Streaming am Beispiel Zoë Keating: Das verdient man mit Spotify, Deezer und Co

Zoë Keating ist eine international erfolgreiche Cellisting und hat gerade erneut ihre Einnahmen aus Streaming und Downloads veröffentlicht. Wir können somit einen Blick darauf werfen, was Spotify, Deezer und Apple Music, aber auch YouTube und iTunes für die Künstlerin abwerfen.

Wenn wir über Streaming reden, muss ich zugeben, dass mir ein eigener Blog-Artikel aus dem letzten Jahr noch ziemlich schwer im Magen liegt. Mit Streaming macht die Musik kaputt hatte ich dem Beitrag einen ziemlich dystopischen Titel verpasst anlässlich der Tatsache, dass Ed Sheeran sämtliche neue Songs seines Albums in die Charts gebracht hatte.

Mir ging es dabei im Wesentlichen darum, dass es schwierig wird, neue Bands zu entdecken bzw. es für Bands schwierig wird, einer größeren Masse Zuhörern die eigene Kunst zu präsentieren, wenn 99 Prozent der Musikhörer sich mit dem zufriedengeben, was Radio, Streaming-Playlists und -Algorithmen ihnen vorkauen.

Die Nummer liegt mir deshalb schwer im Magen, weil ich äußerst zwiegespalten bin bei dem Thema. Ich kaufe immer noch CDs und Vinyl, liebe aber auch Spotify, YouTube und Co. Gleichzeitig kenne ich auch persönlich einige Künstler, die zwar dank neuer Möglichkeiten einfacher ihre Musik einspielen und verbreiten können, dabei aber auch feststellen müssen, dass man nicht mehr die selben Erträge erzielt, wie zu den Zeiten von ausschließlich physischen Tonträgern.

Nach wie vor glaube ich, dass es nicht am Streaming selbst liegt, also an der Technik, die uns die Musik ins Haus bringt. Die Industrie und die Künstler suchen dennoch immer noch nach dem Patentrezept, wie man von seiner Kunst existieren kann — und scheitern leider immer öfter daran, dass man es nicht kompensiert bekommt, wenn die Fans eben nicht individuell für die Werke zahlen, sondern stattdessen YouTube oder Musik-Streaming-Dienste in Anspruch nehmen.

Auf der einen Seite steht dabei die Technologie an sich: Man kann sich an der Streaming-Qualität stoßen, aber generell ist es natürlich unbestritten eine technische Errungenschaft, wenn ich ein neues Album innerhalb meines Spotify-Abos hören kann, ohne dass ich einen einzelnen Tonträger erwerben muss, ohne dass ich einen CD-Händler meines Vertrauens aufsuchen muss und darüber hinaus auch ein Füllhorn an für mich passender Musik vorgeschlagen bekommen.

Aber das Verhältnis scheint noch nicht zu stimmen. Das Verhältnis zwischen Streaming und physischen Tonträgern, das Verhältnis zwischen Einnahmen früher und jetzt, das Verhältnis zwischen den Ausschüttungen für die Labels und für die Künstler selbst, das Verhältnis zwischen monatlichem Abo-Preis und verfügbarer Musik. Hier fehlt es meines Erachtens immer noch an fairen Modellen, die die Künstler entsprechend berücksichtigen.

via Statista

Wie viel verdient man denn mit Downloads und Streaming?

Schon seit Jahren lässt uns Zoë Keating, eine US-amerikanische Cellistin und Komponistin daran teilhaben, welche Summen reinkommen, wenn man mal die Lizenzeinnahmen aus dem Verkauf physischer Tonträger, Konzerteinnahmen etc beiseite lässt und nur auf die Summen schaut, die man online erwirtschaftet.

Vor Jahren veröffentlichte sie bereits auf den Cent genau ihre Online-Einnahmen des Jahres 2013 und vor wenigen Tagen hat sie die aktuellen Zahlen für das abgelaufene Jahr 2017 publiziert. In dieser Google-Tabelle bekommt ihr Posten für Posten fein säuberlich aufgelistet.

Sofern ich mich nicht vertippt habe, steht bei ihr unterm Strich eine Gesamtsumme von 82 726,52 US-Dollar für das Jahr 2017. Unter der Auflistung weist sie nochmal drauf hin, was in dieser Summe nicht enthalten ist: „What’s not in here? film licensing, grand rights, commissions, live performance, physical sales.“

Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass ich über den geschätzten Kollegen Don Dahlmann auf diese Zahlen gestoßen bin. Als Fan ihrer Musik zeigt sich Don einigermaßen zerknirscht darüber, dass sie im Vergleich zu den Streaming-Zahlen relativ wenig einnimmt.

Wer wissen möchte wie der Streaming-Kapitalismus funktioniert, kann sich die Zahlen der Cellistin Zoe Keating anschauen….

Gepostet von Don Dahlmann am Dienstag, 3. April 2018

Und auf den ersten Blick möchte man ihm da auch beipflichten: Je nach Distributor erhält Frau Keating pro gestreamten Song bei Spotify  0,0038015 bzw. 0,039 US-Dollar oder in Summe 10 043,51 US-Dollar bei etwas mehr als 2,6 Millionen gestreamten Liedern. Etwas mehr als 20 000 US-Dollar bringen ihr Download-Verkäufe ein, der größte Posten sind allerdings die ASCAP-Lizenzeinnahmen, wobei ihr die Verwertungsgesellschaft ASCAP als eine Art US-Pendant zur GEMA betrachten könnt.

