Aufstieg und Fall einer Kultmarke
Sony mein Sony, warum hast du mich verlassen?

Sony ist in den letzten Jahren nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Zeit fuer die Bekenntnisse eines absoluten Fanboys der Japaner

Ach Sony, was ist nur mit dir los? Wo treibt es dich Ikone meiner Kindheit hin und wie konnte es sein, dass gerade du den Ikarus des Unterhaltungselektronik-Marktes machen musstest? Ein Drama, gar eine Tragoedie ohne Ende oder ist das alles ein Selbstreinigungsprozess, der gefuehlt nicht beendet werden kann?

Es gibt genau 3 Marken, die ich mit fruehesten Kindheitserinnerungen verbinden kann. Das ist zum einen Adidas und dabei insbesondere der Tango Ball der WM 1978. Dann kommt natuerlich Puma und letztendlich Sony. Sony?  Ein japanischer Hersteller auf einer Stufe mit den Dresskodex-Herstellern jedes Bolzplatz-Kids der 70er? Genauso schaut das aus und das liegt vor allen Dingen an dem sehr geschickten Product Placement der Japaner, die die Filme der James Bond Reihe bereits seit den 60ern ausstatteten. Nein, ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, welcher 007 Streifen es war, aber zumindest so weit, dass ich weiss wie Sean Connery mit seinem Aston Martin DB 5 auf einen kleinen 7-inch Monitor (Hallo? Ein Fernseher in einem englischen Sportwagen! Und das in den 60ern… Science Fiction pur) mit dem unvergleichbaren Sony Logo schaute. Kabooommm! Ich war Fan und zwar direkt. Ja, so lief das damals ab und glaubt mal, was dann am naechsten Tag auf dem Schulhof los war: “Hast du den Fernseher im James Bond Auto gesehen? Der war von Sonnie oder so…”.

James Bond Sony

Sony war mit einem Schlag irgendwo zwischen Fussball-Weltmeisterschaft, Star Wars und Superman angelangt. Eine Firma die Displays in Autos verbauen kann, die auch noch MG-Salven rausfeuern und Oel ablassen koennen, die muss etwas ganz Besonderes sein.

Als dann noch meine Mum zu ihrem 30. Geburtstag eine Sony Kompaktanlage mit einem Tapedeck bekam, da war es um mich final geschehen. Fortlaufend war Sony fuer mich das Mass aller Dinge. Zumindest der Dinge, aus denen ein Stromkabel rausragte. Stundenlang durchstreifte ich die Ausstellungsraeume der lokalen TV- und Hifi-Anbieter und blieb dann letztendlich immer wieder mit leuchtenden Augen vor den Produkten der Japaner stehen. Design, Features, Usability und dann der knackige Preis. Sony war fuer mich nicht mehr und nicht weniger als der heilige Gral der Unterhaltungselektronik und dann… ja dann kam er. Der Sony Walkman DD!

SONY Walkman WM-DD Silver 02Waehrend ich diese Zeilen nun zusammenkloepple muss ich feststellen, dass sich von den Schultern abwaerts langsam aber sicher das im Volksmund “Gaensehaut” genannte Phaenomen breit macht. War das Display im James Bond-Wagen noch unerreichbar, so hatte ich da ein Stueckchen Technologie vor mir liegen, welches geradewegs aus der Zukunft zu kommen schien. On Ear-Kopfhoerer auf, das mitgeliefeferte Demo-Tape eingelegt und auf Play gedrueckt. Eargasm! Da hat jemand das London Symphonic Orchestra in diese kleine Kiste gesteckt und sie spielten nur fuer mich. Der Fluegel ballerte derartig intensive in meinen Hoerkanal, dass ich glaubte in selbigen eingeschlossen zu sein. Die Violinen, der Kontrabass, die Oboe… ich hatte erste Anzeichen von Traenen in den Augen und dabei habe ich den Nummer 1 USP, das Feature aller Features noch gar nicht einmal ausprobiert. Die Kiste war kabellos, sprich die Londoner Virtuosen verfolgten mich, meine Ohren und damit letztendlich auch mein Herz, ueberall hin. Sony schaltete bezueglich meiner Ehrfurcht gegenueber dieser Firma in nur wenigen Sekunden von “Das sind einfach die Besten” in den “Godmode”.

Dazu war alles auch noch so wunderbar verarbeitet und designt. Wer sich damals die Produkte der Konkurrenz anschaute konnte schnell erkennen, dass dazwischen keine Welten, sondern Universen lagen. Aiwa? SHARP? ONKYO? Fuer die Tonne! Da konntest du auch auffem Ascheplatz mit nen paar Poehlern mit 2 Streifen an den Seiten auflaufen. Sony war das Mass aller Dinge und sollte es fuer viele Jahre bleiben. Zumindest fuer mich persoenlich.

Und dann kamen die Konsolen

Destruction DerbyIch muss zugeben, dass ich Ende der 80er fremdgegangen bin. Famicom (bzw. NES), dann das Super Nintendo und schliesslich bin ich dann doch ueber Game Gear, Playstation One und Dreamcast wieder zurueck zu Sony gekommen. Ja, die Playstation One hat die Art und Weise wie ich Konsolen erfuhr, abermals fundamental gepraegt. Alleine Ridge Racer war fuer mich so ziemlich das grossartigste, was an Racing Games jemals auf den Markt gebracht wurde und wenn ich dann noch das damals revolutionaere Schadensmodell von Destruction Derby hinzunehme… Ach Sony, du hattest mich wieder voll erwischt. Ein Herz und eine Seele… Wir konnten einfach nicht ohne einander. Ich wusste es, du wusstest es, wir waren uns da unausgesprochen einig. Wieder einmal hattest du es geschafft, viele viele Wochen Lebenszeit von mir abzuzapfen und ich liess es geschehen. Fasziniert, vielleicht auch ein wenig hypnotisiert. Du warst der Bela Lugosi, der Christopher Lee Dracula der Unterhaltungselektronik und ich dein willenloses Opfer, welches deiner nahezu sexuellen Anziehungskraft erlegen war.

