Neues Fairphone: … aber wollen wir überhaupt nachhaltige Smartphones?

Gestern wurde mit dem Fairphone 3+ ein neues Smartphone vorgestellt, welches für deutlich mehr Nachhaltigkeit steht als der Rest des Marktes. Aber wie viel wert legen wir tatsächlich auf Nachhaltigkeit? 

von Carsten Drees am 28. August 2020

Wenn wir über Nachhaltigkeit reden und dabei speziell auf Smartphones blicken, dann gibt es gleich mehrere Punkte, an denen man ansetzen kann:

  • Welchen Anteil der Bauteile kann man recyclen?
  • Unter welchen Bedingungen wurden die Rohstoffe gewonnen?
  • Wie sehen die Arbeitsbedingungen bei der Produktion aus?
  • Wie lange kann man das Smartphone nutzen?

Das sind jetzt mal vier Fragen, die mir auf Anhieb eingefallen sind und wenn ich weiter überlege, welches Unternehmen von sich behaupten kann, hier tatsächlich dafür zu sorgen, dass man die Fragen möglichst positiv beantwortet, fällt mir nur Fairphone ein. Die Niederländer mit Firmensitz in Amsterdam haben gestern ihr neuestes Modell vorgestellt — das Fiairphone 3+.

Wenn ihr auf den kurzen Clip blickt und den Vorgänger bereits kennt, wird euch aufgefallen sein, dass das Fairphone 3+ bis auf wenige Unterschiede das gleiche Smartphone ist wie das Fairphone 3 aus dem letzten Jahr.

Was bei jedem anderen Hersteller aber ein KO-Kriterium wäre, hat bei Fairphone jedoch Methode. Die Geräte sind modular, es können also einzelne Komponenten ausgetauscht werden. Genau das ist jetzt auch passiert, denn man hat kurzerhand dem Fairphone 3+ bessere Kameras verpasst. Der Vorgänger musste sich 8 MP bei der Selfie-Cam begnügen, jetzt sind es 16 MP. Hinten gab es einen 12-MP-Shooter im alten Modell, jetzt bietet man immerhin 48 Megapixel auf.

Das war auch bitter nötig, denn gerade die Kamera war ein Kritikpunkt des Smartphones aus dem letzten Jahr. Der Clou bei dem modularen System ist jetzt, dass man nicht zwingend ein Fairphone 3+ kaufen muss, wenn man bereits ein Fairphone 3 besitzt. Es reicht, sich die entsprechenden Module zuzulegen — und einfach ins alte Gerät einzubauen.

Die Module werden mittels Schrauben fixiert, können dadurch kinderleicht ausgetauscht werden. Knapp 60 Euro kostet die Hauptkamera, knapp 35 Euro die Front-Cam. Das bedeutet, dass ihr also für einen knappen Hunderter euer Smartphone vom letzten Jahr auf den aktuellen Stand bringen könnt.

Würdet ihr hingegen das neue Handset erwerben wollen, wärt ihr mit recht stolzen 469 Euro dabei. Das ist in der Tat eine Menge Holz, denn die Konkurrenz bietet in der Preisklasse nicht nur optisch deutlich attraktivere Alternativen, sondern stattet diese zudem technisch besser aus. Wer sich also ein Fairphone zulegt, weiß auf Anhieb, dass er technisch eher in der unteren Mittelklasse unterwegs ist, nicht so einen Hingucker sein eigen nennt — dafür aber besser schlafen kann.

Fairphone – das Smartphone fürs Gewissen

Wieso besser schlafen? Ganz einfach: Weil die Modularität des Geräts eben bei weitem nicht das Einzige ist, was in Sachen Nachhaltigkeit passiert. So ist der einzige Unterschied zum Fairphone 3 neben den Kamera-Modulen der auf 40 Prozent erhöhte Anteil an recyclebarem Kunststoff. Man verzichtet auf ein schickes Glas- oder Metallgehäuse zugunsten von Kunststoff. Das macht das Smartphone weniger attraktiv, aber eben auch nachhaltiger, weil die Produktion weniger Energie benötigt und die Materialien leichter wiederzuverwerten sind.

Das ist aber noch nicht alles: Es kommen faire Materialien zum Einsatz: Fair Trade Gold, der bereits erwähnte recycelte Kunststoff und konfliktfreie Mineralien. Es wird also nicht nur drauf geachtet, dass die Rohstoffe unter vernünftigen Bedingungen abgebaut werden, sondern dass das dafür entrichtete Geld nicht dazu genutzt wird, um beispielsweise im Kongo Kriege mitzufinanzieren. Über das Thema schrieben wir ja auch bereits:

Coltan: An fast all unseren Smartphones klebt Blut

Das alles wirkt sich natürlich negativ auf den Preis aus. Das ist schwierig mit Blick auf die Konkurrenz-Produkte, aber eben auch völlig nachvollziehbar. Zudem erklärt sich ein Teil des  Preises auch dadurch, dass ein bestimmter Beitrag pro Gerät direkt als “Living Wage Bonus” für die Fabrikarbeiter abgeführt wird. Das bedeutet also, dass das Einkommen der Menschen, die die Hardware zumeist in China zusammenschrauben, direkt aufgestockt wird.

