Kommentar

NWO, QAnon, Verschwörungstheorien: Sollten wir uns die Witze sparen?

Heute ist der 15.5. -- anscheinend für eine gewisse Gruppe von Menschen ein besonderer Tag. "Impfzwang" ist eines der Stichworte dazu. Sollten wir aber tatsächlich so viele Witze über Verschwörungstheoretiker und ihre kruden Thesen machen? 

von Carsten Drees am 15. Mai 2020

Der heutige 15. Mai ist ein Tag, dem sehr viele Menschen mit Spannung entgegen gesehen haben. Spätestens, seit der vegane Koche Attila Hildmann öffentlich komplett freidrehte, geistert dieses Datum durchs Netz. Ihr seid vermutlich im Thema, dennoch hier nochmal die Äußerung Hildmanns, die den Stein medial ins Rollen brachte:

Er bezieht sich da auf die QAnon-Verschwörungstheorien. Laut diesen Theorien will der “Deep State” eine neue Weltordnung einläuten und lediglich Donald Trump kann das verhindern. Spätestens an dieser Stelle müsste es eigentlich auch hartgesottenen Flacherdlern zu blöd werden. Aber es wird noch absurder, weil hier auch noch ein Kinderschänder-Ring mit Barack Obama und Hillary Clinton (googelt Pizzagate) an der Spitze eine Rolle spielt und ein Wirkstoff namens Adrenochrom, der aus Kinderblut gewonnen würde. Wer in diesem Verschwörungs-Sumpf so tief eingesunken ist wie Attila Hildmann oder Xavier Naidoo, geht auch davon aus, dass diese Kinder derzeit — auch in Deutschland — von Trumps Soldaten aus unterirdischen Verließen befreit werden.

Es gibt noch massig mehr Theorien, die gerade unangenehm oft erwähnt werden: Da ist natürlich Bill Gates, der die ganze Menschheit zwangsimpfen will — eine Impfung, bei der uns ein winziger Chip verpasst wird. Auch die 5G-Technologie spielt immer wieder eine Rolle und immer öfter werden verschiedene dieser Verschwörungstheorien auch miteinander verknüpft.

Bildquelle: Ruhrbarone

Darüber mag ich heute aber nicht mit euch reden. Ihr findet Millionen Seiten im Netz, die sowohl diese kühnen Thesen raushauen und ebenfalls genügend Faktenchecks, die sie widerlegen. Noch häufiger als Anhänger dieser Theorien finden wir heute aber Leute, die sich über die Verschwörungstheoretiker lustig machen.

Es ist wie so oft im Netz: Am Anfang ist ein Gag noch irgendwie lustig, aber spätestens beim zehnten mal nervt es und hat auch nicht mehr den gewünschten Effekt. Der Tag heute erinnert mich fast ein wenig an Tage wie Weihnachten: Da sehe ich den ganzen Tag Fotos von Weihnachtsbäumen und gedeckten Tischen und Schilderungen, wie vollgefressen man exakt ist.

Heute geht es eben nicht um Geschenke und Festessen, sondern um das Datum, an dem einigen Leuten zufolge ein Impfzwang kommen soll, die NWO greift usw. Dementsprechend habe ich heute schon unzählige Postings gesehen, die sich daran abarbeiten und offensichtlich glaubt jeder Einzelne der Leute, dadurch mindestens das Humor-Level eines Dave Chappelle erreicht zu haben — es sind in Wahrheit aber die immer gleichen Gags, die heute x-mal wieder und wieder gepostet werden.

Der Punkt ist aber nicht, dass ich es längst meistens unlustig finde, Witze über Hildmann, Soost und Co zu machen (manche Sachen wie die Kinder-Xavier-Memes finde ich eigentlich nach wie vor lustig ^^).

Schließlich bin ich ja nicht der Nabel der Comedy-Welt und Leute haben glücklicherweise unterschiedliche Geschmäcker und unterschiedliche Arten von Humor — alles gut. Mir geht es vielmehr darum, dass ich das Gefühl habe, dass wir diesen Verschwörungstheoretikern auf diese Weise längst viel zu viel Bedeutung beimessen.

Stop Making Stupid People Famous!

Der Satz ist nicht neu und auch nicht in jedem Fall wahr. Beim Thema Verschwörungstheorien hingegen passt er perfekt: Wir müssen aufhören, Idioten auf ein Podest zu heben und berühmt zu machen. Das Beispiel Attila Hildmann macht es perfekt vor: Nie war er populärer als derzeit und das eben, obwohl er ein prominenter Koch und Buchautor ist und schon lange in der Öffentlichkeit steht.

Erst jetzt, seid er von Kriegern des Lichts schwurbelt und bewaffnet in den Untergrund gehen möchte, kennt ihn das ganze Land. Ob er einfach nur verwirrt ist oder glaubt, dass er auf diese Weise erfolgreicher werden kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Persönlich schadet ihm sein Benehmen auch längst schon: Einstige Fans wenden sich von ihm ab, Geschäfte listen seine Produkte aus.

Dummerweise trägt er aber dennoch dazu bei, dass die Reihen derer, die irgendwo zwischen “Wir werden von Echsenmenschen regiert” und “sind all die Corona-Maßnahmen richtig?” liegen, immer größer werden und das macht es so gefährlich. Auf den Hygiene-Demos (wer hat sich eigentlich diesen Namen ausgedacht?) sehen wir ein äußerst breites Spektrum. Da ist der ganz rechte Rand der Gesellschaft ebenso vertreten wie der äußerst linke Rand. Da sind Reichsbürger, Impfgegner und eben Verschwörungstheoretiker, aber da sind auch leider zu viele “normale” Bürger, die einfach nur besorgt, verunsichert oder desillusioniert sind.

