Premium-Smartphones: Wir müssen mal über das Wort „Premium“ reden

Samsung hat mit dem Galaxy Note 9 sein neuestes Premium-Smartphone vorgestellt. Während "Premium" hier aber passt, nutzen wir es sonst vermutlich zu inflationär. Zeit, dass sich das ändert.

Ich hab das Gefühl, wir müssen uns mal über Premium-Smartphones unterhalten. Damit meine ich nicht über wahre Premium-Smartphones wie das gestern erst vorgestellte Samsung Galaxy Note 9 oder Handsets wie das Apple iPhone X oder das Porsche Design Huawei Mate RS. Bei diesen drei Modellen würde ich zweifellos von „Premium“ sprechen, wobei ich beim iPhone X und dem Galaxy Note 9 auch lediglich die „großen“ Varianten meine mit den größten Speicher-Optionen.

Vielleicht merkt ihr auch schon, worauf ich hinaus will: Wir reden zu oft über Premium-Smartphones und mit „Wir“ meine ich wirklich so ziemlich jeden, der sich über Smartphones unterhält, egal ob es die Fachpresse ist, die Marketingabteilungen der Hersteller oder auch die Verbraucher. Und ja, wir nehmen uns selbst da auch nicht aus und müssen uns an die eigene Nase fassen.

Der Premium-Begriff ist durch den inflationären Gebrauch für mein Empfinden entwertet oder zumindest verwässert worden. Damit möchte ich nicht die Galaxy S9-Reihe schlecht reden, die LG-Flaggschiffe oder all die anderen Geräte, die dieses Jahr im hochpreisigen Segment des Marktes ins Rennen geschickt wurden. Unabhängig von der Produktsparte hat „Premium“ ja eine Bedeutung und ich habe nicht mehr das Gefühl, dass hier das richtige Maß gehalten wird.

Das Qualcomm-Problem

Einige Hersteller haben ihre eigenen SoCs, aber die Mehrheit der großen Namen setzt Jahr für Jahr wieder auf Prozessoren von Qualcomm. Jedes Jahr bietet das US-Unternehmen ein neues Flaggschiff-Produkt — in diesem Jahr eben der Snapdragon 845 — und jedes Jahr stürzen sich die Smartphone-Hersteller auch genau auf dieses Spitzenmodell, um eben ihrem eigenen Produkt das Label „Premium“ anheften zu können.

Ich mag gar nicht darüber diskutieren, ob der Snapdragon 845 das Beste ist, was man derzeit verbauen kann, oder ob man da vielleicht eher bei Apple oder im Kirin- bzw. Exynos-Lager fündig wird. Viel wichtiger ist mir gerade, auf ein Problem hinzuweisen, dass mit diesen Spitzen-SoCs von Qualcomm einhergeht: Viel zu oft definieren wir die Klasse eines Smartphones darüber, welche Klasse der Chipsatz im Innern des Geräts besitzt. Das ist grundlegend falsch, denn ein Snapdragon 845 macht aus einem Smartphone nicht automatisch ein Premium-Smartphone, vermutlich nicht einmal zwingend ein gutes Smartphone.

Wie gesagt, ich pack mir da an die eigene Nase, denn wenn man ein Handset mit einem SoC der Snapdragon-800er-Reihe vor sich hat, ordnet man es fast automatisch dem High-End-Bereich zu, während es bei 600er- oder 400er-SoCs ebenso automatisch Mittelklasse oder Einsteigerklasse sind, über die wir reden.

Dabei geht kein Vorwurf an die Marketingabteilungen der jeweiligen Hersteller. Es ist ja klar, dass die uns mit Buzzwords zuwerfen und dabei sehr leichtfertig mit Superlativen hantieren. Aber wir von der schreibenden Zunft müssen uns diesen Schuh zweifellos anziehen und im Endeffekt auch jeder andere, der sich der Formel „Spitzen-SoC=Spitzen-Smartphone“ bedient.

Wir müssen uns definitiv davon verabschieden, ein Smartphone über den verbauten Prozessor zu definieren. Wie gut ist denn mein 800 Euro teures Device, wenn es über einen Snapdragon 845 verfügt, aber über eine mittelmäßige Verarbeitung oder eine Allerwelts-Kamera? Bei Android Headlines hat man sich auch Gedanken über die Premium-Smartphones gemacht und dort wurden das Galaxy S9+ und das von TCL produzierte BlackBerry KEY2 gegenüber gestellt. Das sieht dann wie folgt aus:

BLACKBERRY KEY2SAMSUNG GALAXY S9+
RAM6 GB6 GB
Speicher64 GB64 GB
microSDbis zu 2 TBbis zu 400 GB
HauptkameraDual-Cam mit 2 x 12 MPDual-Cam mit 2 x 12 MP
Frontkamera8 MP8 MP
Akku3.500 mAh3.500 mAh
USB-AnschlussUSB-Typ-CUSB-Typ-C
Android-VersionAndroid 8.1 OreoAndroid 8.0 Oreo
SoCQualcomm Snapdragon 660Qualcomm Snapdragon 845

Und, gemerkt? Wir haben es mit — zumindest oberflächlich betrachtet — sehr ähnlich ausgestatteten Geräten zu tun. Dadurch, dass beim BlackBerry-Smartphone aber ein Snapdragon 660 verbaut ist, wird es tendenziell eher der gehobenen Mittelklasse zugeordnet, während das ähnlich ausgestattete Galaxy S9+ wie selbstverständlich das „Premium“-Etikett verpasst bekommt.

