Kommentar
Smartphones werden immer wichtiger – die FAZ immer unwichtiger [Replik]

"Das totalitärste Produkt der Geschichte" titelt die FAZ und meint damit das Smartphone. Wieder einmal staune ich über diese Tech-Allergie, die die FAZ manchmal an den Tag legt. 

Tech-Blogger — das ist manchmal auch der Tanz auf der Rasierklinge. Man erfreut sich der technischen Möglichkeiten, die neue Hardware oder neue Software-Plattformen uns bieten, muss gleichzeitig aber auf der anderen Seite auch kritisieren und der Industrie auf die Finger klopfen, wenn uns mal was nicht so zusagt. Und egal, ob ich ein Feature nicht mag, mit einer Design-Entscheidung hadere oder darauf hinweise, dass etwas nicht so funktioniert wie es soll: Es wird sich mit Sicherheit in den Kommentaren oder irgendwo in den sozialen Medien jemand finden, der es komplett umgekehrt sieht.

Das hab ich so zu akzeptieren, weil es eben manchmal nicht nur die eine Sichtweise gibt und auch, weil unterschiedliche Menschen ein Smartphone oder ein anderes Gadget unterschiedlich nutzen und deshalb über ein Gerät zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Die Schwarz-und-Weiß-Sichtweise, die derzeit überall um sich greift, ist auch hier fehl am Platze.

Das ist auch der Grund, dass es mich echt wütend macht, wenn etablierte Medien Beiträge wie “Das totalitärste Produkt der Geschichte” veröffentlichen, in denen der Autor jegliches differenzierte Betrachten vermissen lässt. Die FAZ präsentiert sich in ihrem Feuilleton leider immer wieder erstaunlich rückwärtsgewandt und trägt damit nicht gerade dazu bei, dass die wichtigen digitalen Themen in Deutschland vernünftig vorangetrieben werden.

Im verlinkten Beitrag von Simon Strauss geht es um das Smartphone und darum, dass wir es hier mit einem totalitären Stück Technik zu tun haben bzw. dem totalitärsten Produkt, welches es jemals gab. Mir fehlt da wie gesagt das differenzierte Betrachten des Smartphones und seiner Möglichkeiten.

Ja, ich sehe viele Menschen, die in der Stadt auf ihr Smartphone starren und ja, ich bin manches mal eben auch einer davon. Aber nein, ich habe eben nicht das Gefühl, dass ich mich dem Smartphone ausliefere und ich bin auch sicher, dass das nichts mit meinem subjektiven Blickwinkel zu tun hat. Strauss schreibt:

Handys: Sie nehmen uns unser Geld, sie fesseln unsere Sinne, lassen uns müde werden, unkonzentriert, unzufrieden, ausgekühlt. Mitten in der Nacht leuchten sie auf, reißen uns aus dem Schlaf. Den Vorsatz, unsere Telefone abends auszustellen oder in den Kühlschrank zu legen, haben wir ungefähr so oft gebrochen wie den Schwur, weniger Kaffee zu trinken oder uns mehr um die Eltern zu kümmern. Simon Strauss, FAZ

Ich mag gar nicht darüber spekulieren, wieso er den Vorsatz fasst, Smartphones in den Kühlschrank zu legen. Aber dass sie uns unser Geld nehmen, hätte ich dennoch gern mal erklärt bekommen. Kostet uns die Nutzung des Smartphones so viel Geld, weil wir die ganze Zeit Dinge damit kaufen können? Oder meint er den Anschaffungspreis des Geräts? Egal, beides ergibt keinen Sinn und ich muss zugeben, dass ich mich auch noch nie ausgekühlt gefühlt habe als Folge meiner Smartphone-Nutzung.

Zum Schluss des Zitats gibt uns der Autor immerhin aber wenigstens einen kleinen Einblick in sein Leben und lässt uns wissen, dass er mehr Kaffee trinkt, als er möchte und sich weniger um seine Eltern kümmert, als er es möchte. Vielleicht gibt es da ja ein generelles Problem, Dinge durchzuziehen, die man sich vorgenommen hat, aber ich mag da ehrlich gesagt jetzt nicht mutmaßen. Weiter schreibt er:

Handys töten auch: Mehr als die Hälfte aller Verkehrsunfälle gehen inzwischen auf ihr Konto, weil wir am Autosteuer, am Fahrradlenker oder am Zebrastreifen Blick und Ohr nicht von ihnen lassen können. Kinder ertrinken, weil Eltern ihre Kurznachrichten kontrollieren, Menschen verbluten, weil Passanten zuerst die Handykamera anschalten und dann Erste Hilfe leisten. Banken werben unterdessen damit, dass ihre Kunden jederzeit den Kontostand abfragen können.

Okay, Smartphones sind also reine Mord-Maschinen, das muss einem beim Lesen des Artikels direkt klar werden. Dabei hat er natürlich recht, wenn er darauf verweist, dass Ablenkung am Steuer mittlerweile die häufigste Unfallursache ist. In der Tat dürfte das Smartphone auch oft genug die Ursache für eine Aufmerksamkeit sein, allerdings zählen in diese Statistik auch andere Ablenkungen rein: Der Griff zu einem Getränk oder die Suche nach anderer Musik, andere Fahrer wiederum essen hinterm Steuer oder schminken sich sogar.

