Kommentar
Signal: Der perfekte Messenger für jeden von uns? Ich denke nicht!

Das Magazin Wired fordert: "Das Messenger-Chaos muss aufhören" - und empfiehlt uns, dass wir jetzt alle nur noch Signal nutzen. Wir halten von der Idee nicht so besonders viel. 
von Carsten Drees am 17. November 2017

Messenger gibt es jede Menge — für jede Zielgruppe und für jeden Zweck. Dennoch hat sich bislang WhatsApp klar als Platzhirsch behauptet, zumindest in unseren Gefilden. Andernorts kann das durchaus komplett anders aussehen: Vor allem in Asien haben die Messenger WeChat und QQ riesigen Zulauf, gefolgt von Angeboten wie Line, Kakaotalk oder Viber.

Vor einigen Tagen hat das Magazin Wired erklärt, dass sie mit dieser Messenger-Vielfalt nicht besonders glücklich sind. Autor Jordan McMahon macht das anhand eines Beispiels deutlich, woran es seiner Meinung nach hakt:

Man schickt einem Freund eine Nachricht, um sich zu verabreden, wartet auf die Antwort und bekommt stattdessen auf Snapchat eine Reaktion – die erste Nachricht bleibt unbeantwortet. Okay, der Freund ist also über Snapchat erreichbar. Also weiter dort: Treffen für 22 Uhr vereinbaren. Kurz darauf fragt man sich: Wo noch mal genau wollten wir uns treffen? Auf Snapchat wurde die Unterhaltung längst gelöscht. Also gilt: Neue Nachricht schicken. Und warten. Jordan McMahon, Wired

Der Vorschlag des Magazins: Da man sich im Messenger-Chaos zu leicht verzettelt, muss man sich eben auf einen Dienst konzentrieren — und die Freunde gegebenenfalls rüberholen. Wired empfiehlt den Messenger Signal und nennt ihn den einzigen empfehlenswerten Messaging-Service. Ich hab da gleich mehrere Probleme mit dem, was ich in dem Beitrag lese, aber der Reihe nach:

1. Das Messenger-Chaos

Dieses Hin und Her zeigt ganz gut: Schnell verzettelt man sich mit zu vielen Messenger-Apps. Wer weiß schon genau, ob er die letzte Unterhaltung nun über Snapchat, Instagram, Twitter, WhatsApp, iMessage oder sonst irgendeinen Kommunikationskanal geführt hat.

Ernsthaft? Ist das so? Passiert es tatsächlich nur mir, dass ich mehrere Messenger im Einsatz habe und mich dazwischen nicht verheddere? Beruflich nutze ich sehr viel HipChat für die interne Kommunikation, gelegentlich zudem Skype. Privat nutze ich hauptsächlich die Messenger aus dem Hause Facebook, also den Facebook Messenger und WhatsApp. Snapchat kommt bei mir nur sehr sporadisch zum Einsatz, allerdings eher, um ein behämmertes Foto mit einem der „lustigen“ Filter zu machen, als zum Chatten.

Darüber hinaus habe ich noch Accounts bei Allo und Telegram — einfach nur für den Fall, dass mich auf diesen Kanälen jemand anschreiben will, der die anderen Dienste meidet. Ganz ehrlich, ich habe dabei noch nie den Überblick verloren. Gerade, weil ich sie unterschiedlich einsetze und zumeist eben nicht alle gleichzeitig. Allerdings kenne ich auch niemanden, der Snapchat dazu nutzt, um sich mit seinen Freunden zu verabreden.

In dieser Minute verfolge ich drei Kanäle: HipChat, den Facebook Messenger und WhatsApp. Da ich mich eher drei mal in der Woche zu irgendwas verabrede statt 40 mal an einem Tag, kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass ich da so schlimm durcheinander kommen kann. Ich hab alle Plattformen auf dem Smartphone und auf dem Rechner im Blick und tausche zudem generell Informationen zu Terminen und Treffpunkten sicher nicht in Nachrichten aus, die sich nach dem Lesen selbst vernichten.

2. „Einfach alle an Bord holen“

Was tun? Statt sich im Wust mehrerer Dienste zu verlieren, sollte man sich für eine Chat-App entscheiden – und dann alle Freunde mit an Bord holen.

Ganz unabhängig davon, für welche Chat-App man sich entscheidet: Was glaubt ihr, wie leicht es ist, alle wichtigen Kontakte davon zu überzeugen, sich für eure Plattform zu entscheiden? Unabhängig auch davon, ob ihr der Opinion Leader in eurem Freundeskreis seid oder eher Mitläufer, glaube ich einfach nicht, dass man wirklich alle relevanten Freunde und Bekannte zu einem eher exotischen Messenger locken kann.

