Kommentar
So kämpfen Einzelhändler gegen den Online-Handel – und verrennen sich

In Fürth haben Fachhändler eine Kampagne gestartet, um gegen den Online-Handel zu protestieren. Abgeklebte Schaufensterscheiben sollen Passanten sensibilisieren. Meiner Meinung nach ein Irrweg.

Es ist Dezember, wir befinden uns also mitten im alljährlichen Konsum-Irrsinn namens “Weihnachtsgeschäft”. Wie jedes Jahr ist in meiner Heimatstadt Dortmund die Fußgängerzone täglich bis zum Bersten gefüllt und das wird auch bis Heiligabend nicht mehr abebben. Die Fachhändler wird es freuen, denn in Zeiten von Amazon und Co steht der Offline-Handel immer öfter mit dem Rücken zur Wand und freut sich trotz des großen Stresses über so regen Zuspruch in diesen Tagen.

Nicht nur dem Fachhandel ist Amazon ein Dorn im Auge. Auch viele Konsumenten stören sich an dem Handels-Riesen aus den USA und die Gründe sind mannigfaltig. Der Online-Handel insgesamt sorgt dafür, dass wir nicht nur tonnenweise Verpackungsmüll produzieren, sondern auch immer häufiger Probleme bei der Zustellung bekommen, da die Speditionen ihre Angestellten oft an deren Grenzen des Machbaren bringen.

Amazon selbst muss sich auch die Vorwürfe gefallen lassen, nicht gerade als Musterbeispiel eines Arbeitgebers in die Geschichte einzugehen. Niedrige Löhne, oft unschöne Arbeitsbedingungen — das sind zwei der Vorwürfe diesbezüglich. Kein Wunder also, dass sich der Fachhandel überlegen muss, wie man mit diesem anscheinend übermächtigen Gegner umgeht. Der Versandhandel hat den Amazon-Gründer Jeff Bezos, dessen Vermögen aktuell auf schnuckelige 150 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, zum reichsten Mann der Welt gemacht.

Wir können jetzt wieder darüber diskutieren, dass dieses Geld in einer gerechten Welt irgendwie fairer verteilt werden müsste, aber das soll heute nicht das Thema sein. Heute geht es mir darum, was die klassischen Geschäfte in unseren Innenstädten unternehmen können, um Amazon und dem Online-Handel generell was entgegenzusetzen.

(Foto: Armin Leberzammer)

In Fürth haben sich gleich mehrere Händler zusammen getan unter der Leitung von Gestaltungstechniker Markus Kallweit und Rita Erhardt, die in der Fürther Innenstadt eine Dessous-Boutique betreibt. Für ihre Kampagne haben sie sich den Slogan: “Ohne SIE stirbt der Fachhandel” erdacht und richten sich damit explizit an ihre Kundschaft.

Man möchte auf die vielen Vorteile hinweisen, die der stationäre Handel gegenüber den Online-Konkurrenten habe. Auf der Liste steht natürlich ganz oben der persönliche Kontakt, außerdem gibt es weder Mindestbestellwert, Versandkosten oder Verpackungsmüll. Nicht zuletzt profitiert der Kunde davon, dass er die Ware vorm Kauf anfassen, ansehen, gegebenenfalls anprobieren oder sogar riechen und schmecken kann.

Um ein Zeichen zu setzen, haben sich die Händler eine Aktion überlegt, mit der man die Passanten für die Problematik des Handels sensibilisieren möchte. Über 32 Geschäfte verdeckten kurzerhand ihre Schaufenster. Indem sie ihre Auslagen verdeckten, zeigten sie den vorbeigehenden Menschen, was sie in Zukunft erwartet, wenn ein Geschäft nach dem anderen möglicherweise aufgrund des Online-Handels schließen muss.

(Foto: Arthur Kreklau)

Diese Gefahr ist in der Tat allgegenwärtig. Selbst hier in Dortmund gibt es in der Fußgängerzone einige (wenige) Leerstände, obwohl man zusammen mit Essen noch die vorzeigbarste Innenstadt der Region diesbezüglich vorzuweisen hat. In Städten wie Gelsenkirchen sieht es deutlich übler aus, wo sich oft leerstehende Räumlichkeiten mit Handy-Shops und 1-Euro-Läden abwechseln. Auch die Innenstadt in Oberhausen hat schon deutlich bessere Zeiten gesehen, wobei wir es da jedoch mit einem noch ganz anderen Problem zu tun haben: Dort ist die City nämlich seit der Errichtung der riesigen Mall “CentrO” auf dem absteigenden Ast.

Den letzten Punkt habe ich ganz bewusst genannt, weil es nicht immer nur darum geht, den bösen Feind zu benennen, sondern sich auf sich selbst zu konzentrieren. Vor ein paar Jahren waren es nämlich genau diese riesigen Einkaufszentren auf der “grünen Wiese”, die verantwortlich waren, dass es dem Handel in den Städten schlecht geht. Heute ist das Online-Geschäft ein wesentlich größerer und unangenehmerer Feind, aber ich habe das Gefühl, dass man mit einem “kauft bitte bei uns”-Appell die Käufer nicht wirklich erreichen kann, egal wie der Konkurrent aussieht.