Die Modularität schließlich sorgt dafür, dass man ein Display beispielsweise für 90 Euro selbst austauschen kann und dass man stets einen Ersatzakku dabei haben kann, den man flott gegen den anderen auswechselt. Auf diese Weise will man dafür sorgen, dass ihr so ein Smartphone eben nicht nur ein Jahr nutzt oder maximal zwei, sondern drei, vier oder noch mehr Jahre. Dazu passt, dass man Updates für fünf Jahre verspricht.

Jetzt die entscheidende Frage:

Ihr werdet mir hoffentlich zustimmen, dass dieses Konzept tatsächlich ein äußerst positives ist und das “Fair” im Namen alles andere als nur ein Marketing-Gag ist. Das Unternehmen aus den Niederlanden weiß, dass es immer noch Klippen gibt, die umschifft werden müssen, aber nichtsdestotrotz ist man in der Lage, ein solides Smartphone zu verkaufen, mit dem der Nutzer nachts guten Gewissens einschlafen kann.

Aber jetzt die Gretchenfrage: Wollen wir das überhaupt? Als Gesellschaft machen wir zweifellos Fortschritte, auch wenn das angesichts von Verschwörungstheoretikern, Nationalisten, Populisten, Impfgegnern, Coronaleugnern und und und manchmal nicht so wirkt. Aber zunehmend mehr Menschen achten auf die Umwelt, essen weniger Fleisch, greifen zu Hafer- oder Soja-Getränken statt zur Kuhmilch, steigen um auf E-Autos oder gar öffentliche Verkehrsmittel und vieles mehr. Es geht also voran — langsam, aber immerhin.

Aber wollen wir das auch bei Smartphones? So ganz ernsthaft? Sind wir bereit, mehr Geld zu investieren zugunsten eines Smartphones, welches weniger schön aussieht und technisch hinter der Spitze herhinkt, aber dafür fair und nachhaltig ist? Ich schaue hier gerade peinlich berührt auf meinen Schreibtisch, wo ein Huawei- und ein Samsung-Smartphone herumliegen.

Ich tue mich ganz ehrlich schwer damit, mir einen Wechsel zu einem Fairphone vorzustellen beim Gedanken, dass das Smartphone nicht so doll aussieht, weniger Leistung und Akkulaufzeit mitbringt, deutlich schwächere Fotos schießt und auch nicht so ein knackiges Display besitzt. Und ganz ehrlich: Ich fühle mich mies bei diesem reflektierten Blick auf mein Handeln. Es ist fast wie beim Fleisch: Man weiß um die miesen Bedingungen bei der Massentierhaltung, kommt aber dennoch nicht so richtig los vom Schnitzel.

Ähnlich verhält es sich beim Smartphone zumindest bei mir auch, was sich auf der einen Seite wirklich gerade mies anfühlt, auf der anderen Seite aber auch offen lässt. Meinen Fleischkonsum fahre ich immerhin auch langsam, aber kontinuierlich herunter, auf Kuhmilch verzichte ich auch — also vielleicht mache ich so eine Entwicklung ja auch noch bei den Smartphones durch. Das Problem, welches diesen Vergleich zwischen Fleisch und Smartphone zu einem etwas hinkenden macht: Man kann nicht nach und nach ein etwas faireres Smartphone nutzen. Entweder holt man sich ein Fairphone — dann ist man quasi der Veganer unter den Smartphone-Nutzern. Oder man entscheidet sich dagegen und hat ein Smartphone im Einsatz, welches unnötig viel Ressourcen verballert, teils aus Kriegsgebieten stammt, unter oft armseligen Bedingungen produziert wird und in zwei Jahren zum alten Eisen gehört.

Ein paar Abstriche würde ich da noch bei Apple machen, die bereits mehr für die Nachhaltigkeit tun als die meisten Konkurrenten, im Vergleich zu einem Fairphone kackt man mit dem iPhone dennoch deutlich ab. Vermutlich kann hier ein Wandel nur erreicht werden, wenn man durch Beiträge wie diesen hier immer wieder auf das Thema aufmerksam macht und wenn sich die Industrie dazu durchringt, selbst mehr und mehr auf fair gehandelte Rohstoffe zu achten, die Arbeitsbedingungen im Blick zu behalten usw. Da liegt noch ein weiter Weg vor uns — sowohl für die Industrie als auch für uns Konsumenten.

Ich geh mit einem unschönen Gefühl aus diesem Beitrag heraus. Weil ich weiß, dass ich mich falsch verhalte und weil ich weiß, dass es so circa 99 Prozent meiner Mitmenschen da draußen auch tun. Ich versuche mir aber vor Augen zu halten, dass auch kleinere Schritte mithelfen, dass sich Dinge verändern. Wenn ich weniger Müll produziere, mehr auf meine Lebensmittel achte usw, tue ich natürlich nichts dafür, dass sich die Bedingungen bei der Smartphone-Produktion verbessern oder irgendein Fabrikarbeiter in China fairer bezahlt wird. Aber vielleicht ist es ja zumindest schon mal ein kleiner Anfang, wenn wir uns angewöhnen würden, unsere Hardware einfach länger zu nutzen und nicht jedes Jahr aufs neueste Modell zu wechseln. Was meint ihr?