Teil 2
Shenzhen – Die Elektronikmärkte von Huaqiangbei

Nachdem wir im ersten Teil die Stadt und ihre Hintergründe erkundet haben, geht es in diesem zweiten Teil in das Herz Shenzhens: Zu den faszinierenden Elektronikmärkten von Huaqiangbei.

Wo Shenzhen liegt und wie ihr mit der U-Bahn dahin kommt, haben wir bereits im ersten Teil erkundet. Auch wie ihr euch vor den drei größten Lebensgefahren in Shenzhen schützt, ist bekannt und somit geht es in den zweiten Teil der Shenzhen Reihe: Zu den Elektronikmärkten von Huaqiangbei.

Huaqiangbei – der Kern der Elektronikmärkte

Karte HuaqiangbeiHuaqiangbei befindet sich in Futian, einem der ersten Bezirke von Shenzhen, der übrigens auch am nächsten zum angrenzenden Hong Kong liegt. Ursprünglich siedelten sich viele Elektronikhändler entlang der Huaqiangbei Road an, viele sind geblieben und die Läden wurden zu riesigen Malls und Märkten mit tausenden von Ständen, Shops und Buden. So wurde aus der Huaqiangbei Road ein eigener, kleiner Unterbezirk, der immer mehr Händler anzog und mittlerweile auch einige Blöcke breit ist.

Da stand ich also und traute meinen Augen nicht so recht, dass sich mein Traum endlich erfüllt hat. Tausende Geschäfte mit blinkenden Werbetafen: Xiaomi, Apple, Apple, Xiaomi, Samsung, Xiaomi. Karte von HuaqiangBei in Shenzhen EnglishDurchatmen, weitergehen, denn viel Zeit und Platz zum Herumstehen und staunen hat man nicht. Das Leben ist schnelllebig und geschäftig in Shenzhen, dass Zeit Geld ist merkt man hier wie kaum woanders auf der Welt. Schubkarren werden geschoben, Einkäufe zum nächsten Paketversender gebracht und von den selbstmörderischen Rollerfahrern habe ich euch ja schon im ersten Teil erzählt.

Wer sich die Karte von Electronicsshenzhen.net rechts anschaut, bekommt einen ersten groben Eindruck von den wahnsinnigen Ausmaßen der Elektronikmärkte in Shenzhens Elektronik-District Huaqiangbei. Handys, Smartphones, Hüllen, Speicherkarten, Security-Kameras – für gefühlt jede mögliche Kategorie, die man sich vorstellen kann, gibt es einen eigenen Markt!

Wohlgemerkt, die Karte ist von 2012, mittlerweile sind einige Märkte dazugekommen, andere werden gerade renoviert oder abgerissen. Noch eine kleine Randnotiz zu der Größe: In drei Tagen bin ich etwa 60km durch die Geschäfte gelaufen und habe bei weitem nicht alles gesehen.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt mediafly tablet rückseite

Der Tablet Markt – enttäuschend und beeindruckend zugleich

Das erste Ziel war der Tablet Markt gleich gegenüber von meinem Hotel. Der SED Markt, so hatte ich gehört, sei berühmt für seine Auswahl an Tablets. Nun, die Auswahl ist durchaus nicht schlecht, ich hatte jedoch etwas anderes erwartet und mir erhofft. Viele 7, 8 und 10 Zoll Geräte wurden zum Verkauf angeboten, viele waren auf den ersten Blick zumindest von Außen gleich.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt mediafly tabletDie Ausstattung? Oft unterste Einsteigergeräte mit einer 800×480 Pixel Auflösung, einem MediaTek oder Rockchip Quad Core Prozessor und 1GB RAM. Preis? Etwa 40 Euro. Langweilig? Vielleicht. Ich ging weiter, schaute mir weitere Tablets an und fand in diesem Markt nicht viel herausragendes. Die Händler schienen leicht veränderte Referenzdesigns zu verkaufen, also Blaupausen, die von Chipherstellern für Fabriken und Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt werden, damit diese günstig und schnell produzieren können, ohne das Gerät selbst entwerfen zu müssen. Der Hersteller und der Kunde können dann noch einige Details anpassen wie RAM, Prozessor, Displayqualität und mehr, je nach Bedarf und natürlich Preis.

How many pieces?