Die grosse Leere und ein Comeback

Du warst der Christopher Lee Dracula der Unterhaltungselektronik und ich dein willenloses Opfer, welches deiner nahezu sexuellen Anziehungskraft erlegen war

Irgendwie habe  ich dann die “Playse” und das Dreamcast verstauben lassen. Einen Walkman besass ich schon lange nicht mehr und das Upgrade zu PS2 und PS3 fand komplett ohne mich statt. Der PC und damit eine offene Plattform, die ich modular aufruesten konnte, hatte dir komplett den Rang abgelaufen und ehrlich gesagt… ich hatte einfach keine Zeit mehr fuer dich. Umzuege von dem einen Kontinent zum naechsten, ein Blog, was befeuert werden musste, Youtube-Kanaele, die ich bespielen wollte und ein 48h-Tag, der eigentlich fuer 72 ausgelegt war. Nein, Leben auf der Ueberholspur und die offizielle Vorlage fuer den George Clooney Film “Up in the air” liessen keine Zeit fuer dich und deine bunte Welt aus Pixeln, die nur darauf warteten von A nach B geschubst zu werden. Bis, ja bis ich dann den Vaio entdeckte.

2009 legte ich mal eben knackige 3000 Euro auf die Theke um dein aktuelles Modell des Vaio Z zu erwerben. Ein 13-incher mit 1080p Display. Quad-SSD im RAID 0 und UMTS-Modul. Da war es wieder da, dieses “living on the edge” Gefuehl. Die Gewissheit, im Grunde genommen dieser James Bond-Charakter meiner Kindheit zu sein, der aufgrund der neuesten Gadgets aus dem Hause Sony seine technologische Ueberlegenheit voll und ganz ausspielen kann. Das Sony Vaio Z war allen anderen Produkten auf dem Markt um mindestens eine Generation voraus und genau aus diesem Grunde hielt es bei mir auch 2 Jahre und liegt immer noch als Backup-Notebook bei uns im Taipei Office.

Sony Vaio Z 2009

Schliesslich  goennte ich mir 2011 noch die Sandybridge Variante des Sony Vaio Z. Ein $4000-Impulskauf. Ich war in Seattle auf einer Entwicklerkonferenz und wollte eine Huelle fuer mein Tablet S im lokalen Sony Store erwerben. Rausgegangen bin ich dann mit der am besten ausgestatten Variante des 2011er Vaio Z. Irgendwie fuehlte ich mich leicht ueberrumpelt, denn abermals schafftest du es mich mit den Spezifikationen, aber vor allen Dingen dem Design in deinen Bann zu ziehen. 4000 Peitschen! Sag mal geht es noch? Das hat keine Firma ausser Sony jemals bei mir hinbekommen.

Das Ende einer Aera

Und jetzt Sony? Jetzt im Jahre 2015 trauere ich einfach nur noch den vergangenen Jahrzehnten nach. Auch wenn du immer noch vom Ruhm der letzten 5 Dekaden zehren kannst, so bist du doch fuer mich so unglaublich irrelevant geworden. Dein letztes Smartphone hast du ganz frech nur noch in Japan gelauncht und darfst dich deshalb auch nicht ueber die erdrutschartigen Verluste auf den internationalen Maerkten wundern. Die Vaio-Division hast du gar verkauft und wenn wir uns deine Displays anschauen, dann drehen die beiden Konkurrenten aus Sued-Korea nicht nur einen Kreis um dich herum. Ok, ok… Es gibt da ja noch die Playstation 4 und Filme distribuierst du auch noch. Es reicht mir nicht!

Diese Zeilen schreibe ich auf einem Dell XPS 13, der sich zu einem Viertel des Preises anfuehlt wie ein Vaio Z der uebernaechsten Generation. Meine Smartphones kommen von LG, Samsung und Apple. Mein Tablet ist ein Nexus von ASUS, da du fuer die wunderschoene Tablet S Reihe keine Updates mehr ausgeliefert hast und mein Smart-TV stammt von Samsung. Die Boxen sind von Sonos, meine Settopboxen von NVIDIA, ASUS, Amazon und Boxee. Und weisst du was? Ich habe mir auch noch eine Xbox One bestellt!

Sony, mal unter uns beiden… Du hast mich so richtig schwer enttaeuscht mit deiner Produktstrategie der letzten Jahre und dabei wissen wir beide doch ganz genau, dass du es richtig drauf hast. Du bist fuer mich wie die erste grosse Liebe, die einem ueber all die Jahre so ziemlich alles antun kann und genau weiss, dass man nicht von ihr loskommt.

Ich vermisse dich in meinem Leben. Mir fehlen die Produkte mit deinem Logo, den unvergleichbaren Linien und diesem subtilen aber nicht weniger nachhaltigen Statement: It’s a Sony!

Mach was -du weisst, ich warte auf dich!

P.S. Und haettest du nicht so viele Konsolen mit so sensationellen Spielen rausgebracht, ich haette vielleicht sogar gelernt mit Photoshop umzugehen und damit das Titelbild dieses Artikels anspruchsvoller gestalten koennen. Hach Sony, alles deine Schuld!