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Smartphone-Verzicht für ein Jahr – wären 100.000 Dollar das wert?

Ein Getränke-Hersteller bietet 100 000 US-Dollar, wenn jemand für ein komplettes Jahr aufs Smartphone verzichtet. Würdet ihr auf so einen Deal eingehen?

von Carsten Drees am 17. Dezember 2018

Witzige Story direkt zur Einleitung: Der Verfasser dieser Zeilen hat letzten Freitag zum allerersten mal in seinem Leben ein Smartphone verloren (man munkelt, dass Alkohlgenuss eine Teilschuld trifft) und ist somit erstmals seit Tagen nicht über WhatsApp zu erreichen, kann sich unterwegs nirgends einloggen oder mal schnell Facebook checken und Musik gibt es nur die zuvor offline gespeicherte.

Beste Bedingungen also, um einen Beitrag zu schreiben, in dem es darum geht, einfach mal ein komplettes Jahr auf das Smartphone zu verzichten. Während ich also noch hoffe, dass sich mein Smartphone einfindet und ich bereits eine Ersatz-SIM-Karte bestellt habe (und mir hier die Fingernägel verzweifelt abkaue), kann ich versuchen, mich in ein Leben ohne Smartphone einzufühlen.

Dabei ist die ganze Geschichte nicht nur ein Gedankenspiel, sondern eine reale Aktion in den USA. Initiiert wurde sie von Vitaminwater, einer Fitness-Drink-Marke, die zum Hause Coca-Cola gehört. Worum geht es? Es wird ein Glücklicher (?) ausgelost, der ein komplettes Jahr lang auf sein Smartphone verzichten muss, dafür aber alternativ mit einem Feature Phone ausgestattet wird. Er kann also SMS senden und empfangen, kann natürlich auch telefonieren, sehr viel mehr aber nicht. Hierzu müsst ihr wissen, welches Feature Phone der Gewinner oder die Gewinnerin nutzen darf, weil ja auch einige Dienste wie WhatsApp oder Facebook auf verschiedenen Geräten dieser Produktklasse laufen.

In den Regeln steht, dass es sich beim Gewinn um ein Feature Phone aus der 1996er-Zeit handeln soll, damit fallen dann die rudimentären Social-Media-Angebote definitiv weg, so dass der Nutzer tatsächlich ein sehr ursprüngliches Handy-Erlebnis genießen darf für 365 Tage. Hier ist die Ausschreibung (die kompletten Regeln gibt es hier), wenn man mitmachen möchte. Wir in Deutschland sind leider außen vor, denn es gilt nur für US-Residents.

post a photo to Twitter or Instagram telling vitaminwater® why you need a break from your smartphone. what would you do with all that time? go wild, be out there, and wow us. make sure to include hashtags #nophoneforayear and #contest.

guidelines to assist a successful transition

note: not legally binding. at all.

  • you may not use any smartphone for 365 days. if texting is a pleasant experience or you can get on the internet, it’s probably a smartphone.
  • this means you may not physically operate, caress, hug or otherwise be physically affectionate with anyone’s smartphone.
  • if you’re lying in bed and miss your phone, do not attempt to sneak a midnight scroll…just close your eyes and dream about vitaminwater®. that’s what we do. every night. and sometimes at the office.

you got this.

Wie leicht/schwer würde euch dieser Verzicht fallen?

Okay, niemand von uns ohne Wohnsitz in den USA kann grundsätzlich an dem Wettbewerb teilnehmen, bei dem derjenige gewinnt, der am sinnvollsten begründen kann, wieso er diese Smartphone-Pause braucht. Was wir allerdings machen können: Darüber nachdenken, ob wir uns auf so einen Deal einlassen könnten bzw. ob wir tatsächlich in der Lage wären, ein Jahr lang ohne Smartphone auszukommen.

Ich glaube, der erste Reflex von vielen Menschen wäre, das mit “ja sicher” zu beantworten. Schließlich lockt ein Batzen Geld und 365 Tage sind ja auch keine Ewigkeit. Die Frage ist, ob es einem jedoch wie eine Ewigkeit vorkommt. Als ich gestern Abend durch Dortmund spazierte, hatte ich mir aufgrund des eingangs beschriebenen Missgeschicks eine Spotify-Playlist aufs Smartphone gepackt. Das stellte also schon mal kein größeres Problem dar. Was aber, wenn man mit einer Gurke von 1996 herumrennt, auf der kein Spotify läuft?

Man könnte die Regeln vielleicht austricksen, indem man sich die Musik über eine Smartwatch mit SIM reinzieht, aber ich bin sicher, dass Coca-Cola das ausschließen würde. Apropos Regeln: In denen ist es sowohl verboten, anstelle des Smartphones ein Tablet zu nutzen, als auch “mal kurz” auf Smartphones anderer Personen zurückzugreifen. Der normale Einsatz von Desktop-Rechnern und Notebooks hingegen ist weiter gestattet. Das also zu den Bedingungen, mit denen wir in diesem Gedankenspiel klar kommen müssten.

