Overwatch: Teenagerin ist so gut, dass ihr Profi-Gamer Betrug vorwerfen

Eine der erfolgreichsten Overwatch-Spielerinnen hat auf Betreiben des Spiele-Herstellers Blizzard den Beweis angetreten, dass sie ihre Ergebnisse ohne "cheaten" erreicht. Zwei Profi-Gamer hatten entsprechende Anschuldigungen gegen die Teenagerin erhoben und dürfen nun ihre noch junge Karriere vorzeitig beenden. Der Fall zeigt wieder einmal exemplarisch, wie viel Dampf in diesem Multi-Millionen-Dollar Business auf dem Kessel ist.

Overwatch ist ein im Mai 2016 veröffentlichter Multiplayer-Ego-Shooter für Microsoft Windows, Playstation 4 und Xbox One. Jeder Gamer spielt mit einem aus verschiedenen Charakteren gewählten Helden, dem verschiedene Rollen und Aufgaben zukommen. Die Spieler werden einander in Teams mit jeweils sechs Helden zugeordnet, zwei ungefähr gleichwertige Teams treten gegeneinander an.

Die koreanische Gamerin mit dem Pseudonym Gegury erkämpfte sich in der Rolle der Zarya bereits eine Weile die Anerkennung und Spitzenplätze in den Rankings des Games. Mit einer zeitweisen Erfolgsquote von 80% in 420 Spielen und einer momentanen „Kill-to-Death Ratio“ von 4,28:1 (19.992 / 4.675) entpuppte sich die Teenagerin als unglaublich talentiert und reaktionsschnell. In Spitzenzeiten erreichte sie einen Wert von 6.31:1.

Zu talentiert und zu reaktionsschnell, wie einige meinten. Als Gegurys Team „UW Artisan“ in den Qualifyings des ziemlich hoch dotierten Nexus Cup die ersten prominenten koreanischen Teams aus dem Wettbewerb kickte, kam es zu ersten Betrugsvorwürfen. Angeblich, so die Anschuldigungen, würde die 17-jährige cheaten und hätte „irgendeinen“ Weg gefunden, die Sicherheitsmechanismen von Blizzard auszutricksen. Den Beginn machte ein Foren-Mitglied mit dem Pseudonym Ping Ddak. Mitglieder des Teams „Dizziness“ schlossen sich den Vorwürfen an – die Hütte brannte.

Zwei professionelle Gamer (ELTA und Strobe, Team Dizziness) setzten nach. Sie waren sich ihrer Betrugsvorwürfe so sicher, dass sie ankündigten, ihre eigene Profi-Karriere zu beenden, sollten sie sich irren. Dieser Wette voraus gingen angeblich weitaus dreckigere Foren-Kommentare, die man nur bedingt der Hitze des Gefechts zuschreiben mag. So wird der Profi-Gamer Strobe mit der Drohung zitiert, er werde das Haus Gegurys „mit einem Messer besuchen, falls er Probleme mit seinen Sponsoren“ bekomme.

“If this problem is confirmed as a hack, it would have caused a problem to our career and reputation. How will you take responsibility for that? […] If there is a problem with our sponsors and such, I may visit Geguri’s house with a knife in hand. I am not joking.“ Strobe, Team Dizziness

Blizzard nahm die Vorwürfe offenbar nicht zuletzt deswegen ernst und ging der Sache nach. Nach einigen Tagen verkündete man, das alles mit rechten Dingen zugehe und Gegury die Overwatch-Bestwerte ohne jegliche Hilfsmittel erreiche.

So weit, so gut. Besonders misstrauische Charaktere werden an dieser Stelle anmerken, dass Blizzard selbstverständlich nicht das geringste Interesse daran hat, einen möglichen Hack des ziemlich ausgefeilten Rankings öffentlich zuzugeben. Was läge also näher, als sich mit der beschuldigten Gamerin zu verbünden, öffentlich die Richtigkeit aller Leistungen zu verkünden und dann abzuwarten, bis Gras über die Sache gewachsen ist?

Videobeweis schafft alle Zweifel aus der Welt

Auf derartige Theorien war man bei Blizzard bzw. Inven offenbar vorbereitet und ließ Gegury kurzerhand öffentlich zu einem einstündigen Game antreten. Der dabei entstandene Stream-Mitschnitt (siehe oben) zeigt per PiP die Teenagerin und das Game, so dass jede ihrer Aktionen transparent nachvollziehbar ist.

