Schadet Technik beim Entdecken unseres Planeten mehr als sie hilft?

Google Earth zeigt uns unberührte Wälder, Drohnen entdecken unbekannte Stämme. Tech hilft uns, den Planeten zu entdecken, aber da ist auch immer das Risiko, mit ihr Schaden anzurichten.

Ich bin ja so ein kleiner Google Maps-Tourist. Manches mal schon habe ich mir entlegenste Orte angeschaut, von denen ich befürchten muss, dass ich sie nie real besuchen kann. Aber ich nutze Google Maps und Street View auch, um mir vor Reisen schon einen Eindruck von der Gegend zu verschaffen, manches mal schaue ich mir die Orte auch nach einem sehr schönen Trip nochmal virtuell an.

Auf diese Weise kann ich jedenfalls für mich neue Orte entdecken und kennen lernen, aber natürlich handelt es sich da zumeist um Gegenden, die Millionen Menschen schon vor mir gesehen und betreten haben. Anders verhält es sich da, wenn Google Earth/Maps wissenschaftlich genutzt wird und Forscher dabei Gebiete unter die Lupe nehmen, die von Menschenhand weitestgehend unberührt sind.

Über ein Paradebeispiel dafür haben wir bereits berichtet, nämlich über den Monte Lico in Mosambik (Afrika), der von Dr. Julian Bayliss via Google Earth entdeckt wurde.

Dank Google Earth: Regenwald und neue Spezies entdeckt

Dieses Beispiel zeigt uns, dass wir eben auch heute noch trotz all der Satelliten und anderer technischer Hilfsmittel immer noch weiße Flecken auf unserem Heimatplaneten vorfinden. In Südamerika, vor allem im Amazonasgebiet, in Afrika, aber beispielsweise auch in Papua Neuginea oder in Tibet gibt es noch relativ große Areale, in die zumindest kein westlicher Mensch bislang vorgedrungen ist.

Am Amazonas leben immer noch sehr viele indigene Völker, die ganz bewusst den Kontakt zur zivilisierten Welt meiden. Wir tun gut daran, es ihnen gleichzutun und sie unsererseits auch in Ruhe zu lassen, denn so ein Aufeinandertreffen kann für diese primitiven Stämme wegen ihrer hohen Anfälligkeit für Infektionen ein Todesurteil bedeuten.

Das bringt uns zur  Fundação Nacional do Índio (kurz: FUNAI), der Nationalen Stiftung der Indigenen in Brasilien. Dabei haben wir es mit einer brasilianischen Behörde zu tun, die gewährleisten soll, dass die Rechte der Indigenen gewahrt bleiben. Erwähnen möchte ich sie deshalb, weil auch diese Behörde sich modernster Technik bedient, um ihre Arbeit so zuverlässig wie möglich erledigen zu können.

Vor wenigen Monaten wurde ein im letzten Jahr aufgenommenes Video veröffentlicht, welches im Dschungel des Amazonas mittels einer Drohne gefilmt wurde. Dort sehen wir einige Menschen eines uns völlig unbekannten Stammes umherziehen — wenn ihr mögt, schaut euch den Clip selbst flott an:

Auch hier hat die Technik dafür gesorgt, dass wir von der Existenz dieses Stammes erfahren und bei der FUNAI wissen wir auch, dass diese Verantwortung, die mit solchen Entdeckungen einher geht, nie aus dem Blick dieser Behörde verloren wird. Man überwacht das Gebiet auch nicht, um solche Stämme ausfindig zu machen, sondern um Kontrolle darüber zu haben, dass tatsächlich niemand probiert, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Das ist auch ein Grund dafür, wieso diese Bilder erst so lange Zeit später veröffentlicht wurden.

Diese Bilder haben die Macht, die Gesellschaft und die Regierung dazu zu bringen darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, diese Gruppen zu beschützen. FUNAI-Präsident Wallace Bastos

Richtig eingesetzt, können wir dank Satellitenbildern auf Google Earth und dank Drohnen also nicht nur unbetretenes Gebiet und unentdeckte Stämme ausfindig machen, sondern in der Folge auch neue Spezies ausfindig machen, Erkenntnisse über die Evolution gewinnen und nicht zuletzt auch indigene Völker schützen.

