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Netflix, Amazon, Disney und Co: Vergesst nicht, wer der wirkliche Feind ist!

2020 wird ein interessantes Streaming-Jahr. Mehr Video-Plattformen denn je buhlen dann um Kundschaft. Aber übersehen Netflix und all die anderen nicht, was hier wirklich das Problem ist?

von Carsten Drees am 8. August 2019

Habt ihr noch den Überblick, wo ihr was schauen könnt? Wo Serie X und wo Film Y läuft? Damit meine ich jetzt explizit nicht das lineare Fernsehen, sondern das riesige Angebot, was uns die Streaming-Plattformen liefern. Jahrelang haben sich jetzt Netflix und Amazon diese Bühne geteilt, nahezu unbehelligt von einigen kleineren Services in unseren Gefilden. In den USA müssen wir das noch mindestens um Hulu erweitern, aber auch dort ist aktuell noch Netflix das Maß aller Dinge.

Das alles dürfte sich schon bald verschieben, denn der Markt füllt sich. Wir haben hier schon öfters darüber berichtet, dass mit Apple TV+, Disney+ und HBO Max gleich drei ganz fette Namen dazu kommen und jeder dieser dann fünf Wettbewerber exklusive Inhalte bieten möchte und wird.  Wir fragten euch neulich bereits, was ihr glaubt, wer sich durchsetzt bzw. welches Antwort ihr nutzen werdet.

41 Prozent antworteten, dass Netflix weiter der Dienst ist, auf den gesetzt wird. Amazon und Disney folgten dann schon mit gehörigem Abstand (je 14 Prozent), danach kamen dann 11 Prozent, die angaben, dass sie wohl mehrere Services abonnieren würden. Das bedeutet aber auch, das HBO und Apple zumindest nach aktuellem Stand für kaum jemanden von euch wirklich interessant erscheinen. Zumindest bei HBO wundert mich das, weil die ja faktisch jede Menge Hit-Serien unter ihrem Dach vereinen werden.

Jetzt ist natürlich so eine Umfrage unter einigen hundert Blog-Lesern sicher kein Maßstab, an dem wir uns orientieren sollten, aber es dürfte auch so feststehen, dass hier eine reine Streaming-Schlacht auf uns zu kommt, die vermutlich nicht jeder Service heil überstehen wird.

“Wir bieten euch das selbe wie immer – zum doppelten Preis” ist kein gutes Angebot

Wie ihr sicher wisst, ist “Game of Thrones” eine HBO-Serie. Während die hierzulande über Sky gesehen werden konnte, hat sie HBO in den USA selbst hinter die Bezahlschranke gepackt. Stolze 15 Dollar wurden im Monat fällig, sehr viele Serien-Fans haben sich dennoch drauf eingelassen.

Damit ging der Ärger im Grunde los für die Video-Streaming-Portale. Der Serien-Markt ist ein anderer als beispielsweise beim Live-Streaming klassischer TV-Sender oder auch beim Musik-Streaming. Dort seid ihr es eigentlich gewohnt, dass ihr einen Dienst abonniert, euren monatlichen Betrag abdrückt und dann so ziemlich alles geboten bekommt, was ihr euch wünscht. Wenn ich mir beispielsweise den großartigen neuen Song von Tool anhören möchte, ist es im Grunde egal, ob ich Spotify abonniert habe, Google Music oder Apple Music. Auf allen großen Plattformen habt ihr mehr als 40 Millionen Songs zur Auswahl.

Das bedeutet dann, dass nicht in erster Linie das Angebot entscheidet, wo ihr euer Geld lasst, sondern andere Dinge — vielleicht das passende Ökosystem, das Design, die Funktionalität. Beim Video-Streaming läuft das aber komplett anders. Da hat jeder Dienst seine eigenen Highlights, weshalb ihr zwangsläufig bei mehreren Services anheuern müsst, um wirklich alle Serien-Hits sehen zu können.

Bislang reichte es uns in Deutschland ja eigentlich, wenn man Amazon Prime und Netflix abonniert hat. Prime hat den Vorteil, dass ihr die Serien quasi kostenlos dazu bekommt, wenn ihr den eigentlichen Prime-Service in Anspruch nehmt. Alles in allem seid ihr jedenfalls mit 20 Euro pro Monat rundum versorgt als Serien-Fans.

