Schämt euch! Gaffer in Hagen filmen verunglücktes Kind [Kommentar] *Update*

Update 07. Mai 2016, Bernd
Die Polizei Hagen weist in einem Update darauf hin, dass Gaffen und insbesondere das Anfertigen von Bildern und Videos einer verletzten Person tatsächlich eine Straftat ist. Im Laufe der Diskussion um die Meute, die sich “bewaffnet” mit ihren Smartphones rund um ein schwerverletztes Kind versammelten war immer wieder die Frage aufgetaucht, ob die Einsatzkräfte denn keine Handhabe dagegen hätten. Der §201a StGB, in dem es um die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs geht, eröffnet diese.

Straftaten können in Deutschland von jedem zur Anzeige gebracht werden, nicht nur vom Geschädigten oder “Opfer”.

Original-Artikel vom 15. April 2016
Schämt euch! Gaffer in Hagen filmen verunglücktes Kind [Kommentar]

Am Hauptbahnhof im nordrheinwestfälischen Hagen haben mehrere hundert Gaffer die Rettungsmaßnahmen der Einsatzkräfte behindert, die dort ein schwer verletztes zehnjähriges Mädchen erstversorgen wollten. Sie zückten ihre Smartphones und filmten und fotografierten sowohl das verunglückte Kind als auch den Rettungshubschrauber. Hinzu gerufene Polizisten wurden von der Meute wiederholt aufgefordert, zur Seite zu treten, sie stünden im Bild. Ein Psychologe geht mit den Möchtegern-Papparazzi hart ins Gericht: s.M.n. handelt es sich bei Gaffern um empathielose, abartige Menschen, die sich am Leid anderer ergötzen und sich selbst dadurch besser fühlen.

Die Polizei Hagen dürfte dem ein oder anderen Leser bestens bekannt sein, die Behörde fand bereits beim Thema “Kinderfotos auf Facebook” klare Worte und scheut sich offenbar nicht, Missstände klar und deutlich anzusprechen. Im vorliegenden Fall geht das Statement der Polizisten jedoch weit über einen gutgemeinten Ratschlag an Eltern hinaus: es ist eine mehr als deutliche Abrechnung mit einem Alltags-Phänomen, das durch unsere immer griffbereiten Smartphones eine noch erschreckendere Dimension angenommen hat.

Wir berichten hier bei Mobile Geeks wirklich gerne über aktuelle Technik und man merkt uns – das hoffen wir zumindest – unsere Begeisterung für das Thema an. Dennoch haben wir uns schon immer bemüht, auch die möglichen Nebenwirkungen und Risiken des technologischen Wandels aufzuzeigen. Bei aller Faszination für Roboter und Algorithmen, die Dinger werden noch Millionen Menschen den Job kosten, auch hierzulande. Ein neues Smartphone, im 12- oder 24-Monats-Takt? Ja, könnt ihr haben – klebt aber Blut ‘dran und fürs Recycling hat auch noch keiner eine wirklich sinnvolle Lösung. Und so weiter, und so weiter … bla bla bla.

Doch dieses verletzte zehnjährige Mädchen und die sensationsgierigen, völlig skrupellosen Arschlöcher um sie herum stehen wohl für ziemlich alles, was im Jahr 2016 und all seinen fantastischen technischen Möglichkeiten schief läuft. Während 56 Millionen Kilometer entfernt ein Curiosity-Rover über die Marsoberfläche brettert, schwingt hier unten der Homo habilis seine neue iPhone-Keule, ruft “Ugh Ugh” und ergötzt sich am eigenen “Sieg”, dem Leid oder gar dem Tod eines anderen Lebewesens. Ich könnte kotzen.

Ihr findet den Vergleich abwegig? Nun, Psychologen sehen das offenbar anders und ziehen bereits zwischen Schaulustigen und Gaffern eine klare Grenze. Während die erstgenannten gelegentlich noch von dem Ur-Instinkt getrieben sein könnten, eine Lehre aus dem Geschehen zu ziehen, geht es dem Gaffer hauptsächlich um das Empfinden von Lust. Er oder sie fühlt sich in der Rolle des nicht zu Schaden gekommenen wohl und freut sich, dass das Unglück einen anderen Menschen getroffen hat. Und wenn es ein Kind ist, Scheiß egal! Man selbst – als “Sieger” im Kampf um das tägliche Überleben – kommt nun vielmehr in den Genuss der ultimativen Unterhaltung oder Abwechslung. Grandioses Programm heute, wer braucht da noch “Verklag mich doch!”?

Dass nun in Hagen, wie schon bei vielen anderen Gelegenheiten zuvor, auch Smartphones zum Einsatz kommen, ist kein Zufall. Mit ihnen kann man das Gesehene als Bild oder Video aufnehmen und den schaurig-schönen Schrecken immer und immer wieder erfahren. Noch viel besser: man kann das Erlebte teilen, erhält dadurch die Aufmerksamkeit und Beachtung welche einem anscheinend sonst im Leben verwehrt bleibt und verschafft auch anderen den Zugang zu diesem völlig abartigen Gefühl, auf Kosten eines Dritten.

