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RTL Dschungelcamp 2020: Diskutieren wir echt über eine Absage?

von Carsten Drees am 10. Januar 2020

Es ist pietätlos: Hunderte Menschen sind tot, über eine Milliarde Tiere ebenso und eine Fläche, so groß wie Baden-Württemberg und Bayern zusammen, steht in Flammen — und irgendwo mittendrin kämpfen B- bis Z-Promis Känguruhodenfressenderweise um die Gunst der RTL-Zuschauer und um den Titel des Dschungelkönigs.

Ich schätze, mit dieser Einleitung kann man sich in diesen Tagen sehr viel Applaus abholen. Zumindest bilde ich mir das ein, weil das der Tenor sehr, sehr vieler Kommentare ist, die ich in den letzten Tagen an jeder Ecke im Netz gelesen habe, wo über das Dschungelcamp diskutiert wird, welches heute Abend ab 21:15 Uhr auf RTL zum 14. mal seine Pforten öffnet.

Daher weiß ich, dass ich mir jetzt hier auch eine Menge Feinde machen kann, wenn ich frage: “Das Dschungelcamp wegen der Feuer absagen? Merkt ihr noch was? ”

Bei den vielen Stimmen, die für eine Absage der Show sind, die für die einen eines der TV-Highlights des Jahres darstellt und für die anderen eher sowas wie ihre persönliche TV-Nemesis zu sein scheint, liest man immer wieder die selben Vokabeln: Da ist von Pietät die Rede, von Anstand, von Respekt, von Größe, die RTL zeigen soll.

All das sind Werte, die ich mir persönlich ebenfalls auf die Fahne geschrieben habe und zudem Werte, die ich hier auf dem Blog und überall sonst immer wieder gerne eingefordert habe. Aber ist es wirklich Respektlosigkeit, diese Veranstaltung durchzuziehen, während die Feuer noch wüten? Natürlich macht sich RTL Gedanken wegen der Buschfeuer — jenseits dessen, was man tun kann, um sich bei der Katastrophe auch als Sender nützlich zu machen, muss sich ein Wirtschaftsunternehmen, welches die Sendergruppe nun mal ist, natürlich auch selbst absichern: Wie ist es um die Sicherheit seiner Promis (gewünschten Buchstaben vor der Vokabel “Promi” ab hier selbst ergänzen) bestellt, um die Sicherheit der vielen Mitarbeiter vor Ort, wie sieht es aus mit der Logistik, mit Gefahren, mit Einschränkungen usw.

Noch lange, bevor man sich überlegen kann, wie man mit der erreichten Aufmerksamkeit einen positiven Impact haben kann, überlegt man hinter den Kulissen bei RTL also schon sehr lange, in welcher Situation man sich befindet und hat daher auch schon lange abgewogen, was dafür spricht, dass man es durchzieht und was dagegen.

Ich höre schon die Stimmen derer, die gerne öffentlichkeitswirksam erklären, dass sie RTL gar nicht auf ihrem TV abgespeichert haben oder — noch besser — schon lange keinen Fernseher mehr haben (was sollen überhaupt diese pseudo-elitären Möchtegern-Ansagen?) und die Richtung RTL “Profitgier” schreien.

Ja sicher — natürlich wollen die Geld verdienen und ich tippe mal, dass RTL mit keinem Format mehr Werbekohle scheffeln kann als mit dem Dschungelcamp. Das ist aber eben auch erst mal nichts Verwerfliches und egal, für wie schlimm ihr RTL haltet und was man davon hält, dass der Sender so Fakten-Verdrehern wie Mario Barth ein Asyl bietet: Auch bei RTL sitzen keine Menschenfresser in den Chefsesseln, die sich lachend auf die Schenkel klopfen, wenn wieder einmal ein Foto eines verkohlten Kängurus die Runde macht.

Ich will darauf hinaus, dass man sich auch bei einem von vielen ungeliebten Sender einen Kopf macht und einen Weg einschlägt, den man vor sich und seinen Zuschauern vertreten kann. Gerade WEIL man ja Geld verdienen möchte, wird man sich schon allein deshalb vergewissern, dass keine Promis, keine Mitarbeiter und auch sonst niemand durch die Show in Gefahr gebracht wird.

Die Feuer sind Hunderte Kilometer vom Camp in New South Wales entfernt, zudem hat man die Regeln ein wenig modifiziert. Raucher dürfen nur noch auf einem sehr eingeschränkten Raum um die Kochstelle rauchen und müssen dazu ein besonderes Feuerzeug nutzen, Kippen müssen in eine spezielle Box entsorgt werden. Das Lagerfeuer fällt dieses Jahr auch flach und wird durch einen Camping-Kocher ersetzt.