Unverschämt viel? … oder unverschämt wenig?

Verdient die Künstlerin nun deutlich weniger damit, als ihr eigentlich zusteht? Oder kann man konstatieren, dass sie durchaus üppige Einnahmen vorweisen kann? Liegt vermutlich an der Sichtweise und wie man die Zahlen in Relation setzt. Bricht man die hier aufgelisteten Einnahmen auf Monate runter, hat sie monatlich etwas mehr als 6 800 US-Dollar eingenommen — durchaus schon ein stolzes Sümmchen.

Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass sie eine international anerkannte und bekannte Künstlerin ist, bei der die von Spotify ausgeschüttete Summe von etwa 10 000 Dollar in keinem Verhältnis zu 2,6 Millionen Streams steht. Ich persönlich kannte sie zuvor nicht, aber bei diesen Streaming-Zahlen  erkenne ich das natürlich an, dass sie überregional bekannt ist in der Zielgruppe.

Wieso ich persönlich glaube, dass es angesichts dieser Einnahmen nicht viel Grund zur Beschwerde gibt? Nehmt mal eines der Alben, welches euch so gut gefällt, dass ihr es öfter mal bei Spotify, Apple Music etc. streamt. Bei mir war es im letzten Jahr zum Beispiel das Depeche Mode-Album „Spirit“. Das verfügt in der normalen Ausführung über 12 verschiedene Songs. Angenommen, ich hätte es in dem Jahr 50 mal gehört (und ich hab es öfter gehört, glaubt es mir), wären das allein schon 600 Streams.

Davon ausgehend, dass es nur 1.000 ähnlich Behämmerte gäbe, die dieses Album so oft im Jahr hören, sind wir demnach schon bei 600.000 Tracks bei lediglich einem einzigen Album. Spotify sagt mir in meiner persönlichen Statistik für 2017, dass ich mir über 7.000 verschiedene Tracks angehört habe in dem Jahr.

Damit will ich nur sagen, dass ich ein einzelner Fan bin, der auf sehr viele gestreamte Songs pro Jahr kommt. Und das, obwohl ich bei meinen geliebten Bands und Künstlern auch noch die physischen Tonträger erwerbe, obwohl ich sie in der Praxis dann zumeist bei Spotify höre. Höre ich da gerade einen „Du bist aber auch nicht der typische Musikhörer“-Zwischenruf? Ja, stimmt — bin ich vermutlich nicht. Aber die Streaming-Technologie an sich ist daran, dass immer weniger Menschen wirklich intensiv Musik hören, ebenso wenig Schuld wie einzelne Anbieter wie Spotify.

Deutlich mehr Kohle, als ich für CDs, Vinyl und Streaming ausgegeben habe, hab ich übrigens in Konzert-Tickets investiert. Hiermit machen Musiker in diesen Zeiten ihre Gewinne normalerweise, also indem sie auftreten. Um wieder auf unser Beispiel Keating zurückzukommen: Diese 6 800 US-Dollar pro Monat erhält sie, ohne dass dort Einnahmen aus Live-Konzerten und Erträge aus dem Verkauf physischer Tonträger berücksichtigt würden.

Zudem verrät mir ihre Wikipedia-Seite, dass sie zuletzt 2016 auf einem Soundtrack-Album mitgewirkt hat und ein eigenes Album sogar bereits 2010 veröffentlicht hat. Soll heißen, sie hat in dem hier zugrunde liegenden Jahr überhaupt keine neue Musik veröffentlicht. Diese 6 800 US-Dollar werden somit generiert, ohne dass sie auch nur eine Minute Zeit investiert hätte.

So betrachtet ist dieses Geld auch für einen in Szenekreisen bekannten Interpreten für mein Empfinden mehr als nur ein nettes Zubrot. Und ja, ich weiß, dass dieses Beispiel vielen anderen Bands, die nur wenige Tausend Streams verzeichnen, wenig hilft. Der Punkt ist aber, dass nicht die Technologie die Schuld trägt.

Niemand hat einen Anspruch darauf, von seiner Kunst leben zu können. Das ist nicht erst so, seit es das Internet oder MP3s gibt! Wie so oft fehlt mir bei der Diskussion um diese Einnahmen die Differenzierung. Es gibt definitiv Schwierigkeiten, die sich aus dem derzeitigen Streaming-Modell ergeben. Dazu gehört auch, dass Spotify defizitär arbeitet, dank massiver Summen aus dem Börsengang nun aber einfach eine Weile so weitermachen kann wie bisher.

Wir müssen darüber reden, wie die richtigen Modelle aussehen, wie Künstler fairer entlohnt werden usw. Aber es wäre falsch zu sagen, dass das Internet/das Streaming/Spotify/you name it die Musik zu Grabe trägt. Wie seht ihr das? Welche Modelle wären fairer bzw. würden besser funktionieren? Und wie haltet ihr es persönlich mit den Ausgaben für Musik: Kauft ihr eher physische Tonträger, ladet ihr Songs herunter oder streamt ihr? Geht ihr vielleicht mehr auf Konzerte als früher? Schreibt es uns in die Kommentare.