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Social Media-Verzicht: Lieber Herr Habeck, tun Sie es bitte nicht!

Shitstorm und Datenklau-Opfer: Grünen-Chef Robert Habeck hat es derzeit nicht leicht und zieht sich deshalb von Twitter und Facebook zurück. Ein fataler Fehler, wie ich finde.

von Carsten Drees am 7. Januar 2019

Wenn ich mich derzeit in der deutschen Parteienlandschaft umschaue, sehe ich — leider, leider — nur sehr wenige Politiker, die meiner Meinung nach ein solches Format haben, dass sie für mich als Kanzlerin oder Kanzler denkbar wären. Ich bin auch kein Parteisoldat, der automatisch für den eigenen Kandidaten trommeln muss, obwohl man vielleicht insgeheim damit nicht ganz glücklich ist.

Ich befinde mich also gleichzeitig in der guten Lage, nicht auf die Auswahl innerhalb einer bestimmten Partei limitiert zu sein, andererseits in der schlechten Lage, unabhängig davon nicht viele Menschen zu sehen, denen ich Kanzler zutraue. Einer von diesen ganz wenigen ist für mein Empfinden Robert Habeck, der derzeit die Geschicke der Grünen leitet. Generell fühle ich mich — zumindest aktuell oder aktuell wieder — den Grünen näher als CDU und SPD, näher auch als FDP und Linken und selbstverständlich auch näher als CSU oder der AfD.

Das ändert aber nichts daran, dass ich auch dem Programm der Grünen nicht vollumfänglich zustimmen würde. Trotzdem ist Habeck für mich der Mann, den ich mir am ehesten in dieses Amt wünschen würde. Weil ich ihn für einen intelligenten Mann halte und für einen mit Strahlkraft. Vor allem aber deshalb, weil er so viel reflektierter wirkt als alles andere, was da im Bundestag so hockt.

Er ist in der Lage, Fehler einzugestehen, Dinge klar, aber auch überlegt zu kommunizieren und wenn er über die politische Konkurrenz redet, dann ist er fähig, positive Punkte als solche zu benennen, wenn er sie als positiv wahrnimmt. Das ist so wohltuend anders als der Beißreflex der meisten Politiker, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass sie oft nur gegen irgendwas sind, weil es eine andere Partei fordert und nicht das eigene politische Lager.

Ich spreche hier über Robert Habeck aus einem besonderen Grund, den ihr sicher andernorts im Netz schon gelesen habt: Er hat sowohl auf Twitter als auch bei Facebook die Segel gestrichen und seine Accounts gelöscht. Anlässe gibt es dafür zwei: Da ist zunächst mal die Datenklau-Nummer, bei der er einer der Betroffenen ist, die plötzlich privateste Chat-Nachrichten aus seiner Familie im Netz für jedermann zugänglich vorfinden musste.

Und zum anderen ist da seine eigene Dummheit, die ihn dazu brachte, sich in einem Wahlkampf-Video zu wünschen, dass Thüringen eine Demokratie wird. Das ist deswegen doppelt dumm, weil er selbstverständlich nicht so tickt, dass er der thüringischen Landesregierung (in der übrigens auch die Grünen selbst mitwirken) das Demokratieverständnis abspricht und weil er sich den gleichen Fauxpas schon in Bayern erlaubt hat. In gewohnter, reflektierter Manier spricht er das genau so deutlich auf seinem Blog an:

Ein Jahresanfang, der in digitaler Hinsicht doppelt daneben war: Erst der Angriff auf die privatesten Daten meiner Familien, die via Twitter veröffentlich wurden. Dann noch einmal über Twitter ein Fehler meinerseits – und zwar der gleiche zum zweiten Mal: Wie dumm muss man sein, einen Fehler zweimal zu begehen? Diese Frage hat mich die ganze letzte Nacht nicht losgelassen. Robert Habeck, Die Grünen

Das ist genau die Art Einsicht, die ich mir von viel mehr Politikern wünschen würde. Andere Politiker schwurbeln rum, geben höchstens zu, dass sie den Leuten ihren Standpunkt nicht deutlich genug klar gemacht hätten und ähnliches. Habeck erkennt seinen Fehler, kommuniziert ihn unumwunden und zieht auch direkt die Konsequenzen daraus. Dummerweise die falschen, wie ich finde. Der Rückzug bei Facebook und Twitter ist für mein Empfinden das komplett falsche Signal.

