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Nexar verwandelt euer Smartphone in eine Dashcam

Dashcams sind in Deutschland äußerst umstritten und werden dennoch stets beliebter. Nexar nennt sich eine App für iOS und Android, die aus jedem Smartphone eine solche Dashcam fürs eigene Auto macht. Der Preis für die Anwendung: Eure Daten!

von Carsten Drees am 5. Dezember 2016

Kennt ihr vielleicht auch diese unzähligen skurrilen Videos von russischen Straßen mit den schrägsten Verkehrsdelikten? Mag sein, dass man sich in Russland im Straßenverkehr vielleicht generell ein wenig unorthodoxer bewegt, als das in dem ein oder anderen Land der Fall ist, das erklärt aber nicht, wieso so viele Clips von Verkehrsunfällen, merkwürdigen Manövern und Überholvorgängen aus Russland kommen.

Vielmehr ist das der Tatsache geschuldet, dass Dashcams dort äußerst beliebt sind: Kameras, die hinter der Windschutzscheibe befestigt werden und all das aufzeichnen, was sich vor einem auf der Straße ereignet. Gesetz der Zahl also: Je mehr Videos gefilmt werden, desto höher die Chance, dass so etwas im Netz landet. YouTube ist jedenfalls voll mit Videos dieser Art und sogar ganzen Compilations mit mehr oder weniger spannenden gesammelten russischen Werken.

In den USA entwickelt sich dieser Trend ganz ähnlich, nicht so aber in unseren Gefilden. Zwar steigt auch in Deutschland die Zahl derjeniger, die eine Dashcam nutzen, rechtlich begibt man sich damit aber auf dünnes Eis. Das Problem dabei: Die Autos werden inklusive Kennzeichen erfasst, natürlich ohne die Einverständniserklärung des jeweiligen Fahrzeughalters. Das geht klar, wenn ihr lediglich für euer Home-Video den Road Trip dokumentiert, aber es sieht anders aus, wenn ihr solche Videos veröffentlicht oder sie im Falle eines Unfalls als Beweis einsetzen möchtet. Der ADAC schreibt dazu:

Die obersten Datenschutz-Aufsichtsbehörden verbieten offiziell den Einsatz der Dashcams, soweit deren Verwendung nicht ausschließlich für persönliche oder familiäre Tätigkeiten erfolgt.

Die grundsätzliche Situation wird hier vom ADAC erklärt, wobei sich die Gerichte dabei auch nicht so ganz einig sind, wie ihr ebenfalls beim ADAC nachlesen könnt. Zumeist werden Aufnahmen der Kameras nicht als Beweis zugelassen, aber es gab auch schon  anders lautende Entscheidungen, so dass die Rechtssprechung hier uneinheitlich ist.

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Nexar – macht euer Smartphone zur Dashcam

Die Einleitung war nötig, weil ich euch nämlich eine App vorstellen möchte, die jedes Android-Smartphone oder iPhone zur Dashcam macht und darüber hinaus auch noch ein wenig mehr auf dem Kasten hat als die bloße Aufnahme des Verkehrs vor euch.

Wieso eine Kamera anschaffen, wenn ihr doch eh meistens eine bei euch habt im Smartphone? Das ist wohl der Grundgedanke, der hinter Nexar steckt. Android 4.1 oder iOS 9.0 sind die Voraussetzungen, ebenso natürlich die rückseitige Cam am Smartphone und eine entsprechende Halterung fürs Handset – dann könnt ihr direkt loslegen, eingeloggt wird sich in die App via Facebook-Account oder Telefonnummer.

‎Nexar - AI Dash Cam
‎Nexar - AI Dash Cam
Entwickler: Nexar Inc.
Preis: Kostenlos+
  • ‎Nexar - AI Dash Cam Screenshot
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Eigentlich könnte der Artikel jetzt zu Ende sein mit dem Hinweis, dass die App kostenlos ist, aber da sind noch ein paar Punkte, die die Anwendung gleichzeitig interessant und vielleicht auch ein bisschen bedenklich machen. Nexar verfolgt nämlich einen komplexeren Ansatz und nutzt auch die anderen im Smartphone verfügbaren Sensoren. Das bringt euch diverse Vorteile, denn auf diese Weise habt ihr nicht nur das möglicherweise fehlerhafte Verhalten des Vordermanns festgehalten, sondern bekommt auch weitere Infos zum Fahrverhalten, Beschleunigung etc geliefert.

