Streaming Empfehlungen April
Streaming-Empfehlungen im April

Die Sonne muss leider draußen bleiben, denn zur Zeit gibt es einfach zu viele gute Serien, die man wunderbar von der Couch aus streamen kann. Ohne aufzustehen, ohne Werbepausen – We love Streaming!
von Jessica Mancuso am 15. April 2016

Die Sonne scheint, die Vögelchen zwitschern, der Fire TV läuft. Denn seitdem ich den Amazon Fire TV mein eigen nennen kann, schaue ich noch begeisterter Netflix, Amazon Prime und auch YouTube auf dem großen Fernseher, selbst wenn der Frühling sich ankündigt. Nur ist diesmal das TV-Programm überzeugender, schließlich kann ich es selbst zusammenstellen. Kein Wunder, dass ich dabei sogar auf YouTube etwas fand, was absolut streambar ist, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Daher hier meine 3 Top Serien-Empfehlungen für den Monat April.

Netflix – How to get away with murder

Vor einigen Monaten hatte Pro7 diese Serie schon im TV ausgestrahlt, doch hatte ich sie bis auf die ersten 2 Folgen verpasst. Umso glücklicher war ich dann, als ich sah, dass Netflix sie Ende März ins Programm aufnahm.

Im Grunde geht es bei dieser Serie um die Top-Anwältin Annalise Keating, die nebst ihrer Arbeit im Gericht ebenfalls die Vorlesung an der renommierten Middleton Law School mit dem Titel »How to get away with murder« anbietet. Ihr Kurs ist gut besucht und wie jedes Jahr wählt sie aus den Studenten einige aus, die exklusiv für sie arbeiten dürfen. Das gibt den Studenten die Möglichkeit, die Juristerei in der Praxis zu erleben und die Theorie mal Theorie sein zu lassen.

Natürlich ist das, wie der Titel schon sagt, nicht alles. Die Top-Anwältin vertritt vor Gericht den ein oder anderen Mandanten, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob dieser wirklich unschuldig ist. Doch darum geht es auch gar nicht, wie das Team von Anwälten um Annalise oft genug erwähnt: Ihr Job ist es nicht, die Wahrheit herauszufinden, sondern ihre Mandanten so gut wie möglich zu vertreten und bei Gelingen rauszuhauen.

Klingt moralisch verwerflich? Ist es auch. Zwar erlaubt die Gesetzeslage einige Schlupflöcher, die hier wunderbar präsentiert werden, doch wird in erster Linie dargestellt, wie skrupellos Annalise und ihr Team sogar Lügen einsetzen, um Fälle zu gewinnen.
Darüber hinaus lebt diese Serie von den vielen Zeitsprüngen: Dem Zuschauer werden kleine Fetzen gezeigt, die Einblicke in die Vergangenheit oder Zukunft der jeweiligen Figuren schenken. So kommt es letztendlich zu einer Erzählung auf mehreren Ebenen, die neugierig auf mehr macht und zu keinem Moment langweilig wird.

Von der Maskierung und Demaskierung

Was mich besonders umgehauen hat war das Motiv der Maskierung, das hier wunderbar aufgegriffen und umgesetzt wurde. Die Hauptfigur tritt anfangs als unfassbar starke, selbstbewusste Frau auf, die wirklich alles tut, um zu gewinnen. Die Frisur und das Make-up sitzen perfekt und der Designerfummel erst recht. Umso schöner ist es dann, ihr peu à peu bei ihrer Demaskierung zuzuschauen, wenn sie sich abends abschminkt und in etwas Gemütliches schlüpft. Von der berechnenden und mysteriösen Anwältin ist dann nichts mehr zu sehen. Was bleibt, ist eine Frau, die wie alle Menschen mit Dingen aus ihrem Privatleben zu kämpfen hat.

Außerdem, und soviel sei schon mal verraten, bezieht sich der Titel der Serie nicht bloß auf die Mandanten, sondern ebenfalls auf das Team rund um Annalise. Denn auch sie müssen, wie von Anfang an impliziert wird, versuchen, mit einem Mord davonzukommen.

Spannend, clever und absolut durchtrieben – daher eine Empfehlung!

