Smartphones, Internet of Things, Cloud Computing
Studie blickt in die Zukunft: Die Tech-Landschaft verändert sich

Das Jahr 2015 geht dem Ende entgegen und wir warten gespannt auf das, was uns 2016 bringen wird. Unsere Tech-Welt befindet sich eh im stetigen Wandel, könnte sich in den nächsten Jahren aber fundamental verändern, auch oder gerade im mobilen Bereich. Ein Ausblick:
von Carsten Drees am 23. Dezember 2015

Einen Tag vor Heiligabend kann man es nicht mehr verhindern: Wir haben noch etwa eine Woche vor der Brust in diesem Jahr und man kann gar nicht anders als resümieren, was 2015 gebracht hat und über das nachzudenken, was das nächste Jahr bzw. die nächsten Jahre bringen werden. Das kann ein sehr persönlicher Blick in die Zukunft sein, verbunden mit der Frage, wo man sich selbst zukünftig sieht oder was man für sich erwartet, aber wenn wir auf einem Tech-Blog den Blick in die Kristallkugel wagen, dann dreht es sich natürlich um einen eher technischen Ausblick.

Dabei spreche ich jetzt nicht von den immer wiederkehrenden Veröffentlichungszyklen, an die wir uns längst gewöhnt haben. Natürlich kommt wieder ein neues iPhone, natürlich ein neues Galaxy S-Flaggschiff von Samsung und so weiter. Palle hat sich mit dem Thema in seinem Artikel über das iPhone 8 ja bereits gründlich auseinandergesetzt, vor allem mit dem Irrsinn, als Tech-Blog vermeintlich vorschnell jedem Gerücht nachzugehen oder gar vorzugreifen.

Das Ende der Smartphone-Kriege

Wenn ich jetzt einen schüchternen Blick in die Zukunft werfe, dann ziele ich nicht darauf ab, über verbaute Prozessoren oder Display-Auflösungen zu spekulieren, die 2016 oder 2017 en vogue sein werden. Wie in den letzten Jahren bereits immer wieder zu sehen war, wird sich diesbezüglich der Trend einfach fortsetzen: Die SoCs leisten mehr, werden energieeffizienter, Kamera-Module werden verbessert und kleiner, der Arbeitsspeicher und der Flash-Speicher werden langsam größer. Auf diese Weise werden die Vorjahresmodelle auch im neuen Jahr wieder häppchenweise verbessert.

Vor ein paar Jahren war das noch wirklich alles elementar wichtig, die Unterschiede waren unfassbar groß: Hat man sich für ein High-End-Smartphone oder Tablet entschieden, hatte man zumeist ein wirklich ordentliches Device, griff man zur Budget-Alternative, waren oftmals sowohl Design als auch technische Performance ziemlich haarsträubend. In einer Zeit, als Smartphone-Hersteller verzweifelt damit beschäftigt waren, dem ersten iPhone irgendwas Vergleichbares entgegenzusetzen, erschienen Smartphones mit nahezu unbrauchbaren Betriebssystemen (mit Grauen erinnere ich mich an das damalige Windows Mobile 6.1 auf meinem HTC Touch Diamond) und Touch-Displays, die einem körperliche und seelische Schmerzen bereiteten.

htc-touch-diamond

Heute stellt sich das alles ein wenig anders dar, denn selbst für unter 200 Euro findet ihr heute eine Fülle von Geräten, die top aussehen, ein ordentliches OS mitbringen und technisch so auf der Höhe sind, dass man sich nicht mehr über ruckelnde Homescreens oder inakzeptable Fotos ärgert. Was bedeutet das für die Zukunft? Dass die bekannten Smartphone-Kriege sich dem Ende entgegen neigen dürften! Sowohl in der Leistung als auch im Design nähern sich die unterschiedlichsten Hersteller immer weiter an, was den Kollegen Owen Williams von The Next Web zu der Aussage verleitet: The phone wars are over and smartphones are finally just boring slabs! Williams zieht einen Vergleich zur Entwicklung im PC-Bereich vor einigen Jahren:

In the early 2000’s, introducing a new laptop or desktop computer was something vendors could hold an event for, loudly proclaiming their latest breakthrough in size, weight or features. Now, you probably don’t bat an eyelid when Toshiba or Dell release something new. Owen Williams, The Next Web

desktop-pcUnter meinen Kumpels war es ehrlich gesagt schon in den Neunzigern nie ein Thema, welchen PC man hatte. Wir hatten eben alle irgendwelche grauen Kisten und die taten grundsätzlich alle das Gleiche. Wenn Williams mit seiner Einschätzung richtig liegt – und ich persönlich bin geneigt, ihm zu glauben – dann steht uns das nun auch bei den Smartphones bevor.

