Streaming Empfehlungen für die dunkle Jahreszeit, die es einem noch schwerer machen, das Bett zu verlassen.
Serien bei Netflix und Amazon Prime – unsere Oktober Empfehlungen 2016

Von The Pride, einem Film nach wahren Begebenheiten, über Luke Cage, der das Marveluniversum verdichtet, und The Path, einem Drama im inneren einer Sekte, wird uns wieder allerhand von Netflix und Amazon Prime geboten.
von Jessica Mancuso am 14. Oktober 2016

Das Wetter wird rauer, die Luft frischer und eigentlich will man den ganzen Tag das Bett nicht verlassen und sich ganz und gar Netflix und Co. hingeben. Damit das wenigstens in den Feierabendstunden gut klappt, habe ich mich mal wieder auf die Suche begeben und dabei ein paar tolle Empfehlungen für euch gefunden.

 

Netflix – Pride

Dieser britische Film aus dem Jahre 2014 beruht auf wahren Begebenheiten und berührt sowohl das Herz als auch die Lachmuskeln.

London, 1984: Einige junge Aktivisten nehmen sich vor, die streikenden Mienenarbeiter zu unterstützen und gehen daher auf Spendenfang. Dafür gründen sie eigens die Gruppe »Lesben und Schwule für die Bergarbeiter« (LGSM: Lesbians and Gays Support the Miners). Jedoch werden ihre Spenden abgewiesen, haben die meisten Gewerkschaften offenkundige Vorurteile gegen Homosexuelle. Das lassen die Aktivisten nicht auf sich sitzen und suchen auf eigener Faust nach einem Ort, den sie unterstützen können. So werden sie auf das kleine walisische Bergarbeiterdorf Onllwyn aufmerksam, der einem Treffen zusagt. Es folgt ein Aufeinandertreffen der besonderen Art, der beide Parteien vor einigen Herausforderungen stellen soll. Auf der einen Seite die lockeren und bunten Aktivisten und auf der anderen Seite die gutbürgerlich konservativen Dorfbewohner.

Durch eine exzentrische Tanzeinlage des Aktivisten Jonathan (Dominic West, »The Affair«) wird letztendlich das Eis auf fulminante Art gebrochen: Beide Gruppen freunden sich an und ziehen fortan am selben Strang.

Da ich nichts vorwegnehmen möchte, erwähne ich an dieser Stelle nicht das Ende, das für absolute Gänsehaut sorgt. Also schaut am Besten selbst.

Historischer Hintergrund: Der Film geht auf die Lebensgeschichte des LGBT-Aktivisten Mark Ashton sowie auf die Gründung der Kampagne LGSM und deren Wirken zurück. Die Londoner Gruppe von LGSM unterstützte streikende Bergarbeiter in den walisischen Regionen Vale of Neath und Swansea Valley während des britischen Bergarbeiterstreiks von 1984 und 1985 durch das Sammeln von Geldspenden. Das Benefizkonzert Pits and Perverts fand am 10. Dezember 1984 im Electric Ballroom in Camden Town statt. Der schwule Buchladen, zugleich Zentrale von LGSM Gay’s The Word, existiert noch heute und befindet sich in Bloomsbury, London. Weitere im Film auftretende historische Persönlichkeiten sind die walisische Menschenrechtsaktivistin Hefina Headon sowie die walisische Politikerin und Parlamentsabgeordnete Siân James. Wikipedia

 

Netflix – Luke Cage

Weiter geht es mit der Verfilmung des Marveluniversums unter der Produktionshand von Netflix. Und ich möchte wie immer ganz ehrlich sein; mein erster Gedanke war: »Uff! Nicht noch ein Superheld!« – doch ich sollte mich irren. Bislang habe ich erst 5 Folgen des neusten Marvel-Coups gesehen und bin der Serie schon komplett verfallen. Wieso? Weil sie richtig gut ist!

Luke Cage, der mit bürgerlichem Namen Carl Lucas hieß, wurde durch ein schiefgelaufenes Experiment im Gefängnis zu einem übernatürlich starken Mann, deren Haut undurchdringbar wurde. Zwei gute Attribute, um den Kampf gegen das Böse auf sich zu nehmen. Dabei hatte Luke das überhaupt nicht geplant.

Vor wenigen Monaten in Harlem angekommen, möchte Luke sich eine neue Heimat aufbauen und hat daher auch gleich mehrere Jobs. Bei Pops im Laden kümmert er sich um Ordnung und im angesagtesten Club des Stadtteils ist er mal Türsteher und mal Barkeeper. Und genau an dieser Bar lernt er eines Abends während seiner Schicht die hübsche Misty Knight kennen, die sich später als Detektive herausstellen soll, die Lukes Boss »Cottonmouth« observiert. Es kommt, wie es kommen muss, und die Zwei fangen etwas miteinander an.