Mit diesem konsequenten Entgegentreten haben Gegury und ihr Team UW Artisan alles richtig gemacht, muss man im Nachhinein festhalten. Obwohl die Teenagerin nach eigenen Angaben völlig mit den Nerven am Ende war, hat sie sich nicht von den Anschuldigungen wesentlich prominenterer Gegner einschüchtern lassen. Mittlerweile haben sich Ping Ddak, ELTA, Strobe und der Team Leader von Dizziness öffentlich bei ihr entschuldigt (hier, hier, hier und hier) und sparten dabei nicht mit Selbstkritik.

ELTA und Strobe kündigten in ihren Statements an, sie würden sich nun aus der Overwatch-Szene komplett zurückziehen.

Kenner der Szene bringen den Vorfall mit den kontroversen Diskussionen über die Darstellung der weiblichen Charaktere in Verbindung, die Overwatch bereits in der Entwicklungsphase auslöste. Noch im März wies z.B. Die Zeit darauf hin, dass besonders der von Gegury gewählte Charakter der Zarya mit dem herkömmlichen, zumeist sexualisierten Frauenbild in Games breche und deshalb gerade Gamerinnen eine völlig neue Identifikationsfigur biete.

Die Cyber-Mobbing Problematik der männlich dominierten Gamer-Szene

Hinter dieser Kontroverse wiederum steht die Annahme, dass ein nicht unerheblicher Teil der immer noch männlich dominierten Gamer-Szene ein Problem mit virtuellen und real existierenden weiblichen Rivalen habe, wenn diese nicht einem bestimmten Klischee und Rollenbild entsprächen. Im noch größeren Rahmen ergibt sich schon durch die Schärfe der Anschuldigungen ein Bezug zum Gamergate, der vor gar nicht allzu langer Zeit zum völlig ausufernden Geschlechterkampf in der Gaming-Szene eskalierte.

Männliche Gamer verlieren nicht gerne gegen „Mädchen“?

Sicherlich darf man kurz die Frage in den Raum stellen, ob die beiden männlichen Profi-Gamer einen anderen männlichen (statt weiblichen) Gamer mit den selben Anschuldigungen konfrontiert hätten – oder ob die Erkenntnis, von einem „Mädchen“ geschlagen worden zu sein, hier eine Rolle spielte.

Die Foren-Kommentare von Strobe wiederum zeigen, wie schnell eine Situation eskalieren kann, sobald neben dem Spass am Gamen das große Sponsorengeld auf dem Tisch liegt. Nicht unbedingt spielerisch herausragende, aber dafür unterhaltsame YouTube-Superstars wie PewDiePie machen mehrere Millionen Euro Umsatz pro Jahr, andere Let’s Player verlangen angeblich bis zu 22.000 Euro für eine stinknormale Spiele-Rezension. Neben Ruhm und Ehre in der Szene winken hochdotierte Sponsorenverträge und Preisgelder, mittlerweile entdecken sogar Fussballvereine die eSports-Szene als Werbeplattform.

Gegury hat zweifellos bewiesen, dass sie ähnlich wie der von ihr gewählte Charakter Aleksandra Zaryanova (Zarya) eine „Ausnahmeerscheinung“ ist. Was Gegury darüber hinaus gezeigt hat, ist aber – positiv wie negativ – etwas ganz anderes. Selbst in vermeintlich sicheren Gemeinschaften wie einem Online-Game (!) kann Cyber Mobbing eine unglaubliche Wucht entfalten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und: man darf den Hatern nicht kampflos das Feld überlassen. Die Teenagerin hat auf ihrem Twitter-Profil ausdrücklich betont, dass sie den Anfeindungen nur entgegentreten konnte, weil andere – ihr bisher völlig unbekannte Player – sie unterstützt und bestärkt hätten.

Nehmt euch daran ein Beispiel, bitte. Mobbing und Hatespeech sind Scheiße, öffentlicher Beistand und Gegenrede sind anstrengend – aber wichtig. Schweigt nicht, denn jeder von euch könnte irgendwann einmal virtuelle Hilfe brauchen.

via kotaku.com