Im konkreten Fall glaube ich sogar, dass sich die Kampagne mit den abgeklebten Schaufenstern kontraproduktiv auf den Einzelhandel auswirkt. Wenn ich im Weihnachtsstress überlege, trotz vollgestopfter Straßen und spärlich vorhandenen Parkmöglichkeiten in der Innenstadt einkaufen zu fahren, dann lasse ich die Geschäfte doch vermutlich erst recht links liegen. Gerade, wenn sie auf den ersten Blick als leerstehend auf mich wirken, konzentriere ich mich auf die attraktiveren Schaufenster, statt mich über eine solche Kampagne zu informieren, oder nicht?

Die Köpfe hinter der Kampagne erwähnen explizit, dass sie nicht auf Mitleid aus sind und vielmehr  wolle man die Aufmerksamkeit auf die genannten Vorteile des Einzelhandels lenken. Ich halte unabhängig von den tatsächlich vorhandenen Vorteilen diesen Weg aber für falsch. Die Leute sind ja auch nicht durch die Bank alle behämmert und bestellen im Internet, weil sie vergessen haben, dass sich im Einzelhandel viel schöner shoppen lässt.

Der wahre Grund ist — meiner Meinung nach — dass diese Vorteile für viel weniger Menschen tatsächliche Vorteile sind. Wenn ich in die Fußgängerzone gehe, dann bummel ich meistens sowieso nicht rum, sondern bin mir dessen ziemlich genau bewusst, was ich kaufen möchte bzw. wo ich das tun werde. Wenn dann ein Weinhändler Glühwein ausschenkt, werde ich dort trotzdem keine Flasche Wein oder sonst was kaufen wollen.

In den seltensten Fällen lasse ich mich beraten. Weil ich einfach weiß, welches Buch, welche Hose, welches Lebensmittel ich kaufen möchte. Damit mag ich nicht der Durchschnittskäufer sein, aber ganz sicher gehöre ich auch nicht lediglich einer Käufer-Nische an mit dieser Vorgehensweise. Mir gefällt es, wenn mir Ware — oftmals übrigens versandkostenfrei — bis an die Wohnungstür geliefert wird. Ich mag es, dass ich keine schweren Getränkekästen mehr nach Hause schaffen muss und ich mag es auch, dass ich Preise auf der Couch sitzend vergleichen kann und dafür nicht x Geschäfte abklappern muss.

Darüber hinaus wird Online-Shoppen auch funktionell immer mächtiger: Bei Lebensmitteln kann ich beispielsweise Obst- und Gemüse-Kisten abonnieren, oder mir automatisch immer Waren für komplette Menüs ins Haus kommen lassen. Ich kann vorab online schon testen, ob ein bestimmtes Möbelstück auch tatsächlich in mein Wohnzimmer passt. Die Technik, kluge Algorithmen und einiges mehr wird dafür sorgen, dass die Einkauferei im Netz mehr und mehr nicht nur mit größerer Auswahl oder günstigeren Preisen punkten kann.

Dennoch: Die Vorteile des Einzelhandels gibt es selbstverständlich, aber ich bin sicher, dass man das nicht so kommunizieren sollte, indem man mit dem Finger aufs böse Internet zeigt. Noch schlimmer aus meiner Sicht: Das Erzeugen von dystopischen Bildern aussterbender Innenstädte. Städte haben sich schon immer verändert und werden das künftig auch weiter tun. Zumindest bei meinem letzten Bummel durch Dortmund habe ich — überspitzt gesagt — weder Fassmacher noch Hufschmiede gesehen, selbst die klassischen Tante-Emma-Läden finden sich hier längst nicht mehr. Das ist im Einzelfall ganz sicher unschön, immerhin hängen da ja auch Existenzen dran. Auch verstehe ich, dass niemand davon begeistert ist, wenn alle Innenstädte der Welt aufgrund der Filialisten identisch aussehen.

Aber wir ändern das nicht, denn das Rad der Geschichte lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Der Internethandel ist nun mal da und der geht auch nicht mehr weg und ja, natürlich finde ich das großartig, dass wir all diese tollen Möglichkeiten haben. Man muss aber auch der Realität ins Auge blicken und erkennen, dass aufgrund der Entwicklung sowohl bei der Logistik als auch bei Automation und künstlicher Intelligenz auch oder sogar gerade im Einzelhandel viele, viele Jobs sterben werden.

