Coronavirus geschuldet, das nicht zulässt, dass wir unsere üblichen Gewohnheiten pflegen. So ist es vermutlich auch zu erklären, dass ihr hier jetzt einen Beitrag von mir lest, der aus dem normalen Rahmen dessen fällt, was wir hier sonst veröffentlichen – lebt damit ;)


Hallo, mein lieber Sohn,

Dortmund, 16. April 2035

wenn Du diese Zeilen liest, ist es schon viele Jahre her, dass uns — in Deutschland und in der ganzen Welt — ein furchtbares Virus lahmlegte und dafür sorgte, dass unsere Gesellschaft später nie wieder die selbe sein würde. Dabei fing es relativ harmlos an. Ich persönlich bin erst Silvester selbst aus Asien zurückgekommen — zu dem Zeitpunkt gab es bereits erste Erkrankte in Wuhan, China, wo der ganze Spuk anfing. Dummerweise wusste das zu dem Zeitpunkt niemand, bzw. fast niemand. Erst recht spät gab die chinesische Regierung zu, mit was wir es da zu tun haben, dementsprechend erwischten wir einen schlechten Start, um das Virus entsprechend einzudämmen.

Damals dachte ich mir nicht viel dabei. SARS, die Schweinegrippe, Ebola — es gab furchtbare Dinge in der Welt, aber irgendwie ist daraus erfreulicherweise niemals eine wirkliche Pandemie geworden, die unser Land bedroht. Noch lange, bevor Jens Spahn der erste schwule Kanzler Deutschlands wurde, war er Bundesgesundheitsminister und somit der wichtigste Mann in der Regierungsmannschaft in dieser aufkommenden Krise. Er mahnte seinerzeit — es war Ende Januar im Jahr 2020 — zu “wachsamer Gelassenheit”.

Anfang Februar hatten wir in Deutschland zehn Infizierte. Selbst das erschien mir noch nicht bedrohlich. Schlimmer sah es da schon in Italien aus — dem Land, welches das erste europäische war, in dem die Dinge furchtbar aus dem Ruder liefen. Als in Deutschland noch in vollen Stadien Fußball gespielt wurde, starben in Italien bereits Menschen.

Binnen weniger Wochen änderte sich unser Leben dramatisch, auch in Deutschland. Zunächst gab es Hinweise, wie man sich benehmen sollte: Ordentlich und oft Hände waschen, Hände gegebenenfalls desinfizieren, anderen Menschen nicht die Hand geben, in die Armbeuge niesen oder husten statt in die Hand.

Dann fielen die ersten Großveranstaltungen flach: Konzerte und Parties fielen aus, die Fußball-Bundesliga erlebte ihr erstes Geisterspiel ohne Publikum, bevor die Saison komplett unterbrochen wurde. Überall in Europa gab es keinen Sport mehr, keine Veranstaltungen und selbst Bars wurden geschlossen. Noch ein wenig später waren fast alle Geschäfte dicht. Lediglich ein paar Ausnahmen gab es — Ausnahmen wie Supermärkte und Apotheken. Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wurden die olympischen Spiele abgesagt, sie wurden dann ein Jahr später nachgeholt. Auch die Fußball-EM fiel dem Virus zum Opfer.

Leere Dortmunder Fußgängerzone

Die Regierung verschärfte die Maßnahmen. Wir durften hier in NRW nur noch mit den Menschen das Haus verlassen, die im selben Haushalt lebten oder mit maximal einer anderen Person. Wir gingen einzeln einkaufen, trugen Schutzmasken, mussten Abstand zu anderen Menschen halten und wurden aufgefordert, bargeldlos zu bezahlen. Viele Geschäfte blieben geschlossen, die Einkaufsstraßen waren oftmals gespenstisch leer.

Zu dem Zeitpunkt merkten die Menschen auch in den Vereinigten Staaten so langsam, dass was nicht stimmt. Du musst wissen, dass damals tatsächlich Donald Trump US-Präsident war. Er wurde, bevor er ins Gefängnis ging, sogar nochmal für eine zweite Amtszeit als Präsident bestätigt. Noch heute kann sich niemand erklären, wie so jemand der mächtigste Mann der Welt werden konnte.

Er stritt jedenfalls sehr lange ab, dass sein Land irgendwelche Probleme mit dem Virus hat. Erst leugnete er die Schwierigkeiten, sorgte dennoch dafür, dass Menschen weder aus China noch wenig später aus Europa in den USA einreisen durften — aber da war es schon längst zu spät. Das Coronavirus war längst angekommen und verbreitete sich im Land wie ein Buschfeuer.

