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Kolumne

Parship: Alle 11 Minuten … von wegen!

Schon mal bei Parship nach dem perfekten Partner gesucht? Immerhin verliebt sich dort alle 11 Minuten ein Single, sagt die Werbung. Die Zahlen sind aber ziemlicher Quatsch und ich sage euch auch, wieso ich das denke.

von Carsten Drees am 9. Juli 2019

Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern

Diese Zeilen stammen von Connie Francis, die mit dem Song 1960 einen riesigen Hit landete. Unzählige Künstler — Musiker, Schriftsteller, Dichter — haben sich an dem Thema abgearbeitet und auch meine persönlichen Helden Depeche Mode waren schon 1982 auf der Suche nach der Bedeutung der Liebe.

Die Welt hat sich in Jahrtausenden dramatisch verändert, aber auch 2019 sind wir Menschen auf der Suche nach dem perfekten Gegenstück, nach der großen Liebe. Fraglos hat das Internet die ganze Geschichte deutlich einfacher gemacht. Wir können viel leichter mit Menschen in Kontakt kommen, viel schneller miteinander kommunizieren und in einer Beziehung dann auch viel besser diesen Kontakt halten, wenn man mal nicht am selben Ort ist.

Wer nicht auf den Zufall vertraut, was das virtuelle Kennenlernen angeht, der kann sich bei einschlägigen Seiten anmelden. Partner-Agenturen gab es selbstverständlich auch schon offline, aber im Netz ist das Angebot natürlich ungleich größer und vielseitiger. In den späten Neunzigern und den frühen Nuller-Jahren trieben sich viele Menschen in Flirt-Chats rum, heute gibt es massig Single-Börsen mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen. Single-Börsen für Anspruchsvolle, für Homosexuelle, für sexuelle Abenteuer und so weiter.

Ich muss zugeben, dass ich das Prinzip bis zum heutigen Tag nicht so richtig kapiert habe. Dabei habe ich selbst unzählige großartige Menschen im Netz kennen gelernt. Einige meiner besten Freunde, eine große Liebe und einige kleinere und ja — auch einige Damen mit Kopulationshintergrund, nenne ich es mal vorsichtig.

Trotzdem hab ich nie an das Prinzip der Single-Börse geglaubt. Damit will ich das jetzt nicht pauschal schlecht reden, denn faktisch funktioniert das ja für viele Menschen. Für mich persönlich funktioniert es aber eben nicht. Wenn ich jemanden zum Beispiel in einem Depeche-Mode-Forum kennen lerne, kenne ich zumindest schon mal einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Die Musik, die wir mögen. Dort lerne ich dann ohne Hintergedanken viele Menschen kennen und wie in der Offline-Welt kristallisieren sich ein paar als Arschlöcher raus, ein paar andere als langweilig — ein paar aber eben auch als Personen, mit denen man direkt auf einer Wellenlänge liegt.

In der Folge trifft man letztere dann auch auf Parties und Konzerten und kann Bekanntschaften dann vertiefen, egal in welche Richtung man hierbei jetzt strebt. Bei Single-Börsen hingegen habe ich diesen gemeinsamen Nenner aber nicht. Nicht bei der Musik, nicht bei den Lieblings-Filmen, nicht beim Leibgericht, dem Fußballverein, den bevorzugten Reisezielen oder was auch immer. Natürlich kannst und wirst Du auf solchen Portalen über Menschen stolpern, die musikalisch ähnlich ticken, ebenfalls gerne in ein bestimmtes Land reisen oder sonstige Hobbies teilen, aber es ist eben nicht vordergründig dafür verantwortlich, wieso man dort ist. Der gemeinsame Nenner bei so einer Single-Börse ist der: Ich suche — mehr oder weniger verzweifelt — einen Partner oder eine Partnerin und jeder andere, der dort ist, ebenso.

Das halte ich für eine sehr schlechte Voraussetzung. Wo ich bei obigem Beispiel vor dem ersten Kontakt schon weiß, dass der anderer Mensch auch Depeche Mode mag, weiß ich hier erst mal nur eins: Die andere Person ist auch auf der Suche. Wie gesagt: Das mag für euch funktionieren und euch nicht stören, mich hingegen schreckt das ab.

Deswegen habe ich bislang auch trotz Single-Status (seit acht Jahren, mein lieber Schwan!) niemals auch nur mit dem Gedanken gespielt, mich irgendwo anzumelden. Das gilt für die klassischen Börsen wie Parship oder Elite Partner, aber auch für Flirt-Apps wie Tinder, Lovoo usw. Okay, das stimmt nicht ganz — aus beruflichen Gründen hab ich mich dort schon mal herumgetrieben, beispielsweise bei Badoo. Auch die eben erwähnten, einschlägigen Apps hatte ich mal für zwei Tage auf dem Smartphone mit dem Plan, mal die “Top Fünf” der Flirt-Anwendungen fürs Smartphone zu testen. Diesen Plan verwarf ich wie gesagt sehr flott wieder, sehr eingeschüchtert und desillusioniert und auch ein bisschen angewidert.

