Kommentar
Noch ein iPhone X: Hey, Android-Hersteller – könnt ihr nicht oder wollt ihr nicht?

Motorola stellt ein neues Mittelklasse-Smartphone vor und es interessiert mich einfach nicht mehr. Es sieht aus wie das iPhone X  und ist bestimmt wirklich okay - aber ich kann es mir nicht mehr reinziehen. 

Vermutlich habt ihr es schon gemerkt: Der Anteil an Smartphone-Themen auf dem Blog hat sich zuletzt ziemlich reduziert. Natürlich haben wir ein Auge drauf, wenn das Smartphone-Schwergewicht Samsung das Galaxy Note 9 vorstellt, ein neues iPhone enthüllt wird, oder ein anderes Smartphone uns die Chance gibt, eine besondere Geschichte mit einem speziellen Spin zu erzählen.

Aber wir möchten nicht mehr jedes x-beliebige Budget- oder Mittelklasse-Modell vorstellen oder testen und euch im Review dann in 2.000 Wörtern erklären, dass es genauso ist wie sein Vorgänger, nur ein bisschen besser und ein bisschen flotter. Das langweilt uns zu Tode und ich könnte mir vorstellen, vielen von euch geht es ebenso.

Falls ihr das anders seht, kann ich das natürlich auch verstehen. Viele Leser möchten gerne auf dem Laufenden bleiben, was der Smartphone-Markt gerade hergibt und sich über möglichst viele Modelle einen Eindruck verschaffen, bevor man sich ein neues Handset anschafft. Das ist euer gutes Recht und zum Glück gibt es genügend gute Seiten im Netz, auf denen ihr umfassend informiert werdet.

Aber für mich persönlich — oder für uns hier auf dem Blog — ist diese Smartphone-Geschichte langsam irgendwie auserzählt. Die Geräte werden wahrlich immer besser und sowohl beim Design als auch bei der verbauten Technik oder den Funktionen ist immer mal wieder was dabei, was einen aufhorchen lässt.

Aber im Wesentlichen ist es doch in deutlich über 90 Prozent der Fälle lediglich eine Art Produktpflege. Man packt einen aktuelleren Prozessor rein als im letzten Jahr, hat eine neuere Android-Version drauf (zumindest manchmal, toi toi toi!), eine Cam, die nun noch besser Fotos bei schlechten Lichtbedingungen machen kann und noch ein bisschen weniger Rand ums Display herum.

Das ist jetzt gar nicht mal Kritik am Hersteller, denn mal ehrlich: Wenn Samsung oder Apple ein Flaggschiff auf den Markt bringen, welches sich — auch oder gerade wegen des Designs — wie geschnitten Brot verkauft, müssten sie ja schön behämmert sein, im nächsten Jahr ein komplett anderes Gehäuse zu gestalten.

Dass die Technik von Jahr zu Jahr auch keine so großen Sprünge macht, die eine jährliche teure Neuanschaffung rechtfertigt, kann man denen auch nicht vorwerfen. Wären sie ehrlich, würden sie uns vielleicht nur alle zwei Jahre ein neues Modell in der Spitzenklasse präsentieren. Aber sogar hier verstehe ich die Unternehmen, denn sie arbeiten nun mal wirtschaftlich und sind auf Umsatz bedacht — auch deshalb also kein Vorwurf.

Aber es gibt eben doch was, was mich gerade echt stinkig macht und was mir das letzte bisschen Lust, über neue Smartphones zu berichten, endgültig nimmt: Es ist diese “Gehen wir mal auf Nummer sicher und bauen was, was so aussieht wie die Dinger aus Cupertino“-Nummer!

Wir haben angefangen über Smartphones zu schreiben, als es noch billigste Ramsch-Handys waren, die da in China zusammengelötet wurden. Irgendwelche White-Label-Klitschen haben damals einen Haufen billigsten Elektrokram in ein Plastikgehäuse geschüttet und lediglich darauf geachtet, dass besagtes Plastikgehäuse ein wenig nach iPhone aussah.

Die Dinger sahen aus wie aus dem Überraschungsei und genau so viel taugten die auch. Jetzt sind wir etwa ein Jahrzehnt weiter und längst sind chinesische Hersteller wie Huawei, Xiaomi, Vivo und OPPO echte Schwergewichte, die allesamt in der Lage sind, hochklassige Technik in bestens verarbeiteten Gehäusen unterzubringen.

Eine gewisse Affinität zu Apple ist gerade bei chinesischen Herstellern auch heute immer noch festzustellen, sowohl beim Design der Geräte, als auch beim Software-Design. Aber manches mal ist es eben nicht “eine gewisse Affinität”, sondern eher etwas, bei dem der Begriff “Copycat” noch ein wohlwollender wäre.

Eine Notch? Etwas besseres fällt euch nicht ein?

Das beste Beispiel dafür ist die Notch getaufte Einkerbung am oberen Display-Rand. Das ist bei Apple aus der Not geboren! Man wusste sich nicht anders zu behelfen und hat das dann einigermaßen pfiffig gelöst. Die Jungs haben auf den Fingerabdrucksensor verzichten müssen/wollen, also musste eine andere Lösung zum Entsperren her.

Also hat Apple aufwendige Technik für sein Face ID ins obere Smartphone gepackt und dafür einen Teil des Displays ausgespart. Sieht merkwürdig aus, stellt die App-Entwickler vor Schwierigkeiten, aber gut — immerhin hat man somit ein Display, welches fast die komplette Front einnimmt. Und dann kommen all die Nachahmer und hauen sich ebenfalls so eine Kerbe ins Panel.