Die Ablenkung durchs Smartphone sowohl bei Autofahrer als auch bei Fußgängern ist ein tatsächliches Problem, macht aber die kleinen Geräte nicht automatisch zur Todesfalle. Immer häufiger und leichter können wir im Auto Nachrichten empfangen, ohne dass wir den Blick von der Straße nehmen müssen, Telefonate können wir ebenso leicht initiieren oder annehmen.

Daran, dass der Autor diese tatsächliche Gefahr aber mit Fällen verquickt, in denen Menschen sterben, weil a) Eltern nicht aufs Kind schauen und b) Ersthelfer erst mal Unfallopfer filmen, bevor sie Hilfe leisten, sieht man aber dann wieder, dass es hier weniger um eine differenzierte Betrachtung der Sachlage geht, sondern um schnödes “Technik ist böse”-Gebashe.

Unter der Überschrift “Von keiner Droge werden wir mehr beherrscht” lesen wir dann:

Wir lassen uns von ihm wecken, zum Sport antreiben, die Kilometer zählen, die Katastrophen-Nachrichten anzeigen, die schnellste Zugverbindung raussuchen, die Termine des Tages festlegen, den Medikationsplan speichern, das Abendessen bestellen, die Geburtstage unserer Geschwister erinnern und bei Bedarf auch den geeigneten Liebespartner für die Nacht raussuchen. Und wenn unser Großvater stirbt, dann machen wir ein Handyfoto vom Totenbett und schicken es in die Welt.

Faszinierend: Strauss zählt hier wirklich Vorteil um Vorteil auf – Dinge, die uns das Leben wirklich leichter machen und vor allem Dinge, die vorher andere Geräte für uns übernommen haben. Ich bin auch von meinem Radiowecker damals abhängig gewesen: Hätte er mich nicht wachgedudelt, wäre ich zu spät zur Arbeit erschienen. Wo ist da der Unterschied zum Smartphone, welches die gleiche Funktion anbietet? Und ist es eine Smartphone-Sucht, wenn ich von meinem Smartphone meine gelaufenen Schritte protokollieren lasse? Wenn ich auf dem Weg zum Bahnhof unkompliziert in wenigen Sekunden meine Fahrkarte kaufe? Wenn ich an Termine erinnert werde oder mein Essen bestelle?

Witzig übrigens, dass mir Facebook heute ausgerechnet diese Werbung unterjubelt.

Der tatsächlich vorhandene Suchtfaktor hat doch eher damit zu tun, dass viel zu viele Menschen wie versessen auf jede Nachricht blicken, die via Facebook, Twitter oder Instagram auflaufen, oder weil man sich nicht vom jeweiligen Feed lösen kann. Aber die Smartphone-Sucht zeichnet doch nicht aus, dass man dort Essen, Fahrkarten und sonst noch was kaufen kann. Zum Ende seiner Aufzählung pickt sich der Autor wieder einen kuriosen Einzelfall raus, der seine These unterstreichen soll.

Zum Schluss gibt es dann sein Resümee, nicht frei von Pathos serviert:

Was wir brauchen, sind extradigitale Zonen, mobilfreie Straßen und eine staatliche Sanktionierung der Surfzeit. Sonst verbrennen wir weiter, jeden Tag ein bisschen mehr.

Ernsthaft? Der Staat soll die Surfzeit sanktionieren? Wie stellt er sich das vor? In welchen Stunden darf man denn dann nicht mehr das Netz nutzen? Oder ab wie viel Stunden muss uns der Staat beim Surfen den Saft abdrehen? Und wie will er es kontrollieren? Wir brauchen auch keine mobilfreien Straßen, weil mir eine App zeigt, wo ich lang muss, eine andere meine Schritte zählt, noch eine andere mich Sehenswürdigkeiten fotografieren lässt und wieder eine andere dafür sorgt, dass ich mobil bezahlen kann. Wieso sollte ich mir diese Freiheiten nehmen lassen?

Wir brauchen nicht im Restaurant zwingend mehr Zeit mit Facebook als mit unserem Gegenüber verbringen und wir müssen auch nicht in der Kirche oder beim Überqueren der Straße aufs Display starren. Aber wir brauchen ganz sicher keine Smartphone-Sanktionen und vor allem ganz sicher auch keinen Staat, der uns in so einer individuellen Frage der Nutzung überwacht und reglementiert!

Die Headline meines Beitrags ist natürlich bewusst etwas provokant gewählt. Zweifellos werden Smartphones immer vielseitiger und dadurch wichtiger, eine überholte Ansicht in einem Feuilleton-Artikel der FAZ rechtfertigt für sich betrachtet auch sicher keinen Abgesang. Aber es ist eine Tendenz, wie sich die FAZ immer öfter sowohl politisch als auch mit Blick auf die Technologie positioniert und diese Tendenz gefällt mir so gar nicht.