Wenige Wochen, nachdem Trump noch jegliche Probleme geleugnet hatte, erklärte er der verblüfften Weltpresse, dass er längst gewusst habe, dass wir es mit einer Pandemie zu tun haben — angeblich lange, bevor sonst jemand von einer Pandemie sprach. Er war echt größenwahnsinnig, glaub es mir. Er war auch Schuld daran, dass es die Vereinigten Staaten so übel erwischte.

Obwohl man tagtäglich sehen konnte, wie das Leben in Europa zum Erliegen kam und wie viele Menschen infiziert und getötet wurden, ging in den USA alles viel zu lange seinen normalen Gang. Es dauerte nicht lange, bis die jeweiligen Gouverneure in den Staaten es selbst in die Hand nahmen, die Regeln zu verschärfen. Dennoch erwischte es die USA ziemlich schlimm: Sehr schnell war es das am stärksten von Corona betroffene Land weltweit und es starben mehr als 30.000 Menschen, bevor sich abzeichnete, dass die mittlerweile strengen Ausgangssperren auch dort griffen.

Dummerweise war Trump an der Wirtschaft immer mehr interessiert als an seinem Volk. Er ließ die Regeln viel zu früh lockern, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln und das führte dazu, dass die Staaten, die mit der ersten Welle noch nicht so schlimm erwischt wurden, zu den neuen Hotspots mutierten und auch viele Tote verzeichneten.

Im Herbst kehrte das Virus wieder verstärkt zurück hier in Europa. Es war ein merkwürdiger Sommer — so ganz ohne Konzerte, Parties, Freibäder usw. Immerhin durften wir uns schon wieder freier bewegen, es waren wieder fast alle Geschäfte geöffnet und man konnte zumindest wieder mit mehreren Personen im kleinen Rahmen feiern. Ganz anders also als in den Vereinigten Staaten, wo weiter reichlich Menschen starben, auch wenn der Präsident das unter den Teppich kehren wollte.

Du siehst also, dass es eine sehr schwierige Zeit war — ich persönlich habe so eine Situation für ein ganzes Land jedenfalls weder vorher noch nachher auch nur im Ansatz so erlebt und ich wünsche Dir, dass Du es nie erleben musst.

Das mit der Krise und der Chance

Das chinesische Wort für Krise setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen. Eines davon allein bedeutet “Gefahr”, das andere hingegen kann u.a. als “Gelegenheit” übersetzt werden. Aus der Kombination dieser beiden Schriftzeichen kann man ableiten, dass in der Bedrohung einer Krise auch bereits die Wende zum Besseren zu finden ist.

Genau so war es damals bei uns eben auch und das ist der eigentliche Punkt, auf den ich hinaus will. Sehr, sehr viele Dinge, die für Dich selbstverständlich sind, haben in der Corona-Krise ihren Anfang genommen oder wurden salonfähig. Ein Beispiel ist das bedingungslose Grundeinkommen: Anfangs hat man das als eine Spinnerei von Philosophen und Leuten, die zu faul zum arbeiten sind, abgetan.

Später dann setzte man sich zwar öfter und ernsthafter damit auseinander, verschiedene Länder (Kanada und Finnland zum Beispiel, Deutschland hingegen natürlich nicht) experimentierten mit dem bedingungslosen Grundeinkommen im kleinen Kreis. Aber es brauchte erst diese Krise, damit in den Köpfen der Leute und vor allem der Politiker ein Umdenken stattfand. Wir dachten eigentlich, dass die damalige Kanzlerin — Angela Merkel — in den Geschichtsbüchern später vor allem als die Regierungschefin auftauchen würde, die man mit der Flüchtlingskrise assoziiert. Stattdessen wurde sie die Kanzlerin, die Deutschland am Ende ihrer Amtszeit aus der Corona-Krise führte und das erfolgreicher als so ziemlich jeder andere Staatschef dieses Planeten.

Es wurden von der Regierung schnelle Hilfen auf den Weg gebracht, um die Industrie und gerade auch kleine Unternehmen zu unterstützen, die von einer Sekunde auf die nächste plötzlich alle Einnahmen vergessen konnten. Für deutsche Verhältnisse wurde das Geld sehr unbürokratisch und schnell an entsprechende Betriebe und Selbstständige ausgeschüttet und daraus wurde in der Folge dann ein erstes Modell für das Grundeinkommen, wie Du es heute kennst.