Dagegen unternimmt man aber nichts, indem man sich die alten Zustände zurückwünscht. Vielmehr muss man von neuen Möglichkeiten partizipieren, sich auf Neues einlassen können. Vielleicht bedeutet das, dass wir künftig stärkere Synergien zwischen Offline- und Online-Handel sehen werden. Vielleicht wird es in ein paar Jahren so sein, dass wir immer weniger Ware im Einzelhandel tatsächlich mit nach Hause nehmen und diese Ladenlokale mehr dazu da sind, Produkte zu präsentieren. Ich kann also zum Beispiel einen Schuh anprobieren, mich davon überzeugen, dass er mir passt/gefällt. Dieser Schuh muss dann aber eben nicht x mal auf Lager sein und schon gar nicht in jeder verfügbaren Farbe. Stattdessen kaufe ich ihn und bekomme ihn ein, zwei Tage später nach Hause geschickt.

In so einem Laden könnte man sich dann darauf konzentrieren, auch exotischere Modelle, also eine sehr breite Produktpalette zeigen zu können und nicht etwa, die beliebtesten Modelle Europaletten-weise im eh knapp bemessenen Lager aufzubewahren. So könnte der Handel seine Vorteile — persönlicher Kontakt und Beratung — ausspielen und dennoch vom Internet profitieren.

Unabhängig davon, ob meine Vision solcher Show Rooms in Innenstädten Realität wird oder nicht: Der Vorteil des Händlers in der Fußgängerzone ist nicht der, dass man die Ware sofort mitnehmen kann bzw. dass sie dort vor Ort gelagert wird. Den Fernseher, den ich gerade kaufe, lasse ich mir liebend gerne von irgendwo in Deutschland zuschicken, anstatt ihn aus dem Shop nach Hause zu schleppen, in dem ich ihn gerade gekauft habe. Der stationäre Handel sollte sich übrigens dessen bewusst sein, dass ausgerechnet Amazon den Weg in die Innenstädte suchen wird — eben auch mit Shops, die mehr an Show Rooms als an Geschäfte erinnern.

Sterbender Einzelhandel vs transformierende Innenstädte

Da wir schon bei meinen Visionen sind: Ich erspinne mir in meinen Gedanken ja auch autofreie Innenstädte. Wir könnten auf den Straßen Platz schaffen für Fahrräder und E-Scooter sowie artverwandte Fortbewegungsmittel und bräuchten dennoch deutlich weniger Fläche für Straßen. Zudem würden viele Flächen für Parkplätze wegfallen. Worauf ich hinaus will: Die Innenstädte werden sowieso in etwas völlig Neues transformiert. Mehr Grünflächen, mehr Gastronomie, mehr Freizeitmöglichkeiten.

Das selbe wird sich auch in den Fußgängerzonen vollziehen. Mir ist es völlig Latte, ob ich eine Minute mit der Kassiererin im Supermarkt quatsche oder mit dem DHL-Mann, der mir meine Einkäufe nach Hause liefert und an die Wohnungstür schleppt. Nette Gespräche sind mit dem ebenso möglich wie an der Kasse, dafür muss ich also ganz sicher nicht in die Stadt latschen, damit ich soziale Kontakte zu Leuten pflegen, die nur mit mir sprechen, weil ich ihnen gerade etwas abkaufe. “Das macht dann 23,98 Euro, haben sie eine Payback-Karte?” und “Brauchen sie den Bon” sind davon eh nicht die Gespräche, von denen ich abends begeistert meinen Freunden berichte.

Dennoch sind soziale Kontakte natürlich wichtig und diese Orte, an denen wir — egal, ob mit Freunden oder Fremden — zusammen kommen, werden in der Stadt von morgen einfach mehr Raum einnehmen. Stellt es euch vor, dass ihr eben nicht mit Einkäufen beladen durch Menschenmassen zum Auto marschieren müsst, um sie dann durch den Feierabendverkehr nach Hause zu befördern. Ihr schaut euch was an, trefft eure Kaufentscheidung und bleibt dann einfach noch in der Innenstadt, weil es sich bei gutem Wetter einfach gut aushalten lässt in einer Grünanlage, oder ihr sitzt in einem der vielen Restaurants oder Cafés. Dort könnt ihr dann sozial interagieren, wie ihr wollt — ohne, dass dafür eine gestresste Verkäuferin herhalten muss.

Das ist meine — vermutlich etwas romantisch verklärte — Sicht auf die Innenstädte, wie sie künftig aussehen werden. Das ändert aber natürlich nichts daran, dass der Ist-Zustand ein ganz anderer, unschöner ist. Es wird sie also künftig zuhauf geben, die sterbenden Geschäfte, die immer gleichen Filialen der großen Ketten und die verödeten Innenstädte. Aber meiner Vorstellung nach eben nur, um Platz für etwas Besseres, Schöneres, Effizienteres zu machen.

Händler sollten sich also nicht überlegen, wie man Kunden das Online-Shopping ausredet. Sie sollten sich überlegen, wie sie davon profitieren können.

Quellen: BR, MarktSpiegel

Artikelbild: CC-BY murdelta (http://www.flickr.com/photos/murdelta/)