Reiche Böden, armes Volk
Philippinen: Der Smartphone-Fluch

Die Philippinen sind reich an Rohstoffen wie Kupfer und Gold. Auch Smartphones sind daran Schuld, dass das mittlerweile mehr Fluch als Segen ist.

Manchmal sitzt man bei einem Artikel mehrere Minuten vorm Rechner, ohne dass einem ein einziges Wort für die Einleitung einfällt. Das passiert mir persönlich dann am häufigsten, wenn ich weiß, dass ich gleich wieder den unliebsamen Partygast spiele, der ins Buffet pinkelt und damit allen anderen, die bislang richtig Spaß hatten, die Party verdirbt.

Das war zum Beispiel der Fall, als ich den Coltan-Artikel geschrieben habe, in dem ich behauptete, dass an unseren Händen Blut klebt. Thematisch haue ich heute in eine ganz ähnliche Kerbe, wobei es in dem konkreten Beispiel allerdings nicht um Afrika geht, sondern um Asien. Genauer gesagt blicken wir auf die Philippinen, die bei der Produktion von Hightech auch eine wichtige Rolle spielen.

Die Party, von der ich oben spreche, ist wieder einmal die Smartphone-Party. Nahezu jeder von uns besitzt ein Smartphone oder gar mehrere und wechselt zudem schneller zu einem neueren Modell, als das bei anderen Tech-Produkten üblicherweise der Fall ist. Auch, wenn wir in Europa, in Nordamerika und Teilen Asiens schon recht gesättigte Märkte vorfinden, werden dennoch irrsinnig viele Geräte verkauft und steigen die Verkaufszahlen weiter an.

Das geht vor allem zulasten der Regionen, aus denen die Rohstoffe stammen, die für die Smartphones benötigt werden. Damit sind wir eben wieder auf den Philippinen, wo Gold und Kupfer u.a. für diese Handsets abgebaut wird. Übrigens auch nicht das erste Mal, dass wir auf die Philippinen blicken und feststellen müssen, dass dort der Kopf für die westliche Welt hingehalten wird.

Auf den Philippinen arbeitet die Müllabfuhr des Internets

Die zwei Seiten des Bergbaus

Ursprünglich ist der Bergbau für den Inselstaat ein Job-Motor gewesen, immerhin liegt der Staat auf Platz fünf der mineralreichsten Länder dieser Erde — neben Gold und Kupfer findet sich hier auch Nickel, Uran, Eisen und vieles mehr. Viele Menschen verdienen im Bergbau ihr Geld in der Republik der Philippinen, aber die Spielregeln haben sich Mitte der neunziger Jahre vor allem für die indigenen Völker entscheidend geändert. Da nämlich enstand mit dem sogenannten „Philippinen Mining Act of 1995“ das philippinische Bergbaugesetz.

Die philippinische Regierung ging ab diesem Zeitpunkt dazu über, sich mehr Unternehmen aus dem Ausland ins Land zu holen, die durch den jetzt stärker geförderten Bergbau angelockt wurden. Unternehmen, die hier investieren, genießen Steuerfreiheit (für fünf bis zehn Jahre) und besitzen die Abbauregion zu 100 Prozent, wobei letzteres eigentlich philippinischem Recht widerspricht.

Die Folgen daraus zeigen deutlich die Kehrseite der Medaille: Die indigenen Völker wurden oftmals vertrieben aus ihrer ursprünglichen Heimat und da die Regierung sich mit seinem Bergbaugesetz das alleinige Zugriffsrecht auf die Mineralvorkommen sicherte, müssen die Menschen, die ursprünglich auf traditionellem Weg abbauten und damit ihren Lebensunterhalt bestritten, nun sogar Lizenzen für die Schürfrechte erwerben.

Das Resultat ist oftmals, dass man bei einem der Großunternehmen aus dem Ausland weiter in den selben Minen arbeitet wie zuvor, jetzt aber eben für deutlich weniger Geld. Doch die Probleme des industriellen Bergbaus nehmen noch weitaus schlimmere Ausmaße an als “nur” die geringeren Einnahmen der Bergarbeiter.

Durch den Einsatz von Chemikalien wird aus einst fruchtbaren Böden tristes Ödland, auf dem kein Getreide mehr angebaut werden kann und dank Arsen und Blausäure nicht mal mehr Bäume wachsen, zudem wird auch das Grundwasser versucht. Vertrackte Lage also — für die Philippinen generell, aber für die oft armen indigenen Gemeinschaften insbesondere.

Was ist nun zu tun?

Okay, das ist eine miese Tour, so eine Frage zu stellen, ich sehe es ein. Denn im Grunde ist es ja immer das selbe: Wir nutzen die Technik, also sind wir auch alle mitschuldig an der Misere, solange bis wir aufhören, diese Gerätschaften zu nutzen. Spätestens dann würde die Industrie auch umdenken. Deswegen würde man immer noch Rohstoffe für die Produkte benötigen und auch abbauen — aber vermutlich würde das nachhaltiger geschehen.

Okay, der Planet ist erfreulicherweise noch nicht komplett am Arsch, weil es so viele Organisationen und Menschen gibt, die für die Umwelt kämpfen und manchmal zahlt sich diese Hartnäckigkeit auch insofern aus, als Politik und Industrie auf die dramatischen Zahlen reagieren. Okay, auf globaler Ebene sind die Klimagipfel der führenden Industrienationen ein Witz und wie im Beispiel der Philippinen werden an vielen Orten der Welt ganze Landstriche durch Chemie, Rodungen und Monokultur zerstört.