Social Distancing vor geschlossenen Kneipen – ja, es waren harte Zeiten

Generell passierten sehr viele spannende Dinge und es zeigte sich mal wieder, dass hinter einem ständigen “Das geht nicht” nichts steckt ,wenn es drauf ankommt. In der Not kann man Besonderes leisten — in der Not ist man aber auch eher bereit, mal einen besonderen, unkonventionellen Weg zu gehen. “Home Office? – Das geht nicht” hieß es damals noch bei unendlich vielen Unternehmen. Ich verdiente damals schon mein Geld mit Schreiben und tat das von zuhause aus. Viele Firmen sperrten sich aber dagegen, ihre Leute nach Hause zu schicken und von dort aus arbeiten zu lassen.

Das ist natürlich kompletter Unsinn bei Menschen, die für ihre Tätigkeit im Grunde nichts brauchen als ein Notebook und Internet. Das wurde im Jahr 2020 auch dem letzten klar. Plötzlich — als es ja irgendwie weitergehen musste — klappte das mit der “Telearbeit”. Es zeigte sich sehr schnell, dass die Angestellten auch nicht weniger produktiv waren als im Büro — eines der vermeintlichen Contra-Argumente, das gerne angeführt wurde.

Berufstätige lernten plötzlich, mit Video- und Kollaborations-Tools zu arbeiten. Aber nicht nur das: Auch im privaten Bereich sorgte unsere besondere Lage für einen Impact. Senioren, die sich weder mit ihren Notebooks noch ihren Smartphones auskannten, lernten plötzlich, wie man per Skype eine Videokonferenz initiiert und wie man per Messenger und Video-Calls oder Sprachnachrichten mit der Verwandtschaft in Kontakt bleibt.

Digitalisierung? Deutschland hat da viele, viele Jahre alles verpennt, was man verpennen konnte. Dann kam ein Virus und plötzlich schaffte es so ziemlich jeder Einzelhändler, seine Produkte online zu verkaufen. Händler-Netzwerke wurden gegründet, der lokale Handel wurde nun auch im Netz gefördert, #SupportYourLocals war ein sehr beliebtes Hashtag und der passende Claim.

Die schnell zusammengeklöppelten Seiten sahen teilweise aus wie Kraut und Rüben, aber sie funktionierten und halfen den Händlern, a) in der Krise zu überleben und b) sich für die Zukunft und die reine Online-Konkurrenz besser aufzustellen. Auch die Schulen taten sich viel zu lange schwer. Digitalisierung war auch hier oft Fehlanzeige — das digitalste, was viele Lehrer zustande brachten, waren WhatsApp-Gruppen für die jeweiligen Klassen, in denen man ihnen Hausaufgaben schicken konnte.

Diesen kleinen Kollegen mit Mundschutz sah man 2020 überall in Dortmund – auf jede verfügbare Fläche wurde er gesprüht

Wegen des Coronavirus mussten die Kids plötzlich wochenlang zuhause bleiben und das in einer Phase, in der es aufs Ende des Schuljahrs zuging. Hier genau das gleiche Bild wie bei den Händlern und den Menschen im Home-Office: Plötzlich ging “Home-Schooling”. Es wurden nicht nur Aufgaben gemailt und erledigt zurückgeschickt, Unterricht fand plötzlich auch per Videokonferenz statt.

Für Dich ist das normal, dass Du nur noch zwei mal in der Woche in die Schule gehst und die anderen Tage zuhause lernst und für die Schule arbeitest. Aber angefangen hat das in diesen Krisenzeiten, dass man die Stärken der jeweiligen Unterrichtsformate herausarbeitete und so ganz neue Lehrpläne aufstellen konnte.

Autos? Welche Autos?

Wenn Du Dich in Dortmund umschaust, kannst Du noch sehr deutlich erkennen, dass diese Innenstadt irgendwann mal komplett aufs Automobil abgestimmt wurde. Ganze Blechlawinen rollten Tag für Tag durch die City und als Fußgänger war man jenseits der Fußgängerzone eher sowas wie geduldetes Freiwild.