Künftig wird das anders aussehen, denn vor allem Disney und HBO werden reichlich Serien von Amazon und Netflix abziehen, andere Serien — wie die Simpsons — erstmals überhaupt als Streaming-Option anbieten. Damit bleiben euch genau zwei Optionen: Ihr gebt weiter 20 Euro aus und lebt damit, dass ihr viele tolle Shows nicht mehr zu sehen bekommt. Oder ihr erhöht das Serien-Budget, abonniert mehr Plattformen – habt dann eben aber auch 40 oder 50 Euro im Monat für Video-Streaming investiert.

Wohin das führen kann, wenn dazu auch noch ein Musik-Dienst kommt und möglicherweise diverse Sport-Streamer, mag man sich gar nicht ausrechnen.

Piraterie – der alte Superschurke ist zurück

Wenn man zu den Anfängen des Streamings zurückschaut, dann haben Services wie Spotify und Netflix signifikant dazu beigetragen, dass die Piraterie-Zahlen deutlich zurückgingen. Wieso soll ich das Risiko eingehen und per Torrent Serien auf meine Festplatte schaufeln, wenn ich den ganzen Kram doch auch für ‘nen Zehner sehen kann? Mittlerweile haben TV-Serien eh ein Niveau erreicht, welches sich nicht hinter Hollywood-Produktionen verstecken muss, so dass es oft auch einfach viel verlockender ist, auf der heimischen Couch zu sitzen, statt im Kinosessel.

Somit haben die Streaming-Plattformen im Grunde ein goldenes Zeitalter eingeläutet für Leute wie mich, die gerne Musik hören und Serien glotzen. Während die  Geschichte bei der Musik noch genau so läuft, kippt die ganze Nummer bei den Serien komplett. Amazon, Netflix, HBO, Apple und Disney, sind so damit beschäftigt, sich ein möglichst exklusives Portfolio draufzuschaffen und die Konkurrenz im Auge zu behalten, dass sie komplett vergessen haben, wer der eigentliche Superschurke in diesem Spiel ist: Genau, die Piraterie!

Die zahlen illegaler Downloads steigen mittlerweile wieder an und das verwundert niemanden so wirklich. Natürlich ist es nicht rechtens, sich aktuelle Serienfolgen illegal zu besorgen, aber der Student, der sich mit Mühe und Not über Wasser halten kann, wird sich das ein paar mal überlegen, ob er sein Geld in drei Video-Portale pumpt, oder fürs selbe Geld ne Woche Essen und Trinken kann.

Bit Torrent zieht schon wieder an, weltweit werden über 20 Prozent des Upstream-Traffics hier verschlungen. Und was bedeutet das für unsere Streaming-Dienste? Die werden das erst mal nicht sehen bzw. nicht sehen wollen. Jeder ist drauf bedacht, exklusive Inhalte zu horten und irgendwann werden diese Anbieter an den Punkt kommen, an dem man erkennt, dass Nutzer einfach nicht alle Alternativen gleichzeitig abonnieren.

Sicher wird es Leute geben, die zwei, drei oder sogar noch mehr Services nutzen und denen dieses Geld auch nicht wehtut. Aber die deutliche Mehrheit wird einfach sorgfältiger auswählen: Wo bekomme ich die meisten meiner geliebten Serien für mein Geld — und damit wird die Summe, die mit Streaming verdient werden kann, eben nicht signifikant größer, sie wird nur anders verteilt. Das kann sich dann unterm Strich nicht langfristig rechnen, nicht für alle Mitbewerber.

Die Konsequenz: Leute, die trotzdem alles sehen wollen, werden sich zurückerinnern, dass es ja auch andere Möglichkeiten als die legalen gibt, um alles sehen zu können. Mehr Piraterie, weniger Abonnenten — und irgendwann explodiert die Streaming-Blase. Keine Ahnung, ob einige dann komplett aufgeben und die Gewinner die Rechte anderer Serien aufkaufen, oder ob man sich doch wieder für gemeinsame Angebote zusammenrauft. Es wird jedenfalls haarig für die Anbieter — und erst mal teurer für uns, stellt euch drauf ein!

Quelle: Android Authority