Vermutlich merkt ihr mir mein gehobenes Alter gerade förmlich an, aber anscheinend bin ich da tatsächlich ziemlich old school: Ich kann und will mir meine Liebe nicht aufgrund von drei Fotos aussuchen und dann binnen Sekundenbruchteilen mit einem Wisch nach Links oder Rechts eine endgültige Entscheidung treffen. Nochmal: Wenn das für euch funktioniert, alles gut — für mich geht es so eben nicht. Auf Single-Börsen wie Parship geht es nicht per Wisch, sondern durchaus wissenschaftlicher mit entsprechenden Profilen, die ihr von euch anlegen müsst. Ändert aber nichts daran, dass das Prinzip für mich nicht funktioniert.

Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship

Vermutlich fragt ihr euch die ganze Zeit schon, wieso der Ochse jetzt ewig über Single-Börsen schreibt, wenn er sie sowieso nicht nutzt. Ganz einfach: Weil ich überall mit der Werbung zugeschissen werde. Unanständig gut aussehende Frauen und Männer an tollen Locations und in riesigen Luxusbuden erzählen mir mehrfach täglich: “Ich parshipe jetzt” und die freundliche Stimme aus dem Off wiederholt jedes mal wieder diesen Claim, den auch jeder von euch kennen dürfte: “Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship”!

Die Werbung nervt mich seit Jahren (okay, vor Jahren hat mal Cosma Shiva Hagen Werbung für Parship gemacht — da wäre ich dem Portal fast ins Netz gegangen ^^):

Um es vorwegzunehmen: Ich hab mich nicht angemeldet und auch aus Cosma und mir ist nichts geworden. Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes sagen: Schon seit Jahren frage ich mich jedes mal, wenn ich den Spruch höre, was das überhaupt aussagt, wenn sich alle 11 Minuten ein Single über Parship verliebt.

Bedeutet das umgerechnet, dass sich alle 22 Minuten ein Paar findet, weil man zum glücklichen Verliebtsein definitiv mehr braucht als nur einen Single ( zwei wären nahezu perfekt)? Oder bedeutet das, dass sich alle elf Minuten eine Person verliebt — und jetzt hoffen muss, dass sich das Gegenüber umgekehrt auch verliebt?

Ich bin dem mal auf dem Grund gegangen: Der Spruch basiert auf Zahlen, die Parship bei den Menschen ermittelt hat, die sich von ihrem Premium-Account verabschiedet haben. Dazu müsst ihr wissen, dass ihr zwar einen kostenlosen Account anlegen könnt, euch darüber aber ziemlich sicher niemals verlieben werdet, weil ihr wesentliche Funktionen nur nutzen könnt, falls ihr Premium-Mitglied seid.

Der Spaß ist gar nicht mal so günstig – 74,90 Euro kostet es monatlich, wenn ihr euch für eine sechsmonatige Premium-Mitgliedschaft entscheidet. Wer sich direkt für 24 Monate anmeldet, kann den Preis nochmal mehr als halbieren, aber das soll gar nicht das Thema sein. Schließlich wären selbst 75 Euro monatlich gut investiertes Geld, wenn man die Liebe seines Lebens trifft.

Wenn ihr euch zur Kündigung des Premium-Tarifs entscheidet, gibt es eine Umfrage, in der Parship gerne wissen möchte, aus welchem Grund ihr euch denn ab sofort mit dem kostenlosen Angebot begnügt bzw. Parship komplett den Rücken kehrt. 2013 sollen 48.000 Menschen bei dieser Befragung angegeben haben, dass sie deswegen nicht mehr länger für den Service zahlen wollen, weil sie ihre Liebe auf der Plattform gefunden haben. Hochgerechnet sollten das dann eben genau diese berühmten 11 Minuten sein, die es braucht, bis sich wieder ein Mensch dort verliebt.

Übrigens sollen diese positive Antwort in jenem Jahr immerhin 38 Prozent der Befragten angegeben haben, was umgekehrt aber auch bedeutet, dass sich 62 Prozent der Befragten abgemeldet haben, ohne sich dort verliebt zu haben. Ganz richtig ist der Rückschluss natürlich dennoch nicht. Die Zahl besagt lediglich, dass 38 Prozent der Premium-Mitglieder in Love waren, die Kostenlos-Fraktion wird hier also überhaupt nicht berücksichtigt. Weiter ist natürlich auch möglich, dass man nur aus Jux und Dollerei als Kündigungsgrund diese Option nennt, selbst wenn man eben niemanden gefunden hat.

