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Stell Dir vor, jeder weiß, was er der Umwelt antut – und ändert doch nichts

Mobility ist ein Carsharing-Anbieter aus der Schweiz und sprach jüngst mit dem Verkehrsexperten Prof. Dr. Timo Ohnmacht. Der ist der Meinung, dass sich immer mehr Menschen dessen bewusst sind, wie sich ihr Tun auf die Umwelt auswirkt und dennoch nicht entsprechend handeln.

von Carsten Drees am 21. November 2019

Wie zeigt man vollen Einsatz für seinen Arbeitgeber? Indem man es so tut wie ich: Ich schreibe einen Beitrag darüber, dass wir Menschen uns darüber im Klaren sind, was wir der Umwelt antun und dennoch viel zu wenig tun, um das zu ändern. Ich liefere dafür direkt mal mich selbst als Paradebeispiel, denn trotz aller Debatten über CO2 und umweltschädliches Fliegen schreibe ich diesen Artikel von Bali aus.

Mein letzter Strandurlaub war auf Mallorca 2004, also hoffe ich inständig, dass ihr es mir nachseht, dass ich für diesen Trip meine CO2-Bilanz dieses Jahres komplett ruiniert habe. Aber unwissend habe ich damit die Theorie von Prof. Dr. Timo Ohnmacht bestätigt, der als Verkehrsexperte der Meinung ist:

Ich denke, heute ist sich jeder bewusst, ob persönliche Entscheidungen grundsätzlich positiv oder negativ auf die Umwelt wirken. Trotzdem ändern viele Leute ihr Verhalten nicht, lassen also keine konkreten Taten folgen. Prof. Dr. Timo Ohnmacht, Verkehrsexperte

Ich glaube, dass es wichtig ist, wenn jeder von uns versucht, sein Leben ein wenig besser zu sortieren, was die Nachhaltigkeit angeht. Das hört sich vermutlich scheinheilig an, wenn man so einen Satz schreibt, just nachdem man um den halben Planeten geflogen ist. Aber nichtsdestotrotz glaube ich, dass das der richtige Weg ist und jeder einzelne von uns was tun kann.

Jeder kann und muss zum Gelingen beitragen

Technologisch und gesellschaftlich passiert ja eh jede Menge aktuell und zu den Veränderungen, die mal die Politik vorantreibt und mal die Industrie, müssen auch die Veränderungen kommen, die wir alle im Kleinen herbeiführen. Verzicht auf Plastiktüten, beim Einkauf auf regionale Produkte achten, den Fleischverzehr herunterfahren, kurze Wege nicht mehr mit dem Auto zurücklegen — vermutlich könnte man hundert Dinge aufzählen, die mehr oder weniger jeder von uns berücksichtigen kann. Und würde das tatsächlich jeder machen, wären wir schon mal ein ordentliches Stück weiter.

Das hat natürlich nicht den selben Impact, als würde die Schwerindustrie plötzlich komplett auf Nachhaltigkeit setzen, das sehe ich ein. Aber wenn wir klimatechnisch das Ruder herumreißen wollen, dann geht es darum, dass wir als Gemeinschaft alles dafür tun, dass es besser wird — und dass dieser Gedanke des Sich-Ändern-Wollens auch fest in unseren Köpfen verankert wird. Soll heißen, dass niemand mehr damit durchkommen darf, wenn er sowas Dummes sagt wie: “Es ändert sich ja global sowieso nichts, wenn nur wir in Deutschland handeln”. Logisch: Wenn alle sagen, dass es erst mal die anderen richten sollen, dann ändert sich in der Tat nichts.

Wir müssen selbst aktiv werden und dabei auch Leute ermutigen, es uns nachzutun. Ich persönlich fahre selbst eh kein Auto und bewege mich im Regelfall zu Fuß durch meine Stadt, ansonsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich esse weniger Fleisch, produziere deutlich weniger Plastikmüll als vorher und versuche auch, Strom/Energie nicht sinnlos zu verballern wie früher, als mein Fernseher auch noch stundenlang lief, nachdem ich längst eingepennt war. Diese und ähnliche Dinge tue ich mit dem Wissen, dass ich damit allein den Planeten ganz sicher nicht rette. Aber ein klein wenig trägt man eben doch bei und dadurch, dass man das lebt und kommuniziert, was man da gerade tut, bringt man auch andere Menschen zum Nach- und eventuell sogar Umdenken.

Genau das vermisst der vom Carsharing-Unternehmen Mobility (Marktführer in der Schweiz) interviewte Prof. Dr. Timo Ohnmacht eben bei uns Bürgern: Die Awareness- Nummer läuft eigentlich bestens, auch dank Greta Thunberg und Fridays For Future hat sich der Klimaschutz und der menschgemachte Klimawandel ganz nach oben auf den Politiker-Agenden gehangelt. Es geht also nicht mehr nur darum, dass man weiß, dass es wenig optimal ist, sein Kind zweihundert Meter weit mit dem SUV in die Schule zu fahren. Es geht im Endeffekt darum, dass man daraus auch die richtigen Schlüsse zieht.

