Opel GTX 2018
Kommentare

Opel: Aus der Vergangenheit in die Zukunft

von Robert Basic am 26. August 2018

Es war einmal vor langer Zeit in den 60ern und 70ern. Da war Opel mit VW gleichauf und lag teilweise sogar vor Volkswagen, wenn es um heimische Marktanteile ging. Eine Reminiszenz an die alten Zeiten, als Opel sogar als Premiummarke galt. Ich glaube, die Bilder sprechen für sich:

Opel
Opel Rekord 1700 C
Opel GT Werbung
Opel GT Werbung

Opel GT

Opel Diplomat B
Opel Diplomat B
Opel Diplomat B Cockpit
Opel Diplomat B Cockpit

 

Opel Manta Black Edition

Opel Manta A
Opel Manta A

 

Ab den 70er Jahren ging es dann für Opel in den langwährenden, brutalen Sinkflug, vom einstigen Absatzkönig zum Laden mit einem brutal schlechten Image. Die Gründe sind vielfältig, um von einem 20% Traumwert als Marktanteil in Deutschland auf 5% herunterzurauschen:

Opelkrise

Irgendwann wusste General Motors keinen Rat mehr, die zudem auch noch selbst in die Insolvenz abrutschten und nur durch die Hilfe des US-Staates während der Finanzkrise gerettet wurden. Die Mutter selbst war marode gemanaged worden. Kein Wunder, dass die Tochter in Miteidenschaft gezogen wurde. Von 1999 bis 2016 bezifferte GM den Verlust von Opel auf 19 Milliarden US-Dollar. Der französische Autobauer PSA übernahm schließlich Opel anno 2017 für einen Spottpreis von 1,3 Mrd. Euro samt Mann, Maus, Fabriken, Maschinen und Patenten.

PSA wurde unter den Fittichen von Carlos Tavares (der von Renault kam, da er am „absolutistischen König“ Carlos Ghosn nie vorbeikam) aus der Quasi-Pleite heraus saniert und im Rekordtempo auf Gewinn getrimmt. Nicht ohne Grund, da Tavares als ein absoluter Kenner der Materie gilt, der vom Straßenauto bis zum Renner jedes Detail kennen soll. Für ihn war der Erwerb von Opel erstens ein Sprung auf die Nr. 2 Position der europäischen Autohersteller nach VW und zweitens folgt er damit einer aggressiven Expansionsstrategie, nachdem er PSA in kürzester Zeit wieder aufgerichtet hatte. Und der zögert nicht, seinen Worten auch harte Taten folgen zu lassen, was die französischen Gewerkschaften bereits lernen mussten.

Ich durfte ihn auf der ersten Opel-PSA Pressekonferenz in Rüsselsheim kennenlernen. Er fackelt nicht lange, spricht ohne Allüren und kommt unverblümt zum Punkt. Zu seiner Antrittsrede schritt er zum Pult, knappe Begrüßung und legte sogleich als erstes diese Folie auf, Schweigen im Raum:

Tavares PSA
Opel PSA

Klarer konnte er nicht herüberbringen, dass der weder Lust auf Schischi noch nette Worte übrig hat, wenn der Baum brennt. Ich mochte ihn sofort:) Und in der Tat, 2018 folgte zum Halbjahresergebnis die positive Meldung: Opel schreibt keine rote Zahlen mehr, erstmalig nach zwei Jahrzehnten.

Ein Zwischenruf von Besim Karadeniz auf Facebook dazu:

Da fehlt mir aber das Zwischenstück der fünf Jahre zwischen 2012 und 2017. Das war nach dem GM-Debakel in den USA die Zeit, in der Opel (nein, ich sage jetzt nicht mehr, von wem…) stabilisiert, die Modellpolitik aufgeräumt, das Image auf Vordermann und der Grundstein für den jetzigen Gewinn gelegt wurde. Der ist nämlich vor allem durch eine knallharte und kurzfristige Personal- und Sparpolitik erkauft worden, was nicht funktioniert hätte, wenn das Unternehmen so desolat dahergekommen wäre, wie Tavares ganz am Anfang behauptet hatte (und den Fehler zumindest danach nicht mehr machte). Das, was Tavares zugerechnet wird, hätte Opel vermutlich auch in wenigen Jahren selbst geschafft. Aber so ist das halt mit dem Shareholder Value.

Übrigens, Besim hatte sich bereits vor vier Jahren Gedanken um Opel gemacht, die heute noch spannend sind: Zur Gegenwart und Zukunft von Opel. #umparkenimkopf

Das straffe Kostenprogramm wird sich auch weiter fortsetzen, bis Tavares den Betrieb auf seine gewünschte Effizienz getrimmt hat. Wir müssen auch nicht lange herumrätseln, wo alles angesetzt wird. Wer einmal über das riesige Gelände in Rüsselsheim gelaufen ist, erkennt umgehend die zahlreichen Leerflächen. Eines der vielen Probleme, die Opel an die Wand fahren ließen. Ungeachtet der zahlreichen Stellschrauben, an denen nun bei Opel und PSA gearbeitet wird, gehen wir vom Heute langsam herüber zum Morgen. Denn viele stellen sich die Frage, wie viel Opel bleibt und wie viel Franzose einkehrt? Sprich, was bleibt von der Marke übrig und wie positioniert sich Opel in Zukunft?