Using machine learning and computer vision, the Nexar app interprets the direction, speed, and acceleration of every car it sees and paints a real-time picture of the road conditions, based on the data from every sensor in the phone, such as gyroscope, accelerometer, GPS magnetometer, and camera.

Ihr bekommt angezeigt, wenn euer Vordermann beispielsweise hart in die Eisen geht, wenn irgendwo vor euch ein Unfall passiert ist und ihr könnt die App auch zusammen mit eurer bevorzugten Navi-App nutzen. Ihr könnt übrigens auch die Front-Cam nutzen, was gerade bei Uber- oder Taxifahrern spannend sein könnte. Das richtige Smartphone vorausgesetzt, könnt ihr sogar beide Kameras simultan nutzen.

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Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, wenn all eure Daten in die Cloud gehen? Ein Vorteil sicher, wenn es um den Speicherplatz auf dem Smartphone geht – der Preis dafür ist aber, dass all das, was erfasst wird, auf den Nexar-Servern liegt. Die Videos können übrigens nachträglich dann auf den sozialen Netzwerken geteilt oder auch im entsprechenden Fall an die Versicherung geschickt werden – zum rechtlichen Hintergrund in Deutschland sage ich ja oben bereits was.

Die App wird von Nexar – übrigens ein israelisches Start-Up – als allererste AI Dashcam angepriesen, es wird also auf künstliche Intelligenz und Machine Learning gesetzt. Dadurch, dass alle Daten der Nexar-Nutzer in die Datenwolke geht, kann auch alles miteinander abgeglichen werden und kommen der Community zugute. Aber wie gesagt: Ihr filmt nicht nur den Wagen vor euch, sondern sammelt darüber hinaus auch Informationen: Kennzeichen können erkannt und ausgelesen werden und wenn besonders waghalsige Manöver, das Fahren über eine rote Ampel oder Unfälle erkannt werden, wird das auch explizit diesem Fahrzeug zugewiesen.

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Die Vision: Jeder Fahrer erhält ein Profil und wird bewertet

Was bedeutet das? Wie Wired berichtet, sind in Tel Aviv und in den USA in San Francisco und New York über fünf Millionen Fahrmeilen mitgeschnitten worden. Allein in der Bay Area in Kalifornien sind 45 Prozent aller registrierten Fahrzeuge identifiziert und bewertet worden, in Manhatten immerhin 30 Prozent aller Autos. Ist euer Vordermann also ein typischer Crash-Fahrer, wird euch die App darauf hinweisen können.

Geht es nach Nexar, soll irgendwann jeder Autofahrer erfasst sein mit einem Profil, welches sich aus den gesammelten Daten speist. Schön, wenn man per Video beweisen kann, dass man einen Unfall nicht verschuldet hat, aber wollt ihr auch, dass jede von euch überfahrene rote Ampel und jegliches Übertreten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in ein solches Profil einfließt?

Für Versicherungen ist das natürlich hochinteressant und die werden sich auf die Erkenntnisse stürzen und auch die Verkehrsplanung soll davon profitieren. Die Frage ist dabei aber nun mal, ob ihr das wollt, dass all das u.a. mit den von euch gesammelten Daten geschieht und diese auch an Dritte weitergegeben werden können. Wir fragen mal ganz konkret: Würdet ihr Nexar nutzen unter der Voraussetzung, dass der Einsatz der App in Deutschland rechtlich unbedenklich wäre? Sagt es uns in unserer Umfrage und bedenkt dabei auch, dass der Mehrwert voraussetzt, dass auch viele andere Autofahrer Nexar nutzen – und dass ihr natürlich den Datenplan eures Handyvertrags im Blick behalten solltet, wenn fleißig Daten getrackt werden:

Quellen: spectrum.ieee.org und Android Police