Smart City: Google baut seine eigene Stadt

Alphabet, Googles Konzern-Mutter, will jetzt den Aufbau einer eigenen, smarten Stadt vorantreiben. Mit den Sidewalk Labs an der Spitze sucht Alphabet gerade nach einem passenden Stadtteil, den man zu einer Smart City aufbauen kann, inklusive flächendeckendem, kostenlosen WLAN und autonom fahrenden Autos.

Stadtplanung – das ist ein ganz fetter Themenkomplex, der künftig neben den zuständigen Stellen in den Städten auch zunehmend mehr Technologie-Unternehmen umtreiben wird. Verändertes Benehmen der Menschen in einer Stadt kann zu einem Umdenken führen – ein Beispiel dafür ist das Experiment mit den Boden-Ampeln für Smartphone-Nutzer in Augsburg. Aber auch neue Technologien können bewirken, dass man bei der Planung künftig anders vorgeht – vielleicht, in dem man auf den Straßen Spuren für rollende Roboter berücksichtigt, die Einkäufe und anderes ins Haus liefern.

Alphabet – das Konzerndach über Unternehmen wie Google oder die Sidewalk Labs – würde man sicher nicht unterstellen, dass sie dieses Themenfeld nicht im Blick haben. Nicht erst, seit sie die eben erwähnten Sidewalk Labs mit Larry Page und Dan Doctoroff an der Spitze aus der Taufe gehoben haben, hat man sich damit befasst. Seitdem wurden die Bemühungen aber verstärkt, oder zumindest für uns sichtbarer kommuniziert.

Dan Doctoroff redete noch im Februar in New York bei einer Rede darüber, dass bisherige Unternehmungen, Tech-Konzerne und Städteplanung unter einen Dach zu bekommen daran gescheitert wären, dass sie einander schlicht nicht richtig zugehört und sich nicht verstanden hätten. Ohne konkret zu werden sprach er dabei auch an, wie es wäre, wenn man eine Stadt von Grund auf neu erbauen könnte.

What would you do if you could actually create a city from scratch. How would you think about the technological foundations? That is why the combination of Google, which focuses on the technology, and, me, who focuses on quality of life, urbanity, etc., we think is a relatively unique combination Dan Doctoroff, Sidewalk Labs

Doctoroff weiß, wovon er spricht: Lange war er in New York Vizebürgermeister und hat dort mitgeholfen, ganze Stadtteile moderner und attraktiver zu gestalten und beispielsweise die Umgestaltung der High Line in New York voranzutreiben. Larry Page hätte sich also gar keinen geeigneteren Menschen anlachen können als Dan Doctoroff, der bei den Sidewalk Labs das Amt des CEO innehat.

smart city

Die Google-Stadt in der Stadt

Während weder er noch Alphabet selbst bislang konkrete Pläne vorgestellt haben, wie eine von Grund auf neu entworfene Stadt aussehen könnte, hat nun das Wall Street Journal mit Verweis auf Menschen, die mit Doctoroff selbst gesprochen haben, ein erstes Bild davon gezeichnet, wie die Ideen von Alphabet/Sidewalk Labs aussehen.

Das Problem, wenn wir in unsere Städte schauen: Man muss mit dem leben, was bereits da ist. Städte wachsen und es wird immer nur hier und da korrigiert und ausgebessert, so dass ein städtebaulicher Flicken-Teppich entsteht mit den Jahren und Jahrzehnten. Genau vor dieser Schwierigkeit steht auch Alphabet, so dass man zu dem Schluss kam: Wir müssen eine eigene Stadt von Grund auf neu bauen. Selbst für dieses Unternehmen ist eine Google-Stadt oder besser eine Alphabet-Stadt, die man irgendwo auf der grünen Wiese oder in der Wüste aus dem Boden stampft, eine etwas zu ambitionierte Idee.

Deswegen sieht der derzeitige Plan vor, dass man sich nach geeigneten Stadtteilen umschaut, die entsprechend heruntergekommen sind und die man dann mithilfe seiner eigenen Vorstellungen komplett neu ausrichtet. Lieber hätte man sich direkt in New York ausgetobt, aber damit wäre man an so viele Hürden politischer, behördlicher und auch finanzieller Natur geraten, dass man seine Augen nun auf geeignete Viertel richtet.

Schon 2013 hat Larry Page laut ein wenig herum gesponnen und von einer „Google-Insel“ gesprochen, also einem Areal, auf dem sich das Unternehmen komplett austoben kann und somit einfach einen Teil der Welt nimmt und ihn als experimentelle Spielwiese nutzt. Lest dazu unbedingt mal in den Artikel rein, den Wired 2013 dazu verfasst hat.

