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Sinkender IQ: Wird die Menschheit immer dümmer?

IQ-Tests zufolge ist die Menschheit seit Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich intelligenter geworden -- zumindest bis zu den Neunziger Jahren. Seitdem ist die Entwicklung in Europa wieder rückläufig.

von Carsten Drees am 15. Juli 2019

Wenn wir uns hier auf dem Blog über das Thema Intelligenz unterhalten, ist zumeist die künstliche Intelligenz gemeint, also das, was Computer und Maschinen diesbezüglich zu bieten haben. Dabei dürfte man vortrefflich über die Definition streiten: Reden wir wirklich von “Intelligenz”, wenn eine Maschine lediglich in der Lage ist, Operationen deutlich schneller auszuführen als ein Mensch?

Generell ist es schwierig, “Intelligenz” innerhalb einer knackig formulierten Definition zu greifen oder zu erklären. Das liegt auch daran, dass es verschiedene Formen der Intelligenz gibt, die sich auch auf unterschiedliche Art erfassen und nachweisen lassen. Der Flynn-Effekt, benannt nach dem Politologen James R. Flynn bezeichnet dabei die Tatsache, dass die in IQ-Tests gemessene Intelligenz seit 1909 kontinuierlich gestiegen sei, die Menschheit also quasi immer intelligenter wurde. Seit diesem Zeitpunkt hat sich der IQ der Allgemeinbevölkerung immerhin um satte 30 Punkte verbessert.

Einflüsse wie bessere Ernährung, Bildung, medizinische Versorgung und auch Umwelteinflüsse haben für diesen Trend gesorgt. Die Nummer kippt allerdings bereits seit einiger Zeit. Mittlerweile ist die Entwicklung global so, dass der Anstieg sich deutlich verlangsamt hat und sich Stagnation oder gar Umkehr abzeichnen. In Europa hat sich der Flynn-Effekt sogar bereits Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger umgekehrt. Daraus könnte man jetzt ableiten, dass die Menschheit immer dümmer wird.

© Bild: KURIER/Universität Wien

Dieses Gefühl hat vermutlich jeder von uns selbst auch schon mal geäußert und könnte mit Sicherheit auch ein paar Beispiele bringen, an denen man das festmacht. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob wir das schlicht subjektiv so wahrnehmen, oder ob es wissenschaftlich fundierte Belege dafür gibt.

Ein Punkt, der öfter als Grund für diese Entwicklung angeführt ist, ist die Immigration. Gerade Rechts-Populisten greifen diesen Ansatz gerne auf, um zu erklären, dass eine Bevölkerung, die viele Migranten aufnimmt, mit der Zeit an IQ verliert, demnach also die Zugereisten mit einer weniger hohen Intelligenz den gesamten Schnitt senken.

Wie Futurezone berichtet, wollten österreichische Wissenschaftler dieser These mal auf den Grund gehen und haben dafür Faktoren wie Asylwerber, Nettomigration und absolute Migration erfasst und analysiert und können daher nun mit Bestimmtheit ausschließen, dass es einen Zusammenhang gibt. Migration und die Entwicklung der Intelligenz haben keinerlei Verknüpfungspunkte und Jakob Pietschnig, Intelligenzforscher an der Universität Wien, weist zudem darauf hin, dass bei den Messungen zum Flynn-Effekt Migration per se erst einmal keine Rolle spielt: 

Wenn jemand aufgrund von Konflikten oder Krieg rasch in ein anderes Land abwandern muss, wird es außerdem nicht sein erster Schritt sein, einen Test zur Intelligenzleistung zu machen

Aber woran liegt es dann? Auch der technische Fortschritt wird als einer der Gründe genannt, wieso sich das menschliche Gehirn weniger weiter entwickelt und das dürfte zumindest zum Teil stimmen. Dabei hat der Fortschritt aber weniger damit zu tun, dass wir tatsächlich dümmer werden, sondern dass sich lediglich die Disziplinen verlagern, in denen sich das Gehirn verbessert.

