Huaqiangbei Street bei Nacht

Teil 1: Die Stadt
Shenzhen – Eine Reise zu der Quelle der Smartphoneindustrie

Habt ihr euch schonmal gefragt, wo euer Smarpthone herkommt? In der Regel ist es Made in China, genauer: Shenzhen. Wir haben uns auf den Weg gemacht und haben diese Quelle der Mobilfunkindustrie erkundet.

Andere verbringen ihren Urlaub am Strand, ich fahre nach Shenzhen. Schon als kleinen Bub hat es mich interessiert, wo denn die ganzen Sachen herkamen, die ich da in die Hand bekam. Die Spielsachen wurden irgendwann zu teuren Handies, Smartphones und Tablets, das Interesse blieb jedoch.

Seit geraumer Zeit weiß ich nun, dass zumindest der Großteil an Elektronik in der Regel aus China stammt und zwar meist aus Shenzhen. Seitdem wollte ich dahin und letzten Monat wurde aus meinem Traum endlich Realität.

In diesem ersten Teil geht es aber zunächst gar nicht um die Technik, sondern um Shenzhen an sich. Wo es ist, wie es ist und ob man auch heil wieder zurückkommt (was gar nicht mal so einfach ist). Im zweiten Teil geht es dann in die faszinierenden Elektronikmärkte von Huaqiangbei.

Wo liegt Shenzhen und wie kommt man dahin?

Shenzhen KarteWenn ihr wisst wo Hongkong liegt, dann wisst ihr auch wo die Sonderwirtschaftszone Shenzhen liegt. Die beiden Städte gehen nämlich fast nahtlos ineinander über, ja, man kann sogar mit der U-Bahn von Hongkong nach Shenzhen rüberfahren! Die Lage der allerersten Sonderwirtschaftszone Chinas wurde 1980 natürlich bewusst so gewählt, denn man wollte vom Handel in (damals noch britischem) Hongkong profitieren.

Mittlerweile gehört Hongkong ja als eigene Sonderverwaltungszone zu China, es gibt aber trotzdem eine Grenze zwischen den beiden Städten. Visumspflicht besteht ja für China generell, an den größten Grenzpunkten zu Shenzhen kann man sich jedoch innerhalb von 10 Minuten für etwa 40€ ein 5-Tage-Visum für Shenzhen erstellen lassen.

Vom Hongkonger Flughafen nimmt man also entweder die U-Bahn oder zahlt noch etwas drauf und wird direkt per Minivan an die Grenze gebracht, was ordentlich Zeit spart. Dadurch dass Shenzhen bis an die Hongkonger Grenze bebaut ist, befindet man sich nach dem Grenzübergang auch schon (fast) mitten in der Stadt – die Taxifahrt zur Elektronikmeile in der Huaqiangbei Road dauert keine Viertelstunde.

Und wie ist es so in China?

Das demnächst zweithöchste Gebäude der Welt
Das demnächst zweithöchste Gebäude der Welt

Mein erstes Mal in China, wie fühlt es sich an? Erstaunlich sauber, modern und hoch gebaut. Knapp 30 Gebäude sind in Shenzhen über 200m hoch und man sieht fast schon, wie beinahe täglich neue hochschießen. Ein Kollege war erst vor drei Monaten dort und staunte über einen Wolkenkratzer, der laut seiner Meinung vor drei Monaten noch nicht dort stand. Ich schätzte das Gebäude auf 150 Meter – mittlerweile sind es wahrscheinlich schon 250 oder 300.

Ich lief also durch die Straßen in Huaqiangbei und im Bankendistrict Futian und staunte über die moderne Bebauung. Ich staunte vor allem deswegen, weil ich noch vor 35 Jahren über ein Reisfeld gelaufen wäre.

1980 wohnten laut Wikipedia gerade einmal 30.000 Einwohner in Shenzhen – jetzt sind es 13 Millionen. Ich habe auch schon Zahlen zwischen 16 und 18 Millionen gehört, was durchaus hinkommen kann. Auf einer Fläche halb so groß wie das Ruhrgebiet ist das durchaus beeindruckend, beeindruckender ist es jedoch, dass bis 2010 die Fläche der Stadt nur halb so groß wie Berlin war (nur eben mit drei mal so vielen Einwohnern).

Die Stadt zieht Menschen aus ganz China an, weil es hier Arbeit gibt, die auch noch besser bezahlt ist als woanders in China. Ich möchte die Arbeitsbedingungen der Elektronikhersteller wie Foxconn nicht gutreden, aber Fakt ist, dass die Arbeiter hier oft mehr bekommen als woanders im Land. Shenzhen ist einer der reichsten und wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte Chinas; das Bruttoinlandsprodukt wächst jährlich um etwa 10%(!), wovon jede europäische Metropole nur träumen kann.

Smog in Shenzhen
Smog in Shenzhen

So ein starkes Wachstum inklusive der Großbaustellen an jeder Ecke tragen aber auch dazu bei, dass man manchmal nicht ganz so weit sehen kann. Smog ist das Thema und das ist für einen Mitteleuropäer, der noch nie in China war, durchaus verstörend. Ein komisches Gefühl, wenn man nach vorne schaut und irgendwann alles im milchigen Grau verschwindet.

