Orfium – das bessere SoundCloud?

Spotify-Konkurrenz, SoundCloud-Ersatz oder beides? Orfium will Anlaufstelle für Musiker und Musik-Fans werden. Im Gegensatz zu anderen Streaming-Diensten soll der Löwenanteil des eingenommenen Geldes direkt an die Künstler gehen.

Alle Jahre wieder – schickt sich ein Service an, die Musikwelt zu erobern und das “Next Big Thing” zu werden. Bevor wir auf Orfium eingehen – der Dienst, dem dieses Kunststück als nächstes glücken will – schauen wir auf den aktuellen Status Quo beim Thema Musik: Selbst die ambitionierten Projekte Tidal und vor allem Apple Music bleiben bislang hinter den Erwartungen zurück, mit SoundCloud ist auch ein einst für Musiker spannender Service jenseits seines Zenits angekommen.

Nachdem die Konkurrenz also strauchelt und Streaming mittlerweile sogar für mehr Umsatz sorgt als Musik-Downloads, sollte sich Platzhirsch Spotify doch eigentlich freuen können. Dass das aber nun nicht so ist, hat auch gleich mehrere Gründe: Das Geschäftsmodell mit der Kombination aus Abo-Service und werbefinanziertem Kostenlos-Angebot trägt noch nicht so richtig, Spotify buttert also mehr rein, als man zurück erhält.

Außerdem beschweren sich immer mehr Künstler darüber, dass für die gestreamte Musik erstaunlich wenig Geld in der Kasse der Bands klingelt und das zieht nach sich, dass der ein oder andere Act Spotify auch schon wieder den Rücken gekehrt hat.

Für Nutzer wie mich sind die Streaming-Dienste wie Spotify, aber auch Apple Music, Deezer oder die Angebote von Google und Amazon natürlich ein Segen, aber eben auch nur solange, wie das Konzept funktioniert: Müssen Künstler das Handtuch werfen, weil sich das Musizieren “dank” Streaming nicht mehr rechnet, schauen wir alle in die Röhre.

Berücksichtigt man, dass selbst das antiquierte Vinyl immer noch mehr Kohle einspielt als werbegestützte kostenlose Angebote wie beispielsweise die Videos auf YouTube, dann kann man spätestens erahnen, dass der Musikindustrie noch ein Haufen Arbeit ins Haus steht, damit am Ende sowohl die Künstler als auch die Musik-Fans glücklich werden.

RIAA Vinyl Revenues

Wieso blicken wir darauf zurück, was bei der Kombination aus Musik und Internet noch nicht rund läuft? Ich erwähnte es eingangs: Weil Orfium glaubt, es besser zu machen, daher wollen wir euch das Konzept dieses neuen Services vorstellen:

Orfium 02

Orfium – “Next Big Thing” oder eher “Next Strohfeuer”?

Orfium lautet also der Name des Dienstes, der mit Blick auf die Konkurrenz glaubt, eine bessere Idee entwickelt zu haben. Auch hier werdet ihr wieder Musik streamen, aber auch kaufen können, außerdem setzt Orfium den Fokus bei den Künstlern, die sich denkbar frei auf der Plattform breitmachen können, egal ob sie Musik verschenken oder verkaufen möchten.

Den Fans bietet man Folgendes:

  • Ihr könnt Musik hören, natürlich auch danach suchen und es gibt zudem eine Discover-Funktion
  • Ihr könnt dem Feed von Lieblings-Künstlern folgen und bleibt auf dem Laufenden, was neue Veröffentlichungen und Events angeht.
  • Ihr könnt Playlists erstellen und sie mit Freunden teilen, zudem auch anderen Playlists folgen
  • Ihr könnt außerdem sowohl Premium- als auch Creative Commons-Musik lizenzieren, damit ihr sie beispielsweise in euren YouTube-Clips nutzen könnt.

Aber wie gesagt: Auch den Musikern möchte man Einiges bieten:

  • Ihr könnt eure Musik hochladen und verkaufen bzw. teilen – zu euren ganz eigenen Bedingungen!
  • Verdient an YouTube-Videos, in denen eure Musik zum Einsatz kommt
  • Eure Remixes können neben Original-Versionen gefeatured werden, zudem könnt ihr Geld damit verdienen, wenn andere Nutzer Remixes eurer Original-Songs hochladen.
  • Freie Hand bei den Lizenz-Optionen, egal ob Non-Exclusive Publishing, Micro-Licensing, Sync-Licensing oder auch Creative Commons.