Die 10 spektakulärsten & beeindruckendsten Drohnen-Videos

Die Kehrseite der Medaille

Das setzt allerdings auch voraus, dass die verfügbare Technik von Menschen genutzt wird, die damit wirklich Gutes im Sinn haben. Aber was ist, wenn das nicht der Fall ist? Per Drohne kann unser Planet deutlich genauer kartografiert werden, andererseits können Drohnen auch missbraucht werden, zum Beispiel als die perfekten Drogenkuriere.

Ich bin über den Artikel der Kollegen vom Mobility Mag gestolpert, die sich nämlich vor einem Monat damit auseinandersetzten, ob die Technologie — in diesem Fall ging es um Drohnen — nun mehr Segen oder Fluch ist. Genau darüber denke ich schon seit Jahren immer und immer wieder nach: Machen uns Smartphones das Leben leichter oder versklaven sie uns? Sind smarte Maschinen ein Segen für uns oder lösen sie die größte Job-Vernichtungs-Welle aller Zeiten aus? Führen uns E-Autos in die Zukunft oder in das größte Strom-Drama, welches wir uns ausmalen können? Bringt uns das Internet näher zusammen oder spaltet es die Menschheit?

Egal, welchen Aspekt moderner Technologien wir unter die Lupe nehmen, es gibt immer zwei Seiten, die wir auch tunlichst beide im Blick behalten sollten. Das an sich ist nicht neu — auch ein simples Brotmesser kann sowohl nützliches Werkzeug als auch tödliche Waffe sein. Wir können allerdings beobachten, dass der technische Fortschritt so schnell ist, dass wir kaum noch hinterher kommen.

Damit meine ich, dass wir uns gar nicht mehr in Ruhe an etwas gewöhnen können und quasi Tag für Tag wieder neu ins kalte Wasser geworfen werden. Regierungen müssten — statt ständig um sich selbst und um den Machterhalt zu kreisen — heute so viele Lösungen finden, um alles in richtige Bahnen zu lenken. Egal, ob wir über Ethik-Fragen bei autonomen Autos sprechen, über wirklich nützliche Regeln für Drohnen, für den Umgang in sozialen Medien, über neue gesellschaftliche Modelle (Stichwort: Grundeinkommen) und so vieles mehr.

Dass da in dieser Hinsicht so wenig geschieht, gibt mir wirklich zu denken. Nehmen wir das Beispiel oben mit dem Drohnen-Video der indigenen Menschen auf der einen Seite und dazu vielleicht auch noch meinen Instagram-Artikel von neulich, indem es um die “Instagramability” von Orten geht. Ihr seht keinen Zusammenhang? Ich schon, denn ich glaube, dass selbst so ein schnöder Artikel wie der, den ihr hier gerade lest, irgendjemanden auf die Idee bringen könnte, einfach selbst mal auf Expedition zu gehen. Man könnte auf der Suche nach dem perfekten Instagram-Foto bewusst entscheiden, eine besonders entlegene Region anzusteuern, weil dort der schönste Wasserfall lockt, eine kaum bekannte Tierart oder vielleicht tatsächlich ein Volk, welches sich bislang vor der Zivilisation verbergen konnte.

Vielleicht werden Drohnen und Roboter mittelfristig auch die Drogengeschäfte auf den Kopf stellen, Regierungen wie die der USA Kriege auf fremdem Territorium nur noch mit smarten Maschinen führen usw. usf. Vielleicht werden sich Terrororganisationen künftig auch gar nicht mehr durch Selbstmordanschläge selbst dezimieren, weil man ebenso gut eine Drohne oder ein autonomes Fahrzeug mit Sprengsatz in eine Menschenmenge manövrieren kann.

Das könnten wir auf so viele Themen weiter ausdehnen und kämen vermutlich immer zum Schluss, dass mit großen Chancen stets auch große Risiken einhergehen. Im Moment wirke ich vielleicht ein klein wenig desillusioniert angesichts der Entwicklungen, mit denen wir derzeit politisch und gesellschaftlich zu kämpfen haben, aber natürlich bleibt ein Rest Hoffnung, dass sich über kurz oder lang die technischen Möglichkeiten von uns so beherrschen lassen, dass man eventuell vorhandene kriminelle Energie bereits im Keim ersticken kann.

Was glaubt ihr denn, wenn ihr auf die technischen Neuerungen auf der einen und die daraus resultierenden Erfolge und Verfehlungen blickt? Hält sich beides die Waage? Oder richten neue Technologien mehr Schaden an, als sie uns nutzen? Schreibt es uns in die Kommentare.