PR-Stunt Digitalcharta – Die Arroganz der Anderen

Die "Charta der Digitalen Grundrechte der Europaeischen Union" ist bei genauerer Betrachtung nicht mehr als ein PR-Stunt, der in irgendwelchen Hinterzimmern ausgekluengelt wurde. Naiv, zum Teil erschreckend technologiefeindlich, aber vor allen Dingen in massloser Selbstueberschaetzung zusammengeschoben.

Was machen eigentlich Interessens-Gruppen aus Deutschland, die sich einmal pro Woche zufaellig in einer Kneipe treffen? Richtig, die stellen ueber kurz oder lang ein selbst ausgesaegtes Schildchen auf den Tisch, in das „Stammtisch“ reingebrannt wurde. Laeuft die Sache rund und wird auch in den naechsten Monaten durchgezogen, dann kann man Brief und Siegel darauf geben, dass die Gruendung eines Vereins kurz bevorsteht. Vereine brauchen natuerlich auch Satzungen und da ist es voellig egal ob man jetzt festlegen will wie man den groessten Rammler im Karnickelzuchtverein bestimmt oder in welcher Reihenfolge die Grillfeste fuer die naechsten 10 Jahre durchgefuehrt werden.

Stereotypen sind doch was herrliches und keines ist so wunderbar Deutsch, wie die Vereinsmeierei. Schwierig wird es aber, wenn man dann in einem Anflug von Groessenwahn meint, dass die soeben ausgearbeitete Satzung auch gleich mal schoen fuer alle gelten soll. Also nicht nur fuer alle Vereine, sondern gleich fuer Deutschland… ach was soll der Geiz: Europa!

So oder so aehnlich muss es sich wohl die konspirative Vereinigung von „Buergerinnen und Buergern, denen die Gestaltung der digitalen Welt am Herzen liegt“ gedacht haben, die auf Initiative der Zeit Stiftung nun die grosse PR-Pauke rausholt und mal ganz unbescheiden ihre „Charta der Digitalen Grundrechte der Europaeischen Union“ vorstellte. Nicht nur im Netz, sondern auch formatfuellend auf ganzseitigen Anzeigen in den ueberregionalen Tageszeitungen. Und damit auch wirklich jeder weiss, dass es sich dabei um ne fancy und hippe Zeitgeist-Nummer handelt, wird die Geschichte dann auch noch mit einem symbolhaften Logo versehen. Jau, es ist ein Hashtag geworden!

digitalcharta-hashtag

Das erinnert mich an die Kreativitaet der Werbeagenturen und Texter der spaeten 90er, die damals so gerne fuer ihre neuen Titel ein „a“ durch ein „@“ ersetzten. „Kommt, lasst uns da noch nen Hashtag reinmachen, wir brauchen ja auch irgendwie ein wenig Symbolik und so“. Abgestimmt, durchgewunken, umgesetzt.

Der gesamte Erguss liest sich wie eine Grundsatzerklaerung von technologiefeindlichen Publishern, die irgendwie ihren Status Quo aufrecht erhalten wollen

Und genau so duerfte es insgesamt gelaufen sein… da hocken sich „ueber 14 Monate“ allerlei vermeintliche Speerspitzen der wie immer auch zu definierenden „Netzgemeinschaft“ zusammen und spielen mal ganz grosse Politik. Seht her, wir haben uns da mal was fuer euch ausgedacht, aber keine Angst… das ist ja alles noch ganz schwer Beta und selbstverstaendlich laden wir euch alle ein, mal mitzudiskutieren…. aber damit wir uns nicht falsch verstehen, am Montag stellen wir die Charta bereits dem Europaeischen Parlament vor.

Oeffentlicher Betatest fuer Europas Grundrechte. Das kannste dir alles eigentlich gar nicht ausdenken, oder?

Doch, laeuft soweit erstmal durch und dabei frage ich mich nach nun knapp 4 Tagen… was wollen sie denn ueberhaupt und in welcher Welt soll dies stattfinden?