Ganz so weit kann man dieses Spiel in einer bestehenden Stadt natürlich nicht treiben – auch Alphabet hat sich an Regeln zu halten. Dennoch hofft man, einen Standort zu finden, an dem man die Modernisierung eines kompletten Viertels möglichst autonom vorantreiben zu können, wenn auch immer in Absprache mit der jeweiligen Stadtverwaltung. Vorstellbar ist demnach ein Gebiet von einer Größe, in der zehntausende Menschen leben könnten.

Wie wird die Google-Stadt aussehen?

LinkNYC-1Vielleicht hilft ein Blick nach New York, um zu erahnen, wie die Sidewalk Labs ihr Projekt in „ihrem“ Viertel angehen könnten: So befindet sich im „Big Apple“ derzeit das Sidewalk Labs-Projekt LinkNYC in der Beta-Phase.

LinkNYC wandelt die klassischen Telefonzellen in WLAN-Knotenpunkte um, die den New Yorker Bürgern schnelles, kostenloses Internet bieten. Zudem könnt ihr darüber kostenlos telefonieren, einen Notruf absetzen, über das integrierte Android-Tablet Informationen über die Stadt einsehen und auch per USB euer Device aufladen.

Die Sidewalk Labs haben zudem erst kürzlich Flow vorgestellt – eine Plattform, auf der alles koordiniert werden soll, was in einer Stadt bezüglich des Verkehrsflusses anfällt. Beispielsweise sollen anonym erhobene Daten dazu führen, dass der Verkehr in Echtzeit gesteuert werden kann.

Ausgehend von der Idee, dass auch bei steigendem Verkehrsaufkommen und wachsenden Fahrzeug-Zahlen nicht beliebig neue Straßen gebaut werden können, wird auf diese Weise versucht, Flaschenhälse zu vermeiden und den Verkehr entsprechend umzuleiten.

Auch Parkplätze können zugewiesen werden, geplante Straßen werden simuliert, um die Effekte schon vorab zu ermitteln und es werden auch neue Technologien (Beispiel: autonome Autos) ausprobiert und auf ihre Machbarkeit abgeklopft. Somit können wir schon mal von diesen beiden Projekten ausgehen, dass sie ihren Weg auch in die zu bauende Alphabet-Stadt finden werden.

NHTSA-Google-Car

Wir dürfen darüber hinaus erwarten, dass in so einem Google-Stadtteil auch autonom fahrende Autos eine feste Größe sein werden. Vermutlich wird es in diesem Ort nicht nur deutlich einfacher sein, die behördlichen Hürden zu überspringen und diese Autos regulär im Verkehr fahren zu lassen, es dürfte sogar in der Städteplanung eine wichtige Rolle spielen – beispielsweise durch die Einplanung von separaten Spuren für autonome Vehikel.

Für mich klingt das so schon nach einem hochspannenden Projekt, aber wir wollen dabei nicht vergessen, dass das nur ein Bruchteil dessen ist, was die Sidewalk Labs im Blick haben. Es geht nicht nur um kostenloses WLAN für alle und Optimierungen im Verkehr: Umweltschutz spielt eine Rolle, die Senkung der Lebenskosten und die Verbesserung der Lebensqualität sowie unsere Gesundheit ebenso. Immer mehr Menschen werden diese Erde bevölkern und da braucht es Konzepte, wie wir künftig nachhaltiger leben und wohnen, mehr Menschen sinnvoll auf dem verfügbaren Platz unterbringen können und das möglichst auch noch in Einklang mit der Natur und kostengünstig.

Es gibt also massig Stellschrauben, an denen man drehen kann, um so ein Städte-Projekt „from scratch“ zu entwickeln und ich kann es jetzt schon nicht abwarten, wie dieser Ort ausschauen mag, dem sich Alphabet und seine Sidewalk Labs widmen wollen. Was sagt ihr? Was könnt ihr euch vorstellen, was in so einer Maßnahme unbedingt berücksichtigt werden müsste? Könnt ihr euch Regionen, Orte oder Stadtteile in Deutschland denken, in denen so ein Projekt wünschenswert wäre? Oder habt ihr eher Bedenken, dass man sich vielleicht zu sehr von Google/Alphabet abhängig macht und/oder das Konzept in eine Richtung bewegt, die zu sehr an düstere Science-Fiction erinnert? Schreibt es uns in den Kommentaren.

Quelle: Wall Street Journal via The Verge