Dadurch, dass viele Läden dicht blieben, ließen sowohl die Angestellten dieser Läden als auch potenzielle Kunden die Autos in der Garage. Außerdem arbeiteten eben viele Menschen ja jetzt von zuhause aus und mussten auch nicht zwischen Arbeit und Zuhause mit dem Fahrzeug pendeln. Das wirkte sich sehr angenehm auf die Innenstädte aus: Es war viel ruhiger, man konnte sich als Fußgänger freier und sicherer bewegen, selbst Tiere ließen sich öfter mal auf den Straßen der Stadt blicken und die Luft wurde besser.

Am Anfang wurde sehr viel gejammert, was ja zu erwarten war — das Auto war doch ewig schon des Deutschen liebstes Kind. Man fieberte zunächst dem Tag entgegen, an dem alles auf Null gestellt wird und jeder wieder so leben konnte wie vor Corona. Aber dieser Tag kam nicht, weil es nur in ganz winzigen Schritten vorwärts ging und wir über zwei Jahre mit den daraus resultierenden Veränderungen leben mussten.

Die Folge daraus war, dass überall in Deutschland temporäre Radwege entstanden, die dann später schlicht nicht mehr zurückgegeben wurden an die Autofahrer. Dort, wo früher drei Spuren für Autos vorhanden waren, gab es dann eben nur noch zwei Spuren. Die dritte Spur ging an Rad- und E-Scooter-Fahrer und was sonst noch so auf zwei Rädern unterwegs ist. Ehemalige Radwege konnten dadurch verschwinden zugunsten breiterer Bürgersteige. Diese laden heute zum Flanieren ein — damals war es schlicht pragmatisch, da das Social Distancing so besser funktionierte.

Viele der Berufstätigen kehrten nach der Krise gar nicht mehr ins Büro zurück, sondern blieben im Home-Office, was schon mal für weniger Verkehr sorgte. Die Städte stellten sich aber mit der Zeit auch auf das veränderte Verhalten ein und verbesserten die öffentlichen Verkehrsangebote so umfassend, dass auch Pendler immer öfter das Auto stehen lassen konnten.

Auf den Straßen rollen heute hauptsächlich noch Lieferfahrzeuge, Bringdienste, Rettungsfahrzeuge usw. Du kennst es im Grunde nur so — für uns Älteren ist es fast schon ein Wunder, dass das möglich wurde. Dort, wo heute Rentner in den Grünanlagen gemütlich auf der Bank sitzen, parkten Tag für Tag unzählige Blechmonster.

Früher hatten viele Leute übrigens Angst davor, dass die Kassiererinnen aus den Supermärkten verschwinden könnten, ebenso wie das Geld aus unseren Geldbörsen. Beim Geld hatte man Angst davor, dass man durchs Verschwinden von Bargeld zum gläsernen Kunden wird, an den Kassierern und Kassiererinnen schätzten gerade ältere Kunden das soziale Element, weil man immer mal zwei, drei Sätze miteinander wechseln konnte beim Bezahlvorgang.

Und heute? Heute wechseln die Älteren immer noch diese drei Sätze, weil das Personal zwar nicht mehr an der Kasse sitzen muss, aber als Service-Kraft immer noch in den Einkaufszentren beschäftigt ist und Kunden kompetent berät — und dank Grünanlagen, Grundeinkommen und kürzeren Arbeitszeiten treffen sich Menschen auch viel häufiger in den nicht mehr mit Autos vollgestopften Innenstädten.

Bargeld lacht … nicht mehr

Du kennst es gar nicht mehr anders, wenn Du einkaufen gehst: Nimmst Dir einfach die Waren, die Du benötigst und verlässt dann den Laden eben wieder. Das Geld ist abgebucht und in der App findest Du fein säuberlich aufgelistet, was Du gekauft hast. Aber das ist noch nicht lange so. Deutschland klammerte sich nicht nur sprichwörtlich ans Bargeld.

Auch hier kam die Corona-Krise gerade recht, weil wir Kunden in dieser Zeit dazu angehalten wurden, doch bitte bargeldlos zu bezahlen. Damals waren Apple Pay und Google Pay noch recht neu und bargeldloses Zahlen fand tendenziell eher via Karte statt Smartphone statt. 2020 ging es los, dass sich das entscheidend veränderte und immer mehr Bargeldzahler zu Kartenzahlern wurden, Kartenzahler zu Smartphonezahlern.