… die Hütte brennt!

Das ist schwierig, weil die Gefahr eben nicht so allgegenwärtig ist. Bricht in meiner Wohnung ein Feuer aus, welches ich nicht kontrolliert bekomme, werde ich direkt aus der Hütte flitzen, die Feuerwehr verständigen und nicht lange darüber sinnieren, dass das mit dem Brand jetzt irgendwie echt blöd und unpassend ist. Unser globales Haus hingegen steht schon lange lichterloh in Flammen und wir sitzen immer noch drinnen und hauen uns gegenseitig die Köpfe ein. Wir diskutieren darüber, ob man nun löschen sollte und/oder das Haus verlassen. Andere merken an, dass es eigentlich unfair ist, dass wir uns um das Feuer kümmern — wir haben es schließlich nicht gelegt. Wieder andere leugnen schlicht, dass es überhaupt brennt. So finden wir jede Menge Ausreden, Ausflüchte und Begründungen, mit denen wir uns selbst legitimieren wollen, hier nicht handeln zu müssen.

Aber so funktioniert es eben nicht: Wir alle müssen was ändern und “alle” bedeutet eben nun mal, dass wirklich alle an einem Strang ziehen müssen. Jeder Einzelne ist gefragt, zudem brauchen wir technologische, gesellschaftliche und weitere signifikante Veränderungen. Im Interview verweist Mobility darauf, dass die Schweiz immerhin marktführend beim Carsharing ist. Timo Ohnmacht entgegnet aber, dass dennoch lediglich drei Prozent der Schweizer so ein Angebot nutzen.

Während aktuell sehr oft sehr deprimierende, pessimistische Dystopien die Runde machen, die davon erzählen, wie wir den Planeten zugrunderichten, gibt es durchaus viele andere Beispiele, die Hoffnung machen sollten. Die tollen Ansätze, spannende neue Technologien und hier und da sogar der politische Willen, etwas ändern zu wollen, bemerken wir an jeder Ecke. Das alles muss nur noch in geordnete Bahnen gelenkt werden und Experten wie Ohnmacht zeigen auf, wie das gelingen kann.

Über CO2-Verbrauch haben wir eingangs bereits geredet. Damit bin ich mit meinem Bali-Trip sicher kein Waisenknabe, der wirkliche Unsinn besteht aber darin, unsagbar günstige Flüge anzubieten. Wieso kann man für 50 Euro (manchmal sogar noch deutlich günstiger) nach London und wieder zurück fliegen? Wieso gibt es überhaupt Flüge in dieser Preisklasse? Würde man hier nachbessern und die Preisgestaltung in eine realistischere Richtung schieben, würden Menschen immer noch fliegen. Weil sie davon geträumt haben, ein einziges mal einen Sonnenuntergang auf Bali miterleben zu können, oder weil es beruflich keine andere Lösung gibt. Aber all diese Menschen würden auch einen höheren Preis dafür zahlen, mit dem Flieger von A nach B zu kommen.

Ich glaub, dass es in der Tat nachhaltiger ist, einmal in Jahren so einen Trip zu wagen, der einen um die halbe Welt befördert, statt mehrmals im Jahr nach Malle zu jetten und jede noch so kleine innerdeutsche Geschäftsreise per Flieger zu absolvieren. Deswegen fordert auch der Verkehrsexperte, dass Mobilität generell einen angemesseneren, höheren Preis bekommen muss, inklusive Autofahren.

Dazu müssen aber auch Städte entsprechend geplant werden, Ohnmacht spricht hier von einem “Lebensstil der kurzen Wege”. Gerade städtische Wohngebiete sollten seiner Meinung nach immer auch Einkaufsmöglichkeiten und Unterhaltungsangebot bieten, zudem Gastronomie und Platz zum Arbeiten. Wenn immer mehr Menschen Co-Working-Spaces nutzen oder direkt im Home-Office arbeiten, werden auch immer weniger Menschen pendeln müssen. Mit einem funktionierenden Mix aus gut ausgebautem Netz der öffentlichen Verkehrsmittel und verschiedenen Sharing-Konzepten könnte man in einem Wohngebiet wie dem oben beschriebenen sehr gut leben — ohne es ständig verlassen zu müssen und ohne ein Auto zu besitzen. Auf dem Land würde das natürlich nicht identisch funktionieren, aber für die Stadt kann ein Konzept eben so aussehen.

Unterm Strich bleibt es aber dabei: Egal, welche neue Technologie uns künftig vielleicht nachhaltiger reisen lässt und egal, welche klimatechnischen Veränderungen/-besserungen Politik auf den Weg bringen kann: Wir sind alle gefragt, was zu tun — wirklich jeder Einzelne von uns. Andere müssen für uns die Rahmenbedingungen verbessern — den Rest bekommen wir dann hoffentlich allein hin. Ich bin noch nicht restlos davon überzeugt, dass da wirklich jeder mitziehen will und wird, aber ich bin auch ganz sicher nicht übermäßig pessimistisch.