Zahlenspiele

Was mich auch seit Jahren stutzig macht bei dieser Rechnung, ist das Verhältnis zwischen den Verliebten — und der Gesamtzahl der Mitglieder, die Parship vorweisen kann. Mal angenommen, es verliebt sich tatsächlich alle elf Minuten ein Single auf Parship. Das wären am Tag dann übern Daumen gepeilt 130 Singles — und im Jahr dann (130 * 365) demzufolge 47.450 Verliebte. Da wir zwei Verliebte für ein verliebtes Pärchen brauchen, halbieren wir die Zahl nun und kommen auf 23.725 schnuckelige Paare pro Jahr.

Damit können wir konstatieren, dass Parship in dieser Hinsicht definitiv sehr, sehr erfolgreich ist. Weit über 20.000 Liebespaare pro Jahr ist immerhin eine wirklich stolze Menge. Allerdings nur, wenn man das nicht ins Verhältnis setzt zu den aktuell über 5,4 Millionen Mitgliedern, die sich bei Parship angemeldet haben.

Zieht man von den 5,4 Millionen nämlich die 47.450 Verliebten ab, bleiben immer noch 5.352550 Menschen übrig. Machen wir es uns ein bisschen leichter und runden auf auf 50.000 Verliebte. Dann wären von den 5,4 Millionen nach zehn Jahren immerhin 500.000 Menschen vom Markt, fünf Millionen demzufolge dann in 100 Jahren. Sollte das so perfekt funktionieren und sich keine weitere Person anmelden (oder sich manche Parship-Paare einfach wieder trennen und erneut zum Single-Pool dazu stoßen), wären nach diesen 100 Jahren also noch 400.000 Unglückliche übrig, die aufgrund ihres Alters schon ziemlich angematscht aussehen dürften.

Dabei handelt es sich dann vermutlich eh um schwer vermittelbare Ware, also so Sonderfälle wie den Autor dieser Zeilen, der klassische Gesichts-Elfmeter. Dass es bei Parship vermutlich auch massig Fallobst gibt, kann man der Plattform natürlich nicht ankreiden. Leute, die sowohl intellektuell nicht ganz auf der Höhe sind und dann noch aussehen wie eine Schippe Würmer, bekommt man nun mal nicht so leicht unter die Haube.

Das ändert aber nichts daran, dass der Slogan mit den elf Minuten, wenn man es nüchtern durchrechnet, sogar eine Anti-Werbung ist. Er besagt, dass round about 99 Prozent der Mitglieder eben am Ende eines Jahres immer noch nicht verliebt sind.

Ich hoffe, ihr erwartet jetzt nicht, dass diese Betrachtungen zu irgendwas führen. In meinem Kopf rotiert es halt immer und immer wieder, wenn erneut diese Werbung läuft und ich wollte euch daran teilhaben lassen, was in diesem merkwürdigen Kopf los ist — entschuldigt, wenn ich euch damit kostbare Zeit gestohlen habe. Sorry not sorry.

Falls ihr das jetzt alles gelesen habt und zufällig zu den Glücklichen gehört, die sich über Parship, oder meinetwegen auch über Tinder oder sonst wie auf solchen Plattformen verliebt habt — herzlichen Glückwunsch und weiterhin alles Gute. Ich jedenfalls werde diese Apps und Services weiter meiden und vermutlich auch noch in zehn Jahren vor dem Fernseher sitzen und bei der Werbung darüber nachdenken, wieso Parship glaubt, dass “alle 11 Minuten” wirklich ein Aushängeschild ist. Vermutlich werde ich dann auch immer noch darüber nachdenken, wieso die alle so verdammt gut aussehen in der Werbung. Mich schreckt sowas ab — vielleicht würde ich mich eher dort anmelden wollen, wenn so ein Testimonial auch mal aussieht wie ein Sack Schrauben.

So als Rausschmeißer würde ich jetzt eigentlich gern noch den Singles einen Tipp auf den Weg geben. So was wie “Geht raus, haltet die Augen offen, statt ins Smartphone zu starren. Seid höflich und empathisch” und sowas. Aber da ich weiter oben ja bereits erzählt habe, wie lange ich als Single durchs Leben stolpere, wären Tipps ausgerechnet von mir vermutlich das letzte, was euch weiterhelfen könnte ;) Ich muss jetzt Schluss machen und nochmal an die frische Luft. Falls ich zufällig meine Traumfrau treffen sollte, lass ich es euch wissen, versprochen!