Prototyp: Ein Blick auf das Volkswagen-Cockpit der Zukunft

Wir konnten bei Volkswagen einen seltenen Blick auf einen Prototypen werfen, der die Entwicklungen der Wolfsburger zum Cockpit der Zukunft zeigt. Ein dreidimensionales Display für den Fahrer, ein Head-up Display mit zwei Ebenen sowie eine neue Touchbar sollen helfen, die digital verfügbaren Informationen anzuzeigen und die Steuerungen zu übernehmen.

von Bernd Rubel am 16. März 2017

Während sich andere technologische Bereiche wie die Smartphone-Industrie momentan vorwiegend durch gähnende Langeweile auszeichnen, ist im Automobilsektor ordentlich Dampf auf’m Kessel. Zum einen stellen die meisten Big Player der Branche gerade die Weichen für einen Wechsel der Modellpalette vom Verbrennungs- zum Elektromotor. Zum anderen sollen in den kommenden 5 bis 10 Jahren teil- und vollautonome Autos den öffentlichen Straßenverkehr erobern und dabei helfen, die Herausforderungen der Mobilität zu meistern. Und last but not least sollen Autos zum vollvernetzten Device werden, zum “fahrenden Smartphone”, zum individuellen Enter- und Infotainment-Center.

Bei einem recht exklusiven Besuch im Volkswagen-Werk konnten wir einen Blick auf das werfen, was die Wolfsburger in den kommenden Jahren im letztgenannten Bereich planen. Das Zeitalter der Drehknöpfe, Schalter und Hebel ist vorbei, die zunehmende Digitalisierung wirkt sich auch auf das gesamte Cockpit aus. Große und mitunter berührungslos reagierende Farbdisplays ersetzen die analogen Anzeigen und Instrumente.

Im Vordergrund der Entwicklung bei VW steht schon aus Gründen der Sicherheit die Usability. Der theoretisch mögliche Information-Overkill soll tunlichst vermieden werden, denn die digitalen Anzeigen müssen trotz ihrer Vielfalt und Komplexität vom Fahrer ebenso intuitiv und ablenkungsfrei erfasst werden wie ein analoges Instrument. Sprich: wenn die aktuelle Fahrzeuggeschwindigkeit heutzutage mit einem kurzen Blick auf den Tacho ersichtlich ist, darf der zukünftige Blick auf eine digitale Anzeige nicht verwirrender sein.

Ähnliches gilt für Navigationssysteme bzw. das angezeigte hochauflösende Kartenmaterial oder die multimedialen Oberflächen für den Zugriff auf die eigene Musiksammlung. Ein wesentlich größeres Display führt zwangsläufig dazu, dass das menschliche Auge die darauf dargestellten Informationen erfassen will und dabei größere “Wege” zurücklegt. Das wiederum hat zur Folge, dass der Blick länger auf dem Display ruht und sich nicht auf die Straße richtet.

Die Autohersteller suchen hier nicht nur einen Kompromiss, sondern erstreben das absolute Minimum bzw. Optimum. Über speziell für den Einsatz im Cockpit gestaltete GUIs (Graphic User Interfaces) und quasi “blind” zu bedienende Oberflächen soll z.B. die fehlende Haptik eines Knopfes oder Schalters vollständig kompensiert werden. Im Idealfall funktionieren die Instrumente und Bedienelemente im jeweils aktuell benötigten Zusammenhang völlig intuitiv und vorausschauend und liefern dem Fahrer die tatsächlich erwünschte und sinnvolle Information vorausschauend “von selbst”.

Dreidimensional und inkl. Eye-Tracker

Ein Blick auf den von Volkswagen gezeigten Prototypen zeigt die konstant fortschreitende Entwicklung in diesem Bereich. Wesentliche Teile der Oberfläche konnten wir in einer ähnlichen Umsetzung bereits im kürzlich überarbeiteten Golf 7 sehen, andere Elemente sind noch in Planung oder werden wieder verworfen. Letztendlich müssen Ingenieure, Softwareentwickler, Usabilty-Experten, Verkehrspsychologen und Designer im Laufe endlos vielen Testreihen das Feedback unterschiedlicher Tester immer wieder auswerten und Schritt für Schritt entscheiden, ob die ursprünglich geplante Umsetzung tatsächlich sinnvoll ist. Was beim frontalen und ablenkungsfreien Blick auf das Display eines Smartphones oder Tablets funktioniert, kann für den Einsatz im Fahrzeug völlig oder teilweise ungeeignet sein, so dass sich die Vergleichbarkeit mit eventuell bereits existierenden Technologien und Oberflächen ebenfalls in Grenzen hält.