Gerade, wenn ich nicht in meinem täglichen Umfeld unterwegs bin, kann ich tatsächlich kaum auf mein Smartphone verzichten. Fahrkarten und Flugtickets hab ich am liebsten auf dem Smartphone vorliegen stat ausgedruckt, gerade die Fahrkarten kaufe ich dabei oft spontan auf dem Weg zum Bahnhof. Ich logge mich gern an bestimmten Plätzen ein und gerade in fremden Städten wäre ich ohne Google Maps aufgeschmissen. Dazu gehört übrigens auch, dass ich auf Reisen per Live-Standort immer meine Leute wiederfinden kann. Generell eines der Features, die ich gerade im Ausland sehr gern nutze und dieser Live-Standort hat mir schon so manches mal den Hintern gerettet.

Ich scrolle gern durch Facebook und Instagram — auch, weil ich dadurch über die Leben von Leuten bescheid weiß, mit denen ich nicht jeden Tag in Kontakt stehe. Alternativ jeden davon anrufen und fragen, was so los war? Klingt nicht wirklich nach einer funktionierenden Alternative für mich. Apropos Kontakt: Ein Verzicht auf Messenger, speziell auf die von mir geliebten Sprachnachrichten, kann ich mir auch nur schwerlich vorstellen.

Alles Weitere hängt natürlich auch immer von jedem persönlich ab, weil wir die Kisten komplett unterschiedlich nutzen. Mobil bezahlen, Taxis rufen, Fotos machen, zocken (wie hat man eigentlich Wartezeiten vor Smartphone-Spielen überbrückt?), Notizen machen, Termine im Blick behalten und und und. Sucht euch da selbst raus, was ihr persönlich am ehesten vermissen würde und was vielleicht weniger.

100 000 Dollar sind ein ziemlicher Anreiz, dieses Experiment zu wagen, zugegeben. Und dadurch, dass ich meistens eh vor der Kiste sitze im Home-Office, also auch ohne Smartphone ständig online bin, käme ich an diesen Tagen auch einigermaßen zurecht. Aber es wären wohl die Tage, an denen man auf Events fliegt und die Abende, an denen man in Party-Mission unterwegs ist, an denen es wirklich schwer würde.

Vermutlich muss man dabei unterscheiden: Wie sehr würde man darunter leiden, dass man die oben aufgezählte Vielzahl von wichtigen Funktionen nicht mehr am Mann hätte? Und wie sehr würde es uns treffen, einfach dieses gefällige Scrollen durch Social-Media-Feeds nicht mehr zur Verfügung zu haben? Kurz gesagt, ist die wirklich schwere Hürde der Verzicht auf nützliche Features oder doch eher die eigene Social-Media-Sucht?

Ich störe mich nämlich daran, wenn oft und gerne wiederholt wird, dass gerade die jungen Leute nur noch in ihr Smartphone glotzen und nichts anderes mehr tun. Klar — auch ich schaue da unterwegs oft rein. Aber es macht für mich keinen Unterschied, ob ich in ein Smartphone-Display schaue beim Lesen von Nachrichten, oder ob ich dafür eine Zeitung in Händen halte. Auch vor dem Besitz eines Smartphones waren wir nämlich alle keine Geselligkeits-Könige, die sich fröhlich in der Bahn mit Wildfremden unterhalten haben. Wieso also nicht ins Display starren statt aus dem Fenster ins Leere glotzen oder auf den Boden vor sich?

Deswegen sage ich, dass man das differenziert betrachten muss: Wir kombinieren in einem Gerät so viele nützliche Funktionen, so dass es zwangsläufig schwierig wird, es gleichwertig zu ersetzen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich genügend Menschen, die wirklich nur stundenlang durch Feeds scrollen und denen man ein Suchtproblem attestieren könnte.

Ich behaupte mal — und das ist natürlich auch nur für mich gültig: Ja, ich könnte so ein Jahr überstehen, wenn der Anreiz 100 000 US-Dollar sind. Für so einen Berg Kohle könnte ich damit leben, Social Media nur zuhause zu nutzen, unterwegs auf ein paar nützliche Funktionen zu verzichten und mir meine Fahrkarten wieder am Automaten zu kaufen. Ohne einen solchen Anreiz hingegen würde ich diesen Schritt nicht machen — einfach auch, weil mir das Smartphone so viele Vorteile bietet, dass es schlicht Quatsch wäre, grundlos drauf zu verzichten.

Mein geschätzter Kollege Steffen, der sich diesem Thema auf AndroidPIT gewidmet hat, schreibt dort: “Schlimm genug, dass das tatsächlich nötig ist” und meint damit den Geld-Anreiz für den Smartphone-Verzicht. Für den Social Media-Teil der Smartphone-Nutzung mag ich ihm da beipflichten, aber diese Kisten tun einfach viel mehr für uns und vermutlich würde man das in so einem Jahr schmerzlich feststellen.

Aber ich wollte gern mal in die Runde fragen und bitte euch, euch vor der Antwort ein paar Minuten intensiv mit den Konsequenzen zu befassen. Könntet ihr verzichten auf all das? Könntet ihr es generell, oder auch nur dann, wenn es einen entsprechenden Anreiz gibt? Schreibt es uns in die Kommentare.

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