YouTube – The Colony

Erinnert sich jemand noch an »Newtopia«? Diesem Versuch von Sat1, eine Reality-Show auf die Beine zu stellen, bei der Pioniere eine neue Welt aufbauen mussten? Also The Colony ist ähnlich, nur besser, erfolgreicher, größer und glaubwürdiger. Also ziemlich anders: Es handelt sich um eine Reality-Show, die bereits 2009 in den USA ausgestrahlt wurde. Dabei werden einige Pioniere auf eine postapokalyptische Reise geschickt und sollen mit nichts als dem Chaos, das sie umgibt, irgendwie überleben. Wie sie das schaffen wollen, liegt allein an ihnen.

Szenerie: eine leere Stadt, die vollkommen unbewohnt aussieht, fast wie bei »28 days later«, keine Geräusche und keine Menschenseele auf den Straßen. Die Pioniere haben nur eine grobe Vorgabe: Sie müssen zu Fuß den Hanger erreichen, wo sie zunächst einmal ihr Lager aufschlagen können. Dabei müssen sie alles, was sie vorher in einem aufgebrochenen Einkaufszentrum finden konnten, selber tragen und am besten nichts davon auf dem Weg verlieren.

Die Pioniere sind, im Gegensatz zu den Newtopia-Figuren, gut ausgebildete Menschen mit Know-how. Sie sind Krankenschwester in der Notaufnahme, Professor, Ingenieur und Handwerker. Eine bunte Mischung von Menschen, mit denen es sich im Falle einer Apokalypse überleben ließe. Am Anfang sind die Grundbedürfnisse das wichtigste: Trinkwasser sammeln, abkochen, auf Regen warten. Konserven horten, angeln gehen, eine Ziege einfangen. Das alles, ohne von anderen Menschen, die vom Produktionsteam auf die Pioniere losgelassen werden, überfallen und beklaut zu werden.

Das Faszinierende: Bereits nach 2 Tagen finden sich die Pioniere in ihrer neuen Realität ein. Sie glauben, was sie leben und sie haben Angst. So gut sie auch ausgebildet sein mögen, bildet diese neue Welt eine Ausnahmesituation. Die Pioniere trauen einander nicht und der Kampf um den Alphamännchenposten beginnt. Doch es gibt auch viel zu lernen!

Basteln, bauen, Ideen umsetzen

So war einer der Momente, der mich nachhaltig am meisten beeindruckt hat, eine Aktion vom Professor, der aus Holz Benzin hergestellt hat. Für Stadtkinder wie mich, die Benzin nur von der Tankstelle kennen, ist sowas sehr beeindruckend, oh ja! Oder wusstet ihr, dass im 2. Weltkrieg genau so Sprit gewonnen wurde, wenn Erna und Franz vom Lande sich mal weiter entfernen mussten? Tja, der Professor hat genau das von einem österreichischen Paar erzählt bekommen und wendet es mal eben an, bis es tatsächlich funktioniert.

Von dem irren Shit aber mal abgesehen, der von den Pionieren so gebastelt wird (Elektroschocker, Feuerspucker, Bomben – natürlich nur zur Selbstverteidigung), ist das Aggressionspotential auch erwähnenswert. Soviel möchte ich schon mal verraten: Zu den Pionieren gehören auch ein Knasti und ein Handyman, der cholerischer nicht sein könnte. Ich selbst habe die erste Staffel noch nicht durch, bin mir aber recht sicher, dass es da noch knallen wird. Handgemenge marsch!

Gefahr, Gefahr!

Und ja, die spinnen die Amis! So sehr man auch Newtopia schlecht reden kann, weil die Produktionsfirma zu stark eingriff oder die Teilnehmer doof waren, das Unterfangen nicht real war, wie Reality sein sollte… ok, aber die Amis übertreiben es heftig. Davon abgesehen, dass die Situation für die Teilnehmer schon schräg genug ist, wirkt es einfach nur super gefährlich, Menschen mit Waffen rumhantieren zu lassen, die unter Schlafmangel leiden und jede Nacht von fingierten Einbrechern überrascht und aus dem Bett gerissen werden.