Dazu ein exemplarischer Blick auf den aktuellen Insignia Kombi, den ich letztens testen durfte:

Im Verhältnis zum Image der Marke ist der Wagen tiptop und 1a. Natürlich kommt er nicht ganz an einen Benz heran, aber die Verarbeitung und alle anderen Eigenschaften sind weit besser, als man beim Namen Opel erwarten würde. Die Fähigkeiten hat Opel gewiss nicht verloren, verdammt gute Autos bauen zu können. Auch und weil wir hier vom Topmodell der Rüsselsheimer sprechen. Und meine Kizz waren begeistert.

Halten wir uns das Design vor Augen, innen wie außen. Und schauen uns nun das neueste Konzept an, dessen Designlinie sich über alle künftigen Opel-Modelle durchziehen soll: Opel GT X

Bevor ich euch jetzt erzähle, was es überhaupt zu sehen gibt, schaut euch zwei Videos von zwei Kollegen an, die sich das vor Ort anschauen durften. Jan Gleitsmann auf deutsch und Thomas Majchrzak auf englisch. Einigen, die sich mit Autos beschäftigen, dürften die beiden eh bekannt sein. Vorhang auf

Und

Es gibt wie so immer auch andere Stimmen, die dem Wagen das Label Hausmannskost, Langweilig und Ausgelutscht verpassen. Hier der Artikel von Tom Schwede zum GTX. Dessen Meinung folge ich schon einmal als Hesse und ortsloyaler Rüsselsheimer (eigentlich bin ich Frankfurter) überhaupt nicht. Nicht, weil Tom keine Ahnung von Autos hat, im Gegenteil. Denn im Wesentlichen hat er das Konzept nicht verstanden, und das kann schon mal passieren. Opel sucht in seiner eigenen Markenform nach Attributen als Leitlinie. So wie Tavares in Opel eben eine typisch deutsche Marke sieht, die für Präzision, Nüchternheit und eben german engineering steht. Opel hat folgerichtig in den neuen Marken-Attributen deutsch, nahbar, aufregend als seine Leitlinie herausgegeben und das im GTX vereinigt. Ich finde das durchaus eine sehr gute Markenpositionierung im Mittelsegment, über den Billiganbietern und Premiumanbietern, die ja gerne im Mittelsegment wildern (C-Klasse, A-Klasse, …). Wem das zu abstrakt und zu sehr Blabla ist: Ok, wartet eben auf die neuen Modelle, die diesen Attributen zu folgen versuchen. Das Konzeptauto sieht für mich genau richtig aus. Geht den einen Schritt zum Insignia oben zurück und vergleicht das Exterieur und Interieur. Vielleicht fällt dann der Groschen, wo es langgeht?

Hat Opel damit eine Zukunft? Am Ende des Tages zählt der Preis und das Produkt. Punkt. Opel verlässt Europa nicht, expandiert aber in andere Märkte. Endlich mit Schwerpunkt auf SUVs. Die Opel viel zu lange vernachlässigt hatte. Allen voran nach China und in die USA. Denn laut GM waren sie verdonnert, in Europa zu verharren. Europa ist als Markt tatsächlich brutal schwierig, da im westlichen Bereich der Markt als saturiert gilt. Im Osten seien noch Wachstumspotentiale vorhanden, speziell in Russland, das aber ein eigenes Thema für sich ist. Auffallend ist auf jeden Fall der Schachzug, noch vor VW einen Elektro-Wagen im A0-Segment zu platzieren, also dem Polo-Segment. Ein E-Corsa? Genau. Allerdings zu welchem Preis und zu welcher Marge? Ein Volumenfahrzeug wird das bei einem erwartet hohen Preis schon einmal nicht. VW plant dies nicht umsonst erst ab 2024 und visiert bis dahin zig E-Modelle im Kompakt- sowie Mittelklassesegment auf Basis der ersten MEB Plattformgeneration an, was die Elektroinitiative angeht. Was ich allerdings nicht sehe: Moderne Mobilitässervices? Elektro hin und her, so spannend ist das jetzt auch nicht. Wie stellt sich Opel eine Zeit vor, die in vielleicht 1-2 Modellgeneration auf alle zukommt? Autonomer fahrende Robocars in immer mehr Städten? Ridehailing, Ridesharing, Carsharing wird weiterhin brutalst zunehmen. Opel, wartet nicht schon wieder, dass ihr völlig überrollt werdet.