Huawei Ascend P8 14Sowohl wir Tech-Blogger als auch ihr als tech-affine Leserschaft haben das schon lange auf dem Schirm, wie gut ein Smartphone von Honor, Xiaomi oder Meizu sein kann – oder gar eines, dessen Hersteller wir bis dato überhaupt noch nicht kannten. Mittlerweile kommt das aber auch bei den Otto Normalverbrauchern an, so dass sich auch immer mehr Leute trauen, beim nächsten Smartphone-Kauf einfach nicht als Reflex das x-te iPhone oder Samsung-Device zu kaufen, sondern mal einer chinesischen Alternative den Vorzug zu geben beispielsweise.

Das wird verschiedene Auswirkungen auf die Hersteller haben: Zum Einen wird man sich überlegen müssen, wie man sich als Marke präsentiert. Welches sind die Features, mit denen man sich von der Konkurrenz abheben kann, mit welchen Software-Spielereien verpasst man Android einen Mehrwert, den die anderen nicht bieten können etc. Zum Anderen wird das aber auch dazu führen, dass große Namen ins Trudeln geraten oder schlimmstenfalls komplett verschwinden. Beispiel: Mit schöner Regelmäßigkeit stellt HTC sehr schöne und auch technisch starke Geräte vor, denen man in Sachen Verarbeitungsqualität überhaupt nichts vorwerfen kann und dennoch entwickeln sich die Verkaufszahlen nicht annähernd so wie vom Unternehmen erhofft.

Oder erzählt mal den Kids von heute, dass es gar nicht mal so lange her ist, dass Nokia und BlackBerry die ungekrönten Smartphone-Könige waren in Zeiten, als die meisten noch gar nicht wussten, was ein Smartphone ist. Die Unternehmen werden sich künftig anders ausrichten müssen: Weder der große Name noch das Aufzählen der technischen Daten allein wird für Begeisterungsstürme sorgen, so dass es schwieriger werden wird, sich zu positionieren. Hier der Vollständigkeit mal ein paar Smartphones, die aktuell waren, als Apple sein erstes iPhone vorstellte:

Smartphones im Jahre 2006
von links: Motorola Moto Q, BlackBerry Pearl, Palm Treo, Nokia E62

Vielleicht wird es die großen Events künftig dann gar nicht mehr geben, bei denen mit viel Brimborium das neue XY-Smartphone vorgestellt wird. Williams spricht in seinem Beitrag davon, dass wir in Zukunft vielleicht sogar nur noch das iPhone kennen ohne eine angehängte Ziffer und man sich eben dann ein neues besorgt, wenn man glaubt, dass es mal wieder Zeit für ein technisch stärkeres Modell ist. Für mich als Nutzer gar nicht mal so ein befremdlicher Gedanke: Ich bin nicht mit einer Marke verheiratet, ebenso wenig mit einem Betriebssystem und ins Netz gehen, mit Leuten schreiben und Fotos machen kann ich mit jedem Handset einigermaßen vernünftig. Für die Hersteller hingegen dürfte diese Vorstellung (noch) haarsträubend sein, zumindest dann, wenn man es bislang versäumt hat, seiner Marke ein ordentliches Profil zu verpassen.

IDC: Die digitale Transformation ab 2016

Das bringt mich zu einer Studie der IDC (International Data Corporation), über die ich neulich gestolpert bin und die einen Blick bis ins Jahr 2020 wirft, ebenfalls mit dem Fokus auf die Veränderungen im Tech-Bereich. Wenn ihr hier Stammleser seid, dann wisst ihr vielleicht, was ich von Langzeitprognosen halte. Es ist einfach schwachsinnig, aufgrund welcher Basis auch immer heute darauf zu schließen, wie viele iPhones im dritten Quartal 2018 verkauft werden oder welche Unternehmen 2020 um die Smartphone-Krone ringen. Wie Andreas Weck bei t3n richtig schreibt, sind solche Studien mehr Marketing-Vehikel für die Researcher und Analysten als ein tatsächlicher Gradmesser.

Mainstream companies in every industry are realizing they’ll be disrupted if they don’t get moving now. Frank Gens, Chef-Analyst IDC

Die FutureScape-Studie der IDC unterscheidet sich davon jedoch für meinen Geschmack, weil in diesem Fall nicht etwa Prognosen zu Verkaufszahlen von Produkt A oder Hersteller B gewagt werden. Stattdessen hat man sich mit der verstärkt ab dem nächsten Jahr einsetzenden digitalen Transformation beschäftigt und deren Effekte auf die Industrie. Die IDC glaubt zum Beispiel, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass auch große Namen im Tech-Geschäft verschwinden werden. Konkret spricht man in seiner Studie davon, dass in den nächsten Jahren 30 Prozent der Lieferanten im Tech-Biz nicht mehr existent sein werden, zumindest nicht in der Form, wie wir sie heute kennen.