Was bisher am meisten überzeugt, ist wie immer diese einmalige Atmosphäre, die mich bei Daredevil schon packte. Die Serie ist recht ruhig dafür, dass es so zur Sache geht. Besonders der Hauptcharakter wirkt verhalten, fast schon gelassen, in jeder erdenklichen Situation. Die Güte steht ihm ins Gesicht geschrieben, was zu einem unfassbaren Kontrast zu seinem Körperbau steht. Als wäre Bambi im Körper des Hulks gefangen, irre.

Die Figuren lassen den Zuschauer immer mal wieder unter die Oberfläche schauen und gewinnen damit an Tiefe. Außerdem schließt sich allmählich das Marveluniversum: So wie Luke Cage schon bei Jessica Jones auftrat, tritt nun Claire Temple (Rosario Dawson) in Harlem auf, die eigentlich als Krankenschwester in Hell’s Kitchen (Daredevil) arbeitet. Als Marvel-Fan, also Netflix Marvel-Fan, geht einem dabei förmlich das Herz auf. Außerdem finde ich es großartig, dass es nebst »The Get Down« nun auch eine zweite Serie auf Netflix gibt, in der in erster Linie ein schwarzer Cast spielt. Die Musik, der Rhythmus, die Sprache – umwerfend!

Ich wünschte, es gäbe häufiger einen schwarzen Cast und dass der einzige Weiße als Erster stirbt. Weil es 2016 wirklich an der Zeit ist, dass es einen Quotenweißen gibt, dessen einzige Aufgabe es ist, kurz aufzutreten, um noch schneller abzutreten.

Nur noch eins, bevor ich mit diesem Text die Zeichenbegrenzung sprenge, wie es sonst nur Luke Cages Fäuste könnten: Jede Folge geht knapp 55 Minuten und pro Folge erfährt der Zuschauer immer mehr von Lukes Vergangenheit, sodass am Ende der ersten Staffel ein Teil des Puzzles für diejenigen gelöst sein sollte, die sich vielleicht wie ich lange Zeit fragten: Who the fuck is Luke Cage!?

 

Amazon Prime – The Path

Jesse Pinkman aus Breaking Bad ist endlich erwachsen geworden – und einer Sekte beigetreten. Denn in The Path geht es um eine Glaubensbewegung, die sich Mayeristen nennt und strikt zwischen Gläubigen und IS (ignorant systemites) unterscheidet. Wer schon Freude an der Scientology-Doku hatte, wird dieses Drama lieben.

Jesse, der nun Eddie heißt, war erneut auf der Suche nach Antworten; diesmal allerdings nicht im Drogenrausch, sondern auf einer spirituellen Ebene. So kam er zu den Mayeristen, einer selbsternannten Glaubensbewegung, die an das sogenannte Licht glaubt. Dort eingetreten lernte er Sarah kennen, die er heirate und zwei Kinder mit ihr zeugte. Seitdem lebt er mit seiner Familie in dieser Kommune, die auf den ersten Blick tatsächlich stark an eine Hippiegemeinschaft erinnert: Grüne Gärten überall, offene Häuser, gemeinsames Singen und gegenseitiger Zuspruch in allen Lebenslagen. So idyllisch!

Und tatsächlich steht in The Path nicht die Sekte im Vordergrund, die selbstredend auf blinden Gehorsam und eisernen Regeln beruht, sondern die inneren wie äußeren (Macht-)Kämpfe der einzelnen Figuren.

So wird Eddie nach einer Perureise, in der er mit Ayahuasca abgefüllt wird, von Zweifeln heimgesucht, hat er schließlich Visionen, die ihm suggerieren, dass das sogenannte Licht gar nicht existiert. So sehr er auch versucht, normal zu wirken und sich nach seiner Rückkehr wieder in die Gemeinde einzugliedern, will es ihm nicht gelingen. Also sucht er den Kontakt zu einer Aussteigerin und hinterfragt zunehmend die letzten Jahre seines Lebens. Ist er wirklich auf einen großen Schwindel hereingefallen oder handelt es sich bloß um eine Glaubensprüfung, die es zu bestehen gilt?

Besonders sehenswert ist The Path, weil nicht von außen auf die Sekte geschaut wird, sondern die Geschichte von innen heraus erzählt wird. Die Dynamik der Hierarchie sowie der Machtverhältnisse wird beleuchtet: Sind gläubige Menschen wirklich die Besseren oder versteckt sich hinter ihrem Altruismus nicht doch der egoistische Eigennutz? Was wird mit Eddie passieren, sobald seine Bedenken ans Tageslicht kommen? Wie wird seine eigene Familie damit umgehen? Und vor allem: Wird er die Antworten, die ihn vor Jahren zu der Sekte brachten, endlich finden oder hat er sich im Laufe der Zeit nur weiter von ihnen entfernt?

Ein wundervoll aufreibendes Drama, das nicht nur für Aaron Paul Fans ein absolutes Muss ist und mit den anderen zwei Hauptdarstellern Hugh Dancy (Hannibal) und Michelle Monaghan (True Detective) ein charakterstarkes Spiel verspricht.