Aber es gibt eben auch immer die kleinen Lichtblicke und an die muss man sich aktuell wohl klammern. Wälder, die wieder aufgeforstet werden, Fischbestände, die geschützt werden, Unternehmen, die auf grüne Technologien setzen, Städte, die nachhaltig geplant werden und vieles mehr. Selbst in der Ruhr hier im Pott schwimmen wieder Lachse — das hätte uns in den Achtzigern mal einer erzählen sollen.

All das hilft den Menschen auf den Philippinen derzeit natürlich herzlich wenig. Deswegen haben sich einige philippinische Aktivisten nun auf den Weg nach Österreich gemacht, um aufzuklären und die Leute für diese Thematik zu sensibilisieren. Eingeladen hat das Welthaus in Österreich, ein Zusammenschluss verschiedener katholischer Organisationen, die sich für zukunftssichere und nachhaltige Entwicklungen in der Gesellschaft stark machen.

Einer dieser Aktivisten ist Rolando Larracas, der auf Marinduque lebt, quasi dem „Herzen der Philippinen“. Hier wird seit vielen Jahrzehnten Kupfer in ganz großem Maße abgebaut und diese Arbeiten wurden überschattet durch drei verheerende Dammbrüche. Dadurch brachen über die Inseldörfer ganze Lawinen verseuchten Schlammes herein, die u.a. dazu führten, dass alles Leben im Fluss komplett ausgelöscht wurde.

Wie ich weiter oben schon schrieb: Manchmal setzt ein Umdenken bei den Entscheidungsträgern ein. In diesem Fall ist das den Katastrophen selbst geschuldet (typisch halt, dass erst was passieren muss, damit man vernünftig wird), aber auch Umweltorganisationen wie der MACEC. Das Resultat ist ein 50-jähriges Moratorium, welches für die Insel verhängt wurde und das besagt, dass dort fünf Jahrzehnte lang kein Bergbau betrieben werden darf.

Wie es heißt, bekennen sich mittlerweile viele Entscheidungsträger zu einer Anti-Mining-Position und fordern zudem sowohl verbindliche internationale Verträge für Konzerne als auch Entschädigungszahlungen an die Einheimischen.

Die Menschen hier tragen so wenig zum Klimawandel bei und profitieren auch nicht vom Bergbau. Trotzdem sind sie die Opfer. Die Konzerne richten große Schäden an und sie zahlen keine Steuern. Was bleibt sind vergiftetes Land und kranke Menschen. Rolando Larracas

Die Aktivisten um Rolando Larracas und Rina Libongen tingeln jetzt also durch Österreich, halten bei unserem südlichen Nachbarn Vorträge, veranstalten Workshops und gehen dabei auch in Schulen. Dort veranschaulichen sie dann den Interessierten, wie viel Material abgebaut werden muss, damit ein weiteres Smartphone davon profitieren kann.

  • 8,5 kg Kupfererz enthalten 18 g Kupfer = 1 Smartphone
  • 7,2 kg Golderz enthalten 0,0288 g Gold = 1 Smartphone

Sehr viel abzubauender Rohstoff für sehr wenig Ertrag, was die Situation natürlich nicht leichter macht. Umso schöner aber, dass die katholischen Vereinigungen sich darum bemühen, die Bevölkerung darüber zu informieren. Während die Katholiken sich in Bayern also darum kümmern, dass in allen denkbaren öffentlichen Einrichtungen Kreuze hängen, werden in Österreich immerhin richtige Probleme angepackt.

Aber machen wir uns nichts vor: Das ist natürlich nur der berüchtigte Tropfen auf dem heißen Stein. Schüler müssen sich das so oder so im Rahmen des Unterrichts anhören und zu den Vorträgen gehen vermutlich eh hauptsächlich Menschen, denen Nachhaltigkeit und der Schutz der Natur sowieso schon am Herzen liegen.

Schwieriger wird es da vermutlich, die breite Masse der Bevölkerung anzusprechen und letzten Endes dann auch die Industrie zum Umdenken zu motivieren. Erinnert ihr euch noch daran, dass ich Ostern um eure Tipps gebeten hatte, wie man angesichts so vieler Baustellen auf der Welt dafür sorgen kann, dass es etwas besser wird?

Ich bin immer noch dabei, mir zu überlegen, was ich konkret tun werde, aber unter den Vorschlägen von euch waren auch mehrfach Bitten, dass wir hier auf dem Blog genau diese Dinge ansprechen und erklären sollen: Wie halten es die Unternehmen mit Nachhaltigkeit, wie kann man Probleme lösen oder eindämmen und wohin haben wir uns als Gesellschaft zu entwickeln.

Genau das werden wir mitunter hier also tun: Euch informieren und — so es uns möglich ist — Tipps und Anregungen geben, was man auch als Endnutzer tun kann. Wenn ein kleines Blog über die Bergbau-Bedingungen auf den Philippinen berichtet, dann werden das Apple, Samsung und Co nicht mal mitbekommen. Aber hey: Ein paar Blogs, die berichten, ein paar Aktivisten, die in Workshops die Problematik erklären — das ist zumindest mal ein Anfang. Irgendwann kommen wir dahin, auch wenn es bis dahin noch Millionen kleine Tippel-Schritte sind.

via Futurezone.at