Nach der US-Wahl: Tech-Welt ist geschockt & denkt an #Calexit

Donald Trump wird der 45. US-Präsident! Das steht jetzt fest und lässt auch viele US-Amerikaner verzweifeln. Gerade in der Tech-Hochburg Kalifornien formiert sich der Protest und der #Calexit - Kaliforniens Abspaltung von der Nation - erscheint so manchem dort plötzlich als eine echte Option.
von Carsten Drees am 10. November 2016

Manchmal macht man morgens die Augen auf und die ersten Gedanken, die einem in den Sinn kommen, sind: “Hoffentlich habe ich das nur geträumt”. Im Falle der US-Wahl muss man verneinen – nein, leider ist es kein Traum: Die USA – und der Rest der Welt – muss sich damit arrangieren, dass Lautsprecher Donald J. Trump ins weiße Haus einziehen wird.

Persönlich habe ich noch eine klitzekleine Hoffnung, dass er nicht all das angehen wird, was er im Vorfeld gefordert hat. Dass er extra laut getrommelt hat, um sich die Stimmen vieler Protestwähler zu sichern und nun als Präsident einen moderateren Ton anschlägt. Tut er das nicht, könnte das einschneidende Folgen auf die Weltpolitik haben: Was ist mit dem Klimaabkommen von Paris? Was mit bestehenden Freihandelsabkommen und was mit dem Atomabkommen mit dem Iran? Von alldem hält er nichts und kündigte jeweils den Ausstieg an.

#NotMyPresident – der Protest gegen Trump nimmt Form an

Zunächst mal ist aber natürlich das amerikanische Volk betroffen. Während wir weltweit alle noch ein paar Stunden in Schockstarre waren, formierte sich in den USA – vor allem an Ost- und Westküste – bereits massiver Protest, der Tausende auf die Straßen trieb.

#TrumpPotest führt als Hashtag aktuell weltweit die Twitter-Trend-Charts an, vorher schafften es schon die Hashtags #NotMyPresident und auch #Calexit in diese Charts. Das kommt wenig überraschend, denn dank des kruden Wahlsystems in den USA ist es möglich, dass Trump US-Präsident wird, obwohl Hillary Clinton die meisten Wählerstimmen erhalten hat.

calexit

Dieser Protest wird nicht weniger, wenn Trump anfängt, 20 Millionen Amerikanern wieder ihre Krankenversicherung wegzunehmen – etwas, was bei ihm ganz oben auf der Agenda steht. Besonders in Kalifornien ist man unglücklich über den Wahlausgang und das äußert sich aktuell mitunter durch die oben als Hashtag bereits erwähnten “Calexit”-Forderungen: In Anlehnung an den Brexit – Großbritanniens Austritt aus der EU – streben nun zunehmend mehr Menschen an, sich für ein von den Vereinigten Staaten unabhängiges Kalifornien einzusetzen.

Die YesCalifornia-Bewegung mag zuvor vielleicht nur ein versprengter Haufen Kalifornier gewesen sein, aber dank Trump bekommt diese jetzt viel Zulauf und so wird nun allen Ernstes ein Referendum angestrebt. Dort sollen die Kalifornier sich dann – wie beim Vorbild Großbritannien – entscheiden: Ein unabhängiger Staat Kalifornien – oder weiter Teil der Vereinigten Staaten von Amerika!

Ein abgesplitteter Staat Kalifornien würde die USA empfindlich treffen. Mit 38 Millionen Menschen – etwa halb so viel, wie in Deutschland leben – ist Kalifornien der bevölkerungsreichste Staat der USA und als losgelöster Staat wäre er immerhin die sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt! Jeder von uns weiß, dass sich dort der Nabel der Filmwelt befindet, dank der sonnigen Lage des “Golden State” wird in der Landwirtschaft sehr viel Geld verdient, aber dort befindet sich natürlich auch das Silicon Valley – das Herz der Tech-Welt.

Tech Babes in Trumpland – die US-Techwelt ist erschüttert

Apple, Google, Intel, Tesla und Facebook sind nur einige der Namen, die mit dieser Region untrennbar verknüpft sind und das Silicon Valley könnte besonders empfindlich von Trumps Plänen getroffen werden: Er möchte die Einwanderungsquote sehr deutlich nach unten drücken – eine Katastrophe für das Silicon Valley, wo jeder Zweite kein US-Amerikaner ist und man auf intelligente Menschen aus aller Welt angewiesen ist.