Teilweise würden diese Unternehmen, die sich nicht schnell genug auf die veränderte Tech-Landschaft einstellen können, von anderen, größeren übernommen, andere werden komplett von der Landkarte verschwinden. Vor vielen Jahren sagte ein kluger Mann mal zu mir, dass nicht die Großen die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen abhängen. Genau das sieht die IDC in den kommenden Jahren auf den Technologie-Bereich zukommen. Natürlich betrifft das nicht nur die Tech-Unternehmen: Laut IDC werden ein Drittel der Top 20-Unternehmen verschiedenster Industrien davon betroffen sein in den unterschiedlichsten Ausprägungen.

Cloud Computing: Bleiben nur 6 Anbieter übrig?

Auch das Thema Cloud Computing spart die Studie nicht aus und hier tippt die IDC auf eine Konsolidierung des Marktes, bei der nur noch sechs oder gar noch weniger große Anbieter übrig bleiben könnten. Diese Unternehmen, zu denen IDC Chef-Analyst Gens neben Google, Microsoft, Amazon, Salesforce und IBM auch die chinesischen Plattformen Tencent und Alibaba als potenzielle Kandidaten nennt, würden laut Prognose bis 2020 80 Prozent des Marktes unter sich aufteilen.

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Außerdem erwartet man bereits binnen der nächsten 12-18 Monate einen neuen Player mit prominentem Namen: Apple! Gens kann sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet Apple die Chance auslässt, auf diesem wichtigen Markt der Cloud-Plattformen mitzumischen und sein eh schon üppiges Ökosystem diesbezüglich auch Enterprise-Kunden öffnet. Wäre zumindest spannend zu sehen, welche Rolle das Unternehmen aus Cupertino als Quasi-Neuling spielen könnte.

Die digitale Transformation, die für die Wirtschaft noch ein sehr steiniger Weg werden dürfte, hat aber natürlich auch ihre Vorteile: Viele Unternehmen, die sich für die Zukunft optimal aufstellen wollen – das bedeutet zwangsläufig auch, dass dort viele Menschen mit den entsprechenden Skills benötigt werden. Laut IDC wird das entsprechende Personal in den Unternehmen bis 2018 verdoppelt, sprich: Daten- und Cloud-Experten sowie Software- und Web-Developer haben großartige Job-Aussichten in den nächsten Jahren.

IoT: Hast Du keine Strategie, hast Du ein Problem

Nicht zuletzt befasst sich die IDC-Studie auch mit dem Internet of Things. Die Anzahl der IoT-Devices soll sich bis 2018 verdoppeln, was ich fast schon für eine konservative Schätzung halte. Einhergehend damit würden 200.000 neue IoT-Apps entstehen, heißt es weiter. Wichtig wäre es laut IDC für die Tech-Unternehmen, sich – falls noch nicht vorhanden – alsbald eine Strategie fürs Internet of Things zurechtzulegen. In der Analyse heißt es, dass man ein Unternehmen ohne eine solche Strategie mit einem Menschen vergleichen könnte, dem die meisten Sinnesorgane fehlen.

Fassen wir all das hier Geschriebene jetzt nochmal zusammen, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die kommenden Jahre für kein Unternehmen aus dem Tech-Business ein Zuckerschlecken werden dürften. Selbst Apple, obwohl auf einem unfassbaren Berg Geld sitzend, muss bestrebt sein, ständig am Ball zu bleiben und wird dennoch nicht verhindern können, dass es zumindest gelegentlich zu Rückschlägen kommt. Für uns Konsumenten hingegen brechen höchst interessante Zeiten an: Wir werden zwar immer bessere Handsets zu sehen bekommen, müssen uns aber darauf einstellen, dass in den nächsten Jahren klangvolle Namen verschwinden, neue (vor allem aus China) dazukommen und wir uns zunehmend mehr darauf konzentrieren müssen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Smartphones zu erkennen.

Wir Mobile Geeks werden euch dabei natürlich tapfer zur Seite stehen und auch im nächsten Jahr für euch da sein, wenn es darum geht, die Smartphone-Spreu vom Weizen zu trennen. Davon ab werden wir selbstverständlich auch genau beobachten, wie sich die Dinge demnächst entwickeln werden in den hier genannten Bereichen – warten wir es ab, ob und wie exakt die Ergebnisse der IDC-Analyse tatsächlich eintreffen. Was sind eure Meinungen dazu? Egal, ob in den Bereichen mobile Computing, Cloud Computing, Internet of Things oder was auch immer – erwartet ihr auch diese Konsolidierungen und wenn ja: Habt ihr vielleicht schon Theorien dazu, wer aus diesen Veränderungen der Machtverhältnisse als Sieger hervorgehen könnte? Lasst es uns in den Comments wissen!

Quelle: IDC via t3n und NYTimes