Dabei kann ich seine Begründung sogar im Kern nachvollziehen:

Nach einer schlaflosen Nacht komme ich zu dem Ergebnis, dass Twitter auf mich abfärbt. Dass ich mich bei beiden Videos, auch dem Bayrischen –unbewusst auf die polemische Art von Twitter eingestellt habe. Twitter ist, wie kein anderes digitales Medium so aggressiv und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze. Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein – und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen. Offenbar bin ich nicht immun dagegen. Robert Habeck, Die Grünen

Wieder möchte ich anerkennend den Hut ziehen vor der Art und Weise, wie er hier mit sich selbst hart ins Gericht geht und keine billige Ausrede sucht. Aber trotzdem: Ich finde, jemand wie er, der eine so wichtige politische Position bekleidet, sollte sich nicht aus dem Social-Media-Feld zurückziehen. Es ist ja auch bei weitem nicht so, dass er Angst davor haben muss, ähnlich unerträgliche Tweet-Salven wie der US-Präsident abzufeuern.

Ich habe Respekt vor dem Eingeständnis, dass er manches Mal weniger kontrolliert zu werke geht und nach TV-Auftritten gierig Twitter checkt, um die Reaktionen auszuloten. Das ist auch tatsächlich ein Punkt, den man im Griff haben muss, bzw. es sind zwei Punkte, die man im Griff haben muss: Einmal die Kontrolle, die verhindert, dass einem Sätze herausrutschen, die man so eigentlich nicht sagen würde — und zum anderen die mangelnde Aufmerksamkeit bei der Arbeit, weil man mit einem Auge immer bei Twitter ist.

Aber das kann man geregelt bekommen:

Lieber Herr Habeck,

holen Sie sich einen Menschen oder besser ein Team ran und lassen Sie sich im Umgang mit sozialen Medien coachen. Und damit meine ich nicht Twitter- oder Facebook-Grundlagen — diese Klaviatur beherrschen Sie doch bereits außerordentlich gut. Vielmehr geht es um andere Punkte: Wie fahre ich die eigene Empörungs-Maschinerie runter, bevor ich anfange zu tippen? Wie behalte ich einen Überblick über das von mir Gesagte, welches andernorts vielleicht missverständlich zitiert oder zusammengeschnitten wird? Am besten diktieren Sie einfach direkt Ihre Tweets und zwar nicht einem Menschen, der das dann blind ausführt, sondern der auch in der Lage ist, eine gewagte Äußerung zu moderieren und im Notfall eine Reißleine zu ziehen, bevor ein Tweet live geht.

Ich bin keiner dieser Social Media-Experten, daher kann ich keine perfekte Strategie anbieten, aber es gibt eben viele Leute, die das können und Sie, Herr Habeck, sind intelligent genug, um gute Ratschläge anzunehmen und daraus zu lernen. Sie glauben das vielleicht gerade nicht ganz, weil Ihnen ein dummer Fehler gleich ein zweites Mal passiert ist. Aber allein die Erkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben und diesen dann auch noch zugeben zu können, hebt Sie positiv von den meisten Bundespolitikern ab.

Deswegen sollten Sie nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen, nicht zu voreilig das Social-Media-Feld räumen und vor allem dieses besagte Feld nicht kampflos denen überlassen, die mangelnde Argumente durch Lautstärke und fehlende Intelligenz durch Aggression kompensieren möchten. Stellen Sie sich stattdessen ein schlagkräftiges Team zusammen, die sowohl in Sachen Social Media als auch Politik und Rhetorik beschlagen genug sind.

