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Samsung Galaxy S10 5G: Das modernste Smartphone, das niemand braucht

Drei Versionen des Galaxy S10 haben wir erwartet, aber Samsung hielt noch eine vierte bereit: Die 5G-Ausführung, die es bereits in diesem Jahr auch nach Deutschland schaffen soll.

von Carsten Drees am 20. Februar 2019

Wunderschöne Displays, bärenstarke Kameras, ebenso starke Prozessoren aus eigener Produktion, technische Finessen wie ein Ultrasonic Fingerprint Sensor im Display und die ebenfalls ins Display eingefasste Front-Cam: Samsung hat bei der Präsentation seiner neuen Flaggschiffe mal wieder die Muskeln spielen lassen und der Konkurrenz gezeigt, wo der Frosch die Locken hat.

Drei Modelle — das Galaxy S10e, das Galaxy S10 und das Galaxy S10+ — stehen den Interessenten zur Auswahl. Aber dann zauberte Samsung auch noch sein allererstes 5G-Smartphone aus dem Hut: Das Samsung Galaxy S10 5G Beyond X.

Das ist noch ein wenig größer als das Plus-Modell, nämlich mit einer Bildschirmdiagonale von reichlichen 6,7 Zoll. Auch eine Kamera mehr gegenüber dem Plus-Modell gibt es hier, also zwei vorne und vier hinten, u.a. auch eine 3D-Depth-Cam wie beim iPhone X. Dank dieser Größe ist es mit knapp 200 Gramm auch ein ziemlicher Klopper, immerhin aber auch mit einem etwas größeren Akku als die anderen drei Modelle (4.500 mAh).

Der wichtigste Punkt auf dem Spec Sheet ist aber eben die 5G-Funktionalität. Damit will Samsung demonstrieren, dass man auch in dieser Hinsicht am Puls der Zeit ist bzw. sogar der Zeit voraus. Dazu muss man wissen, dass bislang noch fast niemand tatsächlich Zugang hat zur 5G-Technologie. Auch in Deutschland soll das 5G-Phone ab dem Sommer angeboten werden — genau: in dem Land, in dem laut Plan ab Mitte März überhaupt erst die Versteigerung der entsprechenden Frequenzen ansteht. Aber selbst der Termin steht noch in den Sternen, weil Telefónica mit einem Eilantrag gegen die Auktion geklagt hat — die Entscheidung steht hier noch aus.

Aber selbst wenn der Termin gehalten werden kann, wird man natürlich noch nicht sofort die neue Technologie nutzen können. Geht mal davon aus, dass der Spaß in Deutschland erst ab 2020 eine Rolle spielen wird. Ganz wichtig also, dass man jetzt schon ein entsprechendes Smartphone zeigt, welches vermutlich wirklich total schnell im Netz unterwegs ist, nur dass das eben derzeit niemand wirklich nutzen kann.

Generell tue ich mich schwer damit, dass ausgerechnet Smartphones so schnell 5G-Funktionalität benötigen. Was soll es denn konkret bringen? Klar, natürlich ist schneller immer schöner. Aber ich streame doch auch jetzt dank LTE schon problemlos und ansonsten sehe ich einfach keine Szenarien, in denen in Echtzeit riesige Datenberge transferiert werden müssen.

Samsung nennt konkret Cloud-Gaming als so ein Szenario, wobei auch das sicher nicht in absehbarer Zeit flächendeckend ein Thema sein wird. Die LTE-Anfänge liegen jetzt schon ein paar Jahre zurück, aber ich kann mich noch erinnern, dass die ersten Tarife eher kostspielig waren. Daher bin ich skeptisch, ob ausgerechnet Gaming mit seinem tendenziell jüngeren Publikum die treibende Kraft sein wird, um 5G-Tarife an den Mann zu bringen. Vielleicht liege ich auch falsch, aber ein besonders teures Smartphone mit besonders teurem Tarif, nur um damit zocken zu können? Ja, wir werden mit der Zeit mehr und mehr Interessenten für 5G finden und es werden sich auch neue Einsatzmöglichkeiten ergeben, aber dafür braucht es nicht zwingend jetzt schon einen entsprechenden Smartphone-Release.

Okay, ein bisschen kann ich Samsung natürlich auch verstehen, denn selbst, wenn man den Hobel erst mal in kleineren Stückzahlen produzieren lässt, zeigt Samsung seinen Kunden — und der Konkurrenz: Seht her, wir haben die 5G-Nummer schon drauf und können schon damit in Serie gehen. Klappern gehört ja bekanntlich zum Handwerk. Aber meiner Meinung nach hätte da auch ein Konzept gereicht, welches man den Messebesuchern beim MWC vorführt.

Unabhängig davon bleibe ich auch dabei, dass es jede Menge Einsatzmöglichkeiten für 5G gibt, ich aber sicher nicht als erstes dabei auf Smartphones kommen würde. Denkt mal an autonom fahrende Autos bzw. generell an vernetzte Autos. Jedes Auto wird über kurz oder lang mit jedem anderen Auto, mit Ampeln usw. kommunizieren können, genau da ergibt 5G Sinn bzw. ist unbedingt notwendig, damit das überhaupt funktionieren kann. Ebenso gibt es Szenarios in der Industrie oder auch im Gesundheitswesen — denkt allein an OPs, die dank der ultra-geringen Latenzzeiten aus der Ferne durchgeführt werden können.

Was bleibt also unterm Strich? Eine Machbarkeitsstudie von Samsung, die uns schon mal vorführen, dass man imstande ist, so ein Gerät in Serie bauen zu können — aber dass aktuell so ziemlich niemand nutzen kann. Wer gerne einen 6,7 Zoll-Klopper benötigt, weil er auf dem Screen dann mehr sieht, oder sich das Teil wegen der zusätzlichen Cam anschafft: Bitte gern — aber sicher nicht wegen des 5G-Moduls.

PS: Wieso ist das Display überhaupt so groß, Samsung? Könnte das damit zusammenhängen, dass man derzeit 5G-Smartphones noch gar nicht kompakter bauen kann?