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Sorgen Spotify, Netflix und Co für eine kulturelle Renaissance?

Welchen Einfluss haben Spotify, Apple Music, Netflix, Amazon Prime und all die anderen Streaming-Angebote auf unsere Kultur? Sind sie schädlich oder sogar nützlich?

von Carsten Drees am 31. Mai 2019

Spotify macht die Musik kaputt, sagen viele. Oft sind es die Künstler selbst, die sich beklagen. Schlicht aus dem Grund, weil einfach sehr, sehr wenig bei ihnen ankommt. Es stimmt auch tatsächlich, dass man wirklich sehr viele Streams benötigt, damit die Einnahmen dem Verkauf eines physischen Tonträgers oder auch eines Downloads entsprechen. Allerdings muss man das auch ins richtige Verhältnis setzen. Immerhin werden die Einnahmen auch immer weiter generiert und wachsen mit dem größer werdenden Backkatalog eines Künstlers. In diesem Beitrag haben wir das ja schon mal ausführlich beleuchtet.

Desweiteren habe ich selbst mal in einem anderen Artikel die steile These vertreten, dass Streaming die Musik kaputt macht. Egal, ob man das Streamen auf diesen Portalen für einen Fluch oder einen Segen hält: Feststehen dürfte, dass Streaming auch direkt einen Einfluss darauf hat, wie Musik produziert wird.

Songs werden oft in den ersten 30 Sekunden so mit allen wichtigen Elementen eines Liedes vollgepackt, damit der Zuhörer gar nicht erst auf die Idee kommt, aufgrund eines zu langen Intros weiter zu skippen, bevor der Song als abgespielter Stream gezählt wird. Zudem kann man feststellen, dass es einen Trend zu längeren Alben und gleichzeitig kürzeren Tracks gibt.

Auch das ist eine logische Konsequenz in Zeiten, in denen das ganze Konzept des Musikalbums an Bedeutung verliert, während einzelne Songs und Playlists immer wichtiger werden. Wenn man 25 statt 12 Tracks auf ein Album packt und die Lieder kürzer werden, hat man eben in einer Stunde Einnahmen für 25 Streams erzielt und nicht für 12.

Das sind aber alles Auswirkungen, die mehr mit der technischen Seite der Produktion zu tun haben und zunächst einmal nichts über die Qualität von Musik aussagt. Würde ich jetzt aus dem Bauch heraus beurteilen müssen, ob sich in den letzten Jahren die Qualität von Musik verbessert oder verschlechtert hat, würde ich wohl eher zu letzterem tendieren.

Das mag aber auch mit Vorurteilen zu tun haben, weil für mich das, was ich in den Charts höre, immer mehr wie Sprechgesangs-Autotune-Dance-Einheitsbrei klingt, aus dem nur wenige Perlen hervorstechen. Der BWL-Professor Joel Waldfogel sieht das allerdings ganz anders. Der US-Ökonom hat nämlich ein Buch veröffentlicht, in welchem er die These vertritt, dass Spotify die Musik sogar verbessert hat.

Er spricht dabei nicht ausschließlich von Spotify, sondern generell von Streaming-Diensten und darüber hinaus den Vertriebsmöglichkeiten, die uns das Internet bietet. Demnach ließe sich feststellen, dass sowohl bei Musik als auch bei Büchern und Filmen bzw. Fernsehserien eine qualitative Verbesserung erkennbar ist.

Das Buch mit dem Titel “Digital Renaissance” soll das auch fundiert belegen, wie er auf diese kühne These kommen konnte. Der Autor stützt sich darauf, dass wir alle davon profitieren, dass es die üblichen Torwächter — Verlage, Labels, etc — immer weniger braucht und sie dadurch an Einfluss verlieren. Was meint er damit? Dass nicht nur sehr wenige Menschen darüber entscheiden, was wir zu lesen, zu hören oder zu sehen bekommen.

Es gibt immer mehr Möglichkeiten, wie man als Kreativer seine Kunst vertreiben kann. Das Self-Publishing bei Büchern ist ein sehr schönes Beispiel dafür. Immerhin hat es “Shades of Grey” von einem Self-Publishing-Verlag auch zum Welterfolg bringen können. Nun ist aber speziell dieses Machwerk sicher kein Beleg dafür, dass auch die Qualität der Geschichten in Büchern eine höhere geworden ist.

Prinzipiell aber kann ich Waldfogels Gedanken aber durchaus folgen: Deutlich größeres Angebot und deutlich spezialisierteres Angebot bedeuten auch, dass Leser viel individueller bedient werden können und durch die größere Auswahl auch tendenziell mehr überdurchschnittliche Werke finden können.

Ähnlich verhält es sich auch bei den Film- und Serienangeboten. Waldfogel macht die gestiegene Qualität an den Bewertungen fest, die sich online finden lassen. So berichtet er, dass bei Rotten Tomatoes im Jahr 2016 gleich fünf mal so viele Bestnoten für Filme vergeben wurden als noch im Jahr 2000. Und tatsächlich kann sich ja auch wirklich niemand beschweren, dass die Original-Serien auf Amazon oder Netflix Qualität vermissen ließen. Der Film “Roma”, der ja jüngst sogar für den Oscar als bester Film nominiert war, ist ein weiteres Indiz für die These der verbesserten Qualität.

Ehrlich gesagt wirkt seine Argumentation recht schlüssig für mich. Auf der anderen Seite ist da aber auch meine Skepsis, ob Algorithmen nicht dazu führen, dass wir zwar deutlich mehr Angebot vorfinden, aber in der Breite vielleicht nicht mehr so fündig werden, wenn Musik, Bücher und Serien immer mehr auf den Massengeschmack angepasst werden.

Vermutlich ist das aber genau der Irrglaube, der mich da nicht klar sehen lässt. Ich habe oben ja das Charts-Beispiel gebracht. In der Tat finde ich dort sehr viel Schrott, so dass man den Eindruck haben muss, dass die Kids heute wirklich nur noch Schwachsinns-Musik konsumieren. Das ist natürlich dünnes Eis, auf das ich mich da begebe, da sich über Geschmack ja bekanntlich schlecht streiten lässt.

Und selbst, wenn man es als gegeben ansehen könnte, dass die Top 100 unserer Charts mindestens 80 qualitativ bedenkliche Nummern beinhaltet, sagt das nichts darüber aus, was insgesamt auch an hochwertiger Musik der verschiedensten Sparten verfügbar ist. Faktisch gibt es ja auch natürlich immer noch großartige Künstler, die tolle Musik veröffentlichen — man muss vermutlich nur genauer wissen, wonach man sucht.

Ich selbst habe das Buch “Digital Renaissance” noch nicht gelesen, werde das aber nachholen. Erst dann werde ich mir wohl ein abschließendes Bild davon machen können, was ich von Waldfogels These halte, dass wir kulturell in goldenen Zeiten leben. Bis dahin bleibe ich noch ein wenig zwiegespalten und würde gern mal eure Meinung dazu hören. Glaubt ihr auch daran, dass uns die Möglichkeiten des Internets bessere Musik, bessere Filme und Serien sowie bessere Bücher beschert? Oder glaubt ihr eher, dass immer glatt geschliffenere Angebote die Qualität verwässern? Schreibt es uns bitte in die Comments, was ihr denkt.

via Handelsblatt