Damit können Sie nicht vermeiden, dass böse Menschen weiter versuchen werden, private Daten abzugreifen und möglichst gegen Sie verwenden zu wollen, aber Sie können mehr Kontrolle über Ihr eigenes Tun erlangen und genau das geschärfte Profil im Netz präsentieren, für das Sie gerne stehen wollen.

Ich kann absolut verstehen, wieso Sie sich so entschieden haben und dennoch: Bitte tun Sie es nicht!

Hoffnungsvoll,

Ihr Carsten Drees

Social Media, Level 2

Wie Viele vor ihm muss Habeck auch jetzt auf die harte Tour lernen, dass man im gleißenden Licht des Twitter-Ruhms nicht nur prächtig erstrahlen, sondern auch übel verbrutzeln kann. Die Shitstorms generell sind hier und da mal nachvollziehbar, der oftmals so rüde Ton vieler Schreihälse aber nahezu immer deutlich überzogen. Das bedeutet, dass man gegen solche Shitstorms gewappnet sein muss, egal ob man sich — als Politiker oder auch als Privatperson — im Ton vergreift oder nicht.

Es hat seinen Grund, wieso wir schon so lange über Hate Speech, über Filterblasen und über eine zu leise Masse der Besonnenen reden. Das fliegt uns nämlich alles derzeit an vielen Fronten um die Ohren. Die Lösung kann aber nicht sein, dass wir uns zurückziehen. Das Internet geht nicht weg, Social Media geht nicht weg und wenn sich nicht schleunigst sowohl gesellschaftlich als auch technisch was tut auf diesen Plattformen, dann gehen auch die Populisten nie mehr weg.

Das hat jetzt weniger mit Robert Habeck sondern mehr mit der kompletten derzeitigen Situation zu tun. Wir müssen gemeinsam einen neuen Level erreichen bezüglich Social Media. Plattformen wie Twitter und Facebook müssen Wege und Instrumente finden, die Hate Speech und Fake-News unter Kontrolle bringen. Aber gleichzeitig müssen auch wir — jeder für sich selbst — einen Weg finden, wie man auf der Social Media-Bühne agiert.

Auch die Wütenden müssen lernen, dass man einen straffälligen Geflüchteten nicht mit der Masse aller Geflüchteten gleichsetzen darf, dass es für komplexe Probleme keine einfachen Lösungen gibt und dass man nicht mehr recht als andere hat, nur weil man lauter ist. Die Besonnenen hingegen müssen lauter werden, aber auf eine gute Art. Wir müssen klar machen, dass in diesem Land niemand dafür angezählt werden darf, dass er bzw. sie “Nazis raus” twittert. Wir müssen lernen, dass wir der lauten Minderheit zeigen müssen, dass sie tatsächlich nur eine Minderheit ist. Und wir müssen erkennen, dass wir uns nicht auf ein Niveau herab begeben dürfen, welches Fronten nur noch weiter verhärten lässt. Lernen, auf die Argumente des anderen zu hören und dann tatsächlich so neutral wie möglich abzuwägen, was jetzt stimmt und was eher nicht.

Aber für all das braucht man jeden einzelnen Mann und jede einzelne Frau — gerade in der Politik. Der Rückzug Habecks könnte somit viel schlimmer sein als ein persönlicher Rückzug eines Spitzenpolitikers. Es könnte ein fatales Signal für viele andere sein, es ihm nachzutun. Und genau deswegen hoffe ich, dass der Grünen-Chef nochmal in sich geht, ein paar Nächte drüber schläft, sich beraten lässt — und dann hoffentlich auch zukünftig auf der Social-Media-Bühne zu sehen sein wird.

Quelle: Süddeutsche

Artikelbild: Robert-Habeck.de