Risiko Smartphone im Straßenverkehr: Sind wir die ‘Walking Dead’?

Eine Studie der Dekra bestätigt, dass "Smombies" - Fußgänger, die auf Smartphones starren - eine Gefahr im Straßenverkehr darstellen. Fast 17 Prozent nutzen ihr Smartphone bei der Teilnahme am Straßenverkehr.

Nicht nur in den Bussen und Bahnen sehen wir sie, oder in Restaurants und Bars – auch auf den Straßen und in den Fußgängerzonen kommen sie immer mehr zum Einsatz: Die Rede ist von Smartphones! Macht euch mal den Spaß und zählt – nur für zwei Minuten – in einer vollen Fußgängerzone die Menschen, die ihre Umwelt nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen, weil sie auf ihre Smartphones starren. Hier in Dortmund ist es ein einziger Slalom, will man in der Fußgängerzone nicht mit einem Smartphone kollidieren, an dem ein Passant hängt.

Frau mit Blick aufs Smartphone, vor sich ein fahrendes Auto

Smombies – Wir sind die ‘Walking Dead’

Dieses Phänomen – also Menschen, die unterwegs auf Smartphones schauen – sorgte im letzten Jahr dafür, dass Langenscheidt das Wort “Smombie”, ein Kunstwort aus “Smartphone” und “Zombie”, sogar zum Jugendwort des Jahres 2015  kürte. Dieses Verhalten in den Fußgängerzonen mag auf Viele befremdlich und vielleicht nervig wirken, gefährlich ist das aber in den seltensten Fällen.

Passanten, die auf ihr Smartphone starren

Anders sieht das aber aus, wenn ihr die Fußgängerzonen verlasst und als Fußgänger Teilnehmer im Straßenverkehr werdet. Damit hat sich nun die Dekra beschäftigt: In einer Erhebung der Dekra Unfallforschung in sechs europäischen Hauptstädten hat man Zahlen ermittelt, die durchaus aufhorchen lassen: In diesen sechs Städten hat man 14.000 Menschen beobachtet, von denen annähernd 17 Prozent ihr Smartphone im Straßenverkehr in irgendeiner Weise genutzt haben. Je nach Art der Nutzung ist man mehr oder weniger abgelenkt und somit beim Überqueren einer Straße ein Risiko für sich und andere. Spricht man also bei den Smartphone-Nutzern auf der Straße sonst eher sinnbildlich von Zombies, also lebenden Toten, können tatsächlich Menschenleben auf dem Spiel stehen, wenn ihr im Straßenverkehr zu sehr abgelenkt seid.

Die Dekra-Studie

Frau mit Smartphone an der Ampel
Quelle: Dekra

Nachdem der Studie ein Pilotversuch in Stuttgart vorausging, hat man in sechs europäischen Hauptstädten den Smartphone-Nutzern im Straßenverkehr auf den Zahn gefühlt. Überprüft wurden Passanten in Berlin, Amsterdam, Rom, Brüssel, Paris und Stockholm. Auffällig war dabei, dass die Smartphone-Nutzung, die im Schnitt bei knapp 17 Prozent der Beobachteten lag, in Amsterdam mit Abstand am niedrigsten war: Lediglich 8,29 Prozent der Fußgänger nutzten in der holländischen Hauptstadt beim Überqueren der Straße ihren kleinen mobilen Begleiter. Nur Rom (10,6 %) kam da noch einigermaßen ran, in allen anderen europäischen Metropolen waren es teils deutlich mehr – hier im Überblick, aufsteigend sortiert:

  • Amsterdam – 8,29 Prozent
  • Rom – 10,6 Prozent
  • Brüssel – 14,12 Prozent
  • Paris – 14,53 Prozent
  • Berlin – 14,9 Prozent
  • Stockholm – 23,55 Prozent

Nicht nur die relativ geringe Smartphone-Nutzung in Amsterdam fällt auf, am anderen Ende der Skala gilt das selbe für die ausgesprochen hohe Smartphone-Nutzung in Stockholm, wo mit 23,55 Prozent nahezu jeder Vierte beim Überqueren der Straße durch ihr Smartphone abgelenkt werden. Hier seht ihr das noch einmal in der Übersicht:

Smartphone-Nutzung bei Fußgängern nach Städten
Quelle: Dekra

Die Dekra Unfallforschung hat diese Zahlen aber zusätzlich auch nach Altersgruppen aufgebröselt und dabei fällt auf, dass diese Tendenz, das Handset als Fußgänger zu nutzen, bei jüngeren Menschen deutlicher ausgeprägt ist als bei älteren. Dabei liegt die Gruppe der 25-35-Jährigen mit 22,48 Prozent sogar noch vor der Gruppe der 15-25-Jährigen. In allen Altersgruppen war das Tippen auf dem Smartphone die häufigste Nutzung: Über acht Prozent der 14.000 Fußgänger waren über alle Städte und Altersgruppen hinweg damit beschäftigt, Text in ihr Smartphone zu tippen. Immerhin 2,6 Prozent telefonierten und etwa 1,4 Prozent taten direkt beides gleichzeitig. Weitere rund 5 % waren mit Ohrstöpsels bewaffnet, ohne dabei zu sprechen – hier wurde also wohl Musik konsumiert. Auch das gibt es grafisch aufbereitet:

Smartphone-Nutzung bei Fußgängern nach Altersgruppen
Quelle: Dekra

Den erhobenen Zeigefinger muss ich mir dabei verkneifen, denn während ich eigentlich für mich in Anspruch nehme, ein aufmerksamer Fußgänger (trotz Smartphone) zu sein, muss ich zugeben, dass ich auch mit Musik auf dem Ohr die Straße überquere. Ich höre natürlich dennoch Autos und schaue selbstverständlich genau hin, bevor ich einen Fuß auf die Straße setze. Vermutlich kann ich dennoch nicht leugnen, dass einen auch Musikhören ein wenig ablenkt. Damit liege ich als Mann übrigens im Trend – die Studie brachte nämlich auch hervor, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt: Während Männer tatsächlich eher durch Musikhören abgelenkt sind, ist es bei weiblichen Passenten die Tipperei auf dem Smartphone!

Telefonieren, Musikhören, die Nutzung von Apps oder auch das Tippen von Textnachrichten sorgen im Straßenverkehr für riskante Ablenkung. Viele Fußgänger unterschätzen offenbar die Gefahren, denen sie sich selbst aussetzen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf solche Art vom Straßenverkehrsgeschehen abwenden. Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE

Immer wieder beobachteten die Dekra-Tester auch extremere Szenarien. Ganz vorne dabei: Gruppen von mehreren Leuten, die zusammen in ein Display starren – einmal kollidierte sogar ein Radfahrer mit einer kompletten Gruppe. Menschen, die telefonierend und ohne zu schauen über die Straße rennen, Mütter, die tippend ihren Kinderwagen über die Straße schieben und sogar ein Mädchen, welches mitten auf der Straße stehenbleibt, um eine Nachricht zu tippen und erst durch einen hupenden Busfahrer auf ihr Verhalten hingewiesen wird, konnten im Rahmen der Studie beobachtet werden.

Konsequenzen in Form von Bußgeldern müsst ihr unabhängig davon nicht befürchten. Während die Smartphone-Nutzung am Steuer eines Autos mit 60 Euro und einem Punkt in Flensburg geahndet wird, stellt es für Passanten – zumindest bislang – keine Ordnungswidrigkeit dar.

Frau mit Smartphone an der Ampel

Smartphone-Nutzung im Straßenverkehr – Fazit

Was ist nun das Ergebnis dieser Studie? Immerhin jeder zehnte Todesfall im deutschen Straßenverkehr wird durch Fehlverhalten von Fußgängern verursacht, in etwa der Hälfte der Fälle ist dabei der Grund das Nichtbeachten des Fahrzeuge. Das kann man natürlich nicht allein und auch nicht hauptsächlich mit unaufmerksamen Smartphone-Nutzern erklären, es spielt aber sicher mit hinein. Daher lautet der abschließende Appell der Dekra konsequenterweise, seine komplette Aufmerksamkeit im Straßenverkehr eben jenem Verkehr zu widmen, und nicht etwa seinen Facebook-Freunden, WhatsApp-Kontakten oder was auch immer sich da gerade auf dem Smartphone abspielt.

Wenn Sie als Fußgänger im Straßenverkehr unterwegs sind, sollten Sie Ihre Aufmerksamkeit ungeteilt auf den Verkehr richten – im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit. Denn gerade als ungeschützter Verkehrsteilnehmer sind Sie bei einem Unfall überdurchschnittlich stark gefährdet. Und die Ablenkung durch die Nutzung des Smartphones ist auf keinen Fall zu unterschätzen. Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands DEKRA SE

Überprüft es also selbst einmal – achtet darauf, wie viele Passanten durchs Smartphone abgelenkt sind und vor allem achtet darauf, wie oft ihr selbst unaufmerksam seid dadurch, dass ihr zu eurem mobilen Device greift. Bis eine Technologie die Smartphones in unserer Nutzer-Gunst ablösen, wird sich daran nichts mehr ändern, dass wir als ‘Walking Dead’ durch die Straßen unserer Städte wanken. Versucht euch aber darauf zu beschränken, den Blick aufs Display nur dann zu wagen, wenn ihr eben nicht am Straßenverkehr teilnehmt – dann brauchen wir auch keine eigenen Smartphone-Spuren auf unseren Straßen ;)

smartphone buergersteig 02

Quelle: Dekra via onlinekosten.de