Grundsätzlich besteht der aktuelle Prototyp aus vier miteinander gekoppelten Elementen. Hinter dem Lenkrad mit in diesem Zusammenhang fast schon “klassisch” anmutenden Schaltern befindet sich ein dreidimensional konzipiertes Display, das den heutigen Tacho ersetzt. Darüber befindet sich ein Head-Up Display (HUD), der nunmehr zwei hintereinander gelagerte Ebene besitzt. Rechts, sozusagen im Bereich der Mittelkonsole ist ein großer Touchscreen platziert, unter dem sich wiederum eine neue Touchbar befindet.

Das 3D-Display für den Fahrer besteht de facto aus zwei übereinander eingebauten Panels, von denen das Vordere teiltransparent ist. Die angezeigten Informationen können somit auf zwei Ebenen eingeblendet werden, wobei die Informationen auf dem hinteren Panel vollflächig zu sehen sind. Unterhalb der beiden Displays befindet sich ein Eye-Tracker, den wir im Video sichtbar darstellen konnten. Das System erkennt, auf welche der angezeigten Informationen der Blick gerichtet ist und fokussiert auf diese Ebene auch digital, durch eine optische Hervorhebung. Der Switch erfolgt in Millisekunden und überaus intuitiv, womit die oben bereits erwähnte ablenkungsfreie Fokussierung auf die tatsächlich wesentlichen Inhalten eine der Hürden genommen hat.

Interessant ist, dass die Bedienelemente des Lenkrads trotz ihrer klassischen Druckknopf-Bauweise digital mit diesem Eye-Tracker gekoppelt sind. Die Knöpfe dienen immer der Steuerung des Elements, auf das der Fahrer gerade fokussiert. Das wiederum reduziert die Komplexität des Lenkrads extrem und ermöglicht VW den Verzicht auf mehrere verschiedene Lenkrad-Bedienelemente, die dann z.B. neben- oder übereinander angeordnet sein müssten.

Der wesentlich größere Bildschirm in der “Mitte” des Cockpits ist der Nachfolger des Navigations- und Entertainmentsystems, das wir heute bereits aus vielen Fahrzeugen kennen. Auf Knöpfe verzichtet Volkswagen auch hier vollständig, stattdessen überrascht man mit einer vollständig selbst entwickelten Oberfläche.

Touchbar und Farbelemente

Denkbar wäre gewesen, dass sich VW an den eventuell bereits bekannten GUIs von z.B. Android Auto oder Apple CarPlay und deren “bonbonartigen” Symbolen orientiert, doch die Multimedia- und Navigationselemente befinden sich stattdessen hinter separat vergrößer- und verkleinerbaren Layern. Diese kann man ausgehend von einem dominaten Homescreen aufzoomen oder an den unteren Bildschirmrand verkleinern, was ein wenig an das ebenfalls mittlerweile bekannte System von “Fensterchen” erinnert.

In Kombination mit verschiedenen Elementen und Einstellungen ergibt die unterhalb des Displays montierte Touchbar einen Sinn. Durch ein Gleiten des Fingers von links nach rechts, von rechts nach links oder vom äußeren Rand zur Mitte können ähnlich wie bei einem Schieberegler verschiedene stufenlose Einstellungen getroffen werden. So lässt sich z.B. die Innentemperatur des Fahrzeugs oder die Temperatur der Sitzheizung für den Fahrer und den Beifahrer einstellen. Der Nutzer wird dabei durch farbliche Elemente unterstützt – Blau steht für kalt, Rot für warm. Dem System merkte man an, dass es sich um eines der jüngeren Elemente im Prototypen handelte, uns fehlte z.B. ein “irgendwie” umgesetztes haptisches Feedback und die klavierlackschwarze Oberfläche wirkte etwas zu glatt. Andererseits ist es interessant zu sehen, dass tatsächlich auch digital bzw. elektronisch umgesetzte Farbsignale eine hervorragende Möglichkeit sein können, die Bedienung komplexer Oberflächen im Fahrzeug wesentlich intuitiver zu gestalten.