Darüber hinaus plant er, vor allem China den Handelskrieg anzusagen und will das u.a. durch Schutzzölle bewirken. Was er als Wirtschafts- und Job-Motor vesteht, könnte wie ein Bumerang die US-Industrie treffen – wenn nämlich die Chinesen dann im Umkehrschluss ebenfalls Zölle auf US-Produkte erheben. Apple wird sich schwer bedanken! Apropos Apple: Anfang des Jahres forderte Donald Trump Apple auf, seine “verdammten Computer und Dinger” in den USA herzustellen statt in Fernost. Trump rief die Amerikaner sogar zum Apple-Boykott auf, wenn das Unternehmen seine Produktion nicht komplett in die USA verlagern würde – ein ebenso unmöglicher wie unsinniger Appell, den Apple konterte, indem man seinen Republikanern die Wahlhilfe strich.

Bereits 2014 ließ Trump durchblicken, dass neben ihm selbst ein Oettinger wie eine Internet-Koryphäe wirkt, als er sich zum Thema Netzneutralität äußerte:

Lisa Hegemann schreibt in ihrer Analyse bei t3n ganz richtig:

Mit diesen protektionistischen Plänen greift Trump die Offenheit des Silicon Valley an. Besonders neue Startups, die ihre Idee erst noch etablieren müssen, könnten dadurch nicht nur verlangsamt, sondern ganz gestoppt werden. Setzt Trump sein Programm wie geplant um, wäre er eine Bremse für den Innovationsstandort USA. Lisa Hegemann, t3n

Dementsprechend entsetzt ist die Branche – auch über Kalifornien hinaus, dass sich die USA tatsächlich für Donald Trump statt für Hillary Clinton entschieden hat. So erklärt Box-CEO Aaron Levie, dass man sonst auf andere Länder geschaut hat und sie für verrückt erklärte – und man nun selbst so ein Land wäre:

Sam Altman – Kopf des Startup-Inkubators Y Combinator twitterte zunächst, dass er jetzt nur wieder aufwachen möchte und dass er sich noch niemals in einem Raum voller Menschen so einsam gefühlt habe. Kurze Zeit später gab er sich aber bereits wieder kämpferisch und fokussiert:

M.G. Siegler – ehemaliger VentureBeat- und TechCrunch-Blogger und nun bei Google Ventures und Slack an Bord – fand sehr deutliche Worte:

Dagegen klang Mark Zuckerberg sehr gemäßigt und versöhnlich. Aus seiner Aussage ist nicht klar zu erkennen, wie er bei der Wahl entschieden hat, aber zwischen den Zeilen kann man doch erkennen, dass er kein großer Trump-Fan sein dürfte. Er sieht auf jeden Fall viel Arbeit auf uns alle zukommen – oder zumindest auf alle, die mit an seinem Traum arbeiten wollen, eine für alle bessere Welt zu schaffen.

Erstaunlich ruhig ist es noch bei Amazon. Trump hat Jeff Bezos – Chef von Amazon und Besitzer der Washington Post – schon Anfang 2016 angedroht, dass er ihm mächtig Ärger bereiten wird:

He owns Amazon. He wants political influence so that Amazon will benefit from it. That’s not right. And believe me, if I become president, oh, do they have problems. They’re going to have such problems. Donald Trump

Wir dürfen also davon ausgehen, dass diese zwei keine dicken Freunde mehr werden und auch Bezos wenig begeistert vom Wahlausgang sein dürfte. Ich bin mal gespannt, ob sich Unternehmen wie Google oder Apple auch noch öffentlich äußern werden und welche Tonart sie in dem Fall anschlagen. In einer internen Mail an seine Angestellten erklärte Apple-CEO Tim Cook, bewusst allgemein gehalten, zumindest schon mal:

Our company is open to all, and we celebrate the diversity of our team here in the United States and around the world — regardless of what they look like, where they come from, how they worship or who they love. Tim Cook, CEO Apple

Das ist nicht explizit an Trump adressiert, widerspricht ihm aber natürlich, denn “Diversity”, globales Denken und ein komplettes Ignorieren der Herkunft einer Person kann man ihm nun wahrlich nicht ans Revers heften.

Auf dem Microsoft-Blog meldet sich CLO Brad Smith zu Wort in einem sehr ausführlichen Statement. Darin gratuliert er Trump und seinem Vize Pence, äußert sich im Wesentlichen aber dazu, was nun zu passieren hat, wie man künftig zusammenarbeiten muss und dass jede Veränderung im Grunde auch immer eine Chance ist. Heruntergebrochen lese ich im Subtext dabei sowas wie “Okay, die Kacke ist am Dampfen, wir müssen damit jetzt irgendwie klar kommen” – ist aber natürlich nur meine Interpretation. Smith endet jedenfalls versöhnlich:

Today is a day that finds some Americans celebrating and others commiserating about the electoral result. But it’s also a day that reminds us of what makes the country special. It’s a day that provides an opportunity to look beyond disagreements and divides, identify bold solutions to common problems, and find new ways to work together. It’s a good time for all of us to listen and to learn from each other. Read more at http://blogs.microsoft.com/on-the-issues/2016/11/09/moving-forward-together-thoughts-us-election/#uc185QHRkbBoaOBp.99 Brad Smith, President and Chief Legal Officer Microsoft

Microsoft-CEO Satya Nadella äußerte sich bislang lediglich bei LinkedIn LinkedIn, gratulierte ebenfalls, bekräftigte aber auch nochmal, dass man an seinen Werten und seiner vielseitigen Kultur entschieden festhalten werde – in etwa also die gleiche Stoßrichtung wie bei Tim Cook und ebenso sorgfältig und neutral verpackt.