Wir schauten damals lange neidisch nach Schweden, die uns Jahre voraus waren. Dort konnte man jedes Bier in der Kneipe und die Wurst am Würstchenstand auf der Straße bargeldlos bezahlen. Selbst nach der Corona-Krise dauerte es noch eine Weile, bis diese Selbstverständlichkeit beim bargeldlosen Bezahlen alle Altersschichten durchdrang. Aber dann war es einfach viel zu praktisch und bequem für jedermann, so dass heute niemand mehr dem Münzgeld nachtrauert. Wenn Du magst, kann ich Dir mal meine alten Euro-Münzen zeigen — ich hab extra welche aufgehoben aus der Zeit.

Eine gewachsene Gesellschaft

Auch gesellschaftlich sind wir gewachsen in der Krise. Vielleicht hast Du es selbst schon feststellen müssen in Deinem noch recht kurzen Leben: Manchmal denkt man, dass man etwas niemals bewältigen kann. Dann ist man aber plötzlich drauf angewiesen und siehe da — es geht. Es geht, weil es gehen muss.

Wenn Du Dich in einer Situation befindest, in der viele Menschen praktisch über Nacht nicht mehr in der Lage sind, am normalen Leben teilzuhaben, dann müssen andere Menschen in die Bresche springen und helfen. Genau so war das damals auch: Plötzlich ging man für die nette, alte Dame aus dem vierten Stock einkaufen oder achtete für sie darauf, wann der Postmann kam. Man teilte wie selbstverständlich mit seinen Freunden, wenn der andere mal was nicht im Haus hatte. Es wurde an den Fenstern und auf den Balkonen für Hilfskräfte geklatscht, es wurde gesungen, gerade ältere Menschen freuten sich über Darbietungen vor ihren Fenstern.

Hin und wieder habe ich irgendwelche Süßigkeiten zusätzlich zu meinem üblichen Einkauf in den Wagen gepackt und an der Kasse der Kassiererin als kleines Dankeschön gegeben. Oder man gab dem Lieferboten etwas mehr Trinkgeld als üblich — diese Geschichten hörte man damals tausendfach und obwohl es immer nur kleine Gesten waren, schien es so, als machte man die Welt dadurch für einen kleinen Augenblick ein bisschen besser.

Nachdem am Anfang der Krise massig Hamsterkäufe stattfanden und man das Gefühl bekommen konnte, dass sich die Menschheit wieder schnurstracks Richtung Höhlenmensch entwickelt, wurde es mit der Zeit immer besser und angenehmer. Durch das angeordnete Social Distancing achtete man viel mehr auf seine Mitmenschen. Man warf sich auf der Straße freundliche, verschwörerische Blicke zu nach dem Motto: “Ich hab Dich gesehen, ich gehe auch ein Stück zur Seite”.

Reiche Sportvereine spendeten dicke Summen für weniger betuchte Clubs, viele reiche Profis verzichteten auf Teile ihres Gehalts und auch Politiker folgten diesem Beispiel. Viele Milliardäre wie Bill Gates investierten große Teile ihres Vermögens in die Entwicklung von Impfstoffen und spendeten irrsinnige Summen, damit auch Kontinente wie Südamerika und Afrika diese Krise durchstehen konnten.

Die Gesellschaft profitierte auch davon, dass die Stärken und Schwächen bestimmter Gruppen jetzt sehr deutlich sichtbar wurden. Waren früher beispielsweise Pfleger und Krankenschwestern Menschen, die für sehr viel aufopferungsvolle Arbeit richtig mies bezahlt wurden, hat sich das heute stark gewandelt. Menschen, die anderen Menschen helfen, sie pflegen und betreuen — das hat heute das Ansehen in der Gesellschaft, das eigentlich vorher schon hätte selbstverständlich sein sollen. Einher geht dieses Schätzen der Tätigkeit auch mit einer fairen Bezahlung und auch das gibt es für diese Berufsgruppen erst seit der Corona-Krise.

Aber wie ich eben schon schrieb: Auch die Schwächen wurden deutlicher sichtbar. Oben sprach ich ja schon den ehemaligen US-Präsidenten an, der vor ein paar Jahren in Haft verstarb. Auch wir hatten so falsche Fuffziger im Bundestag. Die AfD war eine rechtspopulistische Partei, die mit dem Mund immer riesengroß war und deren Hetze damals leider bei viel zu vielen Menschen verfing.

In der Corona-Krise wurden sie aber ziemlich kleinlaut. Man hörte sie kaum noch schimpfen und stattdessen fiel immer mehr Menschen auf, dass diese Partei, die sich “Alternative für Deutschland” schimpfte, weder eine Alternative für irgendwas war, noch einen Hauch einer Idee hatte, wie man diese Krise nun unter Kontrolle bekommen konnte.

