RetroEngine Sigma: Retro-Traum oder “nur” ein nett verpackter Mini-PC?

Bei Indiegogo sorgt gerade die RetroEngine Sigma von Doyodo für Furore - eine Mini-Konsole, mit der Spiele von zig alten Systemen der Hersteller Atari, Nintendo, Sega uvm ein Comeback erfahren. Eine Spielkonsole im klassischen Sinne ist es dennoch nicht.
von Carsten Drees am 12. Dezember 2016

Retro ist im Gaming-Bereich eine absolut große Nummer, spätestens seit Nintendo auf die Idee kam, mit dem Nintendo Classic Mini: Nintendo Entertainment System das NES als Mini-Konsole mit vorinstallierten Spielen wiederauferstehen zu lassen. In diesem Fahrwasser versuchen auch andere, mit Retro-Gaming ein paar Euro zu verdienen und einer davon ist Doyodo. Das Unternehmen bietet derzeit seine eigene Mini-Konsole namens RetroEngine Sigma auf Indiegogo an und das recht erfolgreich.

“Recht erfolgreich” ist dabei hoffnungslos untertrieben – ursprünglich wollte man 20 000 US-Dollar einsammeln und steht jetzt schon bei über 335 000 US-Dollar. Das Ziel wurde also jetzt schon mit 1700 Prozent dicke überschritten und die Jungs und Mädels haben sogar noch einen Monat Zeit, weitere Unterstützer zu finden.

Was macht die RetroEngine Sigma so besonders? Ihr seid nicht auf ein System wie Nintendo oder Sega oder Atari festgelegt, sondern bekommt sie alle – 28 Systeme werden nach eigener Angabe unterstützt.

Das klingt also so ein bisschen wie der feuchte Traum eines jeden Fans dieser alten Spiele: 15 Spiele sind bereits vorinstalliert, alle weiteren sollen denkbar einfach selbst runterzuladen sein – auf der Indiegogo-Seite heißt es, dass ihr per Plug‘n‘Play-Installer die Möglichkeit habt, “Emulatoren aus öffentlich zugänglichen Quellen herunterzuladen, zu konfigurieren und zu installieren”.

Heißt im Klartext: Ihr könnt die ganzen Klassiker von Sega Mega Drive und Atari 2600 über NES bis zu Exoten wie Vectrex zu neuem Leben erwachen lassen – wenn ihr die entsprechenden ROMs runterladet.

Technisch haben wir es hier nicht mit einem High-End-Gadget zu tun, was aber bei dieser Art von Games nicht zwingend notwendig ist. Ein Quad-Core-Prozessor treibt das Gerät an und ihr erhaltet die Konsole wahlweise mit einer 16 GB oder 32 GB großen vorinstallierten microSD-Karte. Es gibt zwei USB-Anschlüsse für eure Controller, außerdem HDMI, um es an euren Fernseher anzuschließen und noch einen USB OTG Expansion-Port:

Die Version mit dem größeren Speicher kommt zudem mit Bluetooth-Support, so dass ihr dort auch mit kabellosen Controllern zocken könnt. Ihr könnt also nicht nur alle x-beliebigen alten Spiele zocken, sondern auch euren Lieblings-Controller anschließen. Bei der günstigeren Version wird ein Dual Stick Analog Controller mitgeliefert, die 32 GB-Version enthält zudem noch einen weiteren Retro-Controller.

Ansonsten sieht das technisch alles relativ dünn aus, wenn wir weiter auf die Spezifikationen blicken: Zur Allwinner-CPU gesellt sich die Mali 400 GPU und es gibt 512 MB DDR3 RAM. Natürlich ist auch ein WLAN-Modul mit an Bord und ihr findet an der nett gestalteten Winz-Konsole auch noch zwei konfigurierbare Buttons sowie eine Status-LED.

Die Early Birds sind leider schon vergriffen – 49 bzw 59 Dollar wären da für die RetroEngine Sigma fällig geworden. Aber auch die regulären Preise – 59 Dollar bzw. 89 Dollar klingen noch überschaubar, ausgeliefert werden soll übrigens erst im Juni 2017. Dafür bekommt ihr eben eine Retro-Konsole mit 15 vorinstallierten Spielen – die übrigens in Kürze erst noch bekanntgegeben werden – und alternativ könnt ihr dank Kodi die ganze Kiste auch als 4K-tauglichen Media-Player nutzen oder sogar als Rechner, wenn ihr via Bluetooth Maus und Keyboard anschließt.

Nur ein schick verpackter Mini-PC?

Der ein oder andere wird sich jetzt vermutlich bereits gefragt haben, was denn hier der Unterschied ist zu einem normalen Mini-PC wie zum Beispiel den Raspberry Pi 2. In der Tat erinnern die Specs stark an den Orange Pi Lite – nur eben ansehnlich verpackt und mit ein paar vorinstallierten Spielen versehen.

Genau das dürfte der Punkt sein, wenn ihr hier zuschlagt: Geht davon aus, dass sich da ein Unternehmen lediglich einen Mini-PC geschnappt hat, ihn in ein Retro-Gehäuse stopft und dafür sorgt, dass die Installationen der ROMs vielleicht ein wenig unkomplizierter über die Bühne geht. Die Tüftler unter euch können sich also für ganz kleines Geld einen solchen Mini-PC gönnen, ihn selbst in ein ebenfalls günstiges Gehäuse integrieren und dann RetroPie draufpacken.

Das sieht dann dafür nicht so nett aus vermutlich, kostet aber etwas weniger logischerweise. Wer sich diese Mehrarbeit sparen möchte oder sich für technisch nicht so versiert hält, investiert eben ein klein bisschen mehr und hat dafür dann weniger Aufwand.

Ihr müsst euch unabhängig davon dabei aber im Klaren sein, dass ihr es hier mit einer ganz anderen Geschichte zu tun habt als das, was Nintendo mit seiner oben erwähnten Classic-Konsole anbietet: Nintendo bietet 30 Original-Games offiziell an – Plug and Play ist da das Motto. Bei der RetroEngine Sigma macht ihr euch selbst auf die Suche nach den nicht-offiziellen Games, womit man sich rechtlich wohl zumindest in eine Grauzone begibt. Wer sich damit arrangieren kann, erhält für 59 respektive 89 Dollar ein nett anzuschauendes Retro-Gadget.

Alle anderen basteln sich ihre Variante vermutlich lieber selbst oder greifen – mangels Fachkenntnisse – dann doch zudem, was Nintendo beispielsweise anbietet. Wie sind eure Meinungen dazu? Ist die RetroEngine Sigma eine Alternative, über deren Kauf ihr nachdenken würdet? Oder sucht ihr euch lieber die Komponenten im Netz und schraubt euch dann eure ganz eigene Retro-Konsole zusammen?

Quelle: Indiegogo via t3n