Damit hätten wir jetzt die Punkte abgeklopft, die sich mit der Sicherheit und dem Risiko der TV-Crew beschäftigen und sicherstellen, dass sich RTL weder selbst in Gefahr bringt, noch dazu beitragen könnte, die Feuerkatastrophe noch schlimmer zu machen. Bleiben aber die Vorwürfe, ob es nicht respekt- oder pietätlos ist, eine fröhliche Show durchzuziehen, während es woanders auf dem selben Kontinent brennt.

“Habt ihr gar keinen Respekt vor den Opfern?”

Natürlich muss sich RTL diese Frage gefallen lassen. Genau so, wie man sich die Frage stellen könnte, ob die medial deutlich größere Veranstaltung — die Australian Open — tatsächlich durchgeführt werden dürfen, während das eigene Land brennt. Am 20. Januar beginnt dieses Tennisturnier, welches zu einem der renommiertesten des Planeten gehört und auch hier hat man sich Gedanken gemacht, ob man das Turnier durchführt und was man sich zusätzlich einfallen lassen kann.

Bereits am 15. Januar werden in der Rod-Laver-Arena in Melbourne Charity Matches zugunsten der Katastrophen-Opfer durchgeführt. Weltstars wie Roger Federer, Rafael Nadal und Serena Williams werden sich daran beteiligen und dafür sorgen, dass Geld für die Feueropfer eingesammelt werden kann. Außerdem hat der australische Verband längst erklärt, dass auf den in Australien stattfindenden Turnieren Spenden gesammelt werden.

Exakt zwei Monate nach dem Charity-Event in Melbourne findet in Australien die Formel 1 statt — ebenfalls ein millionenteures Medienspektakel. Auch hier wird — Stand jetzt — nicht über eine Absage diskutiert und ich hoffe, dass auch die zuständigen Verbände überlegen, wie man die Aufmerksamkeit nutzen kann, um Spenden einzusammeln.

Selbst Australier sind also mit sich im Reinen, dass das Leben ungeachtet der Katastrophe irgendwie weitergeht. Muss ja auch, denn nicht jeder kann alles stehen und liegen lassen und sich an Löscharbeiten beteiligen, nicht jeder kann unverhältnismäßig viel spenden und nicht jeder kann losziehen und die durch die Flammen bedrohten und ihres Lebensraum beraubten Tiere retten und aufnehmen.

Wenn man speziell bei den TV-Events Pro und Contra abwägt, können wir erkennen, dass so eine Veranstaltung die Katastrophe in keinem Punkt verschlimmert, auf der anderen Seite durch Spendenaufrufe sogar Hilfe verspricht. Spätestens jetzt wird damit die Frage für mich absurd, ob man so eine Veranstaltung durchziehen darf.

Ich möchte ein paar Fragen an diejenigen richten, die vehement dafür sind, dass das Dschungelcamp nicht stattfindet:

  • Was würde es den Australiern und den vielen bedrohten Tieren bringen, wenn es nicht stattfindet?
  • Wie weit muss eine TV-Show von einer Katastrophe entfernt sein, damit man sie gerade noch vertreten kann und in welchem Radius ist es ausgeschlossen?
  • Wäre es für euch okay, wenn das Dschungelcamp statt in Australien im Kölner Stadtwald stattfindet oder geht es bei der Forderung gar nicht um die lokale Nähe zu den Feuern?
  • Legt ihr die selben Maßstäbe generell bei Katastrophen an? Beispiel: Allein beim Bau der Stadien für die Fußball-WM in Katar im Jahr 2022 ist eine vierstellige Zahl an Arbeitern tödlich verunglückt. Sie wurden Opfer der widrigen Arbeitsbedingungen. Boykottiert ihr also die WM?

Respekt – ihr seid auf Linie mit der BILD

Eine Frage hab ich noch, die ich denjenigen stellen möchte, die gerade sehr empört sind über RTLs Entscheidung, die Show wie geplant zu starten. Gerade die BILD hat in den letzten Tagen Stimmung gegen das Dschungelcamp gemacht. Daher die Frage: Wundert ihr euch nicht selbst, dass ihr so absolut auf Linie mit der BILD seid? Mit der sonst stets verpönten Imitation einer Tageszeitung, die wahrlich nicht dadurch auffällt, dass sie Werte wie Pietät oder Anstand hochhält. Klar, natürlich kann man es niemandem vorwerfen, wenn er in irgendeinem Punkt d’accord geht mit jemandem, dessen Standpunkte man sonst nicht unbedingt teilt. Aber findet ihr es nicht auch entlarvend, dass die Bild vor Ort — also exakt dort, wo das RTL-Team in Australien verweilt — Reporter im Einsatz hat, die die Einheimischen befragt und versucht, ihnen irgendwelche negativen Statements zum Dschungelcamp zu entlocken?

