QAnon-Anhänger bei einer Trump-Rally

QAnon
QAnon: Faszination Verschwörungstheorie – und wieso sie auf Facebook so gut funktioniert

Verschwörungstheorien gab es immer und wird es immer geben. In den USA hat sich nun ein regelrechter Kult um QAnon gebildet - und der findet bei Facebook den perfekten Nährboden.

Es gibt so ein paar Themenbereiche, die ich hochinteressant finde und zu denen ich immer wieder gerne Bücher lese oder mir Dokumentationen anschaue. Alles, was mit Verschwörungstheorien zusammenhängt, gehört für mich absolut dazu: Die Amis waren nicht wirklich auf dem Mond, Hitler lebt noch (genau wie Elvis und 2Pac), in der Area 51 ist ein UFO abgeschmiert, Paul McCartney ist schon vor vielen Jahren gestorben und durch einen Doppelgänger ersetzt worden und mit QAnon kommt eine weitere hinzu.

Die oben genannten sind einige der gängigsten Verschwörungstheorien und ich finde hier gleich verschiedene Aspekte reizvoll. So ist es für mich interessant, mit welcher Akribie beispielsweise beim Thema der Mondlandungen beide Seiten ihre schweren Geschütze in Form von (teils vermeintlichen) Argumenten und Belegen auffahren. Nicht selten klingt eine solche Theorie auf Anhieb sogar erst einmal plausibel — bis einem dann erklärt wird, wieso es kompletter Humbug ist.

Mich interessieren aber auch die Dynamiken hinter diesen Theorien. Woher kommen sie, also wer erdenkt sie und wie kommt es, dass sich eine Theorie wie ein Lauffeuer verbreitet, eine andere hingegen nicht? Für jeden, der sich gern mit dem Thema dieser Verschwörungstheorien beschäftigt, ist das Internet ein Segen und eine unendlich große Spielwiese. Für alle anderen — vor allen Dingen für Menschen, die ihre Schwierigkeiten damit haben, eine News zu verifizieren — ist das Internet mal ein undurchdringlicher Dschungel, mal ein Minenfeld.

Aktuell habe ich das Gefühl, dass die Grenzen zwischen der Verschwörungstheorie und der Falschmeldung zunehmend mehr verschwimmen. Wir leben in Zeiten, in denen sich sogar Präsidenten hinstellen können und wissentlich Lügen verbreiten — und seine Anhänger nehmen ihm diese nicht nur nicht übel, sie interessieren sich schlicht einfach nicht dafür, dass da Fakten nicht stimmen.

Q und QAnon – ein Netzwerk aus Verschwörungstheorien und eine Bewegung

Genau das ist der Nährboden, unter der folgende Verschwörungstheorie gedeihen kann — oder besser gesagt: Die Mutter aller Verschwörungstheorien. Die Rede ist von einer ominösen Person namens Q und dem Kult, der um diese Person entstanden ist und der sich QAnon nennt. QAnon ist dabei eine Wortschöpfung, die „Q“ und „Anon“ für Anonym miteinander kombiniert.

Der Name Q bezieht sich auf die gleichnamige Sicherheitsstufe für Beamte in der US-Administration. Es handelt sich hier um eine äußerst hohe Sicherheitsstufe und wer Zugriff auf diese Infos hat, verfügt dementsprechend über besonders viel Insiderwissen. Wie es heißt, ist Q ein hoher Regierungsbeamter bzw. Insider der Regierung, der auf dieses Insiderwissen Zugriff hat.

Es liegt in der Natur der Verschwörungstheorie, dass natürlich niemand weiß, wer Q ist. Es wird auch spekuliert, dass es sich nicht mal um eine Einzelperson, sondern eine Gruppe von Leuten handelt und wieder andere glauben sogar, dass Trump Teil von Q ist oder zumindest darüber im Bilde ist.

Apropos Trump: QAnon ist aufgefallen, dass der US-Präsident angeblich eine Affinität zur Zahl 17 hat und diese Zahl gelegentlich in Reden einbindet. Q = der 17. Buchstabe des Alphabets, ihr versteht schon. Wenn dieser Trump genau in diesen Tagen dann einen Tweet raushaut, der genau diese Zahl beinhaltet, ist das natürlich weiterer Treibstoff für QAnon.

Auf der Plattform 4chan trat Q erstmals in Erscheinung und zwar mit der These, dass Hillary Clinton bald ausgeliefert würde. Mehr Infos gab es nicht. Kein Satz darüber, wer er selbst ist, woher die Infos stammen, von wem Clinton an wen ausgeliefert wird oder aus welchem Grund. Einige Tage später wurde er ein klein wenig konkreter und nannte für die Festnahme der Hillary Clinton den 30. Oktober 2017 als Datum.

