Kommentare

Netflix: Darum werden Serien so schnell abgesetzt (und manchmal ist das auch gut so)

Wieso entscheidet sich Netflix eigentlich so oft dafür, erfolgreiche Serien schnell wieder abzusetzen? Basic Thinking ist der Frage nachgegangen und auch ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

von Carsten Drees am 28. August 2019

Am letzten Wochenende startete die dritte Staffel von “13 Reasons why”. Die erste Staffel gehörte zu dem Besten, was ich jemals an Serien gesehen habe, bei der zweiten Staffel war es dann schon schwieriger. Zur dritten Staffel sage ich jetzt mal noch nichts, weil ich nicht spoilern möchte, aber ich kann euch zumindest verraten, dass sie für mein Empfinden die schwächste von allen dreien ist. Der letzte Stand ist anscheinend, dass noch eine Staffel folgen wird und dann Schluss ist.

Damit wäre auch “13 Reasons why” eine Serie, die nicht übermäßig lang läuft, bevor ihr Ende eingeläutet wird. Während ich das Serienende in diesem Falle aber begrüßen würde, gibt es auch viele Serien auf Netflix, bei denen man sich fragt, wie man auf die Idee kommen kann, sie so schnell wieder aus dem Programm zu nehmen. Vermutlich sind wir aus dem linearen TV noch so konditioniert, dass wir glauben, lediglich der Erfolg entscheidet darüber, ob es weitergeht oder nicht.

Aber seit Streaming und seit Netflix sind die Regeln ein wenig anders, alles stellt sich ein bisschen komplizierter dar. Bei Basic Thinking ist jetzt Kollegin Vivien Stellmach der Sache mal auf den Grund gegangen und bröselt fein säuberlich auseinander, wieso sich Netflix oft so vorschnell wieder von Serien verabschiedet, selbst wenn sie eine große Anhängerschaft haben. Prominente Vertreter für diese Theorie: “The OA” streicht schon nach zwei Staffeln die Segel, “The Rain” und “Dark” bringen es auf drei Staffeln, “13 Reasons why” und auch “Stranger Things” hauchen ihr Leben immerhin erst nach der vierten Staffel aus.

Das liebe Geld

Ihr könnt es euch denken: Geld spielt bei der Entscheidung, ob man eine Serie weiterführt, eine wesentliche Rolle. Wenn ihr der Sache auf den Grund gehen wollt, stellt euch folgende Frage: Wie viele Menschen haben sich seinerzeit für die erste Staffel von “Stranger Things” einen Netflix-Account angeschafft – und wie viele tun es wohl für die vierte Staffel? Eben – deutlich weniger. Die Fanbase ist schon da, irgendwo unter diesen etwa 160 Millionen Kunden, die Netflix bereits hat. Sicher werden immer noch neue dazukommen, weil sie eben auch die alten Staffeln von “Stranger Things” dort sehen können. Aber im Wesentlichen lockt Netflix neue Kundschaft mit neuen Formaten. Fast 20 Milliarden US-Dollar gab Netflix allein 2018 aus, sowohl für neue Originals, aber auch für Zukäufe von anderen Serien.

Geld spielt aber auch darüber hinaus noch eine Rolle. Was ich vor dem Lesen des Basic-Thinking-Artikels selbst nicht wusste: Netflix soll eine Produzenten-Gebühr zahlen, die von Staffel zu Staffel exponenziell steigt. Selbst mit dem selben Konzept, der selben Story und dem selben Cast wird eine dritte oder vierte Staffel also deutlich teurer als die erste. Auch das kann also dazu beitragen, dass Netflix eine Serie trotz großer Beliebtheit in die Tonne haut und auf ein frisches Format setzt.

