Samsung Galaxy S9 und S9 Plus Display

Kommentar
Samsung Galaxy S9: Ist das Smartphone gefloppt? Das Premium-Problem

Samsung ist enttäuscht, das Galaxy S9 ist gefloppt, S9 und S9+ sind Ladenhüter - alles Schlagzeilen der letzten Zeit. Aber hat Samsung mit den Smartphones tatsächlich enttäuscht?

Das Samsung Galaxy S9 ist ein Flop. Diesen Satz und viele Variationen davon lese ich in der Tech-Presse nahezu täglich. Selbst Samsung hat bereits vor Monaten ein wenig zerknirscht anerkennen müssen, dass die Nachfrage nach den bei S9-Modellen bei den Vorbestellungen „nur“ auf dem Level der Vorbestellungen beim Galaxy S8 gelegen haben soll.

Mag sein, dass das Jammern auf hohem Niveau ist, vorher verkündete man allerdings, dass man schon davon ausginge, dass die Nachfrage nach den neuen Handsets größer als beim S8 sein würde. Diese Ansage der Samsungs wird jetzt oft angeführt als Bestätigung dafür, dass wir es mit einem amtlichen Flop zu tun haben.

Halte ich allerdings in dieser Konsequenz für übertrieben, denn selbstverständlich ist man bei Samsung a) von seinem Produkt überzeugt und b) wird man natürlich immer wieder kommunizieren, dass das neue Gerät sich blendend verkaufen wird. Selbst HTC, die unter einer verschwindend geringen Nachfrage leiden, würden bei einem neuen Smartphone niemals darüber sprechen, dass man nicht besonders optimistische Verkaufsprognosen einkalkuliert.

Schaut man sich die Liste der gefragtesten Smartphones und Handys bei Amazon an, findet man das Samsung Galaxy S9 in der Tat erst auf Platz 35. Aber auch das mindestens gleichstarke und später vorgestellte Huawei P20 Pro ist mit Platz 32 nicht wirklich viel besser platziert. Das liegt eben nicht daran, dass beide Geräte solche Gurken sind, sondern eher damit, dass die Käufer sich immer öfter für günstigere Modelle entscheiden. Angeführt wird das Feld dort nämlich vom Huawei P20 Lite, danach folgen die Samsung-Modelle Galaxy A5 und J5 — alles Smartphone, die keine 300 Euro kosten.

Auch die älteren Devices der Spitzenklasse ranken sehr gut in diesen Amazon-Charts — kein Wunder, haben wir es doch mit bärenstarken Smartphones zu einem deutlich kleineren Preis zu tun. Für etwa 450 Euro bekommt ihr so beispielsweise ein Galaxy S8, beim Galaxy S7 sind es sogar nur round about 350 Euro. Das sind 350 Euro für ein zwei Jahre altes Smartphone, aber eben eines, welches auch heute noch für das Gros der Nutzer technisch dicke ausreicht.

Schreibt Samsung gerade negative Firmengeschichte?

Samsung Galaxy S9 und S9 Plus Iris Camera

Im ersten Quartal des Jahres hat Samsung 10 Millionen Einheiten vom Galaxy S9 verkauft — im zweiten Quartal nur noch neun Millionen. Das ist eine Premiere für Samsung, denn bislang war es stets so, dass bei den Galaxy-S-Modellen die Nachfrage im zweiten Quartal anstieg. Dass dem jetzt also nicht so ist, wird medial dann so kommentiert: „Deshalb schreibt das Samsung-Smartphone gerade traurige Unternehmensgeschichte“ und bei Android Authority heißt es:

These numbers represent further evidence that the Galaxy S line is in trouble. Android Authority

Ist das denn tatsächlich so? Befindet sich die Flaggschiff-Reihe in einer Krise? Rechnet man die beiden Quartale zusammen, landen wir bei 19 Millionen Smartphones, aufs Jahr hochgerechnet dürfte Samsung bei 30-35 Millionen herauskommen. Fragt mal nach bei Sony, LG oder HTC, ob sie solche Zahlen einen Flop nennen würden.

Und die Geschichte mit den Quartalen: Ja, dann ist das eben so, dass Samsung erstmals im zweiten Quartal weniger verkauft als im ersten. Das könnte man aber vielleicht auch durch die Zeit erklären, zu der das jeweilige Smartphone veröffentlicht wurde. Das Galaxy S8 war ab dem 28. April zu haben, das Galaxy S9 bereits im ersten Quartal, genauer gesagt ab dem 16. März.