Okay, jetzt wissen wir natürlich, dass die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Demokraten nicht festgenommen wurde, aber solche Details waren für wahre Mitglieder der Aluhut-Fraktion bekanntlich noch nie eine wirkliche Hürde. Q hat mittlerweile über 1800 Botschaften verkündet und darunter befindet sich auch eine Erklärung, wieso er trotz Insiderwissen bei der Clinton-Sache daneben gelegen habe: Man hat Hillary Clinton nämlich längst eine elektronische Fußfessel verpasst, was dann letzten Endes eben so gut ist, wie sie zu verhaften. Man darf gespannt sein, was Q zu bieten hat, sollte Clinton in nächster Zeit mal wieder das Land verlassen.

Q hat darüber hinaus ein ganzes Füllhorn an Verschwörungstheorien zu bieten. So betreiben die die Demokraten einen riesigen Kinderhandel-Ring und wenn Donald Trump mal wieder einen Tweet mit Tippfehlern rausgehauen hat, dann liegt das nicht daran, dass er zu dämlich zum Schreiben ist, sondern daran, dass er durch diese Fehler verschlüsselte Informationen weitergibt (ich verweise an dieser Stelle nochmal auf das Bild weiter oben vom Kollegen Stoll).

Die wichtigste Theorie jedoch, um die sich alle anderen Theorien wie ein Netz verdichten, ist die vom „Deep State“! Der „tiefe Staat“ ist sowas wie eine Schattenregierung, die im Geheimen die Fäden zieht. Und drei mal dürft ihr raten, welcher Heilsbringer einen einsamen Kampf gegen den Deep State führt? Genau, unser aller Donald Trump. Zu diesen Theorien um den Deep State gehört auch, dass Robert Mueller in Wirklichkeit nicht als Sonderermittler die russische Einmischung bei den US-Wahlen beweisen soll, sondern in Wahrheit eine Waffe Trumps ist im Kampf gegen diesen Deep State und genau in die andere Richtung ermittelt, als wir alle denken.

QAnon nimmt Fahrt auf

Normalerweise beschäftigen wir uns im internationalen Kontext hauptsächlich mit den Falschaussagen des US-Präsidenten und weniger mit jeder x-beliebigen Verschwörungstheorie, die um dieses Abziehbild eines Präsidenten rankt. Aber QAnon ist anders! Die Bewegung ist zu einem regelrechten Kult erwachsen und bei einer kürzlichen Wahlkampfveranstaltung Trumps konnte man das Q bereits vielfach sehen auf Plakaten und T-Shirts.

Auf einmal spricht die ganze USA über QAnon und logischerweise wird die Bewegung im Trump-Lager weitere Anhänger finden. QAnon freut sich in diesen Tagen darüber, dass man im Mainstream angekommen ist.

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Bei Facebook geht die Saat auf

Bei 4chan nahm es seinen Anfang, später ging es bei 8chan und Reddit weiter, schließlich zog QAnon größere Kreise und landete schließlich auch bei YouTube und final dann bei Facebook. Genau das ist der Punkt, an dem es gefährlich wird, denn Facebook ist gleich aus mehreren Gründen dafür bestens geeignet, eine solche Nummer wirklich groß zu machen.

Das geht schon los damit, dass Facebook deutlich besser die tatsächliche Bevölkerung abbildet, als es Plattformen wie 4chan oder Reddit tun. Hier finden sich auch all die Menschen, die weit davon entfernt sind, sich „Digital Native“ zu nennen und sich entschieden unsicherer im Netz bewegen, als das jüngere tendenziell tun.

Das erinnert mich an meinen Dad, der grundsätzlich ein sehr intelligenter Mensch ist, der aber gleichzeitig auch empfänglich für Verschwörungstheorien ist. Ich kann mich noch erinnern, als er auf der Arbeit erstmals regelmäßig Zugang zum Internet hatte. Er kam irgendwann mit einem Berg Papier zu mir, alles Dinge, die er sich im Netz ausgedruckt hatte. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit bei einem Thema und hier hatte er nun den Beweis, dass doch er Recht hatte mit seiner Theorie.

Ich schaute es mir an und lachte ihn aus, weil es wirklich kompletter Humbug war und sein einziges Argument war, dass es schließlich alles schwarz auf weiß im Netz zu lesen ist. „Wieso sollten die denn da Quatsch reinschreiben?“

Und genau das ist der Punkt: Wer sich mehr mit dem Netz befasst, oder schlicht einfach in eine Welt hineingeboren wurde, in der von Anfang an das Internet vorhanden war, kommt zumeist von allein auf die Idee, dass eine Information, die man gerade gelesen hat, halt auch falsch sein könnte. Bei älteren Menschen ist die Wahrscheinlichkeit da deutlich größer, dass man das, was man gerade gesehen oder gelesen hat, für bare Münze nimmt. Das ist einer der Gründe, wieso Facebook-Gruppen zum Thema QAnon wie Pilze aus dem Boden schießen und teilweise schon hohe fünfstellige Mitgliederzahlen vorweisen können.