Wenn die Begründung eine ähnliche wäre, könnte ich es ja noch verstehen. Aber weder haben die eine so komplizierte Gesichtserkennung an Bord, noch sind die Ränder oben und unten so schlank, dass man zwingend auf eine Notch setzen müsse. Ich glaube, wenn Apples Jony Ive in einer Vollsuff-Nacht beschließen würde, dass das nächste iPhone ein riesiges Loch mitten im Display haben soll, damit man das Smartphone schön am Gürtel tragen kann, selbst dann würden es irgendwelche Android-Hersteller im nächsten Jahr auch so machen!

Motorola P30 – oder auch: “Oh, unsere gesamte Design-Abteilung hat gerade Urlaub”

Verdammt, ich wollte nur kurz ein paar Worte über ein neues Mittelklasse-Smartphone erzählen, schreibe mich aber gerade wieder so ein bisschen in Rage und dann schweife ich noch mehr aus als ich es sowieso schon tue. Reden wollte ich über eine dreiste iPhone X-Kopie, die auch dieses mal wieder aus China stammt, wenngleich das Unternehmen — Motorola — in einem früheren Leben mal ein US-Unternehmen war.

Motorola hat gestern das P30 vorgestellt, welches mit 6,2 Zoll Display, Snapdragon 636, 6 GB RAM, bis zu 128 GB Speicher und Dual-Cam für ein Mittelklasse-Handset recht ordentlich ausgestattet ist. Dass ich dennoch keine Lust habe, viel mehr über dieses Smartphone zu erzählen, liegt an den Dingen, die ich oben schon angesprochen habe und daran, dass man sich so dreist wie kaum ein anderer bekannter Smartphone-Hersteller das iPhone X als Vorlage auserkoren hat:

Die Notch ist nahezu identisch groß, obwohl man die selbstverständlich deutlich kleiner bauen kann, auf der Rückseite erinnert inklusive der Platzierung der Dual-Cam alles ans iPhone X und selbst beim Wallpaper macht Lenovo-Tochter Motorola nicht Halt und bietet einen Hintergrund mit ganz ähnlichen Farbverläufen an.

Das ist eben dann nicht mehr Copycat-Level: “Ist geklaut, merkt hoffentlich keiner”, sondern absichtlich so angelegt, dass man es auf den ersten Blick mit einem iPhone X verwechseln soll. Das ist schade, weil Lenovo/Motorola das nicht nötig hat Es ist ein solides Smartphone, welches auch in einem nicht abgekupferten Design funktionieren würde und gerade Motorola hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass man durchaus innovative Ideen hervorbringt und sich eine eigene Identität erarbeitet hat.

Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt sein, dass das P30 auch in einer Ausführung zu haben ist, bei dem das Gehäuse einen sehr interessanten Farbverlauf vorweisen kann. Der changiert von einer Art Türkis-Blau zu Lila und das erinnert zur Abwechslung mal nicht an Apple, sondern an Huawei, die so etwas mit dem P20 Pro vorgemacht haben. Bei Huawei hat man die Farbvariante “Twilight” getauft, Motorola nennt es “Aurora”.

Das Smartphone ist voraussichtlich nur für den heimischen Markt in China gedacht und wenn man dann weiß, dass umgerechnet gerade einmal etwa 270 Euro fällig werden fürs P30, hat Motorola vermutlich alles richtig gemacht: Zu Kopien haben die Chinesen eh ein ganz anderes Verhältnis als wir, das iPhone X ist sehr beliebt dort und Motorola bietet demzufolge eine sehr preisgünstige Android-Alternative, die aussieht wie das Original.

Links das Motorola P30, rechts das Apple iPhone X

“Alles richtig gemacht” werden vermutlich viele denken, aber da sind wir eben wieder bei dem, was einen antreibt: Für Lenovo war es voraussichtlich der Antrieb, einen günstigen iPhone X-Klon für Android-Fans zu basteln. Mich treiben bei der Schreiberei andere Dinge ab und wenn dann recht beliebige Technik in ein komplett geklautes Design gepackt wird, habe ich wenig Lust, in gewohnter Manier einen “Unternehmen X hat Smartphone Y vorgestellt”-Artikel zu verfassen.

Nochmal: Natürlich schreiben wir weiter über Smartphones und auch ich werde immer wieder Beiträge zu unseren smarten Begleitern veröffentlichen, aber was Allerwelts-Smartphones mit Allerwelts-Design angeht, geht mir langsam die Puste aus und ja — das liegt ganz sicher auch an Handsets wie dem P30.

Ich habe ein paar Gründe oben angeführt, bei denen man den Herstellern keine große Vorwürfe machen kann, mir aber dennoch die Begeisterung fürs Thema nehmen. Aber gerade, wenn einem Unternehmen beim Entwerfen durch die technischen Möglichkeiten und den Marktgegebenheiten Grenzen gesetzt werden, sollte man doch wenigstens beim innovativer vorgehen. Ich beschäftige mich noch ein wenig mit der Frage, ob es die Hersteller von Android-Smartphones einfach nicht besser können, oder ob sie es einfach nicht wollen, weil sich ein iPhone-Klon ja irgendwie immer verkauft. Ihr könnt mir ja in den Comments auf die Sprünge helfen – oder mich auch gern beschimpfen dafür, dass mich der größte Teil der aktuellen Smartphones einfach nur noch langweilt.

via Areamobile.de