In einem anderen Markt fand ich dann in der Tat endlich interessantere Angebote: Tablets mit Aluminiumgehäuse, einer guten Verarbeitung, 3G sowie einem ordentlichen Screen. Bei der Frage nach dem Preis tauchte eine Frage immer wieder auf: How many pieces? Genau da wird einem ganz schnell klar, dass man keinen guten Preis bekommt, wenn man mit „One“ antwortet. Die Händler sind da um in der Regel dutzende und hunderte Stück zu verkaufen, da macht es denen nicht besonders viel Spaß sich mit Touristen herumzuschlagen. Verständlich.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt im Markt

Warum man ein Xiaomi Smartphone nie zum offiziellen Preis bekommt

Ich liebe Xiaomi. Die Chinesen haben es geschafft innerhalb kürzester Zeit einer der stärksten Smartphone-Marken in China aufzubauen und liegen derzeit knapp hinter Apple auf Platz zwei beim Smartphone Marktanteil. Das liegt zum einen an gut durchdachten Produkten mit ordentlicher Ausstattung, und zum anderen natürlich am Preis. Dass die Chinesen Xiaomi lieben sieht man nicht nur an den unzähligen Mi Shops, die oft keine 20m auseinanderliegen, sondern auch an den diversen Xiaomi-Nachbauten wie wir später sehen werden.

Anfang des Jahres, als ich gerade in Shenzhen war, kam gerade das neue Xiaomi Mi Note auf den Markt, das 2299 RMB kosten sollte – das waren zu dem Zeitpunkt ca. 315€. Doch für diesen offiziellen Preis war das Smartphone nirgendwo zu finden, jeder Shop, in dem ich fragte, wollte etwa 3400RMB dafür haben, was damals deutlich über 400€ waren.

Shenzhen Huaqiangbei auf den Strassen

Viel zu viel dachte ich, bis mir Michael vom cect-shop erklärt hat wie der Hase läuft. Xiaomi bietet neue Geräte jeden Dienstag in seinem Online Shop zum offiziellen Preis an. Der Kunde wählt eine Konfiguration und kann dann einen Termin im Shop ausmachen und das Gerät abholen. So sollte es zumindest sein.

Das Problem ist nur, dass Händler Server auf den Online Shop ansetzen und die Bestände jeden Dienstag leerkaufen, zum günstigen, offiziellen Preis, ihre Lager damit füllen und die Smartphones kurze Zeit später mit Aufschlag an die offiziellen(?) Xiaomi Shops wieder zu verkaufen.

So kommt es also, dass man Xiaomi-Geräte zum Verkaufsstart so gut wie nie zum offiziellen Preis bekommt, selbst wenn man in China lebt.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt Smartphonekartons gestapelt

Smartphones: Xiaomi führt, Honor holt auf

Apropos Smartphones, auch dafür gibt es natürlich eigene Märkte. Die Yuanwang Digital Mall ist dabei vermutlich die eindruckvollste. Denn vermutlich genau hier wurde mein Xiaomi Mi Note kurz vorher abgekauft. Während das unterste Stockwerk vor allem auf Privatkunden ausgerichtet ist und viele Handies im Schaufenster ausgepackt lagen, sind ein Stockwerk höher die Läden bis unter die Decke vollgepackt mit verschweißten Kartons von Xiaomi, Huawei, Samsung und Honor.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt grosshandel smartphonesDiese Stände sind für mich vor allem interessant, weil sie den chinesischen Markt recht gut widerspiegeln: Was wird verkauft, welche Marken sind beliebt, was sind wichtige Features? Ganz vorne und gut an den braunen Boxen zu erkennen: Xiaomi.

Interessant zu sehen ist auch die starke Nachfrage nach Honor, einer Tochterfirma von Huawei, die recht frisch auf dem Markt ist. Während im Februar noch relativ wenige blaue Kartons zu sehen waren, so ist die Nachfrage bei dem Besuch meiner Kollegin Nicole im Mai klar gewachsen. An dieser Stelle entschuldigt bitte die dürftigen Fotos, denn diese werden von den Händlern nicht gerne gesehen.