Wahrscheinlicher ist doch wohl eher, dass ihr mit dem Vorschlag einer neuen Messenger-Alternative eher dafür sorgt, dass eure Leute diesen Dienst nicht alternativ, sondern zusätzlich nutzen und ihr das Messenger-Chaos bei euren Freunden also demnach noch verschlimmert.

3. „Einzig Signal ist wirklich zu empfehlen“

Signal hat eine sehr gute Verschlüsselung, ist kostenlos, funktioniert auf allen Smartphones und die Entwickler haben sich zum Ziel gesetzt, die App schnell und simpel zu halten. Ohne Werbung, ohne Web-Tracking, ohne Sticker, ohne animierte Emojis.

Wie eingangs bereits erwähnt, ist der Messenger Signal die Top-Empfehlung des Magazins. Die Begründung dafür ist u.a. der geringere Funktionsumfang (keine Sticker, keine animierten Emojis). Viel Glück beim Versuch, eure Freunde von dem Service zu überzeugen, falls sie eben zufällig einen Heidenspass an Stickern und animierten Emojis haben (PS: Eine GIF-Suche für animierte GIFs hat man immerhin jetzt auch bei Signal am Start – keine gute Nachricht für Messenger-Puristen).

Die kostenlose Verfügbarkeit, die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und auch die Einsatzmöglichkeit auf allen Smartphones stellen beileibe keine Alleinstellungsmerkmale dar, wenngleich Signal erwiesenermaßen ein sehr sicherer Messenger ist und in dieser Disziplin auch höher zu bewerten ist als beispielsweise der Facebook Messenger oder WhatsApp.

Wer besonders darauf bedacht ist, dass Nachrichten nicht in die falschen Hände gelangen, hat bei Signal die Möglichkeit, den Selbstzerstörungsmodus zu aktivieren: Unterhaltungen löschen sich dann nach einer bestimmten Zeit.

Juhu, ein Selbstzerstörungsmodus. Zu Beginn des Artikels in der Wired scheiterte der Autor in seinem Beispiel noch genau daran, dass sich eine Nachricht mit dem ausgemachten Treffpunkt nicht mehr aufrufen lässt. Je nach Messenger ist diese Funktion scheinbar also mal ein Bug — und mal ein Feature.

…andererseits

Dennoch ist WhatsApp natürlich eine der meistverbreiteten Messenger-Apps, was den Wechsel zu Signal ein bisschen mühsam macht. Schließlich gilt es dann, den gesamten WhatsApp-Freundeskreis mitzunehmen. Gelingt das nicht, sollte man sich nicht zu sehr grämen. Was Sicherheit und Verschlüsselung angeht, ist WhatsApp die zweitbeste Option nach Signal.

Okay, einzig Signal ist zu empfehlen — aber wenn eure Leute diesen Messenger nicht nutzen wollen, geht scheinbar auch WhatsApp – ist mittlerweile immerhin auch sicher und verschlüsselt. Das war dann der Punkt, an dem ich mich gefragt habe, wieso ich zuvor den ganzen Rest des Beitrags gelesen habe.

Der Wired-Artikel lässt mich ehrlich gesagt ziemlich ratlos zurück. Weder kann ich der „Chaos“-Argumentation folgen, noch erschließt sich mir die Fokussierung auf den Messenger Signal. Sichere und verschlüsselte Messenger gibt es viele und dazu eben auch welche, die umfangreicher sind in ihren Funktionen.

Wir alle sind als Nutzer ebenso unterschiedlich veranlagt, wie es unterschiedliche Messenger gibt. Wir werden also im Freundeskreis Emoji- und Sticker-Freunde ebenso vorfinden wie diejenigen, die auf Sicherheit setzen und diejenigen, die lieber telefonieren wollen, um sich zu verabreden. Ihr könnt also dem Rat der Wired folgen, alle Messenger-Apps runterwerfen und eine einzige App installieren in der Hoffnung, dass alle Kontakte mitziehen. Oder ihr nutzt weiterhin wieder die Anwendungen, die ihr benötigt und wo ihr wisst, dass eure Leute dort sind. Ich überlege derweil, welche Motivation der Autor mit seinem Signal-Artikel hatte: War es clever getarnte Signal-Werbung oder einfach nur sein verzweifelter Versuch, möglichst viele Leute zu seinem präferierten Messenger rüberzuholen?

Quelle: Wired