Hyperloop Mitgründer Shervin Pishevar wurde da schon deutlicher. Er befürwortet nach diesem Wahlausgang eine Abspaltung Kaliforniens von den USA als “New California” und wie der Guardian berichtet, will er sich da selbst mit einer eigenen Kampagne einbringen.

Gerade die fortschrittlichen US-Unternehmen werden es Donald Trump zumindest nicht leicht machen, dass er seine vollmundigen Wahlversprechen wahr machen kann. Klar hört sich das toll an, wenn er das Land und jeden einzelnen Bürger “great again” machen möchte, aber die technische Entwicklung spielt ihm dabei wahrlich nicht in die Karten. Zu seinen wichtigsten Versprechen gehört auch, dass er gerade im verarbeitenden Gewerbe die Jobs zurückholen möchte, die man über viele Jahre in den USA verloren hat.

Das ist absolut illusorisch und Experten fürchten, dass er lediglich eine überschaubare Zahl an Jobs schaffen kann und das nur zu immensen Kosten. Kein Unternehmen wird dazu übergehen, dem Fortschritt Lebewohl zu sagen. Trump wird erkennen müssen, dass ihm u.a. Roboter einen Strich durch die Rechnung machen und dass es vermutlich noch nie schwieriger als in diesen Zeiten war, ein Jobwunder zu kreieren. Er kann ja mal bei Tesla-CEO Elon Musk nachfragen, wie er sich die Zukunft vorstellt

Lesenswert: Tesla-Chef Musk: Bedingungsloses Grundeinkommen und Freizeit für alle

…und wie geht’s nun weiter?

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer mir vorzustellen, was sich unter dem Präsidenten Trump unmittelbar ändern wird. Ich glaube, wir dürfen davon ausgehen, dass er seine unzähligen Wahlversprechen nicht so ohne Weiteres umsetzen kann. Eigentlich glaube ich sogar, dass er nicht mal die Mauer an der mexikanischen Grenze bauen wird, von der er seit Ewigkeiten vollmundig schwärmt.

Mag sein, dass er – wie bei seiner Rede nach dem Wahlsieg – gemäßigter auftritt, als das noch im Wahlkampf der Fall war. Wenn dem so ist, dann wünsche ich ihm jetzt schon mal viel Vergnügen, denn der laute Pöbel, den er mit seinen Parolen auf Stammtisch-Niveau um sich geschart hat, wird davon wenig begeistert sein.

Die Tech-Welt wird sich – wie wir alle auch – damit arrangieren müssen, dass Trump nun einmal dieses Land für zumindest vier Jahre anführt. Persönlich glaube ich, dass wir das auch möglichst schnell akzeptieren müssen und versuchen sollten, daraus zu lernen. Knapp die Hälfte der Wähler – round about 60 Millionen Menschen – hat sich aus den verschiedensten Gründen für Trump entschieden. Ich weigere mich zu glauben, dass das alles Schwachköpfe sind. Ebenso, wie nicht alles Idioten sein können, die der AfD in Deutschland zu 20 Prozent und mehr verhelfen und auch nicht die Menschen, die mit ihrer Stimme verantwortlich für den Brexit sind.

Wir müssen lernen, genauer hinzuhören, die Menschen wieder mitzunehmen, die sich abgehängt fühlen. Das ist zunächst mal Job der Politik, die es sich in den letzten Jahren da vermutlich einfach zu leicht gemacht hat. Es ist aber auch unser aller Pflicht, mehr zu reflektieren und dafür zu sorgen, dass wir die vermeintlich Abgehängten wieder ins Boot holen. Das wird scheiß-schwer, denn die leichten, populistischen Ansagen verfangen einfach besser als die differenzierten.

Hilft aber alles nichts, wenn wir das Ruder wieder herumreißen wollen. Ich glaube daran, dass die Welt nicht untergeht, nur weil man den denkbar ungeeignetsten Menschen ins weiße Haus gewählt hat. Die Politiker in Deutschland und anderswo werden sich drauf einstellen und auch die Industrie – egal ob im Silicon Valley oder sonst wo. Ob ein Referendum zum Kalifornien-Austritt kommen wird? Keine Ahnung, das vermag ich nicht einzuschätzen, ich glaube es allerdings ehrlich gesagt nicht. Die Welt ist definitiv ein wenig anders seit gestern – aber immer noch keine hoffnungslose.