Neben den großen Marken gibt es natürlich auch diverse „Shanzhai“-Phones, Kopien und Nachahmer ihrer Vorbilder. JiMi, VMi, Honmii, XMi, dazu eine bräunliche Kartonverpackung und ein Design, das entweder wie ein Xiaomi oder wie ein iPhone 6 aussieht – das ist die wohl häufigste Art der „Kopien“. Ein 5 Zoll Smartphone mit MediaTek QuadCore, LTE und einer 13MP Kamera kostet etwa 70€.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt iPhone PreislisteWie sieht es da mit namhaften Herstellern aus? Da sind die Preise gesalzen. Vor allem wer ein höherklassiges Samsung oder ein iPhone haben möchte, zahlt im Vergleich zu anderen Ländern gehörig drauf. Das iPhone ist in China nämlich gar nicht so günstig zu haben, sodass die verkauften Geräte oft illegal aus Hongkong am Körper importiert werden und in Shenzhen neu verpackt werden. Falls ihr also jemandem begegnet, der mit einem Fön bewaffnet eine iPhone Verpackung zuschweißt, dann muss darin nicht unbedingt eine Fälschung sein. Vermutlich ist es ein importiertes oder ein refurbished iPhone.

Wo wir gerade bei dem Thema refurbished sind, so sind natürlich die diversen kleinen Werkstätten, die in den Märkten verteilt sind, wirklich sehr spannend anzusehen. Gefühlt jedes Problem mit eurem Phone oder Tablet kann direkt vor Ort behoben werden, es werden Dellen aus dem iPad-Gehäuse ausgehämmert, winzige Motherboards umgelötet, Displays ausgetauscht und das direkt vor euren Augen.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt Reparaturshop

Das Thema Recycling wird also großgeschrieben könnte man meinen, dann schaut man sich um und wundert sich, wie man es bis in den 7ten Stock geschafft hat, ohne sich die Beine oder das Genick zu brechen. Denn so faszinierend die Märkte auch sind, so unfassbar gefährlich sind sie auch. Müll, Kartons und Kabel liegen auf dem Boden rum, dazu ist die Luft eine Mischung aus Zigarettenqualm, stechendem Plastikgeruch und einer Spur Lötzinn.

Selbst eine Woche später zurück in Taiwan hatte ich diesen Geruch in der Nase und ich will wirklich nicht wissen, um wie viele Jahre sich die Lebensdauer meiner Lunge verkürzt hat.

Shenzhen Longsheng Accesories Center
Zubehör wie Sand am Meer

Was in Shenzhen aber derzeit wirklich groß ist, das ist Zubehör. In unzähligen Elektronikmärkten könnt ihr Lightningkabel, Kopfhörer, Ladegeräte und Lautsprecher in den verschiedensten Größen und Ausführungen kaufen. Auch erste Apple Watch Fakes konnte ich bereits im Februar begutachten und habe es mir nicht nehmen lassen die Edelstahlversion mit schwarzem Silikonarmband für lächerliche 16USD zu kaufen.

Na gut, das Display ist nur ein kleiner monochromer Streifen, aber immerhin kann sie sich per Bluetooth mit dem Smartphone verbinden und sogar als Fernauslöser für die Kamera benutzt werden. Als wir unsere echte Apple Watch reinbekommen haben, war die Überraschung wirklich groß, die beiden waren von der Größe und der Verarbeitung wirklich sehr nah bei einander.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt HolzhüllenAuch Smartphone-Hüllen gibt es wie Sand am Meer und jeder Händler versucht etwas kreativere und ausgefallenere Produkte zu haben als sein Nachbar. Holzhüllen fürs Huawei Ascend Mate 7? Check. Ein glitzernder Schlagring-Bumper fürs Galaxy S5? Klar doch! Eine goldene Rückseite fürs iPhone 6 im edlen Holzkoffer? Aber gern. Die Auswahl ist nicht nur riesig, die Preise sind verlockend gleich mehrere für Freunde mitzunehmen.

Auch hier weiß man ganz klar, dass man mit Einzelstücken draufzahlt, aber bei Preisen um einen Euro pro Case fühlt man sich nicht ganz so schlecht. Dann überlegt man sich was dieses Stück Plastik, was man da in der Hand hält, wohl in der Produktion gekostet hat, dass da mindestens schon zwei Leute schon dran verdient haben und was es letztendlich bei MediaMarkt kosten wird. Hui..

Warum es so wenig Sony Zubehör zu kaufen gibt

Die Gedanken zurückgespult stand ich wieder inmitten von Smartphone Cases. Ich sollte ein Paar griffige Hüllen für das Sony Xperia Z3 besorgen. Im September auf der IFA vorgestellt war es nicht mehr super frisch auf dem Markt, umso mehr wunderte es mich, dass ich nicht nur diese speziellen Hüllen nicht finden konnte, sondern es generell für Sony Smartphones nicht viel gab.