Das bedeutet, dass das neue Flaggschiff letztes Jahr erst ab dem zweiten Quartal zu kaufen war. Alle, die vorbestellt haben und generell alle, die mit dem Kauf des S8 liebäugelten, haben daher natürlich früh im zweiten Quartal zugeschlagen, andere Galaxy-S-Modelle wurden logischerweise dann auch im ersten Quartal weniger gekauft.

Jetzt allerdings haben die Fans der Reihe bereits im ersten Quartal das neue Modell kaufen können, daher halte ich es nicht für ungewöhnlich, dass sich bei den Verkäufen der Galaxy-S-Smartphones die Relationen verschieben.

Das wahre Problem ist ein Premium-Problem

Ich denke, dass Samsung mit seinen Schwierigkeiten nicht alleine da steht. Ja, man kann diskutieren, ob ein Galaxy S9 so teuer sein muss. Aber es ändert alles nichts daran, dass die Koreaner ein absolutes Spitzenprodukt auf den Markt gebracht hat, welches nochmals stärker ist als das Galaxy S8. Ich werfe es Samsung nicht einmal vor, dass sie gegenüber 2017 technisch wenig geändert hat.

Wir dürfen mit dem Galaxy S10 wieder stärkere Veränderungen erwarten, da halte ich es durchaus für legitim, wenn eine solche Reihe mal ein Jahr einlegt, in dem sich nicht überragend viel verändert. Ich bin auch ziemlich sicher, dass Samsung berücksichtigt, dass die Nutzer nicht mehr zwingend jedes Jahr ein neues Mobiltelefon kaufen — einfach auch, weil es nicht mehr notwendig ist. Selbst ein 200-Euro-Hobel ist stark genug, dass der Großteil der Käufer auch nach einem Jahr noch glücklich ist und nicht über die Anschaffung eines Nachfolgers nachdenkt.

Wie das eben so ist in gesättigten Märkten, wie wir sie in Europa, Nordamerika und dem Fernen Osten vorfinden. Samsung kann sich im Grunde hauptsächlich ankreiden, dass sie so gute Produkte bauen, die eben nicht jährlich ersetzt werden müssen. Ähnlich geht es auch anderen Herstellern. Die müssen jetzt allesamt die Waage finden: Einerseits ist der technische Fortschritt übers Jahr gesehen nicht so groß, dass die Verbraucher jedes Jahr kaufen müssen, andererseits muss man natürlich auch in diesen Jahren ein Modell anbieten und dort dann entsprechende Kaufanreize schaffen.

Das wird in Zukunft nicht leichter für Samsung, erst recht nicht mit starken Mitbewerbern wie Apple, Huawei und den anderen aufstrebenden Chinesen. Samsung wird dennoch nicht direkt Angst und Bange werden. Die Jungs und Mädels verkaufen über 300 Millionen Smartphones im Jahr, decken mit ihrem großen Portfolio die verschiedensten Bedürfnisse ab und so gesehen ist die S-Klasse des Unternehmens zwar das Aushängeschild, zusammen mit der Note-Reihe, aber man ist auf den Erfolg dieser einen Serie nicht so angewiesen, wie vielleicht Apple auf seine iPhones.

Generell glaube ich, dass wir auch in Jahren immer noch die Fans der Spitzen-Produkte haben werden, die sich für den Anspruch, Weltklasse-Technik zu besitzen, finanziell weiter aus dem Fenster lehnen. Ich denke zudem aber auch, dass sich immer mehr Leute mit der Mittelklasse begnügen werden, schlicht aus dem Grund, dass diese Geräte absolut ausreichend sind für fast jeden von uns.

Daher denke ich, dass man einen Fehler begeht, wenn man Samsung eine Krise oder einen Flop andichtet. Die Branche hat vielleicht einfach generell eine Krise: Große Konkurrenz führt eben zwangsläufig dazu, dass die Krümel des Kuchens, die man abbekommen kann, jeweils weniger werden. Dazu dann die Mittelklasse, die genügend Verkaufsargumente zum moderaten Preis bietet. Ich glaube, dass wir hier also nicht über ein Samsung-Problem sprechen, sondern über ein Premium-Problem. Wie seht ihr das? Habt ihr da ein ähnliches Gefühl wie ich oder findet ihr im Gegensatz dazu die zahlreichen Galaxy-S9-Flop-Stories für angebracht?