Wenn die selbsternannte digitale Boheme in Deutschland immer noch zwischen On- und Offline-Welt trennt, dann muss ich mich auch fragen, ob Teile davon immer noch ihre AOL CDs horten und als iPhone-Benachrichtigung „Sie haben Post“-Samples einspielen.

lsr_banner09Der gesamte Erguss liest sich wie eine Grundsatzerklaerung von technologiefeindlichen Publishern, die irgendwie ihren Status Quo aufrecht erhalten wollen und dafuer gleich mal eine ganze Menge Grenzen ziehen (ich empfehle hier den „wunderbaren“ Artikel 22). Seht her, wenn ihr in Europa seid und euch von dort ins lustige Digitalistan begebt, dann habt ihr gefaelligst auf dies und das zu achten. Jau, da wird mal eben der digitale Raum den Laendergrenzen uebergestuelpt, als sei das nicht bereits seit Jahren so.

Die Digitalcharta schafft ein duales System in einer Welt, die doch verdammt noch mal endlich zusammengefuehrt und nicht entzweit werden muss. Es gibt nur eine Realitaet und in der befindet sich auch der wie auch immer definierte digitale Lebens- und Wirtschaftsraum. Also was soll dieser Quatsch?

Ruf nach Vater Staat!

Ohne jeden einzelnen Artikel abarbeiten zu wollen (ich waere eh nicht ueber die Vorzensur Endlosschleife „Hatespeech“ gekommen), nur exemplarisch ein Auszug der zeigt, welche Grundstimmung sich durch die komplette Charta zieht.

Neue Gefährdungen der Menschenwürde ergeben sich im digitalen Zeitalter insbesondere durch Big Data, künstliche Intelligenz, Vorhersage und Steuerung menschlichen Verhaltens, Massenüberwachung, Einsatz von Algorithmen, Robotik und Mensch-Maschine-Verschmelzung sowie Machtkonzentration bei privaten Unternehmen

und noch einmal ne Ecke heftiger im letzten Absatz, denn der spricht direkt an, an wen sich die Charta eigentlich richtet:

Rechte und Pflichten aus dieser Charta gelten für alle Unternehmen, die auf dem Gebiet der EU tätig sind. Die Festlegung eines Gerichtsstands außerhalb der EU ist unzulässig

Grundrechte, die ich als Buerger gegenueber dem Staat habe, sollen nun doch von selbigen auch in Bezug auf Prozesse und technologische Entwicklungen gegenueber privaten Unternehmen durchgesetzt werden. Jetzt bin ich alles andere als ein Jurist, aber nun binden Grundrechte nicht mehr den Staat, sondern Unternehmen und ersterer soll bitteschoen den starken Mann spielen, denn die Gefaehrdungen der Menschenwuerde gehen schliesslich aus den Entwicklungen dieser hervor. Einfach nur wow!

Ein PR-Pups fuer Europa

Brauchte die Zeit nen Aufhaenger? Will Sascha Lobo endlich auch mal vom Presseclub eingeladen werden oder hat das St. Oberholz einfach gerade Angebotswochen fuer Kleingruppen-Events gehabt? Mir ist nicht ansatzweise klar geworden, in welcher Verfassung man sich befinden muss, um so ein Dokument zu verfassen. Fuer ganz Europa!

Was mir aber richtig auf die Eier geht, das ist die Arroganz der gesamten Gruppe. Durch die Bank weg hocken da die grossen TTIP-Verschwoerungstheoretiker, die nicht muede wurden die Intransparenz des Freihandelsabkommens anzuprangern.

Jetzt knallen sie der Oeffentlichkeit ein im Hinterzimmer entworfenenes Papier hin und erklaeren grosszuegig, dass man dies ja nun diskutieren duerfe. Ja da bedanke ich mich doch mal ganz herzlich, haue gleich noch 20 Statements unter die einzelnen Artikel und bin mir sicher, dass diese dann mit den „tausenden“ anderen Anmerkungen in die naechste Runde kommen.

Wobei, bis Montag haben wir ja nicht mehr viel Zeit!