Auch LG, Huawei und HTC waren nicht sonderlich oft vertreten und selbst auf Nachfrage kam oft: „Sorry, only iPhone and Samsung“. Man konnte zwar oft beim Händler bestellen, aber hier und sofort zum Mitnehmen gab es für Sony und LG keine Hüllen. Lag es am kürzlich bevorstehenden chinesischen neuen Jahr? Vielleicht, immerhin waren viele Stände auch geschlossen, ich sehe den Grund jedoch ganz klar in den Absatzzahlen der Marken.

Ganz fundamental betrachtet: Die dominierenden Marken in westlichen Märkten sind nun mal Samsung und Apple, das wissen nicht nur die Zubehörhändler in Deutschland, sondern auch die Hüllenhersteller in China. Demzufolge wird für das Sony Xperia Z3 oder LG G3, G4 oder andere „kleinvolumige“ Smartphones eben nur eine begrenzte Auswahl an Designs angeboten.

Das wirkt sich wiederum auf die Einkäufer aus, denn die haben eine geringere Auswahl und geben das wieder an die Kunden weiter. Falls ihr also ein LG G3 oder Sony Xperia Z3 habt und euch wundert, warum es für euer Smartphone vergleichsweise wenige Hüllen und Taschen gibt: Die Antwort liegt in Shenzhen.

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Von gefälschten Akkus und SD-Karten

Samsung Akkus in Shenzhen„Die Chinesen können doch nur kopieren“, diesen Satz hört man leider ziemlich häufig und in Shenzhen fühlt man sich oft bestätigt. In so gut wie jedem Elektronikmarkt gibt es einen kleinen Shop, der Sicherheitssiegel oder Hologramm-Aufkleber verkauft, die ihr so ähnlich vielleicht noch von früheren Nokia-Akkus kennt.

Am Stand links werden CE-Sticker auf die SanDisk Speicherkarten geklebt, gleich daneben ist gerade eine neue Ladung Samsung Akkus reingekommen, die mit neuen Aufklebern versehen werden. Dass da kein Samsung drin ist, werden die meisten Kunden vermutlich nie erfahren, denn die Kopien sehen täuschend echt aus – selbst Amazon konnte sie nicht erkennen, wie wir berichteten. Oft sind es entweder Akkus anderer Hersteller, oder alte Samsung Akkus, die vor dem Müll gerettet wurden.

Shenzhen Huaqiangbei Elektronikmarkt SD KartenBei Speicherkarten sollte man ebenfalls vorsichtig sein. Diese sind zwar mit 85RMB, also ca. 12€, für eine 64GB SanDisk microSD Karte unglaublich günstig, ob es aber wirklich 64GB sind, solltet ihr lieber ausführlich testen und am besten eine entsprechend große Datei transferieren.

Wollt ihr noch ein Paar Preise? Die Apple Earpods gibt es für etwa 30RMB (4,30€), die Xiaomi Piston gibt’s für 25. Auch Apple Ladegeräte findet man an jeder Ecke in jeder erdenklichen Farbe, auch diese kosten nur wenige Euro. Es kann halt nur passieren, dass euch das Haus abfackelt, nutzt also lieber Original-Ware. Ehrlich. Hält am längsten.

Shenzhen Huaqiangbei Guangbo longsheng Elektronikmarkt

Shenzhen – stets im Wandel

Shenzhen. Diese Stadt ist faszinierend, schnelllebig und bietet einem Geek so ein kleines Paradies, in dem man wie ein Kind im Spielzeugladen herumstöbern kann. Global betrachtet ist dieser Ort jedoch so viel mehr, denn genau hier werden nicht nur Sachen produziert und eingekauft, sondern mittlerweile auch entwickelt. Die Makerszene boomt in Shenzhen, Milliarden-Dollar-Startups wie DJI entwerfen neue Geräte, die weltweit neue Märkte generieren. Das ist das Besondere an Shenzhen, es ist stets im Wandel.

Das schöne ist: Diesen Wandel werden wir alle mitbekommen, selbst wenn wir tausende Kilometer entfernt sind. Der Einfluss Shenzhens auf unsere Elektronik-Wertschöpfungskette wird nämlich vorerst bleiben. Wer jedoch die Möglichkeit hat dort einmal vorbeizuschauen, macht es und ihr werdet es nie vergessen.