Natürlich nennt Orfium auch als Vorteil, dass ihr hier sowohl Musiker, Fans als auch Labels auf euch aufmerksam machen könnt, aber das kann ein Musiker ja sowieso an jeder Ecke im Netz, wo er präsent ist. In einer Tabelle zeigt Orfium im Vergleich mit anderen Anbietern, wieso ihr euch – egal, ob Musiker oder Musik-Fan – für diesen neuen Service entscheiden solltet:

Orfium vs SoundCloud vs Spotify vs Apple Music

Während der ein oder andere Vorteil, den man bieten möchte, auch von anderen Musik-Diensten gewährleistet wird, könnte für Musiker vor allem der hohe Payout-Wert das Zünglein an der Waage sein. Während bei den anderen maximal 24,5 Prozent ausgeschüttet werden, sollen es bei Orfium satte 80 Prozent sein! Damit könnte Orfium tatsächlich eine sehr spannende Anlaufstelle gerade für kleinere Bands sein.

Sowohl bei den Streams als auch Verkäufen könnten diese unbekannteren Künster dann nämlich ordentlich kassieren, wobei jedem Act selbst überlassen bleibt, wie er seine Preispolitik gestaltet, welche Songs man verkauft und welche man vielleicht kostenlos anbietet usw.

Auf dem Papier klingt das jedenfalls schon einmal ziemlich spannend – es stellt sich nun lediglich die Frage, ob das in der Praxis dann auch alles so herrlich funktioniert, wie sich Orfium das ausmalt Der Musik-Service hofft darauf, dass man sich – ähnlich wie bei SoundCloud – eine große Community aus Nutzern und Musikern aufbauen kann, zudem wird dort auch das Importieren von SoundCloud-Songs möglich sein. Es wird also durchaus drauf spekuliert, dass man diesem etablierten Dienst Nutzer abspenstig machen kann.

Orfium 01

Eine so riesige Basis an Songs wie bei Spotify oder Apple Music hingegen dürft ihr nicht erwarten, so dass euch beim Blick auf die Plattform nicht gerade große Namen ins Auge springen. Apropos Auge: Designtechnisch wirkt die Seite auf mich noch ziemlich überladen. Charts findet ihr Links, in der Mitte gibt es wahlweise euren Feed oder die bei Orfium gerade angesagte Musik und rechts dann Links zu eurer Musik, einen Player und eure Playlists.

Wirkt wie gesagt noch ein bisschen wüst, aber vielleicht sollte man zunächst einmal nicht zu viel Wert auf das Interface legen, sondern auf die Funktionalität. Songs lassen sich wie bei anderen Diensten auch abspielen und in Playlists verfrachten, darüber hinaus könnt ihr Songs kommentieren, favorisieren und auch Sharen. Dabei bietet man uns ebenfalls eine Möglichkeit, Songs auf andere Seiten einzubetten.

Das neue SoundCloud?

Mein erster Eindruck ist ein durchaus positiver, was jetzt weniger an der Musik liegt, die man dort aktuell vorfindet, noch am Player bzw. der Orfium-Seite. Viel mehr überzeugt mich das Konzept, bei dem man eben nicht nur versucht, eine neue Musik-Plattform zu etablieren, sondern tatsächlich die Künstler im Vordergrund sieht.

Klar, auch via Beatport oder Bandcamp könnt ihr eure eigenen Songs an den Mann bringen, das Konzept bei Orfium scheint mir aber das ausgeklügeltere und umfassendere zu sein. Eine Konkurrenz zu Spotify oder ähnlichen Diensten mit vielen Millionen Songs wird Orfium wohl eher nicht werden, aber meiner Meinung nach könnte es gerade für Musikinteressierte, die oft auf der Suche nach unbekannten Songs und Künstlern sind, eine sehr interessante Ergänzung sein.

Wenn man sich bei Orfium geschickt anstellt, schnell neue Musiker überzeugen kann, dort ihre Musik anzubieten und dann noch ein wenig am Design feilt sowie passende Apps anbietet, muss sich aber zumindest SoundCloud warm anziehen. Wer gern Musik hört, sollte Orfium ruhig mal im Auge behalten und die Entwicklung mitverfolgen. Wer hingegen selbst Musik macht und vertreiben möchte, sollte Orfium am besten jetzt schon mal antesten.

Quelle: Attack Magazine via Electronic Beats