Vor den Malls und Hochhäusern hängt ein grauer Schleier, obwohl sie keine 100m entfernt sind. Wie gesagt – ich war noch nie in China und kann mir vorstellen, dass es im Vergleich zu Peking ein klarer Tag ist, aber uff, da hat man seine Lunge wieder ganz lieb und hofft, dass diese drei Tage in Shenzhen das Leben nicht um drei Jahre verkürzen.

Die Straßen hingegen sind recht sauber, Müll liegt nicht herum. Bis auf die Tatsache, dass jeder dritte raucht und man alle fünf Meter jemanden die Nase hochziehen und danach auf die Straße rotzen hört (nach dem Motto: immer raus damit, was keine Steuern zahlt!), kann man recht angenehm draußen spazieren gehen.

Gesperrtes Internet – VPN ist dein Freund

Gleich nachdem ich die Grenze überquert habe, habe ich mir eine lokale SIM-Karte von China Telecom besorgt und ging zum Taxistand. Ich war dabei die Adresse meines Hotels nachzuschlagen, ging in die Gmail App und dann ging gar nichts mehr. Ach ja, da war ja was! Den meisten von euch ist es sicherlich bekannt, dass in China viele Internetdienste gesperrt sind und da ist Shenzhen auch keine Ausnahme. Sowohl Gmail als auch Google Maps sind nicht nutzbar, von Facebook & Twitter ganz abgesehen.

Es sei denn, ihr habt ein VPN – ein Virtual Private Network, das eine gesicherte Tunnelverbindung zu einem Server in einem anderen Land herstellt. In meinem Fall schätzte ich mich glücklich, dass meine Uni in Berlin ein kostenloses VPN anbietet und ich über Deutschland in China die Adresse meines Hotels herausfinden konnte. Ach ja, Apple Maps funktionieren natürlich auch ohne VPN, aber gegen die wehre ich mich immer noch.

Um VPN-Services ist in Shenzhen und China generell ein regelrechter Geschäftszweig entstanden. Es gibt viele Angebote sowohl für Privatkunden als auch Unternehmen. Diverse Unternehmer, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, betreiben sogar einen eigenen VPN-Dienst neben ihrem Hauptgeschäft: „Ohne VPN geht hier nichts“ war der Grundtenor.

Der Verkehr – tödlich?

Illegale RollertaxisNeben dem Smog und dem kastrierten  eingeschränkten Internet gibt es nur noch eine Sache, die euch umbringen kann: Die vielen elektrischen Roller, die nur so an euch vorbeifliegen.

Während hier in Taiwan es nur so von normalen Rollern mit Verbrennungsmotor wimmelt, so gibt es in Shenzhen nur Elektroroller. Während sie jedoch in Taiwan in der Regel nur auf der Straße fahren, so darf man sich in Shenzhen nicht wundern, wenn man auf dem Bürgersteig ohne Vorwarnung (es gibt ja kein Motorgeräusch!) fast umgenietet wird.

Viele von diesen Rollern sind umgebaut und werden als illegales „Taxi“ betrieben; man sagt dem Fahrer wohin man möchte, setzt sich dann hinten drauf und wird hinchauffiert.

Einige sind auch dreirädrig und haben eine Ladefläche hinten, die immer mit mindestens hundert Paketen vollgestapelt ist, was den Fahrer jedoch nicht davon abhält, deinen Weg auf dem Bürgersteig mit 50km/h zu kreuzen. In Shenzhen lernt man aber schnell zielstrebig und manchmal auch energetisch weiterzugehen, sonst kommt man zum Teil einfach nicht vom Fleck. Nur öfters mal nach recht, links und nach hinten sollte man schauen.

Ein recht gut ausgebautes U-Bahn-Netz gibt es übrigens auch, mit dem man zum Beispiel auch ins Künstlerviertel Dafen fahren kann. Dort werden Ölgemälde in Arbeits- und Farbteilung gemalt, damit ihr sie wenig später beim Möbelhaus eures Vertrauens für viel mehr Geld kaufen könnt. Ob van Gogh oder Monet, hier bekommt ihr alles handgemalt für einen schmalen Taler. Ihr könnt dem Maler auch ein Bild per eMail schicken und er malt es dann von seinem iPad direkt auf die Leinwand.

Shenzhen Dafen Maler mit iPad

Das war’s noch nicht

Das Setting ist also gesetzt. Ihr wisst nun, dass ihr mit der U-Bahn hinkommt, die Wirtschaft Europa Jahrzehnte voraus ist und was die drei größten Lebensgefahren in Shenzhen sind. Im zweiten Teil wird es dann endlich ernst: Es geht in die unzähligen Elektronikmärkte und ihr erfahrt unter anderem diese drei Dinge:

  1. Warum es kaum Zubehör für LG und Sony Smartphones in Deutschland zu kaufen gibt
  2. Wieviel das günstigste, vollausgestattete Handy kostet
  3. Warum ihr ein Xiaomi Smartphone (so gut wie) nie zum Listenpreis bekommt

Teil 2: Shenzhen – die Elektronikmärkte von Huaqiangbei

Shenzhen Longsheng Accesories Center
Im zweiten Teil geht es unter anderem in diesen Zubehörmarkt