01 - Heimat
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Ich sitze im ICE. 120 Kilometer noch bis Hamburg. Der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und die mir stets so groß vorkam und doch viel zu klein. Ich war das Mädchen mit den Löchern in den völlig zerrissenen Jeans, die ihre Eltern schrecklich fanden und die falschen Jungs cool. Und auf eine gewisse Weise fühle ich mich manchmal heute noch irgendwie so.

 

Norddeutschland zieht vorbei. Es liegt im Nebel, Regen presst sich gegen die Scheibe des Zuges als versuchte er, alles in ungemütliche Nasskälte zu hüllen, auch uns hier drin, in diesem Schlauch, der sich durch das triste Bild einer grauen Vorweihnachtszeit schiebt, hinein in eine Stadt, die Hoffnung bedeutet und einen Hafen zur Welt hat. Und in der man doch so verloren sein kann und so einsam.

 

Hin und wieder ziehen Lichter vorbei, von Fabriken oder Häusern. Sie erhellen das Grau des Nebels vor meinem Fenster für Sekunden und tauchen die Welt draußen in ein verzerrt romantisches Bild von kalter Nässe, das irgendwie einladend wirkt und gleichzeitig traurig. Diese Lichter vor meinem Fenster rasen vorbei und es wirkt, als knipsen sie sich ein und aus. Der Zug schießt mich unbeeindruckt weiter Richtung Hamburg. In vielen Nächten ist die Große Freiheit kein Gefühl oder eine Lebensweise, sondern doch nur eine schummrige Straße am Kiez mit zwielichtigen Typen an den Türen von zweitklassigen Clubs. Und wenn es ganz schlecht läuft, ist das Dollhouse die Endstation.

 

 

Ich lehne mich zurück, schiebe einen dicken Strick-Cardigan über meine Schultern und vergrabe mich in meinem Sitz. Ich sinniere darüber, ob es Informationswert besitzt, dieser Beschreibung hinzuzufügen, dass dieser Cardigan hellbeige ist, von Stella McCartney und aus nachhaltiger Wolle aus Patagonien und dass man ihn, wenn man ihn ein mal anhat, am liebsten nie wieder ausziehen möchte, als könnte er Dich weich und behütet in eine bessere Zukunft schmeicheln. Ich entscheide mich dafür, dass man es kurz erwähnen könnte, immerhin habe ich den Ruf zu verlieren, dass ich mich in der Fashion-Branche auskenne und da kann so ein Namedropping sicher nicht schaden. Langsam erreicht der ICE die Gegenden, wo die Orte Heimfeld, Fischbek und Altenwerder heissen und die so provinziell anmuten und gleichzeitig so heimatlich.

 

#Hello2015 #HelloMobileGeeks #Gemütlichkeitsterror #TheBestIsYetToCome #StellaMcCartney

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Ich stelle fest, auf einem iPad Texte zu schreiben ist weniger hipster, als ich es mir in meiner Vorstellung ausgemalt hatte und so habe ich seit 400 Kilometern konsequent Facebook-Beiträge kommentiert, nutzlose Sachen bestellt und praktisch nichts zu (digitalem) Papier gebracht. Als ich mir überlegt hatte, dass so viele Menschen über Dinge schreiben, obwohl sie über keinerlei literarisches Talent verfügen, war es klar, dass mein stets aktiver narzisstischer Begleiter – mein Ego – mir einflüstern würde, dass ich das auch machen sollte. Und selbst nachdem ich einige Tage darüber nachgedacht hatte, war ich immer noch davon überzeugt, dass ich unbedingt die Welt teilhaben lassen müsste an meinen Gedanken. Und jetzt sitze ich hier, vor der ersten Kolumne, ohne Ziel. Selbst dieser ICE weiß genau, wann er wo sein möchte, was er erreichen möchte. Ich weiß nicht, was ich heute Abend noch erleben werde, wen ich treffen oder wohin mich dieser Ausflug zurück in die Vergangenheit bringen wird. Wie soll ich also irgendwas schreiben, das irgendwer lesen möchte? Etwas, das mehr als 140 Zeichen hat?

