Nintendo erfüllt letzten Wunsch: Einmal „Zelda: Breath of the Wild“ zocken

Ein einziges Mal nur das neue "Zelda: Breath of the wild" spielen - der sehnlichste Wunsch des todkranken Gabe Marcela. Nintendo erfüllte ihm diesen Wunsch.
von Carsten Drees am 10. Februar 2017

Stellt euch vor, ihr seid draußen in der Natur. Rennt über scheinbar unendlich große Wiesen, erkennt in der Ferne die Silhouette eines mächtigen Gebirges. Ihr rennt – bis ihr euch irgendwann erschöpft aber glücklich ins Gras fallen lasst. Ihr schließt die Augen, aber eure Sinne arbeiten weiter auf vollen Touren: Ihr hört den Gesang der Vögel, könnt das Gras und die Blumen um euch riechen und spürt die Sonnenstrahlen auf der Haut.

Und jetzt stellt euch vor, wie sich die Gewissheit anfühlen muss, all das nie mehr spüren zu können. Und damit meine ich nicht dieses Nicht-Können im Sinne von „ich hänge viel zu oft hier in der Stadt auf meiner Couch und kriege auch in der Freizeit meinen Hintern nicht hoch“, wie es der Autor dieser Zeilen ab und an verspürt, sondern Nicht-Können im Sinne von: „Mein Körper ist nicht mehr in der Lage, über eine grüne Wiese zu rennen“.

Genau an diesem Punkt war Gabe Marcela angelangt. Genau genommen war Gabe nie an einem anderen Punkt, denn er kam mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt: Mit lediglich einer einzigen Herzkammer und die Mitte des Herzens fehlte komplett. Drei Wochen nach seiner Geburt wurde er bereits zum ersten Mal operiert und zwischen dieser OP und seinem dritten Geburtstag lagen viele weitere Eingriffe – und bereits ein erster Schlaganfall! Schon früh stand fest, dass es für ihn keine Heilung gab und aufgrund von Komplikationen bei den chirurgischen Eingriffen war ausgeschlossen, dass jemals eine Herztransplantation für ihn infrage käme.

Ihr könnt euch denken, welche Lebensprognose ihm die Ärzte machten: Jemand in seinem Zustand konnte sich schon darüber freuen, wenn er überhaupt das Teenager-Alter überlebt. Gegenüber Vice erklärt Gabes Bruder Jaime, dass dieses Herz immer viel härter dafür schuften musste, um dafür zu sorgen, dass der Körper einigermaßen so funktioniert wie der Körper eines Menschen mit einem normal arbeitenden Herzen.

Gabe (rechts) spielt mit seinem Bruder Jaime (links).

Gabe hatte immer zu wenig Sauerstoff im Blut, verglichen mit einem gesunden Menschen kam er seit der Junior High School lediglich auf 88 Prozent Sauerstoff, bis zum letzten Jahr sank der Wert weiter bis auf nur noch 70 Prozent, 2016 – Gabe war mittlerweile schon 26 Jahre alt – schließlich auf 60 Prozent. Diese Unterversorgung war Schuld daran, dass Gabe immer weniger Dinge tun konnte. Selbst das Treppensteigen zuhause war für ihn ein Vorgang, den er nicht mehr ohne Weiteres mehrfach am Tag stemmen konnte, letzten Endes reichte sogar das bloße Herumsitzen dafür, dass er buchstäblich außer Atem war.

Erinnert euch jetzt zurück an das Bildnis am Anfang. Das Rennen über eine endlose Wiese und das Erforschen der Umgebung. Jemand, der von Geburt an so sehr in Watte gepackt werden muss, macht diese Erfahrungen wohl niemals in seinem Leben. Kein Wunder also, wenn er sich in Fantasiewelten flüchtet, zum Beispiel in Spielewelten. Dinge wie Fangen oder Fußball-Spielen waren für ihn in weiter Ferne, aber vorm heimischen Fernseher sitzen und Konsolenspiele zocken – das ging.