Die Neuen Goldenen Zwanziger

Du siehst: Sehr vieles von dem, was für Dich heute selbstverständlich ist, ist noch gar nicht wirklich lange so und entstand erst in den Jahren, die wir heute als die “Neuen Goldenen Zwanziger” bezeichnen. Du hast in der Schule gelernt, wie hart die Zeiten damals waren, das möchte ich gar nicht unter den Tisch kehren. Viele kleine Unternehmer, Künstler und auch Angestellte litten unter der Krise, so mancher verlor seinen Job und Karrieren gingen zu Bruch.

Andere Karrieren nahmen durch die Krise aber erst richtig Fahrt auf. Kanzler Spahn nannte ich ja bereits, US-Präsident Cuomo ist ein weiteres Beispiel dafür und unser Bundespräsident war in der Krise damals einer der führenden Virologen des Landes.

Wieso ich Dir das alles jetzt so ausführlich aufgeschrieben habe? Weil ich mich durchs Aufschreiben selbst besser an diese Zeiten erinnern kann und weil ich Dir zeigen möchte, dass es hilft, immer auch in der schwärzesten Krise eine Chance zu wittern. Egal, wie schlimm es kommt, es öffnen sich trotzdem wieder neue Türen und man sieht Lösungen, an die man vormals nicht mal zu glauben wagte. Die Welt ist auch heute noch lange nicht rosarot, aber sie ist eine bessere als in den Zehner oder Zwanziger Jahren. Und es brauchte tatsächlich eine globale Krise, damit sich die Welt in diese Richtung verändern konnte.

Behalte das im Hinterkopf und bleib bitte genau dieser aufmerksame, neugierige und empathische Mensch, zu dem wir Dich zu formen versuchen.

Ich liebe Dich, mein Sohn,

Dein Dad


Okay, der Schluss war ein bisschen dick aufgetragen, oder? Ich hab versucht, einen eher utopischen Blick in die 15 Jahre entfernte Zukunft zu werfen. Wie alt mein Sohn dann sein wird? Keine Ahnung, ich habe leider kein Kind und dank dieser ganzen Corona-Scheiße wird sich zumindest auch kurzfristig nichts daran ändern, fürchte ich ;)

Woher ich weiß, dass ein potenzielles Kind irgendwann mal ein Junge und kein Mädchen sein wird? Weiß ich nicht, woher auch. Aber hey — selbst wenn ich aus irgendeinem absurden Zufall zu Nachwuchs kommen sollte, habe ich noch Jahre Zeit, um diesen Text so zu ändern, dass er auch auf ein Mädchen passt :-D

Was ich mit diesem Text erreichen wollte? Ich hab keinen Schimmer, ehrlich gesagt. Es war in meinem Kopf — also dieser Gedanke, dass die Scheiße, durch die wir gerade knietief waten müssen, eben nicht das Ende von irgendwas ist, sondern vielmehr der Beginn von irgendwas und wieso sollte dieses “irgendwas” nicht irgendwas Wundervolles sein? Wir beschäftigen uns oft genug mit Dystopien und es gibt leider genügend Menschen, die einen glauben lassen, dass wir — die Menschheit — echt am Arsch sind. Also lasst mir meinen naiven Glauben daran, dass wir gerade jetzt, genau in dieser Sekunde, mittendrin sind, die Welt aus der Not heraus zu was besserem zu formen.

Ich hoffe jedenfalls, dass ich euch mit diesem fiktionalen Text nicht zu sehr gelangweilt habe und ganz ehrlich: Ich freue mich jetzt schon drauf, in 15 Jahren nochmal auf diesen Artikel zu blicken und zu schauen, wie oft ich daneben lag und was tatsächlich so eingetroffen ist. Kommt — Trump im Knast wäre schon irgendwie okay, oder?

Lasst uns gerne wissen, was ihr glaubt, wie wir aus der Krise kommen. Stirbt die Menschheit aus oder schlägt sich die Köppe ein? Oder wird das Leben in zwei Jahren wieder genau so aussehen als wäre nix gewesen mit all seinen kapitalistischen Auswüchsen? Schreibt es uns gern in die Comments – und tut mir vor allem einen Gefallen: Bleibt gesund und passt auf euch auf!