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Quibi: Funktioniert ein Streaming-Dienst ohne Smart-TV und Notebook?

Gestern ist Quibi in den USA an den Start gegangen. Quibi ist ein Video-Streaming-Dienst mit einer Besonderheit: Er ist explizit für Smartphones gedacht. Kann dieses Konzept funktionieren?

von Carsten Drees am 7. April 2020

Müssen wir darüber diskutieren, dass mobile Endgeräte bzw. mobiles Internet eine komplett andere Rolle spielt als noch vor einigen Jahren? Nein, müssen wir natürlich nicht. Egal, ob man auf News-Angebote, Social-Media-Plattformen, Gaming oder Streaming schaut — überall ist es lebensnotwendig für die Anbieter, dass sie auch mobil mit ansprechenden Angeboten vertreten sind.

Beim Streaming sieht das so aus, dass wir Netflix, Spotify usw. logischerweise auch auf dem Smartphone konsumieren können. Spezielle Features wie Download-Möglichkeiten sorgen dafür, dass die verschiedenen Services nicht nur auf dem Smartphone funktionieren, sondern auch auf die speziellen Gegebenheiten angepasst wurden. Jetzt geht aber mit Quibi ein Streaming-Dienst an den Start, der nicht auch, sondern ausschließlich auf Smartphones setzt.

Hinter Quibi steht mit Jeffrey Katzenberg, Filmproduzent und einst Mitgründer von DreamWorks, ein großer Name. Diesem Namen ist es wohl auch zu verdanken, dass Quibi im Vorfeld des US-Launches bereits Investorengelder in Höhe von round about 1,8 Milliarden US-Dollar einsammeln konnte. Außerdem sicherte sich Quibi prominente Unterstützung zu: Regie-Schwergewichte wie Steven Spielberg und Guillermo del Toro haben exklusive Inhalte für Quibi produziert, zudem geben sich mit Schauspielern wie Reese Witherspoon, Liam Hemsworth, Sophie Turner, Cristoph Waltz, Will Smith und vielen mehr auch jede Menge Hollywood-Stars die Klinke in die Hand.

Das Konzept von Quibi fußt auf der Annahme, dass wir nicht mehr in der Lage — oder Willens — sind, längere Zeit auf den Screen zu starren, weil das unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr her gibt. Eine am letzten Wochenende auf mich gerichtete Webcam während meines Binge-Watch-Marathons anlässlich der vierten Staffel von “Haus des Geldes” hätte den Irrtum dieser Annahme belegen können.

Bei Quibi allerdings setzt man darauf, dass künftig kurz und prägnant Serien-Inhalte konsumiert werden. Häppchenweise quasi, was auch den Namen der Plattform erklärt: Quibi leitet sich von Quick Bites ab — schnelle Häppchen. Diesem Ansatz folgend gibt es auch auf Quibi nur Inhalte, die höchstens zehn Minuten pro Folge lang sind.

Quibi: All New Original Shows
Quibi: All New Original Shows
Entwickler: Quibi Holdings, LLC
Preis: Kostenlos+
  • Quibi: All New Original Shows Screenshot
  • Quibi: All New Original Shows Screenshot
  • Quibi: All New Original Shows Screenshot
  • Quibi: All New Original Shows Screenshot
  • Quibi: All New Original Shows Screenshot
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‎Quibi: All New Original Shows
‎Quibi: All New Original Shows

Punkten möchte man bei Quibi nicht nur mit großen Namen, sondern auch mit jeder Menge originalen Inhalten. Zum Start stehen 24 Serien zur Verfügung, darunter auch “Survive”. Hierbei handelt es sich um eine Drama-Serie, in der eine selbstmordgefährdete Frau die Hauptrolle spielt. Verkörpert wird diese durch Sophie Turner, die ihr aus “Game of Thrones” kennen dürftet, wo sie die Sansa Stark spielte. Hier ist der Trailer:

Beim Betrachten des Trailers fällt mir direkt auch ein Punkt auf, der mich stört am Quibi-Konzept: Gerade bei schönen Landschaftsaufnahmen geht mein Blick sehnsüchtig Richtung meines Samsung-TV, dessen 4K-Screen mich gerade zu anbrüllt, das solche Szenen gefälligst auf einem großen Fernseher geschaut werden sollten.

Ich hab jetzt noch in keine Serie länger reingeschaut, oder gar über mehrere Folgen. Deshalb will ich mir noch kein Urteil zur Qualität der Inhalte auf Quibi erlauben. Bei einigen Berichten auf anderen Seiten las ich allerdings davon, dass vor allem durch die zeitliche Beschränkung viel von dem verloren geht, was das Betrachten von Serien so interessant macht.