Dort verbrachte Gabe über die Jahre viel Zeit und tauchte in Pixel-Welten ein, in denen er all das machen konnte, was ihm im wirklichen Leben auf Dauer schwer fiel oder komplett verwehrt blieb, egal ob es Laufen, Springen oder sonstwas war. Vorübergehend halfen ihm zwischendurch die Operationen, dass sein Körper sich zumindest für einen kurzen Zeitraum halbwegs normal anfühlte, aber wirklich entfalten konnte er sich nur beim Spielen seiner Lieblings-Games.

Er spielte alles, was ihm in die Finger kam, egal welches Spiel oder welches System. Aber schon früh zeichnete sich ab, dass Nintendo mit seinen Spielen für ihn etwas Besonderes war. Seine Mutter erklärt, dass er sich mit der Spielerei von der harten Realität ablenken konnte, Abenteuer bestand und schon früh begann, sich mit ersten Charakteren zu identifizieren – Charaktere wie Link aus „Legend of Zelda“. Sein Bruder sagt:

I recall sitting in front of the living room TV in the early 90s playing Super Mario 2, Excitebike, and The Legend of Zelda. He was pretty young at the time and didn’t really know what was going on, but that’s where it all started. […] I remember playing through Link’s Awakening and being annoyed at my brother pestering me to play. Any chance he got to enter that world, he was mesmerized. I’m pretty sure he erased my file so that he could play at some point. I don’t think he really knew much of what he was doing but he just loved exploring.

Sein großer Wunsch: Ein einziges Mal nur „Legend of Zelda: Breath of the wild“ spielen

Noch wichtiger wurde das Gaming, als sein Bruder Jaime vor zehn Jahren nach New York zog. Beide spielten fortan online zusammen, so wie Final Fantasy XIV im letzten Jahr. Legend of Zelda war aber das Spiel, welches Gabe sein ganzes Leben begleitete, ihm sehr viel bedeutete und ein Fixpunkt in seinem sonst wenig schönen Leben wurde. Ihr könnt euch seine Begeisterung vorstellen, als die Entwicklung von „Legend of Zelda: Breath of the Wild“ angekündigt wurde.

Seine große Hoffnung im letzten Jahr: Es irgendwie auf die Gaming-Convention PAX schaffen, auch wenn es nur für einen Tag ist. Sein Zustand hatte sich im letzten Jahr dramatisch verschlechtert, zudem nahm er krankheitsbedingt sehr stark zu, zuletzt sogar 15 Kilo in nur einer Woche. Er hatte aber dennoch vor, die Convention mit seiner Familie zu besuchen, denn er wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt und vielleicht wäre das Event seine einzige Chance, jemals im Leben „Breath of the wild“ zu spielen.

Er war auch tatsächlich dort und stand nicht nur einen Tag durch, sondern die kompletten vier Tage. Leider aber wurde das Spiel dort nicht vorgeführt – aus seiner großen Hoffnung wurde also nichts. Das war dann der Moment, in welchem seine Mutter aktiv wurde: Sie kontaktierte Nintendo mehrmals, um zu erfragen, ob es eine Möglichkeit gäbe, das Unternehmen zu besuchen und ihn eine Runde spielen zu lassen. Das US-Headquarter von Nintendo befindet sich in Redmond – nicht weit vom Wohnort Gabes entfernt und er war erfahren darin, noch nicht finale Spiele zu zocken – ein bug-beladenes, nicht finales Zelda hätte ihn also nicht gestört.

Aber Nintendo antwortete leider nicht. Daraufhin zündete sein Bruder Jaime die nächste Stufe, indem er es online probierte. Immer wieder hörte man von Kampagnen, die für genügend Aufmerksamkeit sorgen, um erstaunlichste Dinge zu ermöglichen. Er erzählte sein Anliegen in einem Posting bei Reddit – und erntete ungeahnt viel Feedback und es gab große Anteilnahme am Schicksal seines Bruders.