So cool ich es auch finde, dass Benzin aus Holz hergestellt wurde, weil ich es einfach nicht besser wusste, so kann bei dieser Methode zur Gewinnung von Sprit auch alles in die Luft fliegen. Wie auch immer die Teilnehmer es geschafft haben, ihren Mitgefangenen so sehr zu trauen, dass sie neben der Tonne stehen, während ein anderer mit dem Feuerzeug da rumhantiert… ich könnte es nicht. Nichts gegen die Apokalypse, aber Menschen spinnen einfach.

Wer sich diesen ultimativen Reality-Irrsinn anschauen möchte, kann über diesen Kanal direkt die komplette erste und zweite Staffel streamen.

Amazon Prime – Flesh and Bone

Packt den Veuve ein, es geht ins Ballett!
Wer sich von diesem Satz nicht hat komplett abschrecken lassen, der kann sich auf was gefasst machen, was sich zwischen Black Swan und Center Stage bewegt.

In dieser Miniserie bestehend aus 8 Folgen wird die Geschichte der Tänzerin Claire erzählt, die ihr Heimatdorf verlässt, um in New York bei einer renommierten Tanzakademie ein Engagement anzunehmen. Dabei trifft sie direkt auf essgestörte Kollegen, die sich mit diversen Mitteln putschen und einen sadistischen Tanzlehrer, der mehr von seinen Schützlingen nicht verlangen könnte.

Die Welt des Balletts wird von allen Seiten beleuchtet, was viel Drama und leider auch einiges an Selbstverletzung bedeutet. Wegen Letzterem habe ich bei einigen Szenen die Augen schließen müssen oder um ganz ehrlich zu sein: Mich unter der Decke verkrochen. Ob hässliche Füße, gerissene Nägel oder geritzte Hände: Irgendetwas blutet in jeder Folge.
Nichtsdestotrotz habe ich weiter geschaut, denn die Story hat es in sich.

Von Anfang an wird die Hauptfigur Claire Robbins als sehr schüchtern und unsicher skizziert. Die große neue Stadt, eine neue Akademie, neue Profitänzer überall und sie mittendrin. Doch, wie es in Tanzfilmen oft der Fall ist, wird das Talent der schüchternen Tänzerin schnell entdeckt, was ihre Mittänzer nicht gerade glücklich stimmt. Es beginnt ein Kampf um die beste Rolle, die beste Position, den besten Solopart. Dabei dürfen Drogen, Dramen und Sex natürlich nicht fehlen. Eben alles, was die schöne Glitzerwelt der hohen Kunst des Balletts hinter den Kulissen zu bieten hat. Letztendlich gehört dazu auch Prostitution, Kriminalität, Lügen und kaputte Familienverhältnisse. Dass die junge Claire aus armen Verhältnissen stammt und sexueller Missbrauch zu ihrer bewegten Vergangenheit gehört, weiß niemand. Umso schöner sind dafür die Tanzpassagen, in denen sie sich von all dem frei zu tanzen scheint, das man die ganze Welt drum herum vergisst.

Echte Tänzer, echte Probleme

Wo es in Black Swan noch um die inneren Dämonen ging, von denen Natalie Portman sich zu befreien versuchte, sind es hier die äußeren Umstände, die beleuchtet werden. Claire ist auf dem ersten Blick ein hübsches, schlankes Mädchen mit viel Potential. Die vielen Päckchen, die sie zu tragen hat, werden dem Zuschauer nur häppchenweise präsentiert. So muss man sich eine Zeit lang gedulden, um zu verstehen, was es mit dem mysteriösen Besuch ihres Bruders auf sich hat.
Wo Claire, mit echtem Namen Sarah Hay, in Black Swan noch als Statistin mittanzt, darf sie hier in der Hauptrolle glänzen. Überhaupt spielen nur ausgebildete Tänzer bei dieser Serie mit, was der Atmosphäre zugute kommt, da man in vielen Szenen das Gefühl hat, bei einer Tanzprobe Mäuschen zu spielen.

Eine Serie voller Emotionen und Zickenkriegen, die die schillernde Welt des Balletts so auseinandernimmt, dass am Ende für die meisten nur Tränen und zerplatze Träume übrig bleiben.
Eine Empfehlung für alle, die auf innere und äußere Dramen stehen oder Mama und Papa davon überzeugen möchten, dass das Ballett nicht so schnieke ist, wie sie es sich vorstellen.