Wenn wir jetzt noch im Hinterkopf behalten, dass sich Netflix aktuell lediglich mit Amazon Prime als ernstzunehmendem Konkurrenten rumschlagen muss, in Kürze aber auch noch HBO Max, Disney+ und Apple TV+ dazu kommen, können wir uns vorstellen, dass der Streaming-Dienst auch für die nächsten Jahre mächtig investieren muss. Und da steht zu befürchten, dass man eine Serie eben nach zwei, drei Staffeln wieder absägt und mit neuen Serien frischen Wind in die Geschichte bringen will.

Umfrage: Netflix, Prime, Apple, HBO, Disney – welcher Streaming-Dienst macht das Rennen?

Warum ich diese Entwicklung gar nicht so schwarz sehe

Im Einzelfall gibt es natürlich auch immer wieder mal andere Gründe, wieso Netflix ein Format einstellt. Manchmal wird es vielleicht einfach von den Zuschauern nicht angenommen, manchmal sind die Konkurrenten wie HBO oder Disney Schuld, weil die sich künftig auf Serien stürzen könnten, die einmal bei Netflix erfolgreich liefen. So hat Netflix in relativ kurzer Zeit sämtliche Marvel-Serien aus dem Verkehr gezogen. Klar — wieso soll Netflix eine dritte oder vierte Staffel produzieren lassen, wenn zu befürchten steht, dass diese dann woanders erfolgreich weiterläuft.

Aber sei es drum: Auf einen Grund für eine kurze Laufzeit einer Serie sind wir noch gar nicht eingegangen und die ist zumindest für mich persönlich ausschlaggebend dafür, dass ich vielen Serien gar nicht nachweine, wenn sie nach drei, vier Staffeln Geschichte sind. “Geschichte” ist dabei auch direkt das Stichwort. Manchmal sind Serien nämlich einfach irgendwann auserzählt. Das Paradebeispiel dafür ist meines Erachtens wieder “13 Reasons why”. Die Buchvorlage endet mit dem Finale der ersten Staffel, danach hat die Serie eben nichts mehr mit dem eigentlichen Buch zu tun.

Was die Probleme von heutigen Teenagern angeht, halte ich “13 Reasons why” immer noch für wichtig. Aber die Geschichte war im Grunde mit der ersten Season erzählt. Man verliebt sich in viele Charaktere und wünscht sich dann oft leichtfertig, dass man noch mehr und noch mehr Stories sehen darf, die sich um diese Charaktere drehen. Dafür ist “Stranger Things” ein gutes Beispiel, wo ich jeder neuen Staffel begeistert und nervös entgegenfiebere. Aber auch hier glaube ich, dass das Format ein natürliches Verfallsdatum hat. Will man die Stars der Serie wirklich als Erwachsene sehen, die sich durch die Neunziger Jahre hangeln? Ich irgendwie nicht, weil der Charme der Serie auch ganz viel mit den Achtzigern zu tun hat.

Ob man Fan-Wünsche befriedigen möchte oder auch einfach nur eine erfolgreiche Serien-Kuh weitermelken möchte: Manchmal ist es einfach vernünftig, wenn Netflix hart bleibt und selbst schnell einen Schlussstrich zieht. Ich persönlich bräuchte zum Beispiel keine vierte Staffel von “13 Reasons why”. Der Spin der dritten Staffel hat den Machern jede Möglichkeit gegeben, die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen — mal sehen, wie es nun weitergeht.

Aber so Serien-Dinosaurier wie die “Simpsons” wird es vermutlich nicht mehr so häufig geben, auch nicht Formate wie “Friends” oder “How I met Your Mother”, die über zehn bzw. neun Staffeln liefen. Ausnahmen werden die Regel bestätigen, aber für mich persönlich ist es durchaus okay, eine Geschichte vernünftig in einer, zwei oder drei Staffeln zu erzählen und sie dann zu beerdigen. Wie seht ihr das? Könnte eine Show wie “Stranger Things” für euch ewig weiterlaufen oder seht ihr es wie ich? Und könnt ihr generell Netflix’ Strategie und Entscheidungen nachvollziehen?

via Basic Thinking