Und bevor ihr fragt: Jau, ich habe mich natürlich direkt mal angemeldet. Schließlich kann es niemandem reichen, nur bei Netflix, Amazon Prime, Disney+ und DAZN angemeldet zu sein, logisch. Aber im Ernst: Ihr habt eine 90-tägige Testphase, in der ihr das Angebot kostenlos auf Herz und Nieren antesten könnt. Mir stellt sich da die Frage angesichts von 10-Minuten-Episoden, wie viel Content noch übrig ist in drei Monaten, wenn man da jeden Tag reinschaut. Oder besser gesagt: Hoffentlich hat Quibi das im Blick und legt dementsprechend auch neue Serien oder Episoden nach. Angekündigt ist zumindest, dass es täglich neuen Content geben soll — ich werde drauf achten, versprochen.

News-Angebote findet ihr auch, beispielsweise von der BBC. Gerade in diesem zeitlich begrenzten Fenster machen knappe Zusammenfassungen mit den wichtigsten Nachrichten für mich deutlich mehr Sinn als Serien-Formate. Ich werde das mal im Auge behalten in den nächsten Wochen und gegebenenfalls nochmal ein ausführliches Review nachliefern.

Falls ihr auch mal reinschauen wollt: Erhältlich ist Quibi für Android und iOS, wie gesagt im Testzeitraum kostenlos und danach werden recht stolze 8,99 Euro pro Monat fällig. Da unterscheidet man sich vom US-Angebot — dort gibt es nämlich zwei Tarife: 7,99 US-Dollar werden für das Angebot in den USA fällig, allerdings gibt es dazu auch noch eine Variante mit Werbung, die dann lediglich 4,99 US-Dollar kostet. Ich weiß nicht, ob sich das in Zukunft noch ändern wird, aber zumindest bislang sind nur englischsprachige Inhalte verfügbar, auch bei den Untertiteln steht Deutsch bislang nicht zur Auswahl.

Womit will mich Quibi nun also überzeugen? Mit großen Namen, mit exklusiven Inhalten — und auch mit neuer Technologie: Die nennt sich “Turnstyle” und sorgt dafür, dass ihr die meisten Serien in dem Format betrachten könnt, auf das ihr Bock habt, also im Portrait-Modus oder im Panorama-Modus. Wer mag, kann mitten in der Folge also entscheiden, jetzt lieber hochkant weiterzuschauen statt beim gewohnten Landscape-Bild und umgekehrt. Quibi hat sich diese Technologie auch bereits patentieren lassen. Wie sinnig das ist, möchte ich ebenfalls entscheiden, sobald ich mich länger damit auseinandergesetzt habe. Hier seht ihr mal im direkten Vergleich, wie sich die Szenen in der Darstellung voneinander unterscheiden:

Ihr findet auch Quibi neben hochkarätig besetzten Serien, die durchaus Netflix-Potenzial hätten und den bereits angesprochenen News auch Reality-Formate, in denen mal (Punk’d) Pranks im Vordergrund stehen, oder Leute von Promis beschenkt werden.

Vielleicht sollte man Quibi nicht vorschnell verurteilen, denn nicht jeder Streaming-Dienst muss ja den Anspruch verfolgen, seine Kunden stundenlang am Stück vorm Screen zu fesseln. Vielleicht ist Quibi tatsächlich der beste Service, um in YouTube- und TikTok-Zeiten mit Serienformaten die Zeit während einer U-Bahn-Fahrt zu überbrücken, oder sich beim Kochen nebenbei berieseln zu lassen.

Katzenberg erklärt, dass er ein Publikum im Alter zwischen 18 und 44 Jahren im Blick hat — vielleicht bin ich also schlicht zu alt für das Angebot ;) Ich bin jedenfalls gespannt, wie erfolgreich die ganze Geschichte läuft und was ihr dazu sagt. Im Vorfeld gab es zuletzt Überlegungen, ob es wirklich so clever ist, mit diesem Angebot ausgerechnet während der Corona-Krise an den Start zu gehen.

Ob die Taktik aufgeht, dürfte also auch an der Menge der Menschen liegen, die zumindest temporär zuhause dazu bereit sind, das Smartphone der großen Mattscheibe vorzuziehen. Ich werde für mich in den nächsten Wochen herausfinden, wie glücklich ich damit werden kann und lasse es euch dann natürlich wissen.

via Futurezone.at