Ist die Performance aber das einzige Merkmal, welches den Unterschied macht und darüber entscheidet, was Premium ist und was nicht? Und ist der Snapdragon 660 tatsächlich so viel schwächer, dass es dem Besitzer beim täglichen Gebrauch überhaupt auffällt? Wieso ist nicht das KEY2 das Premium-Smartphone, wo es doch immerhin größere Speicherkarten erlaubt, das neuere Android vorweisen kann und zudem über das Alleinstellungsmerkmal einer Hardware-Tastatur verfügt? Unabhängig davon ist es deutlich günstiger als ein Galaxy S9+.

Entscheidet das Preisschild?

OnePlus 6

Das wäre dann der nächste Punkt: Oft scheint das Preisschild zu verkünden, ob wir es mit Premium oder Nicht-Premium zu tun haben. Das obige Beispiel zeigt aber schon, dass es nicht so ganz einfach ist. Noch klarer wird es, wenn wir auf das OnePlus 6 schauen, welches Snapdragon 845, 6 GB RAM, Android 8.1 Oreo und Dual-Cam für knapp 520 Euro miteinander kombiniert.

Spätestens hier merkt man dann, dass ein hoher Preis nicht zwangsläufig für „Premium“ stehen muss bzw. umgekehrt ein günstigerer Preis nicht zwingend bedeutet, dass die Hardware nicht mit Produkten mithalten kann, die oft mehrere Hundert Euro mehr kosten. Das Spiel kann man beliebig weiterspielen, wenn man weitere chinesische Hersteller wie Honor, OPPO, Vivo oder natürlich Xiaomi betrachtet.

Unternehmen wie Apple und Samsung haben sich natürlich längst einen Namen gemacht, der es ihnen auch erlaubt, viel Geld für die Smartphones zu verlangen. Aber wir reden ja nicht zufällig immer wieder davon, dass wir es mit einem gesättigten Markt zu tun haben, auf dem die Käufer zudem immer häufiger dazu über gehen, sich nicht mehr zwingend jedes Jahr ein neues Modell zu gönnen.

Das ist ein anderes Problem, welches der Markt in dieser Produktsparte derzeit hat, aber es zeigt uns, dass man mittlerweile längst für deutlich weniger Geld als im 900-Euro-Bereich Smartphones bekommt, die für die meisten von uns keine Wünsche übrig lassen. Die machen unter normalen Bedingungen starke Fotos, sind gut verarbeitet, sind performant und verfügen zumeist über ordentliche Akkulaufzeiten.

Genau da wird es dann wieder spannend, was Premium-Smartphones angeht. Wenn ich wirklich Premium möchte — also das Beste vom Besten, dann bin ich vermutlich auch gewillt, dementsprechend viel Geld auszugeben. Dann kaufe ich mir mir ein Galaxy Note 9 mit 8 GB RAM und 512 GB Speicher für 1 249 Euro, ein iPhone X mit 256 GB Speicher für 1 319 Euro oder gar ein Porsche Design Huawei Mate RS für knapp 1 700 Euro.

Apple iPhone X

Dafür erwarte ich dann, dass keine Komponente wirklich abfällt, sondern ich ein hochauflösendes Display bekomme, außerdem eine Kamera, die zu dem Besten gehört, was man in ein Smartphone packen kann, den stärksten Prozessor, eine lange Akkulaufzeit und natürlich Premium-Design und -Verarbeitung. Wenn alles stimmt, dann kann man dem Gerät den Stempel „Premium“ verpassen und dann kann man auch einen so hohen Preis verlangen und erwarten, dass Leute gewillt sind, ihn zu zahlen.

Für alle, die das nicht wollen, gibt es ein ganzes Füllhorn an günstigeren Smartphones und da kann sich dann jeder selbst fragen, ob er bereit ist, 800 oder 900 Euro zu zahlen, oder ob nicht doch 400 oder 500 Euro reichen. Das wird — und soll — Samsung, Huawei und Co selbstverständlich nicht davon abhalten, auch weiterhin technisch hochwertige Smartphones in der gehobenen Preisklasse anzubieten. Aber wir sollten vielleicht aufhören, dann dabei immer leichtfertig von Premium-Smartphones zu reden.

Im Beitrag von Android Headlines wird gefordert, dass man den Begriff „Premium“ neu definiert. Da gehe ich ehrlich gesagt nicht ganz mit. Der Begriff ist es nämlich nicht, der überarbeitet werden muss — es muss sich nur wieder daran gewöhnt werden, dass wir ihn nur dann nutzen, wenn er angemessen ist. Ein Smartphone ist kein Premium-Smartphone, nur weil der stärkste Snapdragon drinsteckt. Ein Premium-Smartphone sollte sich auch von der Masse der hochpreisigen Handsets nochmal absetzen können und in allen Bereichen überzeugen können — nicht nur beim Prozessor.

Erzählt uns mal, wie ihr darüber denkt. Teilt ihr meine Ansicht oder seht ihr es völlig anders? Wenn wir uns drauf verständigen können, dass „Premium“ zu leichtfertig gesagt wird, können wir dann bei nächster Gelegenheit mal darüber reden, wie sich der Markt weiter entwickeln könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass sich mehr und mehr Menschen dazu entschließen könnten, sowohl seltener neue Smartphones anzuschaffen als auch weniger Geld dafür zu investieren pro Gerät. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Hersteller auf einen solchen Trend einstellen — aber das besprechen wir wie gesagt dann bei anderer Gelegenheit.