 

Aber ich habe getrommelt, also muss ich auch spielen. Ich bin jetzt in dieser Mobile Geeks Band. Und wir wollen Rockstars sein. Und auch wenn ich dachte, kein Talent, aber schreiben wollen, wie viele andere, das kann ich auch, habe ich unterschätzt, dass diese vielen vielleicht wenigstens etwas zu sagen haben. Oder Ahnung von etwas. Was kann also ich? Ich habe viel von der Welt gesehen, ich hatte Glück. Vielleicht werde ich Reisebloggerin? Ich mache auch dauernd bescheuerte Witze auf Twitter, die ein paar Hundert Menschen lustig finden und die dem Rest der Nation auf den Sack gehen. Vielleicht werde ich der Mario Barth des Techblogging-Kosmos?

 

Vielleicht entwickelt sich alles ganz anders und irgendwer liest das hier sogar. Vielleicht profitiere ich von einem guten Vorprogramm, wie die bescheuerten TV-Formate auf den Privatsendern, die sich keine Sau anschauen würde, aber die perfekt hinter ein sinnentstelltes Reality-Format platziert wurden, das Millionen von Deutschen Haushalten einschalten und dann einfach dran bleiben, weil sie zu viele Chips gegessen haben und zu träge sind zum umschalten, weil sie diskutieren, ob sie lieber die nymphomanische Y-Moderatorin oder den zu Gewalt in der Ehe neigenden Z-Schauspieler in der nächsten Woche Känguru-Hoden essen sehen wollen oder weil sie einfach eingeschlafen sind.

 

Sofern es dieses Phänomen auch im Internet gibt, habe ich gute Karten. So beängstigend gut sind meine Mitstreiter, auf ihrem Gebiet. Was sie schon erreicht haben. Sascha Pallenberg, Don Dahlmann oder Julian Heck, mit denen ich plötzlich in einem Atemzug genannt werde, das ist in etwa so, als würde man mich in ein Borussia Dortmund Trikot stecken und zwischen Marco Reus und Mats Hummels auf das Mannschaftsfoto stellen. Und dann stehst Du am ersten Spieltag plötzlich in der Startelf, der Trainer sagt: Los, Marie, Du spielst von Anfang an. Und, na ja, was dann passiert, liest Du hier ja gerade.

 

Hauptbahnhof Hamburg. Die Welten einer Großstadt treffen aufeinander. Auf Gleis 14 steht der Nachtzug nach Paris bereit, gegenüber aus der S-Bahn werden Horden von minderjährigen Partyjüngern auf den Bahnstein gespült, die alle viel zu große Caps viel zu schief auf dem Kopf tragen und nach ersten Interpretationen der Wortfetzen, die sie sich zuraunen, wenn sie kurz von ihren Smartphones aufschauen, mit ziemlicher Sicherheit alle “Digger” heissen. Ich stehe auf der Rolltreppe zur Wandelhalle, blicke noch mal kurz zurück und stelle fest: Das war sie also, meine erste Kolumne. Auf die Benotung im Kicker bin ich schon gespannt. Natürlich hat es erst mal niemandem etwas gebracht, sie zu lesen, aber ich verspreche, es wird nicht besser. Wenn also irgendwer Lust hat, jede Woche einige Minuten seiner kostbaren Zeit zu verschenken, ich werde da sein. So lange, bis irgendeine verrückte Schülerzeitung aus einem Vorort in Sachsen-Anhalt mir einen Preis für meine herausragende Leistung als Kolumnistin verleiht und ich endlich auf einer Bühne stehen, ein J.Lo-Kleid tragen und „Don´t Be Fooled By The Favs That I´ve Got, I´m Still, I´m Still Marie From The Blog“ singen kann.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Die von Mobile Geeks lassen mich ins Internet schreiben. Muss wohl so eine Art Charity sein.