“Die Schaulustigen sind an die Tücher [zum Abschirmen des Mädchens] herangetreten und haben mit ihren Handys über das Tuch gefilmt.” Timo Schäfer, Polizei Hagen

Es ist das Allerletzte und es steht gleichzeitig für so vieles, was uns als Tech-Bloggern immer wieder in anderer Form begegnet. Wollen wir nochmal über Public Shaming reden, das öffentliche Beschämen einer einzelnen Person im Internet, zur eigenen Erhöhung und Belustigung? Oder über Cyber-Mobbing, das schon mehrere Kinder in den Selbstmord getrieben hat? Über Hass-Kommentare gegenüber den Schwächsten der Schwachen?

Eigentlich, so die Theorie, sollte der technologische Fortschritt uns alle voranbringen. Menschen, denen der Zugang zu Bildung bisher verwehrt bleibt, sollen Dank dem Internet Zugang zu Informationen erhalten. Es gibt Millionen von lehrreichen, unterhaltsamen und witzigen Videos, die bei jedem normal tickenden Menschen für explosionsartige Ausschüttungen von Glückshormonen sorgen sollten. Es gibt Musik, immer und überall. Wir können miteinander kommunizieren, Distanzen spielen keine Rolle mehr, noch vor gar nicht allzu langer Zeit war das auch hierzulande undenkbar. Video-Games förden die Psyche und Sozialkompetenz von Kindern. Das nur wenige Millimeter dünne Gerät in eurer Tasche kann mehr als der Apollo 11 Computer. Man könnte damit sprichwörtlich Welten erobern, die – ebenso sprichwörtlich – jedem offen stehen. Jeder einzelne von uns könnte die Welt zu einem besseren Ort machen, statt nur über jene zu schimpfen, die es angeblich tun wollen.

Stattdessen versammeln sich mehrere hundert Menschen mit ihrer verfickten 12 Megapixel Cam rund um ein schwer verletztes Kind, das (vielleicht sogar deswegen) sterben könnte. Das muss man sich mal vorstellen! Wenn ich mir überlege, dass auch nur ein einziger aus dieser Meute mal einen unserer Testberichte gelesen hat und sich danach über eine herausstehende Linse oder eine schlechte Bildqualität beschwert hat, möchte ich demjenigen sein Smartphone am liebsten dahin schieben, wo es auch tagsüber ganz dunkel ist. Fühlt sich einer der Beteiligten angesprochen? Verpiss’ Dich, Arschloch, und lass’ Dich hier nie wieder blicken!

Wisst ihr, was nun in den kommenden Tagen passieren wird? Die Bilder und Videos werden herumgezeigt – auf Schulhöfen, in der Kantine, im Freundes- und Verwandtenkreis, via WhatsApp und bei Facebook. Von denselben Leuten, die sich gestern, heute und auch morgen wieder darüber beschweren werden, dass Google, Facebook und die NSA ja sowieso nur an ihre “Daten” wollen und dass man im Internet überhaupt keine Privatsphäre mehr habe. Eben diese sich am Leid anderer nährenden Parasiten besitzen jetzt auf ihrem Smartphone einen der furchtbarsten und “intimsten” Momente, den ein einzelner Mensch und in diesem Fall auch die Eltern des Kindes durchleben mussten. Sie können damit mehr oder weniger machen was sie wollen. Hab’ ich gerade vermutet, dass die Erbse im Kopf dieses Packs zu Gedanken über Privatsphäre, Respekt voreinander usw. in der Lage ist? Vergesst es.

Für mich jedenfalls ist die Woche gelaufen. Ich kann mich seit dem gestrigen Tage wieder einmal unglaublich schwer dazu aufraffen, die notwendige Begeisterung für diesen Job – diesen Lifestyle – aufzubringen und euch zu erzählen, welche fantastische Möglichkeiten ein Smartphone mit sich bringt.

PS: in den USA steht momentan ein Paar vor Gericht, das die Vergewaltigung einer 17-Jährigen live via Periscope gestreamt hat. Krank, oder? Wer macht sowas, wer schaut sich sowas an? Den filmenden Gaffern von Hagen sei gesagt: ihr seid k(aum)einen Funken besser. Euch bekommt man vielleicht rechtlich nicht zu packen, aber in puncto Empathie, Nächstenliebe und Menschlichkeit seid ihr Abschaum.

Schämt euch, ich wünsch’ euch allesamt Läuse und eitrigen Ausschlag, untenrum. Dem Rest wünsche ich die Kraft, bei passender Gelegenheit einem Gaffer das Smartphone aus den schmierigen Griffeln zu schlagen.

Bild: iwanpVerkehrsunfall, CC BY-SA 2.0