Dass die Zeitung ihren miesen Stil auch in Australien nicht ändert — geschenkt. Aber was ist verwerflicher? Die TV-Produktion in einem krisengeplagten Land? Oder die BILD, die eigens für die TV-Produktion Mitarbeiter in dieses krisengeplagte Land entsendet und mit der Berichterstattung ebenfalls nichts anderes als den eigenen Profit im Blick hat?

Haben wir ein Problem mit der Situation – oder mit dem Dschungelcamp an sich?

Ich muss zugeben, dass ich auch nicht frei von Vorurteilen bin. Zum Beispiel muss ich gestehen, dass ich vielen der aktuellen “sagt es ab!”-Rufern insgeheim den Vorwurf mache, dass sie vorsichtig gesagt eh keine besonders positive Meinung zu “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” haben. Es fällt einem immer sehr leicht, vorwurfsvoll und pikiert den Kopf zu schütteln, wenn es um etwas geht, was man sowieso nicht leiden kann.

Natürlich gilt das nicht pauschal für jeden — es gibt auch Leute, die es eigentlich gerne sehen, die aber dennoch für eine Verschiebung oder Absage wären. Ändert aber nichts daran, dass es sehr viele Dschungelcamp-Hater gibt, die pünktlich vor dem Start der Staffel mit ihren Forderungen nach einer Absage aus dem Gebüsch gesprungen kommen. Hier  fehlt mir seit jeher das Verständnis und das Jahr für Jahr wieder: Wie kann man eine TV-Sendung abgrundtief scheiße finden und jedes Jahr wieder die Energie aufbringen, sich mit vielen Kommentaren wortreich genau dazu zu äußern? Wisst ihr, was ich mache, wenn ich eine Sendung nicht mag? Ich schaue sie einfach nicht — Problem gelöst.

Ach, und noch so ein Punkt, der mich bei den Vorwürfen an RTL derzeit nervt: Immer wieder wird gefordert, dass RTL “wenn es Größe hätte” doch die Veranstaltung absagen könnte und die Prämien für die Promis stattdessen für die Opfer der Buschbrände spendet. Das ist zum einen mal paradox, weil die Prämien ja durch die Werbeeinnahmen gespeist werden — kein Dschungelcamp = keine Werbeeinnahmen = keine Kohle, die man statt an Promis an Feueropfer geben könnte.

Außerdem tue ich mich immer schwer damit, wenn vorgeschlagen wird, wie jemand mit seinem Geld umzugehen hat bzw. wie man zu helfen hat Die Forderung, dass ein Unternehmen wie RTL des Zeichens und der Hilfe wegen gefälligst Millionen spenden soll statt die Show zu senden, erinnert mich doch unangenehm an die “dann nimm doch einen Flüchtling bei Dir auf”-Vorschläge der Refugee-Hater.

Ach, und apropos Spenden: Auch der Vergleich mit Notre Dame ist einer, den ich in diesen Tagen oft lese. Wie zum Henker könne es denn sein, dass in Paris binnen 24 Stunden rund eine Milliarde Dollar gespendet werden und bei den Buschfeuern in Australien nicht? Freunde, es ist scheißegal, was Menschen mit ihrem eigenen Geld machen. Es haben sich reiche Menschen oder Institutionen gefunden, die für Notre Dame sehr viel Geld in die Hand genommen haben.

Auch für Australien werden viele Spenden gesammelt, auch wenn die Summe vielleicht nicht so spektakulär ist, oder vielleicht auch einfach nur nicht so prominent diskutiert wird. Es liegt mitunter an Sendern wie RTL, die Australien noch mehr in den Fokus rücken können und dafür sorgen, dass die Spendensumme höher ausfällt.