Während Jaime noch überlegte, was er noch unternehmen konnte, um mit Nintendo in Kontakt zu kommen (er wollte eine Petition initiieren und noch einen Beitrag bei Facebook veröffentlichen), nahm das Social Media-Team von Nintendo bereits Kontakt zur Familie auf und versprach, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um Gabe seinen Wunsch zu erfüllen. Jaime traf sich daraufhin mit seinem Bruder, erzählte ihm von dem Reddit-Post, von Nintendos Reaktion und auch von den unzähligen Kommentaren, die Anteil an Gabes Schicksal nahmen. Nachvollziehbar, dass er gerührt in Tränen ausbrach, als ihm sein Bruder einige dieser Kommentare vorlas.

Jaime (links) beim Essen mit Gabe (rechts) und beim Überbringen der guten Nachricht von Nintendo

Besuch bei Nintendo

Einige Wochen später war es dann so weit: Gabe und seine Mama machten sich auf den Weg zum Nintendo Headquarter in Redmond. Beide wurden von Nintendo-Mitarbeitern schon freudig erwartet und auch angemessen begrüßt:

Es gab natürlich eine ausführliche Führung durch die Anlage und Gabe durfte sogar die Konferenzräume besichtigen. Die Nintendo-Mitarbeiter nahmen sich viel Zeit für ihn, führten ihn nicht nur herum, sondern nahmen ihm zum Essen auch mit in die Kantine, standen für seine Fragen zur Verfügung und hatten auch einen Zelda-Rucksack für ihn und weitere Geschenke wie zum Beispiel ein signiertes Poster. Selbst ein italienischer Klempner schaute vorbei und ließ sich mit Gabe ablichten.

Das Wichtigste fand natürlich auch statt: Gabe durfte eine noch nicht fertige Version von „Breath of the wild“ zocken – als einer der allerersten Menschen auf diesem Planeten und lange, lange, bevor wir alle Hand an das Spiel legen dürfen. Er verbrachte einen unglaublichen Tag bei Nintendo und nicht nur sein Bruder dürfte sehr gerne auf das Foto blicken, welches Gabe zeigt, während er das nagelneue Zelda-Spiel zockt und dort die Welt erkundet, was ihm im wirklichen Leben zumeist verwehrt blieb.

He was, in that game, what he was not in life, I could go out walking and Gabe could not join me. When I did, I thought about the fact that he could not get the benefit of fresh cool air and the freedom of just walking in our wooded neighborhood. When I saw the Zelda game, I realized that this was the wonderful world he wanted. Anita, Gabes Mutter

Wie so oft im Leben fehlt ein ganz wichtiger Teil der Geschichte: Das Happy End! Am 14. Januar dieses Jahres ist Gabe seiner Krankheit erlegen – das Herz kam mit dem Körper einfach nicht mehr zurecht. Trotz seiner Krankheit kam sein Tod überraschend, aber er schlief zumindest friedlich ein. Diesen einen Tag im letzten Jahr konnte ihm aber niemand nehmen und ich hoffe inständig, dass die Karma-Polizei ein Auge auf seine Familie, aber auch auf all die beteiligten Nintendo-Menschen geworfen hat, die ihm seinen letzten Wunsch erfüllten.

Wir alle wissen nicht, was mit uns passiert, nachdem wir das irdische Leben hinter uns lassen und ich muss gestehen, dass ich als Agnostiker nicht an das Paradies glaube. Sollte es aber einen Gott und sein Paradies geben, dann rennt Gabe vermutlich zusammen mit Link durch unendlich große Landschaften und erlebt ein Abenteuer nach dem nächsten.

Quelle: Waypoint via Destructoid

Alle Fotos: Jaime Marcelo