Dass sich aktuell der Flynn-Effekt umzukehren scheint, hat mit Veränderungen von spezifischen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten zu tun. Vor 100 Jahren wäre unsere Intelligenz einfach besser balanciert gewesen. Formen der Intelligenz sind zum Beispiel Allgemeinwissen, Raumvorstellungen, Logik, aber auch Mathematik-Skills und Lese-/Rechtschreibfähigkeiten. Das konkrete Wissen hat sich den Beobachtungen zufolge im Vergleich recht wenig verändert im Zeitraum zwischen 1909 und 2013, der Bereich der Logik hat sich hingegen entschieden stärker verbessert.

Nimmt man also herkömmliche IQ-Tests als Grundlage, können wir konstatieren, dass wir heute nicht über einen deutlich größeren Wortschatz verfügen oder über ein deutlich umfangreicheres Allgemeinwissen als früher. Dafür haben wir unsere Skills verbessert, wenn es darum geht, aufgrund verschiedener Parameter wie Ethik oder Logik Entscheidungen zu fällen, können abstrakte Muster besser erkennen und uns räumlich auch besser orientieren.

Rechenoperationen müssen wir heute kaum noch selbst ausführen, weil wir das getrost an Computer auslagern können. Ebenso brauchen wir nicht eine Unmenge an Informationen stets abrufbereit in unseren Hirnen haben, weil dank Internet jede Information nur einen Klick entfernt ist. Die einst ziemlich ausbalancierten Intelligenz-Skills haben sich also nicht grundlegend verschlechtert, sondern einfach anders verteilt. Daraus ließe sich nun aber vermutlich auch ableiten, dass wir den Sinn der klassischen Intelligenz-Tests hinterfragen müssten, da diese unsere tatsächliche Entwicklung größtenteils nicht mehr exakt abbilden.

Der Trendforscher Reinhold Popp vom Institute for Futures Research in Human Sciences an der Sigmund Freud-Privatuniversität ist der Meinung, dass wir die Fähigkeiten von künstlicher Intelligenz zwingend mit berücksichtigen müssten, wenn es darum geht, unsere Intelligenz zu bewerten. Das hängt eben genau damit zusammen, dass wir bestimmte Operationen und Wissen auslagern können und sich unser Gehirn verstärkt auf andere Dinge konzentrieren kann. Es findet eine Arbeitsteilung zwischen unserer und der künstlichen Intelligenz statt.

Im Vergleich mit diesem sehr eingeschränkten Leistungsspektrum ist die menschliche Intelligenz ein hoch komplexes biochemisch-emotional-soziales Gesamtkunstwerk. In der gesamten Geschichte des Homo sapiens haben Menschen ihre Kompetenzen durch die Entwicklung und Nutzung von Maschinen erheblich verbessert. Deshalb ist es sinnvoll und nützlich, dass wir nun die Speicherung von Wissen und die Durchführung von Rechenoperationen an unsere digitalisierten Dienstleister auslagern. Trendforscher Reinhold Popp, Institute for Futures Research in Human Sciences

Damit könne sich der Mensch mehr auf jene Leistungen konzentrieren, die auch der beste Computer niemals beherrschen würde: das Verstehen, Planen und kreative Gestalten von komplexen Zusammenhängen im Zusammenspiel mit rationaler Analyse, sozialer Empathie und ethisch fundierten Werturteilen. Diese Entwicklungen verändere unsere Intelligenz.

Unsere Intelligenz steigt also auch weiterhin an, nur eben in anderen, speziellen Bereichen und nicht etwa jede Form der Intelligenz gleichermaßen. Unser Gehirn legt dabei in den Disziplinen zu, die ein Computer jetzt und auch in absehbarer Zeit nicht auf dem Niveau eines menschlichen Gehirns bewältigen kann: Prozesse, die Kreativität, Empathie, rationale Analysen oder ethische Bewertungen verlangen.

Schaue ich aktuell wieder in die diversen Kommentarspalten der sozialen Medien, mag man diese Entwicklung zwar anzweifeln, aber wir Menschen entwickeln uns tatsächlich weiter in die richtige Richtung, was die Leistung unseres Gehirns angeht. Je mehr wir auslagern können, desto mehr können andere Bereiche sich entwickeln und profitieren — und ganz ehrlich: Ein menschliches Gehirn, welches vielleicht nicht mehr alle Englisch-Vokabeln und alle Geschichts-Daten parat hat, dafür aber deutlich weiter entwickelt ist bei Empathie und Kreativität, klingt doch durchaus wie eine positive Geschichte, oder nicht?

via Futurezone