Persönlich würde ich sagen, dass man als jemand, der einfach nur eine Kritik an der Regierung loswerden möchte, sich dennoch nicht mit den Schwurblern oder Nazis gemein machen muss und dementsprechend nicht auf der selben Demo aufkreuzt. In der Praxis ist das aber anscheinend nicht so einfach und so verschwimmen die Grenzen.

Deswegen fürchte ich, dass sich innerhalb dieses Spektrums die Grenzen verschieben: Wer eh schon auf Merkel geschimpft hat, glaubt dann vielleicht auch eher, dass sie Satanistin sei. Wer eh schon skeptisch gegenüber Technologien ist, wird in diesem Umfeld vielleicht eher glauben, dass da schon irgendwas dran sei, dass 5G schädlich ist. Jemand, der vorher schon von gleichgeschalteten Systemmedien fabulierte, wird Journalisten vielleicht plötzlich auch körperlich angreifen wollen.

Aus diesem Grund sollten wir uns dessen bewusst sein, dass die Verschwörungstheorie längst viel zu sehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es gibt mehr Verschwörungstheoretiker denn je, es werden Leitartikel darüber geschrieben und nicht zuletzt äußert sich gefühlt Jeder im Netz zu Zwangsimpfungen, implantierten Chips usw.

Das Phänomen ähnelt für mein Empfinden sehr der Art und Weise, wie die AfD groß geworden ist und erinnert an die Dynamik in der Flüchtlingskrise 2015. Auch bei den Rechts-Populisten und deren Anhängern kommt man argumentativ zumeist nicht weiter. Noch schlimmer ist es aber, wenn man sich ihrem Niveau annähert und ebenfalls hämisch und mit Witzen über Rechte reagiert. Es wird eine “Jetzt erst recht!”-Stimmung erzeugt und dadurch entzweit man die Gesellschaft nur noch mehr.

Deswegen glaube ich, dass wir damit aufhören sollten, uns flächendeckend über eine Filterblase lustig zu machen, in der neben stramm Rechten und Verschwörungstheoretikern auch viel zu viele normale Menschen zu finden sind, die einfach derzeit desillusioniert und orientierungslos sind. Stattdessen sollten wir uns seriös mit den Themen auseinandersetzen, die die Menschen auf den Hygiene-Demos umtreiben.

Natürlich darf und muss man sich kritisch mit den Entscheidungen der Regierung auseinandersetzen, schließlich sind wir mündige Bürger und dürfen hinterfragen. Wir sollten auch weiter erklären, wieso viele der Verschwörungstheorien schlichter Unsinn sind und hier mit all den Argumenten arbeiten, die es zweifellos gibt. Und ja: Auch Lachen ist weiter erlaubt und deswegen müssen auch Witze weiter möglich sein. Wie schon Herbert Feuerstein ganz richtig feststellte: Jeder hat das Recht, verarscht zu werden. Aber die Dosis macht das Gift! Wenn die Timelines voll sind mit lahmen Gags über Impfzwang, Bill Gates’ Weltherrschaft und der New World Order, dann machen wir das ganze Thema unnötig groß.

Sowas hat immer zweierlei Effekt: Die Fronten verhärten sich nur noch weiter und gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit von anderen, tatsächlichen Problemen abgelenkt. Es ist das Gesetz der Zahl: Wenn wir ein bestimmtes Budget an Aufmerksamkeit haben und das u.a. mit Verschwörungstheorien und -theoretikern verballern, fehlt uns die nötige Aufmerksamkeit, um tatsächliches Fehlverhalten der Regierung erkennen oder diskutieren zu können, oder uns mit wirklich essenziellen Problemen zu beschäftigen, die in Hülle und Fülle vorhanden sind.

Ich verstehe jeden von euch, der auch einen Spruch dazu rausgehauen hat: Viel zu oft in meinem Leben hab ich es nicht geschafft, mir einen dummen Spruch zu verkneifen. Es ist für mich manchmal ein quälender Zwang, jeden noch so miesen Gag zu bringen, weil ich sonst Angst habe, dass mein Kopf explodieren könnte. Dennoch versuche ich mich jetzt bei dieser Geschichte zurückzunehmen in der Hoffnung, dass es andere ähnlich machen und wir nicht weiter dafür sorgen, dass diese krude Hygiene-Bewegung weiter Zulauf bekommt.

Hartgesottene Verschwörungstheoretiker, Querfrontler, Reichsbürger etc lassen sich eh nicht bekehren. Nicht von mir, nicht durchs Ignorieren, nicht durch Argumente. Aber um diese Leute geht es auch nicht. Es geht um all die, die wir gerade durch eine zu sehr schwarz-weiß-geprägte Sicht möglicherweise in die Arme eines Ken Jebsen oder anderen Alternativ-Schwurblern treiben.

Gerade jetzt, wo viele Menschen verunsichert sind, wo Existenzen bedroht sind, wo Arbeitsplätze verloren gehen, finden wir den fruchtbarsten Nährboden für diese vermeintlich ganz einfachen Lösungen vor. Dagegen können wir im Einzelfall oft nichts machen, aber wir müssen ihn ja nicht auch noch unnötig tausendfach düngen.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und hoffe, dass niemand von euch beabsichtigt, Hygiene-Demos zu besuchen. Haltet euch an die Regeln, passt auf euch und bleibt bitte weiterhin gesund. Wir kommen da nur gemeinsam wieder raus und ich bin mir ganz sicher, dass wir da auch wieder rauskommen. Zum Abschluss gibt es passend zum Thema noch einen Videoclip mit einem Ohrwurm, der mich schon seit Tagen plagt.

Artikelbild: Ruhrbarone