Unsere Diskussionskultur ist im Eimer – und unser Fokus sowieso

Ich erzähle es seit Jahren und ich höre von immer mehr geschätzten Menschen, dass sie das selbe beobachten: Die Art, wie wir diskutieren, ist vor allem online komplett im Arsch. Wir beschmeißen uns lieber gegenseitig mit Sätzen, die die eigene Meinung untermauern sollen, statt wirklich mit dem Gegenüber zu reden. Es geht nicht um den Austausch von Argumenten, es geht lediglich um “Ich hab recht und DU musst das endlich kapieren”. Daher wundert es mich auch gar nicht, dass jetzt die versammelte Hater-Schar lautstark fordert, dass man das Dschungelcamp absagt. Auch hier werden nicht Pro und Contra abgewogen, stattdessen wird auf RTL eingeprügelt — fällt besonders leicht, weil man den Sender ja eh scheiße findet.

Fast noch schlimmer finde ich aber, wie sich unser Fokus zu verschieben scheint. Worüber diskutieren wir und worüber nicht? Wieso reden wir darüber, wo Greta Thunberg im Zug sitzt und nicht darüber, wie die Klimakonferenz gelaufen ist, von der sie gerade mit diesem Zug abgereist ist? Wieso kann Australien (und das Amazonasgebiet, remember?) brennen, politisch auch der nahe Osten in Flammen stehen, sich menschliche Tragödien in Libyen, Syrien und dem Jemen ereignen, Hong Kong hilflos dem übermächtigen China gegenüberstehen — und Deutschland diskutiert derweil über ein satirisch gemeintes Kinderlied über Omas als Umweltsau?

Und wieso diskutieren wir die Absage eines TV-Formats und werfen RTL Taktlosigkeit vor, regen uns aber nicht auf über den australischen Staatschef, der beim Thema Klimawandel seine ganz eigene Sicht hat, gegen eine faire Bezahlung der Feuerwehr-Helden ist und der fröhlich weiter die Kohle-Karte spielt? Oder über Siemens, welches auf Nachhaltigkeit setzt, dennoch aber die Lieferung einer Zugsignalanlage für eine geplante riesige Kohlemine in Australien erwägt?

Die Welt ist ziemlich im Eimer, das wissen wir alle. Da wäre es vielleicht mal langsam an der Zeit, dass wir uns auf die wirklichen Probleme stürzen und genau diese besprechen. Springt doch nicht über jedes verkackte Stöckchen, welches euch Medien hinhalten, erst recht nicht, wenn mit “Medien” der Springer-Konzern gemeint ist.

Das RTL Dschungelcamp ist nicht Hochkultur für TV-Feinschmecker, aber es ist ebenso wenig der TV-Format-gewordene Satan. Es ist Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Ihr habt das Recht, das Format scheiße zu finden oder euch über Wannabe-Promis zu amüsieren, die sich Kakerlaken-kauend zum Löffel machen. Ihr habt aber auch ebenso das Recht, einfach etwas anderes mit eurer Zeit anzufangen, statt euch an dem abzuarbeiten, was ihr so hasst.

Ein Letztes noch: Ich glaube, die an der Show beteiligten Australier sind froh, dass die 14. Staffel nicht abgesagt wird. Und ich bin guter Dinge, dass RTL Wege finden wird, die Thematik innerhalb der Dschungel-Sendezeit unterzubringen, um für das Thema zu sensibilisieren. Ich hab noch keinen Schimmer, wie der Start heute laufen wird und was RTL diesbezüglich tatsächlich in petto hat, aber falls tatsächlich durch das Dschungelcamp Spendengelder generiert werden, dann hilft das Australien deutlich mehr, als wenn wir zu Tausenden mit Trauer-Emojis Fotos von verkohlten Tierleichen auf Facebook teilen.

Ich werde jedenfalls wieder reinschauen, werde anfangs wieder erst circa drei der “Promis” kennen, mich darüber freuen, das Spektakel auf Facebook mit meinen Freunden zu diskutieren und ja — natürlich werde ich auch darauf achten, wie RTL mit der Situation umgeht und muss mich anschließend an meinen eigenen Worten hier messen lassen. Falls ihr es nicht sehen werdet: Es sei euch gegönnt — aber überlegt zumindest kurz, ob die Forderung, das Dschungelcamp abzusagen so tatsächlich sinnig ist. So oder so: Schönes Wochenende euch allen.

PS: Die folgende Linksammlung hab ich mal dreist den geschätzten Kollegen von Watson geklaut. Wenn ihr aktiv helfen möchtet, findet ihr dort die richtigen Empfänger für eure Spenden:

Australisches Rotes Kreuz: Red Cross

Feuerwehr: CFA / RFS

Tierschutz: WWF

Hilfe für vom Waldbrand betroffene Tiere: WIRES