Dazu kommt zudem die Tatsache, dass Facebook angesichts einer Mitgliederzahl von weit über zwei Milliarden Menschen natürlich auch viele dieser Verschwörungstheoretiker bereits längst unter seinem Dach versammelt. Ihr werdet feststellen, dass es viele QAnon-Gruppen und -Seiten gibt, die bereits einige Jahre auf dem Buckel haben.

Hier haben wir es mit Gruppen und Seiten zu tun, die bereits vorher schon für solche Thesen empfänglich waren — Stichwort: „New World Order“ — und die jetzt einfach auf den Zug aufspringen und sich entsprechend umbenennen. Übrigens ist der QAnon-Trend auch in Deutschland längst angekommen, wenngleich sich die Theorien explizit mit den USA auseinandersetzen.

Q — wer immer auch dahinter steckt — hat das mit seinen Botschaften einfach perfekt aufgezogen: Zunächst mal sind die Botschaften mitunter ein wenig kryptisch oder codiert, so dass sie Interpretationsspielraum lassen. Dann kündigt er zwei Phasen an, denen wir uns nähern bzw. denen sich die USA nähert: Da ist zunächst das „große Erwachen“! Die Menschheit erfährt vom Deep State und den wahren Fadenziehern, die in den Schatten die wahren Geschicke der USA und damit verbunden auch der restlichen Welt lenken. Die nächste Stufe ist der „Sturm“, bei der genau dieser Deep State vom Hof gejagt wird — selbstverständlich mit dem heldenhaften Trump in erster Reihe.

Wenn ihr in Deutschland einschlägige Kommentarspalten lest, werdet ihr sicher auch immer wieder mal über Menschen stolpern, die davon reden, dass wir endlich aufwachen müssen und dass eine „New World Order“ ins Haus steht. Q rennt also mit seinen Botschaften bereits sperrangelweit geöffnete Türen ein.

Durch seine schiere Größe entwickelt sich Facebook aktuell zu einem wahren QAnon-Flächenbrand, denn es bleibt längst nicht mehr bei einer Deep-State-Theorie und in den Gruppen werden schon längst nicht mehr nur die Botschaften des Q besprochen. Vielmehr wird alles in einen Topf geworfen, was sich finden lässt. Egal, ob es um Clinton oder Obama geht oder irgendwelcher Kram, der eigentlich höchstens auf kommunaler Ebene diskutiert wird: Durch diese Vielzahl an Menschen, die über Q und QAnon und diese ganzen Thesen diskutieren, kommen auch immer wieder neue Leute aus dem Gebüsch, die ganz eigene Theorien entwickeln und somit Dinge mit dem Deep State verknüpfen, über die Q selbst überhaupt nichts gesagt hat.

Auf diese Weise kann man so nach und nach bei jeder Verschwörungstheorie, jeder politischen Entscheidung und jedem politischen Statement mittlerweile einen Spin finden, der eine direkte Verbindung zum Deep State beinhaltet. Dabei spielt es den Verschwörern in die Karten, dass Facebook grundsätzlich nichts gegen Verschwörungstheorien unternimmt, solange sich beim Diskutieren an die Gemeinschaftsregeln gehalten wird.

Dabei gehen die QAnon-Anhänger natürlich einigermaßen pfiffig vor, berichtet Quartz in seiner QAnon-Story: Bestimmte Vokabeln werden zum Beispiel sehr leicht von Facebook als Hassrede oder Hetze erkannt. Die Rassisten in diesen Verschwörungs-Gruppen reagieren entsprechend und nennen Afroamerikaner (im konkreten Beispiel geht es um die dunkelhäutige Kongressabgeordnete Maxine Waters) schlicht „Nagger“, was übersetzt soviel wie „Nörgler“ heißt. Indem man einen Buchstaben ändert, fliegt man auf diese Weise komplett unter Facebooks Radar und dennoch weiß jeder der Eingeweihten, was gemeint ist.

Ich fürchte, wir werden von QAnon leider noch sehr viel zu hören bekommen und mir wird jetzt schon Angst und Bange, wenn ich daran denke, wie freudig sich hierzulande die AfD-Fanschar und die üblichen Aluhut-Verdächtigen auf diesen Q-Kult stürzen werden. Wir werden das jedenfalls auch im Blick behalten und gegebenenfalls noch einmal darüber berichten, welche Kreise das Thema in Deutschland zieht.

Quellen: Quartz, Süddeutsche